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Emmer Gemeinderat: Agglomeration ächzt unter Luzerner Verkehrspolitik
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Ist der Verkehrsknoten Luzern gut erreichbar? (Bild: jal)

Luzerner Stadtpräsident kontert die Vorwürfe Emmer Gemeinderat: Agglomeration ächzt unter Luzerner Verkehrspolitik

5 min Lesezeit 20.11.2017, 23:13 Uhr

Riegelt sich die Stadt vom Autoverkehr ab – zu Lasten der umliegenden Gemeinden? Diesen Tadel musste sich der Luzerner Stadtpräsident diesen Montag an einem Podium anhören. Beat Züsli liess den Vorwurf nicht auf sich sitzen und gab in angriffslustiger Manier zurück.

«Wie attraktiv ist eine Stadt, die nicht erreichbar ist?» – Der Titel der diesjährigen Verkehrskonferenz der lokalen Sektion des Touring Club Schweiz (TCS) war gewohnt provokativ. Und er deutete gleich an, wie der Verkehrsclub die Situation beurteilt: Autos könnten den Bahnhof nur noch «über Umwege anfahren», sagte der neue Geschäftsführer Alexander Stadelmann zu Beginn der Veranstaltung am Montagabend in der Messe Allmend. Dabei sei die Erreichbarkeit für einen Standort enorm wichtig, in Luzern aber würde die Entwicklung in eine andere Richtung zielen.

Nicht einverstanden mit diesem Bild war Mobilitätsexperte Thomas Schmid. Der Verkehrs- und Transportberater beim Basler Planungsunternehmen Rapp Trans AG hat Luzern mit den Städten Lausanne, Winterthur, St. Gallen und Lugano verglichen. Mit einem Ergebnis, das viele der 140 Besucher im bis auf den letzten Platz besetzten Saal überrascht haben dürfte: In neun von 14 Kriterien schwingt Luzern obenauf. Beispielsweise, was die Zahl der Velo-, Car- und Auto-Parkplätze im Bahnhofgebiet betrifft. Aber auch bei der Nähe zu den Buslinien und der Autobahn kommt niemand an Luzern heran. «Der Verkehrsknoten Bahnhof Luzern ist sehr gut erreichbar, bis auf Ausnahmebedingungen oder Ereignisfälle», so das Fazit des Fachmanns.

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Allerdings soll das nicht heissen, dass immer alles reibungslos rollt. «Auf der Strasse ist die Kantonshauptstadt zur Hauptverkehrszeit oft überlastet.» Gerade dann sei das Netz für Privatautos und den Wirtschaftsverkehr meist ungenügend. Bereits kleine Störungen könnten dann zu Stau und Unterbrüchen führen, sagte Schmid und verwies als Beispiel auf die Sanierung der Seebrücke Anfang Sommer (zentralplus berichtete). 

Harte Worte aus der Agglomeration

In der anschliessenden Podiumsdiskussion wurde Stadtpräsident Beat Züsli (SP) in die Mangel genommen. Gleich zu Beginn polterte der Emmer Gemeinderat Urs Dickerhof: «Die Stadt schaut nur für sich», sagte der SVP-Politiker. Die Agglomerationsgemeinden müssten diese Verkehrspolitik ausbaden.

«Wir ertrinken im Verkehr.»

Urs Dickerhof, Gemeinderat (SVP) Emmen

«Wir ertrinken im Verkehr», sagte der bekennende Autofahrer, der sich nicht erinnern konnte, wann er letztmals den öffentlichen Verkehr benutzt habe. Viele Pendler würden mit dem Auto vom Land nach Emmen fahren und dort auf den öffentlichen Verkehr umsteigen – und seine Gemeinde zuparken.

«Wenn Emmen Geld hätte», sagte er in Anspielung auf die geplante Steuererhöhung, «würde ich Parkhäuser bauen und viel Geld machen.» Die Lacher im Publikum hatte Dickerhof auf seiner Seite.

Diskutierten eifrig (von links): Jérôme Martinu, Chefredaktor der «Luzerner Zeitung», Luzerns Stadtpräsident Beat Züsli, FDP-Regierungsrat Robert Küng, Vize-Verwaltungsratspräsident von Luzern Tourismus René Kamer und Urs Dickerhof, Emmer Gemeinderat.

Diskutierten eifrig (von links): Jérôme Martinu, Chefredaktor der «Luzerner Zeitung», Luzerns Stadtpräsident Beat Züsli, FDP-Regierungsrat Robert Küng, Vize-Verwaltungsratspräsident von Luzern Tourismus René Kamer und Urs Dickerhof, Emmer Gemeinderat.

(Bild: jal)

Auch FDP-Regierungsrat Robert Küng bestätigte die Verlagerung des Verkehrs. «Man fährt nicht mehr über die Seebrücke, sondern aussenrum und belastet die Agglomeration. Das spüren wir beim Seetalplatz, in Kriens und ganz extrem auf der Autobahn.» Die regelmässigen Staus auf der A14 oder beim Reussporttunnel würden das klar zeigen. Auch die Boomgemeinden im Rontal klagen über immer mehr Verkehr (zentralplus berichtete).

Küng kritisierte zudem das städtische Mobilitätsreglement, das den Autoverkehr zu Spitzenzeiten plafonieren will: «Die Stadt wird vom Wachstum der Region nicht ausgenommen werden.»

Züsli mit einem Seitenhieb

Der Luzerner Stadtpräsident Beat Züsli wehrte sich gegen die Unterstellung, dass die Stadt Luzern für Autofahrer abgeriegelt werde. «Unsere Verkehrspolitik zielt nicht auf eine Verdrängung in die Vorortsgemeinden ab.» Der Verkehr auf der Seebrücke habe in den letzten fünf Jahren abgenommen, in der gleichen Zeit sei die Stadt und die Zahl der Arbeitsplätze hingegen gewachsen. «Man kann also nicht von Abschottung sprechen», sagte Züsli. Er erachtete es als ermutigendes Zeichen, dass Wachstum und eine Verlagerung auf den öffentlichen Verkehr keinen Widerspruch darstellten.

Allerdings räumte er auch ein, dass die Park- & Ride-Strategie bisher nicht wie gewünscht funktioniert. Gleichzeitig erlaubte sich Züsli auch einen Seitenhieb an das Gewerbe, das die städtische Verkehrspolitik oft kritisch beäugt. «Ich bin manchmal erstaunt, wie jene, die sonst immer von Effizienz sprechen, beim Verkehr gerade nicht auf effiziente Mittel setzen wollen.»

Unterstützung erhielt Züsli von René Kamer, der Luzern ebenfalls ein gutes Zeugnis ausstellte. Der Vizepräsident des Verwaltungsrates von Luzern Tourismus und Geschäftsführer von Rail Away sagte: «Luzern ist sehr gut aufgestellt, auch wenn es noch Potenzial gibt.»

Warten auf die grossen Projekte

Was ist also zu tun, um dieses Potenzial zu nutzen oder die skizzierten Probleme zu lösen? Diesbezüglich waren sich die Politiker trotz Differenzen im Grundsatz erstaunlich einig. Das Lösungswort heisst Durchgangsbahnhof. Mit diesem Milliardenprojekt wird Kapazität geschaffen für ein besseres S-Bahn-Netz – und das schafft Abhilfe. «Die Leute müssen in Sursee, Stans und Sarnen auf den öffentlichen Verkehr umsteigen, nicht erst in Emmen», sagte Beat Züsli – und erntete für einmal Beifall von Urs Dickerhof.

Der Durchgangsbahnhof kommt bekanntlich aber frühestens in 20 Jahren. «Wir hinken politisch in der Realisierung hinterher, weil zuerst ein Leidensdruck da sein muss, bevor man investiert», rechtfertigte Küng die lange Wartezeit.

«Die Bedingungen der Stadt sind sehr hart, da braucht es schon noch einen Fight.»

Robert Küng, FDP-Regierungsrat Luzern

Weniger heile Welt herrscht beim anderen Grossprojekt, dem Bypass mit der Spange Nord. Die Stadt wehrt sich bekanntlich gegen die geplante Ausführung, was beim TCS und dem Publikum im Saal teilweise auf Unverständnis stiess. Doch Züsli verteidigte die stadträtliche Haltung. «Wir vertreten hier halt städtische Interessen und den Blick aus der Wohnbevölkerung.»

Der Stadtrat pocht auf eine stadtverträgliche Lösung und macht sich damit beim Kanton keine Freunde. Doch Küng kündigte an, dass der Kantonsrat im Januar über einen Kredit von 6,5 Millionen Franken abstimmen werde, unter anderem für eine Testplanung. Der Regierungsrat zeigt sich einigermassen zuversichtlich. «Wir werden Geld einsetzen, um das Projekt weiterentwickeln zu können», sagte Küng, nicht ohne einen weiteren Pfeil Richtung Stadt abzuschiessen: «Aber die Bedingungen der Stadt sind sehr hart, da braucht es schon noch einen Fight.»

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