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En Guete: Einmal Hinterländer Bio-Insekten fürs Znacht
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Mehlwürmer tummeln sich auf engstem Raum. Später werden sie zu Pulver verarbeitet. (Bild: pze )

Luzerner könnte bis zu 80 Tonnen produzieren En Guete: Einmal Hinterländer Bio-Insekten fürs Znacht

5 min Lesezeit 14.01.2017, 13:30 Uhr

Ab dem 1. Mai landen in der Schweiz Würmer und Heuschrecken auf dem Teller. Was viele nicht wissen: Eine Luzerner Firma produziert regionale Bio-Insekten. zentralplus zeigt, wie es in der Zucht aussieht und weshalb Insektenzüchter Geheimniskrämer sind.

Es krabbelt, springt und zirpt in den gut geheizten Räumen. Einzelne Heuschrecken hüpfen auf dem Boden umher, sie sind wohl aus ihren Zuchtboxen ausgebüxt. Ansonsten ist die Halle sauber und fast leer. Hier geschieht etwas, was man so nicht erwarten würde: Fleischproduktion. Aber statt Schnitzel oder Pouletbeine produziert die Entomos AG in Grossdietwil bald Speiseinsekten. Die Vorbereitungen dazu sind in vollem Gange.

Im Dezember wurde das Lebensmittelrecht vom Bundesrat angepasst. Ab Mai 2017 dürfen essbare Insekten in der Schweiz verkauft werden. Jetzt wird im Luzerner Hinterland die Produktion essbarer Insekten hochgefahren (zentralplus berichtete). Wie gross der Markt für Mehlwurm, Grille und Wanderheuschrecke dann sein wird, ist noch schwer abzuschätzen. Noch bewegt man sich im Insektenmarkt auf unbekanntem Terrain. 

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Züchter rechnet mit 80 Tonnen

Urs Fanger, Geschäftsführer bei Entomos, rechnet vor: «Wir gehen davon aus, dass zehn Prozent der Bevölkerung am Verzehr von Insekten interessiert ist. Wenn im Schnitt 100 Gramm Insekten pro Jahr gekauft werden, ergäbe das ein Marktvolumen von 80 Tonnen.» Wenn also jede dieser interessierten Personen nur drei Mal jährlich eine Portion Insekten à 30 Gramm isst, werden Fangers Erwartungen bereits erfüllt. «Aber wir wissen es nicht, vielleicht wird auch zehn Mal mehr gekauft.»

Die Heuschrecken nutzen die Eierkartons als Rückzugsort.

Die Heuschrecken nutzen die Eierkartons als Rückzugsort.

(Bild: pze)

Mix aus Import und Eigenproduktion

Es sei ebenfalls schwer abzuschätzen, wie viel des Marktes mit Schweizer Insekten abgedeckt wird, denn importierte Tiere seien momentan noch günstiger, sagt der Insektenzüchter: «Die einheimischen Insekten werden ungefähr doppelt so teuer wie die importierten. Was wir bieten, ist biologischer Anbau.» Das heisst konkret: keine synthetischen Kraftfutter oder Medikamente – alles ganz natürlich. Man werde dann sehen, ob die Kunden eher an Schweizer Insekten interessiert sind oder an ausländischen Produkten. Dementsprechend würde man die Eigenproduktion hochfahren.

Vertrieben werden die Insekten direkt bei Entomos über ihren Online-Shop. Ebenso sei geplant, dass man die Insekten auch im Detailhandel beziehen kann. Weitere Kunden seien Lebensmittelverarbeiter und Gastronomen und Gastrogrosshändler. Konkret könne er eine Vereinbarung mit dem Restaurant Engel in Hüswil nennen, meint Fanger.

Urs Fanger zeigt die Mehlwürmer, die Entomos heute schon verkauft – diese sind aber «Futterinsekten».

Urs Fanger zeigt die Mehlwürmer, die Entomos heute schon verkauft – unter dem Label «Futterinsekten».

(Bild: pze)

Platz gäbe es genügend: «Wir könnten problemlos die ganzen 80 Tonnen bei uns produzieren.» Der Geschäftsführer präsentiert die Box, in der die Insekten gehalten werden: ein Plastikbehälter von ungefähr einem halben Kubikmeter. «In so einer Box entsteht rund ein Kilogramm verwertbare Insekten.» Fanger zeigt die Räumlichkeiten, die man für die Insektenzucht nutzen könnte, und es wird klar: Insektenzucht ist platzsparender als ein Hühnerstall oder eine Rinderweide.

«Wir versuchen, anders als die Natur, möglichst viele Tiere am Leben zu halten.»

Urs Fanger, Geschäftsführer Entomos

Eine Maschine zur Sortierung von Mehlwürmern

Anliegend an den Raum mit den Plastikboxen liegt, abgetrennt durch Plastikvorhänge, der Raum mit den Mehlwürmern. Auf dem Boden liegen die Häute der Larven. Fanger erklärt: «Noch müssen wir die Larven von Hand sortieren. Es gibt verschiedene Stadien, das grössere Larvenstadium ist als Speiseinsekt geeignet.» Die herumkrabbelnden schwarzen Käfer sind also über dieses Stadium hinausgelangt und müssen aussortiert werden.

50 Rappen pro Heuschrecke

Die Entomos AG wurde 2009 als Teil der Andermatt Gruppe gegründet. Die Firmengruppe ist spezialisiert auf biologischen Pflanzenschutz. Entomos produziert Insekten, welche als Tierfutter verwendet werden. Entomos bietet heute schon Insekten an, welche «lebensmittelhygienisch hergestellt» wurden. Verkauft werden die Tiere als gefriergetrocknete Futterinsekten.

Die Preise bei der Entomos für Insekten:

  • Mehlwürmer: 13.25 Fr. / Dose à 50 Gramm
  • Grille: 21.70 Fr. / Dose à 40 Gramm
  • Heuschrecke: 15.60 Fr. / Dose à 35 Stück

Fanger erklärt, der Betrieb habe eine Maschine entwickelt, welche die Insekten in ihre einzelnen Stadien sortiert. Es leuchtet ein, dass mehrere Hundert Kilo Insekten nicht von Hand sortiert werden können. Und die Käfer müssen dringend aussortiert werden – sie gehören nämlich nicht zu den zugelassenen Speiseinsekten.

Insekten nicht im Tierschutzgesetz

Aber eine wichtige Frage stellt sich: Wie steht es um den Tierschutz? Ist so knapp bemessener Platz ein Problem für die Tiere? Im Gegenteil, sagt Fanger: «Die Nähe zueinander ist den Insekten von Natur aus gegeben. Mehlwürmer bleiben auf einem Haufen, nämlich dort, wo Futter ist.» Dies sei bei Grillen genauso. Die Tiere würden also nicht eingeschränkt, so Fanger. «Die Lebensräume verändern wir durch die Haltung eigentlich nicht – wir passen nur Nahrung und Klima so an, dass die Tiere möglichst gut wachsen können.»

Die Grillen ernähren sich von einer Art Gel.

Die Grillen ernähren sich von einer Art Gel.

(Bild: pze)

Man päppelt die Insekten also auf. Dass Tiere sterben, liege aber in der Natur der Sache, sagt Fanger: «Insekten sind ganz anders konzipiert als Säugetiere: Ihr Antrieb ist die Arterhaltung. Das heisst, zwei Tiere produzieren Hunderte von Nachkommen im Wissen, dass 99 Prozent als Futter von Raubtieren oder Naturgewalt zum Opfer fallen.»

Aber als Insektenzüchter sei man interessiert an langlebigen Insekten: «Wir versuchen, anders als die Natur, möglichst viele Tiere am Leben zu halten», so Fanger. Von einer Produktionsbox würde ein Grossteil der Tiere überleben. «Unser Ziel ist es, diese Quote noch zu steigern.» Ein Züchter sei interessiert an sowohl Qualität, sprich Grösse, als auch Quantität der überlebenden Tiere.

«Man geht von einer Haltbarkeit aus, die derjenigen von Fleisch entspricht.»

Urs Fanger, Geschäftsführer Entomos

Dass während der Zucht Tiere sterben, ist aber tierschutzrechtlich problemlos, denn: Wirbellose Tiere fallen nicht unter das Tierschutzgesetz. Dies werde auch so bleiben, sagt der Züchter: «Sonst macht sich jeder strafbar, der zu Hause eine Fliege erschlägt.» Trotzdem achtet man darauf, wie die Tötung vonstatten geht: Bei minus 18 Grad werden die Tiere eingefroren. Innerhalb von kurzer Zeit sterben die Insekten. Danach werden sie schrittweise erhitzt, um Keime abzutöten. «Die Erhitzung ist Teil des Lebensmittelgesetzes. Diesem unterstehen alle Lebensmittelproduzenten, auch die Insektenzucht.»

Die Mehlwürmer können sehr platzsparend gehalten werden.

Die Mehlwürmer können sehr platzsparend gehalten werden.

(Bild: pze)

Dieses Lebensmittelgesetz ist aber noch unvollständig: Die Haltbarkeitsdaten seien noch in Arbeit, so Fanger. Versuche haben gezeigt, tiefgefroren kann man die Tiere bis zu sechs Monate halten. Die Tiere werden aber vor allem gefriergetrocknet, es wird zusätzlich zum Einfrieren das Wasser entzogen. So sind sie sogar bis zu zwölf Monate haltbar.

Insektenzüchter wahren ihre Geheimnisse

Wie genau diese hohen Überlebensquoten erreicht werden, will Fanger nicht sagen, denn: «Unter Insektenzüchtern herrscht grosse Verschwiegenheit. Wie genau man züchtet, ist stets Firmengeheimnis.» Der Grund dafür seien fehlende Möglichkeiten zur Patentierung. Technische Abläufe und Futtermischungen könnten durch kleine Abwandlungen zu einfach umgangen werden, so der Geschäftsführer. «Bei uns arbeitet teilweise ein zehnköpfiges Team an einer Futtermischung. Diese preiszugeben, wäre für den Betrieb unklug.»

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