Endlich dürfen Prostituierte wieder arbeiten – nur wartet ein Schuldenberg auf sie
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Sexarbeiterinnen dürfen am 6. Juni wieder ihre Dienste anbieten. (Symbolbild: Adobe Stock)

Luzerner Verein redet von «katastrophalen Zuständen» Endlich dürfen Prostituierte wieder arbeiten – nur wartet ein Schuldenberg auf sie

6 min Lesezeit 1 Kommentar 31.05.2020, 16:30 Uhr

Zwölf Wochen ohne Einkommen. Sexarbeiterinnen dürfen zwar bald wieder ihre Arbeit aufnehmen. Die Geschäftsleiterin des Luzerner Vereins für die Interessen der Sexarbeitenden glaubt aber, dass viele auch noch im Herbst auf finanzielle Unterstützung angewiesen sind.

Es ist ruhig auf dem Strassenstrich Ibach. Wo sonst Frauen in einer Reihe stehen, um ihre Dienste anzubieten, herrscht nun gähnende Leere. So auch in den Luzerner Bordellen, die nach wie vor geschlossen sind.

Nachdem der Bundesrat die ausserordentliche Lage für die Schweiz erklärt hatte, besuchte Birgitte Snefstrup, die Geschäftsleiterin von «Lisa», dem Luzerner Verein für die Interessen der Sexarbeitenden, den Strassenstrich, um den Frauen vor Ort die Situation zu erklären.

Auch die Polizei informierte über das Arbeitsverbot und die Konsequenzen. So realisierten die Sexarbeitenden: Die Lage muss ganz schön ernst sein.

Sexarbeitende kehrten bereits vor dem Lockdown nach Hause zurück

In den letzten zwölf Wochen haben die Sexarbeitenden keinen Rappen verdient. Snefstrup ist überzeugt, dass sich die meisten von ihnen an das Arbeitsverbot gehalten haben. Auch sie hatten Angst um ihre Gesundheit. «Ich erhielt viele SMS und WhatsApp-Nachrichten von Frauen, die mich fragten, wann sie wieder arbeiten dürfen. Und dass sie doch jetzt endlich wieder arbeiten müssen, um genügend Geld zu haben.»

«Das Geschäft ist Anfang März schon völlig zusammengebrochen.»

Birgitte Snefstrup, Geschäftsleiterin Verein Lisa

Januar und Februar seien jeweils schwächere Verdienstmonate für Sexarbeitende. Bereits Ende Februar hat sich abgezeichnet, dass die Schweiz vom Coronavirus nicht verschont bleiben wird. «Das Geschäft ist Anfang März schon völlig zusammengebrochen», sagt Snefstrup. Kunden hatten Angst vor einer Infektion. «Deswegen sind viele Frauen bereits Anfang März in ihre Heimatländer zurückgekehrt, weil sie hier keine Kunden mehr hatten, nichts mehr verdienten.»

«Ich rechne damit, dass die meisten der Sexarbeitenden auch noch im Herbst auf finanzielle Hilfe angewiesen sind.»

Birgitte Snefstrup

Nun dürfen Sexarbeitende per 6. Juni wieder sexuelle Dienstleistungen anbieten. Snefstrup ist froh, dass die Sexarbeit in der Schweiz wieder in einem begleiteten und geregelten Rahmen stattfindet. Nicht, dass die Frauen in der Not in die Illegalität abrutschen. Sie sagt aber: «Sexarbeitende dürfen zwar wieder arbeiten – aber auf sie wartet ein grosser Schuldenberg.» Die Situation sei «prekär». «Und die Zustände werden weiterhin katastrophal sein, sich gar zuspitzen. Ich rechne damit, dass die meisten der Sexarbeitenden auch noch im Herbst auf finanzielle Hilfe angewiesen sind, was beispielsweise das Zahlen von Krankenkassenbeiträgen betrifft.»

Sie sah Tilgungspläne und Ratenzahlungen

Die Sexarbeitenden mussten die Arbeit ruhen lassen, der Mittagstisch «Rosa» und der Beratungscontainer Hotspot des Vereins waren zwar geschlossen. Doch der Verein Lisa hatte deswegen nicht weniger zu tun. Ganz im Gegenteil. «Plötzlich mussten wir uns mit vielen Dingen beschäftigen, die wir sonst nicht machen», sagt Snefstrup. Wie beispielsweise die Post bei Sexarbeiterinnen zu holen, die abgereist sind. Damit beispielsweise Briefe von den Behörden abgefangen werden konnten.

Sex in Hündchenstellung und Maske

Der Dachverband Prokore hat für das Erotikgewerbe ein Schutzkonzept erstellt. Sex gibt’s nur noch mit Masken, Handschuhen und Kondomen. Beim Geschlechtsverkehr sollen Stellungen praktiziert werden, bei denen die Tröpfchenübertragung gering ist und der Abstand zwischen den Gesichtern möglichst hoch ist. Etwa in der Hündchen- oder Reiterstellung.

Zudem sollen die Zimmer nach jedem Gast mindestens 15 Minuten lang gelüftet und die Bettwäsche gewechselt werden. Um im Falle einer Infektion die Infektionsketten sicherzustellen, müssen Kunden ihre Kontaktdaten angeben.

Birgitte Snefstrup hat in den letzten Wochen einen besonderen Einblick in den Alltag der Sexarbeitenden in Luzern erhalten. Die meisten von ihnen seien vor oder während des Lockdowns in ihre Heimatländer zurückgekehrt, zu ihren Familien und Kindern. Viele haben vor der Abreise eine Vollmachtserklärung für den Verein Lisa unterschrieben. «Ich habe Tilgungspläne gesehen, Unmengen von Ratenzahlungen. Viele von den Sexarbeitenden hinken mit ihren Zahlungen immer hinterher, schleppen Schulden mit sich und hoffen auf bessere Zeiten.» Den meisten von ihnen gehe es nie richtig gut, sie seien immer im Verzug.

Mietzinsreduktion? Die meisten Vermieter blockten ab

Es sei eine sehr hektische Zeit gewesen. Mit viel Bürokratie. Rund 25 Sexarbeitende suchten beim Verein Hilfe. Die Mitarbeiterinnen des Vereins Lisa machten Mahnstopps für ihre Klientinnen. Für einen portugiesischen Sexarbeiter mussten sie sich um seine Existenzsicherung kümmern. «Er ist völlig gestrandet», sagt Snefstrup. Er habe einen Arbeitsvertrag bei einem Bauunternehmen, das dann doch keine Arbeit für ihn gehabt habe. Eine Kündigung habe er dennoch nicht erhalten. In Portugal habe er keine Wohnung, keine Familie. Angehörige habe er in Luxemburg, aber mit seinem portugiesischen Pass kam er dort nicht hin. Snefstrup und ihr Team klären nun ab, ob die Baufirma ihm einen Lohn schuldet oder nicht.

«Hohe Schulden können in diesem Milieu schnell zu Abhängigkeiten und Ausbeutung führen.»

Birgitte Snefstrup

Der Verein Lisa nahm Kontakt mit den Vermietern auf, klärte ab, ob eine Mietzinsreduktion möglich sei. «Bei den meisten stiessen wir auf Granit.» Immerhin blieben die Mahnungen aus – doch die Rechnungen sind noch fällig. Die Mieten, die Sexarbeitende bezahlen müssen, seien teils sehr hoch. Wenn die Sexarbeiterinnen ihre Dienstleistungen in ihren Wohnungen anbieten wollen, haben sie wenig Auswahl und bezahlen so hohe Mieten, erklärt Snefstrup.

Ein Teil der Miete wird gezahlt

Sexarbeitende haben zumeist wenig Erspartes auf der Seite. Um sie über die Runden zu bringen, wurde ein Nothilfefonds errichtet. Auch der Dachverband Prokore, der sich für bessere Arbeits- und Lebensbedingungen von Sexarbeitenden einsetzt, hat über die Glückskette Geld gesammelt, das auch dem Verein Lisa zur Verfügung steht. Hinzu kommen lokale Gelder von Stiftungen und Kirchen. «Wir müssen schauen, dass die Schuldenberge begrenzt und die Gesundheitsversorgung erhalten bleiben. Hohe Schulden können in diesem Milieu schnell zu Abhängigkeiten und Ausbeutung führen.»

Mit den Geldern wurden die Krankenkassenbeiträge der Sexarbeitenden bezahlt sowie ein Teil der Mieten. So können sie hoffentlich ihre Wohnungen behalten. Denn wenn die Sexarbeitenden ihre Wohnung verlieren, verlieren sie auch ihre Arbeits- und Aufenthaltsbewilligung.

Sexarbeitende erhalten Startkit mit Maske und Desinfektionsmittel

Snefstrup glaubt, dass das Schutzkonzept umsetzbar ist. Auch auf dem Strassenstrich, wo die Dienstleistungen vorwiegend in den Autos stattfinden. «Die Frauen sind sehr kreativ und werden bestimmt Lösungen finden, um die Massnahmen einzuhalten.» Schwierig sei es eher im Salon, nach jedem Kundenbesuch die Bettwäsche zu wechseln, wenn man keine eigene Waschmaschine habe.

Die Sexarbeitenden werden vom Verein Lisa tatkräftig unterstützt, werden über ihre Rechte und Pflichten aufgeklärt. Der Dachverband Prokore wird zudem das Schutzkonzept auf Bulgarisch, Rumänisch und andere Sprachen übersetzen. «Und wir stellen allen Sexarbeitenden ein Startkit mit Masken, Handschuhen und Handdesinfektionsmittel zur Verfügung.» Der Verein Lisa sieht sich aber nur als Vermittlerin des BAG. Verantwortung müssen die Sexarbeiterinnen als Unternehmerinnen selbst übernehmen. Einen Überlebensgeist haben sie alle, meint Snefstrup.

Das Geschäft werde wohl nicht gleich nach dem Start anlaufen. Viele Kunden würden wohl verunsichert sein – entweder aus Angst vor einer möglichen Infektion oder davor, ihre Kontaktdaten preisgeben zu müssen. Aber es gebe auch andere. Männer, die sich sogar bei ihr melden und fragen, wann sie denn endlich wieder die Sexarbeiterinnen sehen dürfen.

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1 Kommentare
  1. Margrit Grünwald, 01.06.2020, 13:14 Uhr

    Was ist mit den Zuhältern und Schleppern ? Kommen die finanziell unbehelligt davon ?
    Kann gegen Wuchermieten eingeschritten werden?

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