Jetzt Community-Mitglied werden und profitieren!
Er spricht mit Gefangenen über Todesängste
  • Gesellschaft
  • Gesellschaft
  • Justiz
Der Luzerner Stefan Gasser-Kehl unterstützt als Zuger Gefängnisseelsorger Gefangene in Krisensituationen. (Bild: tog)

Zuger Gefängnisseelsorger Er spricht mit Gefangenen über Todesängste

5 min Lesezeit 10.01.2015, 11:00 Uhr

Stefan Gasser-Kehl steht Gefangenen in Krisensituationen bei. «Denn gerade die U-Haft ist eine grosse mentale Herausforderung», sagt der 46-jährige Gefängnisseelsorger. Er ist seit neun Jahren in den beiden Zuger Strafanstalten tätig. Mit zentral+ spricht Gasser über seine Arbeit im «Knast».

Stefan Gasser-Kehl kennt viele Verbrecher persönlich. Er ist Gefängnisseelsorger in den Zuger Strafanstalten Bostadel und An der Aa. Er begleitet und unterstützt hauptsächlich männliche Insassen dabei, ihre schwierige Situation anzunehmen. «Denn vor allem Männer, die in Untersuchungshaft genommen werden, erleben in den meisten Fällen eine schwere Krise», erklärt Gasser.

«Einige Insassen haben mir schon erzählt, sie hätten Todesängste ausgestanden.»

Unterstütze Zentralplus

Stefan Gasser-Kehl, Gefängnisseelsorger

Die Verhaftung kann traumatisch wirken. «Die allermeisten Insassen rechnen vorher nicht damit, dass sie erwischt werden», sagt der Gefängnisseelsorger. Wenn sie dann in U-Haft genommen würden, sei das eine grosse mentale Herausforderung. Die erste Nacht hinter Gittern kann laut Gasser ein einschneidendes Erlebnis sein: «Ein paar Insassen haben mir schon erzählt, sie hätten Todesängste ausgestanden.» Er erkläre ihnen dann, das tatsächlich etwas sterbe: Das Leben, wie es bisher gewesen sei. In den meisten Fällen werde dieses ja nicht mehr so sein, wie es vorher war.

Zum Glück nie einen Selbstmord eines Gefangenen erlebt

Gerade weil die U-Haft eine sehr belastende Zeit ist, hat Gasser festgestellt, dass etwa zwei Drittel der Gefangenen Unterstützung annehmen. «Und das, obwohl Männer meist viel länger brauchen als Frauen, bis sie sich für externe Hilfe offen zeigen.» Dafür sei die Wertschätzung schliesslich gross, wenn die Betroffenen wirklich Unterstützung spüren.

Froh ist der 46-Jährige darüber, in seiner Zeit als Gefängnisseelsorger nie den Suizid eines Gefangenen erlebt haben zu müssen. «Ich kann das zwar nicht beeinflussen. Aber ich kann die Insassen ermutigen, Selbstverantwortung zu übernehmen und sich ihren Problemen zu stellen», sagt er. Er habe zudem auch eine Triage-Funktion: «Ich verweise Gefangene an andere Stellen, an Sozialarbeiter oder Psychiater.» Er könne allerdings niemanden dazu zwingen, sondern lediglich ermuntern oder eine mündliche Abmachung eingehen. Es müsse auf freiwilliger Basis passieren.

Zusammen singen, beten oder meditieren

Ebenso verhält es sich auch mit der religiösen Seite seiner Arbeit. Gasser arbeitet im Auftrag der katholischen Kirche des Kantons Zug. Seine Arbeit richte sich aber keinesfalls nur an Christen. «Ich bin nicht auf einer religiösen Bekehrungsmission», sagt er unmissverständlich. Grundsätzlich gehe es um eine menschliche Begegnung, um ein Gespräch unter Männern. Etwa ein Viertel seiner Gesprächspartner habe aber durchaus religiöse oder spirituelle Bedürfnisse. «Es kann sein, dass wir zusammen singen, beten oder meditieren. Spiritualität kann eine wesentliche Ressource sein, um das Leben im Gefängnis zu bestehen.»

Gemäss Gasser gibt es in seiner Arbeit Unterschiede zwischen Gefangenen in der U-Haft und solchen im Strafvollzug. «Es kann sehr zermürbend sein, wenn man eine längere Strafe absitzt und dieser Erfahrung keinen Sinn geben kann», sagt er. Leider sei das wohl bei der Mehrheit der Fall. Dann müssen sich 15 oder 20 Jahre Strafvollzug an wie eine Ewigkeit anfühlen.

Eine Minderheit versuche dagegen, das Geschehene anzunehmen und die Chance auf einen Neuanfang zu packen. «Die meisten, die mit mir sprechen wollen, sind geständig und zeigen auch Reue.» Jene, die sich im Unrecht fühlen, haben in der Regel keinen Gesprächsbedarf.

Auch selbstständiger Männercoach

Der ausgebildete Theologe lebt in Luzern und arbeitet seit neun Jahren mit einem 30-Prozent-Pensum als Gefängnisseelsorger. Er hat in diesem Bereich eine Weiterbildung absolviert. «Ich habe bereits während meines Studiums gemerkt, dass ich mich später mit Männerarbeit beschäftigen will.» Dazu gehöre eben auch die Arbeit in Gefängnissen.

Das ist aber nicht Gassers einzige ungewöhnliche Tätigkeit: Er arbeitet auch als selbstständiger Männercoach und bietet Seminare in der Natur an. Dabei gehe es um Initiationsriten für Männer, erklärt Gasser – und beschreibt es als «Übergangserfahrung in die reife Männlichkeit».

«Menschen, die Regeln übertreten, üben auf andere Menschen einen gewissen Reiz aus.»

Stefan Gasser-Kehl, Gefängnisseelsorger

Er muss keine Krimis schauen

Gassers Mutter hat im solothurnischen, wo er aufgewachsen ist, viele Jahre lang in einem Gefängnis Deutsch unterrichtet. Dadurch sei er erstmals mit dieser «Welt» in Kontakt gekommen. «Meine Mutter hat in all den Jahren nie schlechte Erfahrungen gemacht und nur positiv über diese Arbeit berichtet», sagt Gasser rückblickend. Das habe ihn sicher auch bestärkt, selbst in einem Gefängnis zu arbeiten.

Wenn Gasser in Bezug auf Gefängnisse von «dieser Welt» spricht, hat das durchaus seinen Grund. Denn es sei eine faszinierende Welt, zu der aber nur ganz wenige Leute einen Zugang hätten. «Das Thema der Regelübertretung und der entsprechenden Bestrafung übt auf Menschen einen gewissen Reiz aus.» Im Gegensatz zu anderen müsse er aufgrund seiner Arbeit jedenfalls keine Krimis mehr schauen, sagt Gasser und lacht.

Aufseher wollen ab und zu Dampf ablassen

Gasser spricht zwar offen über seine Arbeit im Knast, muss aber jederzeit seine Schweigepflicht einhalten. Details aus dem Gefängnis auszuplaudern, ist deshalb Tabu. Das Wort Knast sei übrigens für ihn kein Problem und nicht negativ behaftet. «Das ist in der Schweiz nun mal das umgangssprachliche Wort für Gefängnis.»

Zwei Gefängnisse in Zug

Im Kanton Zug gibt es zwei Strafanstalten: die interkantonale Strafanstalt Bostadel in Menzingen sowie die kantonale Strafanstalt An der Aa in der Stadt Zug. In der geschlossenen Strafanstalt Bostadel sitzen Wiederholungstäter und Straftäter mit besonderer Flucht- oder Gemeingefahr ein. Im Normalvollzug werden 108 Gefangene betreut. In der Sicherheitsabteilung sind maximal zwölf besonders fluchtgefährdete Gefangene in Einzelhaft oder im Kleingruppenvollzug. Im Bostadel gibt es sechs Produktionsbetriebe, in denen Gefangene mitarbeiten.

In der Strafanstalt An der Aa sind Personen in Untersuchungshaft oder im Strafvollzug mit Strafen bis zu eineinhalb Jahren untergebracht. Ebenso solche in der Halbgefangenschaft sowie in der Ausschaffungs- oder Auslieferungshaft. Sie werden durch Strafuntersuchungs- und Vollzugsbehörden, vorwiegend aus dem Kanton Zug, eingewiesen. Der Strafanstalt An der Aa ist ein Holzbetrieb angegliedert.

Nicht nur mit Insassen, sondern ab und zu auch mit Aufsehern führt Gasser Gespräche. Deren Arbeit sei schwierig, sagt er. «Zwischendurch lassen sie bei mir etwas Dampf ab.» Die Aussenwelt bekomme nicht viel von deren Arbeit mit. Es gehe deshalb auch darum, seine Wertschätzung gegenüber der Arbeit der Aufseher zu zeigen.

Er hat keine Angst vor den Insassen

Im Knast trifft Gasser auch auf Männer, die schwere Gewalttaten verübt haben. Angst habe er während seiner Arbeit jedoch nie, sagt der Seelsorger. Die Strafanstalt sei verpflichtet, ihm zu melden, wenn Insassen im Gefängnis gewalttätig oder ausfällig würden. So oder so hat Sicherheit höchste Priorität. Gasser befindet sich während der Gespräche mit den Insassen im gleichen Raum. Es könne aber vorkommen, dass sie durch Gitterstäbe getrennt seien.

«Man muss auch bedenken: Menschen, die Gewalt anwenden, sind oft in Stresssituationen. Im Gefängnis ist das weniger der Fall. Aber klar musste ich mir auch schon negative Sprüche über mich oder meinen Arbeitgeber anhören.» Im Gefängnis werde jedoch viel Wert gelegt auf gegenseitigen Respekt. Die Aufseher leben das vor und erwarten es auch von den Insassen.

Die Zeit im Knast vergessen

Gasser begleitet einige Gefangene über mehrere Monate und Jahre. Dadurch lerne man sich gut kennen – oft sei er eine wichtige Vertrauensperson. Was passiert, wenn Insassen wieder freikommen? «Man muss sich dann lösen können», sagt er. Viele werden nach ihrer Haftstrafe des Landes verwiesen, womit das automatisch geschieht. «Zudem lösen sich auch die Freigelassenen von mir. Denn sie wollen nicht mehr an ihre Zeit im Knast erinnert werden.»

Deine Meinung ist gefragt!

Um kommentieren zu können, musst Du auf zentralplus eingeloggt sein. Bitte logge dich ein oder registriere dich jetzt und profitiere von den Vorteilen für z+ Community Mitglieder.

Deine Meinung ist gefragt!

0 Kommentare
Mehr Gesellschaft