Er lebt seinen Traum im Postbus: Jetzt fühlt er sich reif für die Insel
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Er lebt seit Jahren in einem alten Postbus: Kolja Farjon. (Bild: woz)

Kolja Farjon wohnt seit acht Jahren in Zug Er lebt seinen Traum im Postbus: Jetzt fühlt er sich reif für die Insel

5 min Lesezeit 31.12.2017, 15:11 Uhr

Seit acht Jahren wohnt Kolja Farjon in einem alten Postbus in der Riedmatt. Der 68-Jährige, der aus Holland stammt, hat sich dort gemütlich eingerichtet. Er lebt in der Natur, weil er die Freiheit und die Unabhängigkeit über alles liebt. Nun zieht es ihn in die Südsee.

Wenn man den alten Postbus betritt, fällt einem erst mal der Staub auf, der zentimeterdick auf dem Tachometer liegt. Es ist schon lange her, dass der Bus seinen letzten Kilometer gefahren ist. Kolja Farjon hat das gelb-rot-schwarze Gefährt vor gut 15 Jahren der Post abgekauft.

Riedmattweg XXX

«Für den symbolischen Preis von einem Franken», erzählt der 68-jährige Holländer und lächelt. Zuerst habe er mit dem Postbus an einem anderen Platz in Zug gestanden. Nun «residiert» er bereits seit acht Jahren neben der alten Lorze in der Riedmatt (zentralplus berichtete). Direkt neben dem Tennisclub und der Schule. Er hat sein Plätzchen auf einem Schild als «Biotopia» deklariert. Darauf ist auch seine Postadresse zu lesen: Riedmattweg XXX. An einem Baum ist sogar ein Briefkasten montiert.

Im Grunde führt der «Zivilisationsflüchtling», wie sich Kolja Farjon selbst bezeichnet, ein recht bürgerliches Leben. Denn in seinem Postbus hat er sich gemütlich eingerichtet. Wie in einem grossen Campingbus. Es gibt ein kleines Esszimmer mit einem Holztisch, Stühlen und Bussitzen. Eine Küchenzeile mit zwei Espresso-Maschinen. Zwei Kühlschränke. Eine Waschmaschine. Es ist wohlig warm bei ihm im Bus. Seine zwei Elektro-Heizlüfter bullern gerade eine angenehme Wohnzimmertemperatur in den Bus.

Zentimeterdicker Staub liegt auf den Armaturen und dem Tachometer.

Zentimeterdicker Staub liegt auf den Armaturen und dem Tachometer.

(Bild: woz)

Im hinteren Teil des alten Postbusses hat er sein Schlafzimmer eingerichtet. «Sie müssen entschuldigen, dass das Bett noch nicht gemacht ist», sagt Herr Farjon höflich zu seinem neugierigen und staunenden Besucher. Sogar eine Dusche hat er sich gebastelt. Eine Stange mit Brause dran – das Wasser plätschert dann die Stufen des Busses hinab ins Freie.

Ein Toilettenhäuschen habe ihm die Stadt Zug vor einem Jahr hingestellt. Für den Standplatz am Riedmattweg bezahlt Kolja Farjon 200 Franken Miete pro Monat an die Stadt. «Ausserdem komme ich für Strom und Wasser auf.» Seinen Lebensunterhalt bestreite er mit seiner IV-Rente. Er leidet seit Jahren an einem Bandscheibenproblem.

«Für mich sind Freiheit, Unabhängigkeit und die Natur das Wichtigste im Leben.»

Kolja Farjon

Doch der bürgerliche Anstrich seines Daseins täuscht. Denn für den studierten Archäologen und Biologen, der mit 18 Jahren seine niederländische Heimat in Laren verlassen hat und an verschiedenen Orten in der Schweiz in den letzten 40 Jahren Ausgrabungen gemacht hat, ist es unmöglich, mitten in der Zivilisation zu wohnen. Lange hat er für die Stadt Zug als Biologe gearbeitet, hat Baumbestände inventarisiert und lokale Weiher saniert. «Für mich sind Freiheit, Unabhängigkeit und die Natur das Wichtigste im Leben – so lebe ich seit Jahren meinen Traum.»

Kolja Farjon ist ein Geniesser: Er liebt guten Kaffee.

Kolja Farjon ist ein Geniesser: Er liebt guten Kaffee.

(Bild: woz)

Doch neuerdings hegt er einen neuen Traum. «Sobald ich genügend Geld zusammen habe, werde ich nach Vanuatu in die Südsee fliegen. Dort gibt es den besten Kaffee der Welt.» Der Rollkoffer liegt schon zum Packen bereit auf dem Fussboden.

In Vanuatu könnte er sich vorstellen, länger zu bleiben – wegen der faszinierend tropischen Tierwelt. Wegen des warmen Klimas. Und natürlich wegen des Meeres – hat doch Kolja Farjon früher viel Zeit auf dem Schiff in einem Naturschutzgebiet verbracht. Ob er überhaupt wieder ins kalte Zug zurückkommen will ? Er zuckt mit den Schultern und grinst.

«Vielleicht fliege ich schon im Januar weg», freut sich der Eremit, der aus dem nordholländischen Laren stammt. Seinen Postbus in der Riedmatt will er aber deshalb nicht aufgeben. «Ein Kollege wird, solange ich weg bin, in meinem Bus leben – man muss ja Präsenz zeigen.» Vanuatu ist ein souveräner Inselstaat im Südpazifik, der aus 83 Inseln besteht. Heute leben auf Vanuatu etwa 267’000 Einwohner.

«Ich habe einfach an meinem Globus gedreht.»

Kolja Farjon

Aber wie ist er bloss gerade auf Vanuatu gekommen – das östlich von Australien liegt? «Ich habe einfach an meinem Globus an meinem Bett gedreht und diesen dann mit dem Finger wieder angehalten», sagt Kolja Farjon verschmitzt. In Australien hat der Weltenbummler auch schon gelebt. Zuvor war er in Frankreich schon fünf Jahre Koch. Er liebt den mediterranen Lebensstil.

Hier träumt der Holländer von seiner Trauminsel: Vanuatu.

Hier träumt der Holländer von seiner Trauminsel: Vanuatu.

(Bild: woz)

Trotz seiner kargen Lebensweise ist er ein grosser Geniesser. «Ich esse viel Lamm- und Rindfleisch. Und ich mag Fisch, wild gefangen aus dem Bach.» Dazu passt irgendwie der vergilbte Zeitungsauschnitt, der hinter ihm an der Wand hängt. Darauf ist ein Schwarzweissfoto des längst verstorbenen deutschen Fernseh-Quizmasters Robert Lembke – «Welches Schweinderl hättens denn gern?» – zu sehen. Lemke wird zitiert: «Vegetarier essen keine Tiere, aber sie fressen ihnen das Futter weg.»

Er hat sich neu einen Zweimaster gezimmert

Aber Kolja Farjon ist nicht nur ein Geniesser fleischlicher Genüsse. Vor zwei Jahren hat er sich mithilfe der Werkbank, die er sich ebenfalls in seinem Bus eingerichtet hat, ein Boot gezimmert: Ein Zweimaster mit drei Segeln. Mit dem schippert er im Sommer auf dem Ägerisee herum. «Jetzt im Winter ist es in Morgarten eingemottet.» Holländer sind halt eine alte Seefahrernation.

Vanuatu – tropische Südseeidylle pur.

Vanuatu – tropische Südseeidylle pur.

(Bild: zvg)

Und er liebt die Kultur: «Kultur kommt aus dem Lateinischen und heisst so viel wie Pflegen. Der Mensch pflegt Pflanzen und auch sich selbst. Seinen Geist.» Kolja Farjon liest deshalb viele Bücher. Krimis. Wissenschaftliche Werke.

Er schaut sich auch gerne Kinofilme auf DVD auf dem Laptop an – wie etwa «Pirates of the Caribbean»: «Da sind die Akteure alle so herrlich ungepflegt», sagt er und lächelt schelmisch. Mit Blues, Rock und Bach unterhält er sich musikalisch. Ab und zu erlebt er das akustische Konzert der anderen Art. «Es hört sich immer cool an, wenn der Regen wild auf das Busdach trommelt.»  

«Ich liebe die Kinder.»

Kolja Farjon

Doch obwohl der Holländer so abgeschieden lebt, ist er kein Misanthrop. Vor allem die Kinder auf dem Riedmattspielplatz haben es ihm angetan. «Ich liebe die Kinder und habe immer eine Luftpumpe für sie parat, wenn sie ihren Fussball aufpumpen wollen.» Ihm sei allerdings aufgefallen, dass viele Kinder heutzutage nicht mehr lachen. «Seitdem ich hier wohne, habe ich nur dreimal Kindergelächter vernommen.»

Die letzte Extrafahrt liegt Jahre zurück.

Die letzte Extrafahrt liegt Jahre zurück.

(Bild: woz)

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