«Entweder ich trainiere, oder ich gehe zum Psychiater»
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Hier, hoch oben über dem Ägerisee, trainiert Albert Iten auch heute noch oft und gern. (Bild: rob)

Was macht eigentlich … Albert Iten? «Entweder ich trainiere, oder ich gehe zum Psychiater»

5 min Lesezeit 26.04.2015, 12:00 Uhr

Albert Iten ist der erste und bisher letzte Downhill-Weltmeister der Schweiz: Auch heute kann der Zuger nicht ohne sein Bike. Als Elektriker steht er generell gerne unter Strom – obwohl sich Körper und Geist nicht immer ganz einig sind.

Was Albert Iten heute macht, ist im Prinzip schnell erzählt: Der 53-Jährige führt in Oberägeri ein Elektrogeschäft mit zehn Angestellten, arbeitet von morgens sieben bis abends um sechs und lebt mit seiner Freundin, ihren zwei Töchtern und ihrem Sohn zusammen. Aber wer ist Albert Iten eigentlich? Muss man den kennen? «Es ist halt eine Randsportart», räumt dieser ein, um unverzüglich anzufügen: «Aber … doch, doch, die Leute kennen mich schon, auch heute noch. Wäre ich nur Schweizer- oder Europameister geworden, dann wäre ich heute wohl vergessen. Aber ein Weltmeistertitel hält Jahrzehnte lang.» 1991 gewann der Zuger in Italien überraschend die Downhill-Weltmeisterschaft. Und wurde über Nacht zum Star. Aber davon später.

Eiserne Trainingsdisziplin

Fürs Fotoshooting lädt Albert Iten sein Bike ins Auto. Dann geht’s bergauf. Und bergauf. Und bergauf. «Hier bin ich oft, wenn ich trainiere», erklärt er. Hoch über dem Ägerisee eröffnet sich eine traumhafte Aussicht auf die noch schneebedeckten Urner Berggipfel. Normalerweise lässt er das Auto natürlich zu Hause und kraxelt mit Beineskraft den Berg hoch. Mindestens zweimal die Woche trainiert der ehemalige Profi heute noch. Egal zu welcher Jahreszeit. «Für mich ist Sport extrem wichtig», erzählt er.

In der ersten Phase nach seinem Rücktritt 1996 ging er noch täglich aufs Velo. Dann nahm die Trainingsdisziplin kontinuierlich ab. Bis auf null. Rasch hat Albert Iten gemerkt, dass das nicht geht. Ihm war überhaupt nicht mehr wohl in seiner Haut. «Meinem Körper war es egal, dass ich nichts mehr tat, aber dem Kopf ganz und gar nicht.» Kribbelig sei er geworden. Und «rumpelsurig». «Wenn es ganz schlimm wurde, sagten die Kollegen zu mir: Du, Iten, du solltest wieder mal aufs Velo», sagt er und grinst.

«Meinem Körper war es egal, dass ich nichts mehr tat, aber dem Kopf ganz und gar nicht.»

Albert Iten

Sport als Psychohygiene

Heute hat er die richtige Balance gefunden. Er brauche diesen Ausgleich auf dem Velo. Um abzuschalten, um zu verarbeiten, um runterzufahren. Für ihn hat Sport eine psychohygienische Komponente. «Entweder ich trainiere, oder ich gehe zum Psychiater», bringt er es auf den Punkt.

Das Velofahren spielt bei Albert Iten von klein auf eine wichtige Rolle. Nachdem er als Bub schon viel und gerne auf der Strasse gefahren ist, begann er 1976, mit 14 Jahren, Radquer zu trainieren. «Mein Vater und mein älterer Bruder haben mich angesteckt», sagt Iten. Sein inzwischen über 80-jähriger Vater fährt heute noch leidenschaftlich Velo. Stolz erzählt Albert Iten, wie sein Bruder als Junior sogar einmal den Urs Freuler bei einem Spurt hinter sich gelassen hat. «Das reut ihn heute noch, dass er nicht weitergemacht hat», sagt Iten.

Fast immer einen Platten beim Rennen

Albert Iten stieg 1988 auf das Mountainbike um und gehörte damit zu den Pionieren dieser noch jungen Sportart. Und 1991 war dann der grosse Moment im Leben des Zugers: Er wurde Weltmeister. Klar erinnere er sich daran, das sei noch alles präsent, die Geschichte könne er auswendig erzählen, meint er. In den Rennen vor der WM ist er zwar immer vorne mitgefahren, war aber häufig vom Pech verfolgt. «Es war verflixt, aber oft schied ich wegen eines Plattens aus.» Auch an der Europameisterschaft im gleichen Jahr passierte ihm einmal mehr diese Panne. Darum war er trotz guter Leistungen relativ unbekannt.

«Ich wusste immer, dass ich die Favoriten schlagen kann.»

Albert Iten

«Ich wusste aber immer, dass ich die Favoriten schlagen kann», sagt Iten. An der WM wollte er unbedingt ohne Platten ins Ziel kommen. Er machte Mentaltraining und lernte, das Risiko zu dosieren. Zudem fiel ihm eine grosse Last von der Schulter: «Kurz vor der WM schloss ich die Meisterprüfung ab, so konnte ich mich ganz auf den Sport konzentrieren.»

«Plötzlich wollten alle etwas von mir»

Und das tat er dann auch: Der grosse Favorit, der Amerikaner John Tomac, hatte den Gegnern zehn Sekunden und mehr abgenommen, als Iten an der Reihe war. «Schlasch en?», habe ihn ein Kollege noch gefragt. Iten sagte Ja – und gewann mit vier Sekunden Vorsprung. «Von da an konnte ich mich nicht mehr verstecken, plötzlich wollten alle etwas von mir», erinnert er sich.

Albert Iten gewann in der Folge noch weitere grosse Rennen und wurde im Crosscountry 1994 Europameister. Nun fehlte ihm nur noch ein Olympiasieg. Dazu kam es leider nicht: 1996 wurde Crosscountry olympisch, aber Iten verpasste die Qualifikation hauchdünn. Und dann war Schluss: Mit 34 Jahren hängte er seine Karriere als Profi an den Nagel.

Bedauert hat Iten den Rücktritt nicht. «Ich hatte meinen Vater, der mir schon lange das Geschäft übergeben wollte, jahrelang vertröstet», sagt er. So begann Albert Iten sein Leben nach dem Sport in Oberägeri. Privat lief es allerdings vorerst nicht ganz rund: Ein Jahr nach seinem Rücktritt trennte er sich von seiner Frau, mit der er ein Kind hat.

Heute lebt er mit seiner neuen Partnerin und deren Kindern zusammen. Und natürlich dreht sich auch in dieser Gemeinschaft – wie könnte es bei einem wie Albert Iten anders sein – so einiges um den Sport. Die beiden Mädchen fahren gut und intensiv Ski, darum ist Iten so etwas wie ihr persönlicher Trainer geworden. «Das ist total spannend, zudem hat Skifahren ja auch mit Downhill zu tun.»

Ein paar Jahre war Albert Iten auch im Trainergeschäft tätig: Er war Downhill- und Four-Cross-Trainer und betreute das Nationalteam von 2010 bis 2013. «Ich bin immer noch der erste und einzige Schweizer Downhill-Weltmeister – das wollte ich ändern», sagt er und lacht. Leider ist es ihm nicht gelungen.

Zuger Downhill-Weltmeister

Albert Iten (1962) fuhr zuerst Radquer-Rennen, bevor er 1988 in die Kategorie Mountainbike einstieg. 1991 gewann er an der Weltmeisterschaft in Il Ciocco, Italien, Gold im Downhill-Rennen. Im Bikesport wurde Iten insgesamt dreimal Schweizermeister, zweimal Europameister und einmal Weltcupsieger. Im Radquerfeldein wurde er einmal Zweiter und dreimal Dritter bei Schweizermeisterschaften. Albert Iten lebt in Oberägeri ZG und führt das elterliche Elektrogeschäft weiter.

Einmal Herausforderung, immer Herausforderung

Auch heute noch mag es Albert Iten, wenn etwas läuft. Rumsitzen und Däumchendrehen ist nicht seine Sache. Obwohl er auch gerne mal mit Freunden bei einem Glas Wein sitzt und plaudert. Oder ein Buch liest. «Mich interessiert Psychologie und Technik», verrät er. Der Mensch und seine Möglichkeiten, die er mit neuen Errungenschaften hat – das fasziniert ihn. Und so treibt ihn seit ein paar Jahren eine Idee an, die eigentlich nicht zu einem ehemaligen Profiradler passt: E-Bike. «Warum nicht, schliesslich ist es eine sehr ökologische und leise Art, sich fortzubewegen», meint er.

Zusammen mit der Firma Maxon tüftelt er an einem ultraleichten und hocheffizienten Elektro-Nabenmotor, den man an ein beliebiges Mountainbike anbringen kann. So könne zum Beispiel eine eher unsportliche Person locker mit einem austrainierten Biker eine Ausfahrt machen. «Das wäre doch praktisch», meint Iten. «Sportler brauchen halt immer eine Herausforderung», fügt er an.

 

Mehr Bilder von Albert Iten zeigen wir Ihnen hier in unserer Bildergalerie: 

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