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Erst die Kündigungen – nun der Lärm
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Architekt Mark Röösli vor der Baustelle in der Neustadtstrasse. (Bild: pze)

Sanierung in der Neustadt sorgt für Wirbel Erst die Kündigungen – nun der Lärm

4 min Lesezeit 2 Kommentare 30.05.2017, 15:32 Uhr

Nachdem die Zürich Versicherung letzten November allen 67 Mietern der Neustadtstrasse 6 und 8 kündigte, sorgt nun auch die Sanierung des Gebäudes selbst für Ärger. Der Luzerner Architekt Mark Röösli bemängelt die Umsetzung der Bauarbeiten. Und auch die Stadt Luzern bestätigt: Der Lärmpegel ist zu hoch.

In der Neustadt wird gebaut – und das hört man. Die Sanierungsarbeiten an der Neustadtstrasse 6 und 8 sind seit November in vollem Gang. Das Objekt, das der Zürich Versicherung gehört, war in den Medien, weil den 67 Mietparteien für die Totalsanierung gekündigt wurde (zentralplus berichtete).

Jetzt kommen neue Vorwürfe auf. Mark Röösli, Architekt und Anwohner, ist von den Bauarbeiten alles andere als begeistert: «Baubeginn war vor sieben Monaten, seit zwei Monaten herrscht Extremabbruchlärm. Es wird gespitzt und gefräst, in einer Bauphase, in welcher Lärm und Staubentwicklung laut Bauplan nie so hoch sein dürften. Ich habe jedes Mal fast einen Ohrenschaden, wenn ich an der Baustelle vorbeigehe.» 

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Tatsächlich, der Bau durchlief seit Ende Februar die Phase «Rohbau 1» und steckt jetzt im «Rohbau 2». Laut Bauplan ist der Immissionsgrad (Staub, Lärm, Verkehrseinschränkung) bei «mässig» – in der Realität sieht dies aber anders aus.

«Unökonomisch und unökologisch»

Doch das ist nicht alles. Röösli sagt weiter: «Die Sanierung ist schlecht geplant und durchgeführt. Da wird gebaut wie in den 70er-Jahren.» Röösli hat als Anwohner direkten Einblick auf die Baustelle. Und für ihn ist klar: Die Sanierung des Hauses ist alles andere als nachhaltig.

«Man sieht, dass die Decken mit Baumstämmen abgestützt werden. Dies wird nötig, wenn man tragende Wände herausreisst, um den Grundriss zu ändern.» Das sei aber eine längst veraltete Praxis. «Wenn ein Architekt nur eine kleine Ahnung von Statik hat, so kann er den Grundriss verändern und gleichzeitig die tragenden Wände erhalten.»

«Nachhaltiges Bauen mit möglichst kleinem Energieaufwand ist in den Köpfen der spekulativen Planungsbüros noch nicht angekommen.»

Mark Röösli, Umweltarchitekt

Ausserdem: «Wenn man es hochrechnet, kommt man auf gut 300 Baumstämme pro Stockwerk. Macht man dies auf allen Stockwerken, so braucht man 2’400 Baumstämme für das ganze Gebäude.» Dies sei völlig unökologisch, so Röösli.

Diese Art, zu bauen, schlage sich zudem im Energieverbrauch nieder: «Jeder einzelne Backstein hat einen bezifferbaren Energieverbrauch. Alles herauszunehmen und neu zu bauen, ist daher nicht nachhaltig. Aus ökologischer, aber auch ökonomischer Sicht wäre es viel besser, Bausubstanz wiederzuverwenden.» Diese sei nämlich praktisch unzerstörbar – und daher nicht sanierungsbedürftig, auch nicht nach 50 Jahren, die dieses Haus auf dem Buckel hat.

Preisgekrönter Umweltarchitekt

Mark Rööslis (61) erster Bau stand 1978, er hat als Architekt also rund 40 Jahre Berufserfahrung. Er entwarf das Zehnfamilien-Haus «Chrüzmatte» in Aesch, welches zu 50 Prozent mit Solarstrom versorgt wird. Dafür erhielt er den «Schweizer Solarpreis». Ausserdem war er der Architekt der ersten Minergiesanierung des Kantons Zug.

«Nachhaltiges Bauen mit möglichst kleinem Energieaufwand ist in den Köpfen der spekulativen Planungsbüros noch nicht angekommen», regt sich der preisgekrönte Umweltarchitekt auf (siehe Box). Er vermutet, die Zürich Versicherung saniere möglichst teuer – weshalb, könne er nur spekulieren. «Vielleicht will Zürich Ende Jahr nicht zu viel Gewinn ausweisen und verschleudert so ihr Geld in solchen Bauprojekten.» Falls dies so wäre, geschehe es auf Kosten der Umwelt, so Röösli.

Röösli ist sich sicher: «Ein Architekt, der ein tragendes System und umweltbewusstes Bauen versteht, hätte hier mit weniger Lärm, weniger Staub, in kürzerer Zeit und tieferen Kosten dieses Haus sanieren können.» Denn Spitzen und Fräsen, die Arbeiten mit den höchsten Immissionen (Staub wie Lärm), seien Arbeiten zur Entfernung der Wände.

Die Baumstämme, mit denen die Decken gestützt werden.

Die Baumstämme, mit denen die Decken gestützt werden.

(Bild: zvg)

Stadt bestätigt: Es ist zu laut

Markus Hofmann, Leiter Ressort Baugesuche der Stadt Luzern, bestätigt: «Die Lärmimmissionen sind zu hoch. Wir haben Kenntnis von dem Problem und arbeiten mit der Bauherrschaft an umsetzbaren Lösungen.» Man habe bereits Massnahmen seitens der Stadt verfügt. Die Stadt hat Zeiteinschränkungen und Abschirmungen vorgegeben. Weitere Massnahmen behalte man sich «ausdrücklich» vor, so Hofmann.

«Keine Richtlinien verletzt»

Bei der Zürich nimmt man auf Anfrage zu den Vorwürfen Stellung. Mediensprecher David Schaffner sagt: «Die Bauarbeiten an der Neustadtstrasse in Luzern erfolgen und erfolgten stets im Rahmen der gesetzlichen Bestimmungen und in gutem Einvernehmen mit den Behörden.»

Die Lärm- und die Staubemissionen hätten keine Richtlinien verletzt. Um die Lärmbelastung dennoch zu begrenzen, habe man die Bauzeiten am Morgen, über Mittag und am Abend um insgesamt zweieinhalb Stunden reduziert. Zusätzlich wurde eine Dämmfolie installiert, welche die Emissionen dämpfe, so Schaffner.

«Die Investition liegt im üblichen Rahmen für innerstädtische Bauprojekte.»

David Schaffner, Mediensprecher Zürich Versicherung

Die Einschätzung Rööslis, dass die Bausubstanz hätte wiederverwertet werden können, teilt Schaffner nicht: «Da die Bausubstanz aus den Sechzigerjahren minderwertig ist, sind aufwendige Instandsetzungsarbeiten unumgänglich.»

Die Fassade sei am Ende ihrer Lebensdauer angekommen und habe eine tragende Funktion gehabt, dadurch mussten die Lasten des Hauses mit Baumstämmen aufgefangen werden. «Dies ist ein übliches Verfahren. Der Grundriss wurde teilweise verändert, damit die künftigen Wohnungen den heutigen Wohnbedürfnissen entsprechen», so Schaffner.

Zum Vorwurf, es werde zu teuer gebaut, sagt Schaffner: «Die Investition liegt im üblichen Rahmen für innerstädtische Bauprojekte mit schwierigen logistischen Herausforderungen aufgrund der engen Platzverhältnisse.»

Mark Röösli appelliert indes an die Berufsehre: «Ein Architekt müsste den Anspruch haben, sich mindestens an bestehende Normen zu halten.»

So soll die Neustadtstrasse in Luzern schon bald aussehen.

So soll die Neustadtstrasse in Luzern schon bald aussehen.

(Bild: Rohrer Sigrist Architekten)

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2 Kommentare
  1. Stefan Stefan Koepfli, 10.06.2017, 18:50 Uhr

    Der Lärm der Baustellen an der Neustadtstrasse 6 ist extrem. Wir haben unser Büro gegenüber, an der Neustadtstrasse 3. Seit Wochen kann ich nur noch mit
    Gehörschutz arbeiten und zum telefonieren muss ich in einen andern Raum

  2. Mario Stübi, 07.06.2017, 09:40 Uhr

    Vorhin mit dem Velo durchgefahren, abartig! Musste mir die Ohren zuhalten. Und es wird nicht besser, niemand fühlt sich verantwortlich.