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2350 Postkarten zeigen den Wandel Oskar Rickenbacher kennt die Stadt Zug wie kein Zweiter

Oskar Rickenbacher kennt Zug wie seine Westentasche. (Bild: wia)

Oskar Rickenbacher ist kein Historiker. Die Geschichte Zugs kennt er dennoch besser als die meisten. Der gebürtige Stadtzuger hat in seinem Leben viel über die Stadt recherchiert und wichtige Dokumente zusammengetragen. Wir haben den 82-jährigen «Jungliberalen» auf einem Spaziergang durch seine Stadt getroffen.

Ein herbstlicher Morgen, der Nebel über Zug hat sich verflüchtigt, vom Restaurant Casino sieht man auf einen See, der kalt und doch weich anmutet. Eigentlich wäre das Lokal geschlossen. Oskar Rickenbacher, der am Tisch sitzt und gerade eine heisse Ovo bestellt hat, hat jedoch veranlasst, dass wir dennoch hier einkehren können. Das ist praktisch, denn der 82-jährige gebürtige Zuger hat viel Material mitgebracht, das nun auf dem Tisch ausgebreitet liegt.

Historische Bücher liegen da, alte Stadtpläne, Dossiers zu aussergewöhnlichen Begebenheiten und einige Schwarzweissfotos aus einer Stadt Zug, die kaum wiederzuerkennen ist. Die 2350 historischen Postkarten der Stadt Zug, die er über die Jahrzehnte gesammelt hat, sind nicht mit im Gepäck. Diese hat Rickenbacher vor wenigen Wochen dem Zuger Stadtarchiv vermacht, wo sie nun geordnet und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. «Das war meine Bedingung», sagt Rickenbacher, während er mit einem Löffel in seiner Ovi rührt. «Dass die Bevölkerung Zugang hat zu dieser Sammlung.»

Plötzlich dieser sonderbare Lärm

Nicht nur diese umfangreiche Kartensammlung ist von grossem historischen Wert. Oskar Rickenbacher hat umfangreiche Dossiers zu Geschehnissen in seiner Stadt zusammengetragen und auch eigene Erinnerungen niedergeschrieben. Etwa vom amerikanischen Bomber, der 1944 im Zugersee notlanden musste und erst 1952 rausgefischt wurde.

«Als der Bomber abstürzte, war ich fünf Jahre alt. Ich hörte das spezielle Dröhnen dieses Flugzeugs und versteckte mich vor lauter Angst unter der Treppe», erinnert er sich. «Ich hatte zuvor auf Radio Beromünster immer wieder gehört, dass Städte angegriffen wurden und dachte, wir würden bombardiert.» Die Notlandung auf dem Wasser verpasste er zwar uns ebenso, wie man den Piloten aus dem See rettete. «Bei der Bergungsaktion des Flugzeugs acht Jahre später war ich hingegen live dabei.»

Er wollte das Zug von einst und die Veränderungen dokumentieren

Oskar Rickenbacher ist 1939 geboren und hat, mit Ausnahme einiger Jahre, welche er in der Westschweiz und in London verbrachte, stets in Zug gelebt. Der gelernte Hochbauzeichner arbeitete später bei der BP als Projektleiter für den Bau von Tankstellen. Später leitete er die entsprechende Abteilung. «Noch immer habe ich zu Hause sehr viele 1:40-Modelle von historischen Tanksäulen», sagt er. Wie viele es genau sind, weiss er nicht. «Vielleicht zu viele.»

Dass Rickenbacher anfing, Postkarten seiner Stadt zu sammeln, ist dem Wandel der Zeit geschuldet. «In den 60er-Jahren begann sich die Stadt stark zu verändern. Ich wollte das Zug von einst und die Veränderungen mit den Bildern dokumentieren.» Noch heute schenken ihm Leute Postkarten.

Seit den 80ern hält der lokale Geschichtsexperte Vorträge über die Veränderungen in Zug und gewichtige Ereignisse, welche die Kolinstadt ereilten. Gerade erst sprach er vor dem SAC Rossberg, wo Rickenbacher seit seiner Jugend Mitglied ist, über die Entwicklung in Zug Nord. Noch stehen einige Vorträge an, bald jedoch will der 82-Jährige kürzertreten. Seine umfangreichen Themendossiers hat er teilweise bereits weitergegeben an die nächste Generation.

Politisch war Rickenbacher schon in den 70ern

Rickenbachers Tasse ist mittlerweile leer, die Rechnung beglichen. Ein Blick nach draussen: Es ist Zeit für einen Spaziergang durch seine Stadt. Rickenbacher möchte uns ein paar Stellen zeigen, hinter denen spannende Geschichten und eigene Kindheitserfahrungen stecken. Wir treten hinaus, steigen die Treppenstufen in Richtung Badi Seeliken hinab. Ein Ort, für dessen Erhalt der Zuger Bürger in der Vergangenheit heftig gekämpft hat.

«2012 wurde darüber abgestimmt, ob man das Foyer des Theater Casino erweitern soll. Ich war klar dagegen und engagierte mich aktiv. Hätte man die Pläne nämlich umgesetzt, wäre ein gutes Stück der Grünfläche der Badi überbaut worden.» Der politische Einsatz war von Erfolg gekrönt. 83 Prozent der Stimmbevölkerung sagte Nein zum Vorschlag.

«Ich wurde 1971 als Jungliberaler gewählt und bin es eigentlich immer geblieben.»

Es war bei Weitem nicht das erste Mal, dass sich Rickenbacher politisch engagierte. Zwanzig Jahre lang sass er nämlich im Grossen Gemeinderat der Stadt Zug. «Ich wurde 1971 als Jungliberaler gewählt und bin es eigentlich immer geblieben.» Ob er sich auch heute noch als Jungliberaler bezeichnen würde? «Nun, zu sagen, ich sei ein Revoluzzer, ist vielleicht übertrieben, doch hinterfrage ich die Dinge gern.»

Rickenbacher geht zügig dem schmalen Fussweg dem Ufer entlang. Dass er seinen SAC-Kollegen bei den Wanderungen das Wasser reichen kann, steht ausser Frage. Neben dem Waschhäuschen in der Unteraltstadt, wo Hausfrauen einst die Wäsche erledigten, hängt eine Gedenktafel. Es ist der Ort, an dem der Bomberpilot 1944 an Land gebracht wurde.

Eine Tafel am Seeufer erinnert an die Notlandung des amerikanischen Bombers.

Modellschiff «Stadt Zug» faszinierte ihn, seit er klein war

Immer wieder in seinen Erzählungen kommt Rickenbacher auf das knapp zwei Meter lange Modellschiff «Stadt Zug» zu sprechen. Kein Wunder: Es ist eine Geschichte, welche ihn sein Leben lang bereits begleitet. «Als ich klein war, stand das Modellschiff während der Winterzeit hinter den Häusern in der Vorstadt. Mit meinen Eltern bin ich oft daran vorbeispaziert und habe es fasziniert betrachtet. Im Sommer lag die ‹Stadt Zug› in der Katastrophenbucht vor Anker. Doch irgendwann in den 50er-Jahren war es plötzlich weg», erzählt er.

«Erst viel später erfuhr ich, dass der Raddampfer zunächst nach Cham verschenkt wurde, später an einen Antiquitätenhändler gelangte und über Umwege in den Besitz eines Architekten in Zug kam. «Das wusste ich jedoch nicht, bis ich das Schiff vor einigen Jahren bei ebendiesem Architekten im Büro entdeckte. Für mich war klar: Dieses Schiff darf nie mehr weg von Zug!» Als der Mann das Schiff einige Zeit später verkaufen wollte, suchte Rickenbacher Sponsoren. 15’000 Franken kamen zusammen, womit das Schiff in den Besitz des Orion Clubs überging, welcher sich für den Erhalt alter Fahrzeuge einsetzt. Heute steht der Dampfer im Zuger Depot für Technikgeschichte in Neuheim und wird liebevoll umsorgt.

Das Schiffsmodell, das auch Oskar Rickenbacher als Kind bewunderte.

Während Rickenbacher erzählt, spazieren wir vorbei am Regierungsgebäude zur Rössliwiese, wo er von der Vorstadtkatastrophe erzählt, welche sich hier vor bald 150 Jahren ereignete. Im Video erklärt der Stadtkenner, wie sich die Sache damals zugetragen hatte:

Wir werfen einen Blick über die Katastrophenbucht, hinüber zum «goldenen Kiosk», der so gar nicht mehr golden, sondern matt und dunkelbraun ist. «Früher stand dort das Restaurant Spillmann. «Bei der Vorstadtkatastrophe wurde es knapp verschont», sagt er. Und er liefert gleich die Beweise.

Er zückt zwei Fotos der damaligen Zeit, welche die Umgebung vor und nach dem Unglück zeigen. Während auf dem ersten Foto das Hotel Zürcherhof, das unweit des «Spillmann» stand, noch ganz ist, sind auf dem zweiten nur noch Trümmer davon erkennbar. Rechts unten auf beiden Bildern: Das intakte Schild, das in den verschonten Garten des Restaurant Spillmann führt.

«Das Gebäude gibt es heute noch, jedoch steht es mittlerweile in Hünenberg See, wo es nach seinem Abriss wieder aufgebaut wurde.»

Sein Lebenslauf ist noch nicht zu Ende

Rickenbacher weiss, wie man die Leute zum Zuhören bringt. Seine Geschichten sind pointiert und genug ausführlich, dass man sich die Szenen von früher vorstellen kann, dennoch aber genug kurz, um nicht abzuhängen. Das Erzählen; ein Talent, das ihm nach seiner Frühpension zugutekam. «Nach 34 Jahren bei der BP wurde ich in die Frühpension geschickt. Ich sage darum immer, dass mein Lebenslauf noch nicht zu Ende ist.»

«Ich kenne die Schweiz wie meinen Hosensack.»

Rickenbacher begann für Kuoni als Reiseleiter zu arbeiten. «Von Russland über den Iran bis nach China: Ich habe die halbe Welt gesehen», sagt er. «Bis vor drei Jahren arbeitete ich für drei Reisebüros und führte deutsche Touristen durch die Schweiz. Diese kenne ich wie meinen Hosensack.»

Wir sind am Ende unseres Spaziergangs angelangt. Rickenbacher blickt auf die reformierte Kirche und erzählt eine letzte Anekdote: «Während deren Bau wollte die reformierte Kirchgemeinde Geld sammeln für eine Kirchenuhr. Bloss: Es kamen insgesamt bloss 50 Franken zusammen. Aus diesem Grund sucht man die Turmuhr bis heute vergeblich.»

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