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«Er war nicht verrückt, er war speziell»
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Hans Schärer in seinem Atelier in St. Niklausen (Bild: Peter Thali)

Über den Luzerner Künstler Hans Schärer «Er war nicht verrückt, er war speziell»

6 min Lesezeit 01.05.2015, 09:00 Uhr

Hans Schärer war einer der wichtigsten Schweizer Künstler seiner Generation – bekannt vor allem für seine Madonnenbilder und Obszönitäten. Diese beiden Seiten werden nun im Aargauer Kunsthaus ausgestellt. Drei Menschen, die sich intensiv mit ihm als Person und seiner Kunst beschäftigen, sind sich jedoch einig: Schärer war viel mehr als ein Moralist und Provokateur.

Bis zu seinem Tod im Jahr 1997 lebte Hans Schärer gemeinsam mit seiner Frau Marion in St. Niklausen und malte. Es scheint schon lange her zu sein, dass der Künstler seine wilden Bilder, Zeichnungen und Aquarelle schuf. Doch seine Werke treffen gerade heute wieder einen Nerv.

Sein Enkel Gregory Schärer, Max Christan Graeff, der Autor des Werkverzeichnisses, und Heinz Stahlhut, Sammlungskonservator des Kunstmuseums Luzern, haben sich zusammengesetzt und Hans Schärer als Künstler und Menschen für uns beleuchtet. Anlass ist die grosse Einzelausstellung im Aargauer Kunsthaus Aarau, die von Mai bis August die Werkgruppen der «Madonnen» und der erotischen Aquarelle zeigt und im Herbst nach New York weiterreist.

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Graeff stellt gleich zu Beginn klar: «Man hat ihn aufgrund seiner Themen und Ausdrucksarten oft als verrückt dargestellt. Das war er natürlich nicht; er war speziell – in seiner Sicht auf eine verrückte Welt.»

Suchen, Finden, Auflisten

Seit Jahren sind Max Christian Graeff und Gregory Schärer dabei, das digitale Werkverzeichnis von Hans Schärer zu erstellen. Graeff begann vor neun Jahren mit seiner Arbeit; Schärer kam vor vier Jahren dazu. Eine schwierige und zeitaufwendige Arbeit, denn viele Werke sind nirgends aufgelistet. «Er hat ununterbrochen gearbeitet, gemalt, gelebt, viel Zeit mit Freunden und Familie verbracht. Da führt man nicht über jede Arbeit auch noch Buch», so Graeff, und Gregory Schärer ergänzt: «Es gibt zwar ein paar Listen in seinen eigenen Notizen, doch sehr unvollständig und ohne Fotos und Werkdaten, sodass sie uns nicht weiterhelfen.» Für das Verzeichnis müssen die Werke ausreichend gut fotografiert sowie technisch und ansatzweise inhaltlich beschrieben werden.

Etwa 2800 Werke sind mittlerweile im Werkverzeichnis enthalten. «Doch wir rechnen damit, dass sich noch viele weitere Besitzer nach der Veröffentlichung der Webseite und nach der Ausstellung im Kunsthaus Aarau bei uns melden werden», so Graeff. «Wir hoffen darauf, dass viele weitere Werkbesitzer unsere Arbeit ernst nehmen und uns ihre Schärer-Werke melden.»

Ungewöhnlicher Einsatz der Familie

Als Buch wird das Verzeichnis nicht verlegt. «Es wäre schon bei Erscheinen ungültig, da die Arbeit noch lange fortdauern wird. Und wir hatten schlichtweg kein Geld für eine angemessene und teure Printversion», so Graeff. Die Finanzierung von Werkverzeichnissen sei allgemein eine schwierige Geschichte und besonders deshalb, weil es sich hier um die Bemühungen von Privatpersonen handelt. Aussergewöhnlich ist bei Schärer dabei der grosse Einsatz der Familie für die Pflege und Dokumentation seiner Werke. Die vier Söhne und die Witwe des Künstlers, die meisten selbst künstlerisch tätig, beteiligen sich an den vielen Aufgaben, die entstehen, wenn ein so wichtiges Lebenswerk lebendig bleiben soll.

«Viele Sammler oder Galeristen geben altersbedingt ab und die neue Generation übernimmt.»
Max Christian Graeff, Autor des Werkverzeichnisses von Hans Schärer

Heinz Stahlhut ergänzt: «Es ist auch eine Frage des Generationenwechsels. Öffentlich zugängliche Werkverzeichnisse zu schaffen – für den Gebrauch der künftigen Generation – macht digital mehr Sinn. Ausserdem besteht der Vorteil, dass eine Datenbank ständig aktualisiert werden kann.» Der Generationenwechsel sei allgemein ein grosses Thema des Kunstmarktes. «Viele Sammler oder Galeristen geben altersbedingt ab und die neue Generation übernimmt», so Graeff. Dies habe auch Einfluss auf den Handel und damit auf die Preise der Werke.

Hans Schärer ist hauptsächlich in der Schweiz bekannt. «Es gibt hierzulande, aber auch international eine wachsende Anfrage, nachdem Bilder in New York und auf der Biennale di Venezia zu sehen waren», erklärt Stahlhut. Eine weitere positive Entwicklung wird erwartet. «Doch darum geht es uns gar nicht», so Graeff. «Unser Ziel ist es, eine vollständige Dokumentation zu erstellen, die kunsthistorisch wirken kann.» Für den kunsttheoretischen Teil des Verzeichnisses, der in Form einer Schriftenreihe am dem Sommer veröffentlich wird, schreiben derzeit verschiedene kompetente Autoren Essays und Betrachtungen zu den einzelnen Werkgruppen. Diese werden den Werken ebenfalls zu mehr Beachtung verhelfen.

Madonnenkult und erotischer Zirkus

Ausstellung

Die Ausstellung «Hans Schärer. Madonnen und erotische Aquarelle» ab 1. Mai im Aargauer Kunsthaus Aarau zeigt die beiden prominenten Werkgruppen des Künstlers in bisher nicht gesehener Breite: Rund 75 Madonnen (von etwa 120) und rund 100 Aquarelle (von circa 150) konnten zusammengetragen werden. Das Aargauer Kunsthaus Aarau besitzt in seiner wichtigen Sammlung Schweizer Künstler eine ganze Reihe besonderer Schärer-Werke und richtete bereits 1982 die erste und bisher einzige Retrospektive des Künstlers aus.

Im Verlauf der Ausstellungen finden mehrere Veranstaltungen zu Hans Schärer und seinem Umfeld statt.

Hauptsächlich im Zeitraum vom Ende der 60er- bis zur Mitte der 80er-Jahre entstanden die Werke, welche diesen Sommer im Aargauer Kunsthaus ausgestellt werden. Ab November wird die Ausstellung in einer reduzierten Form sogar im Swiss Institute in New York zu sehen sein.

Hans Schärer sei in jener Zeit einem regelrechten Madonnenkult verfallen, heisst es in den Dokumentationen. Seine Madonnen haben jedoch Zähne, ein drittes Auge, starre Blicke; sie sind keine anmutigen, hübschen Geschöpfe. Im Gegensatz dazu stehen in der Ausstellung Schärers «erotische Aquarelle», die in derselben Zeit entstanden wie die Madonnenbilder.

Hier dominiert die Sinnlichkeit: Frauen mit prallen Körpern und langen Zungen, die sich an phallischen Gegenständen erfreuen und erotische Kunststücke vorführen, während die Männer kleine Wichte, Clowns und gierige Amt- und Würdenträger sind. Damit legt das Aargauer Kunsthaus den Fokus ganz auf Schärers Arbeiten, die sich mit dem Status der Frau als Heilige und im Gegensatz dazu mit erotisch aufgeladener Weiblichkeit auseinandersetzen.

Hans Schärer in seinem Atelier in St. Niklausen

Hans Schärer in seinem Atelier in St. Niklausen

(Bild: Peter Thali)

Doch das sind nur zwei Werkgruppen aus unzähligen, betont Gregory Schärer. Hans Schärer malte seit Ende der 40er-Jahre auch naturalistische Portraits, Stillleben, Bildergeschichten, Landschaften, Collagen und so weiter. «Und sein eigentliches Hauptwerk beginnt erst nach den Madonnen», so Schärer. Nach der Ausstellung in Aarau sei das Ziel auch eine weitere, die Hans Schärers komplettes Schaffen umspannen soll. «Das Werkzeug dazu haben wir nun geschaffen», so der Enkel des Künstlers über das Werkverzeichnis.

Das Überschreiten von Grenzen

Heinz Stahlhut erklärt: «Hans Schärer war auch Schriftsteller und Musiker; er spielte auch mit Grenzen zwischen Schrift und Bild – oftmals ist gar nicht klar, ob es sich um ein Bildzeichen, um Buchstaben oder Noten handelt – das macht die Bilder so lebendig und irritierend.» Auch die Geschmacks- und Sittengrenzen hat er oftmals überschritten. «Dies ist heute wieder sehr interessant. Das Obszöne als Versuch, die vermeintlich festen Grenzen des Individuums auszulösen.»

«Er hat die Menschen geliebt, und er ist an ihnen verzweifelt.»
Max Christian Graeff, Autor des Werkverzeichnisses von Hans Schärer

Man könne Schärer auch nicht bestimmten Zeitströmungen zuordnen, definiert Stahlhut. Es seien zwar deutliche zeitgenössische Wurzeln und Vorbilder herauszufinden, aber das schon früh eigenständige Werk entzog sich jeder Gefälligkeit oder Hinwendung zum Markt. «Es ist zeitlos, unmodisch, hat Inhalte von Pop oder Punk, aber ist nicht Pop oder Punk, sondern stets pure Gegenwart», ergänzt Graeff. «Er trifft gerade auch bei jüngeren Künstlern und Sammlern einen Nerv», so Stahlhut.

Er war aber auch sehr aktuell zur gesellschaftlichen Wirklichkeit seiner Zeit – reagierte auf politische und brisante Ereignisse in der Schweiz und der Welt, auf zeitgenössische Architektur und Literatur. «Er war erzählerisch, philosophisch», so Graeff und erzählt in einem Zug: «Er war ein Moralist, hatte seine sehr eigene Moral, aber er war kein Moralapostel. Er hatte Respekt vor der Schöpfung, aber keinen vor dem Umgang der Menschen mit ihr. Er hat die Menschen geliebt, und er ist an ihnen verzweifelt. Er war ein ‹Pfaffenhasser›, hatte aber grossen Respekt vor dem Glauben und der Spiritualität. Er hat das Leben genossen, aber jeden Tag gearbeitet, denn das Malen und Zeichnen gehörte zum Genuss.»

Eine Auswahl von Bildern der Ausstellung im Aargauer Kunsthaus finden sie hier in unserer Slideshow:

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