Emmen treibt die Kirche aus der Schule
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Die Jesuitenkirche in Luzern, anliegend am Regierungsgebäude. (Bild: giw)

Kaum Platz für Religion in Luzerner Schulhäusern Emmen treibt die Kirche aus der Schule

5 min Lesezeit 14.08.2017, 05:13 Uhr

Die Einführung des Lehrplans 21 erhöht die Anzahl Wochenstunden auf der Primarstufe. Damit wird der Platz an den Schulen knapp – die Landeskirchen müssen sich für den Religionsunterricht vermehrt eigene Räume organisieren. Gar keinen Platz in der Schule mehr hat die Kirche zukünftig in Emmen, knapp wird es in Littau.

Die Jesuitenkirche steht direkt neben dem Luzerner Regierungsgebäude, sakrale und säkulare Macht verschmelzen hier zu einer Einheit. Das zeugt vom Gewicht, das die katholische Kirche in Luzern geniesst. Doch dieses historische Gefüge erodiert  – jüngstes Beispiel sind die Volksschulen. Ab dem Schuljahr 2017/2018 hält der Lehrplan 21 Einzug im Kanton Luzern. Betroffen sind in der ersten Phase Schüler von Kindergarten bis 6. Klasse, die Sekundarschüler folgen in zwei Jahren.

Für die Schüler erhöht sich die Anzahl Lektionen auf dieses Jahr hin. Für die erste und zweite Klasse um eine Stunde, ab der dritten Klasse sind es gar zwei zusätzliche Lektionen, welche die Schüler die Schulbank drücken. Davon betroffen sind unter anderem die Landeskirchen: «Durch die Zusatzstunden wird es in den Schulen enger – zunehmend haben sie keinen Platz mehr für den konfessionellen Unterricht», bestätigt Beatrix Späni von der katholischen Kirche Kanton Luzern.

Der konfessionelle Religionsunterricht wird auf Primarstufe parallel zum offiziellen Schulfach «Ethik und Religionen», neu integriert in den Fachbereich Mensch, Gesellschaft, Gemeinschaft, von den Landeskirchen selbst organisiert. Die Eltern entscheiden, ob ihr Kind den Religionsunterricht einer Kirche besucht.

«Es besteht keine Strategie, den Religionsunterricht aus den Schulen zu treiben.»

Charles Vincent, Dienststellenleiter Volksschulbildung

Ein Beispiel für den Platzmangel ist die Gemeinde Emmen. Die Schülerzahl in der Gemeinde steigt seit Jahren, der Platz in den Schulhäusern wird knapp. Die Gemeinde will Schulanlagen ausbauen, doch die neuen Gebäude können nicht vor 2019 bezogen werden. Deshalb hat die Schule Emmen beschlossen, dem konfessionellen Religionsunterricht ab kommendem Schuljahr keine Räumlichkeiten mehr zur Verfügung zu stellen.

«Keine Strategie»

Aufgrund der dichteren Belegung der Schulhäuser wird den Pfarreien und Kirchgemeinden mit der Einführung des neuen Lehrplans empfohlen, «zeitlich und räumlich auch alternative Möglichkeiten zur Schule in Betracht zu ziehen». Dies steht in der Umsetzungshilfe der Dienststelle Volksschulbildung zur Platzierung des Religionsunterrichts im Rahmen des Lehrplans 21 geschrieben. Im Volksschulbildungsgesetz steht jedoch auch, dass die Schulleitung für den Religionsunterricht «nach Möglichkeit Zeit und Räume zur Verfügung stellt.» 

Charles Vincent, Dienststellenleiter Volksschulbildung, betont: «Es besteht keine Strategie, den Religionsunterricht aus den Schulen zu treiben.» Ein Grossteil der Gemeinden biete weiterhin Platz für den konfessionellen Unterricht, entsprechend den gesetzlichen Grundlagen.

«Gemäss den aktuell bekannten Planungen habe einzig Emmen aufgrund der sehr knappen Platzverhältnisse an den Schulen entschieden, keinen Raum mehr für den Religionsunterricht zur Verfügung zu stellen.» Betroffen sei insbesondere die katholische Kirche, die Reformierten und die Christkatholiken hätten bereits früher den Schulraum kaum beansprucht. 

«Tendenziell wird es schwieriger, Platz für den Religionsunterricht in den Schulhäusern zu finden.»

Beatrix Späni, Katholische Kirche Kanton Luzern

Aufgrund der zunehmenden Schülerzahlen könnte sich die Raumsituation auch in einzelnen weiteren Gemeinden in den nächsten Jahren noch zuspitzen. Es sei zudem Realität, dass der Anteil der katholischen Schüler in den Klassen abnehme, erklärt Vincent. Dadurch werde es zunehmend schwieriger, den konfessionellen Unterricht in den regulären Stundenplan zu integrieren.

Lehrplan 21

Der Lehrplan 21 tritt im Kanton Luzern ab diesem Schuljahr in Kraft. Betroffen sind in einer ersten Phase alle Schüler von Kindergarten bis 6. Klasse, die Sekundarschüler folgen in zwei Jahren. Der Lehrplan gilt für alle 21 Kantone der Deutschschweiz. Das Ziel ist eine Harmonisierung der Bildungsziele, einheitliche Schulsysteme, um den Wechsel der Schüler zwischen den Kantonen zu erleichtern und einen Rahmen für eine gemeinsame Lehrmittelentwicklung und eine vergleichbare Lehrerbildung zu geben.

Statusverlust für die Kirche?

Besonders betroffen sind, laut Beatrix Späni, neben Emmen auch Schulhäuser im Stadtteil Littau. In der Stadt Luzern sei die Situation insgesamt noch relativ entspannt. «Tendenziell wird es jedoch schwieriger, Platz für den Religionsunterricht in den Schulhäusern zu finden», erklärt Späni. Die Landeskirchen werden freundlich, aber bestimmt, aus den staatlichen Schulen verdrängt.

Das ist keine einfache Entwicklung für die katholische Kirche, die im Kanton einst eine einzigartig wichtige gesellschaftliche Institution darstellte. Späni, die seit 22 Jahren die katholischen Katechetinnen und Katecheten im Kanton ausbildet, möchte nicht von einem Statusverlust sprechen. Aber: «Es ist ein Grundanliegen der Kirche, im Lebensraum der Kinder präsent zu sein. Und die Schule ist nun einmal ein wichtiger Bestandteil des Alltags der Kinder. Dementsprechend ist es schon ein Verlust.»

«Ich erlebe es nicht als Rausschmiss.»

Sabine Boser, Fachstelle Religionsunterricht reformierte Kirche Kanton Luzern

Reformierte haben sich bereits organisiert

Gelassener nimmt man die Entwicklung in der reformierten Kirche hin: «Für die meisten Reformierten war es auch bisher keine Selbstverständlichkeit, dass sie in Schulräumen unterrichten. Als Minderheit haben die Reformierten bereits in der Vergangenheit ihren Religionsunterricht oft ausserhalb der Schule in kirchlichen Räumen organisieren müssen», erklärt Sabine Boser, Leiterin der Fachstelle Religionsunterricht.

Dass der Platz für die Landeskirchen an der Volksschule eng wird, sieht Boser denn auch nicht so dramatisch: «Ich erlebe es nicht als Rausschmiss.» Ausserdem sei im Lehrplan 21 vorgesehen, dass die Pädagogen weiterhin auch Fachpersonen wie etwa kirchliche Religionslehrpersonen beiziehen können.
 

Sekundarschule: Kirche nicht mehr für Religionsunterricht zuständig

Mit der Einführung des neuen Lehrplan 21 ist auf der Sekundarstufe nicht mehr die Kirche für den Religionsunterricht zuständig, sondern auch die Klassenlehrpersonen: Im Fach Ethik, Religionen und Gemeinschaft beschäftigen sich die Jugendlichen mit philosophischen und existentiellen Fragen. An der Primarschule wurde dieser Schritt mit der Einführung des Faches Ethik und Religion bereits vor längerer Zeit vollzogen.

Dass im Kanton Luzern das Unterrichten im Bereich Religion auf Sekundarstufe den Klassenlehrpersonen übertragen wird, erachtet Sabine Boser von der reformierten Kirche als eine positive Entwicklung. «Es ist meiner Ansicht nach sinnvoll und wichtig, dass sich alle Schülerinnen und Schüler mit Religionen und Weltanschauungen auseinandersetzen. Das kann so nur in der Schule geschehen.»

Es sei nachvollziehbar, dass die Klassenlehrperson – und nicht Vertreter einer Religionsgemeinschaft – diesen Unterricht erteilen. Zusätzlich zu diesem Unterricht sei es aber für die jeweiligen Religionsgemeinschaften entscheidend, ihren Angehörigen eine «Innensicht» ihrer Religion zu vermitteln, so Boser.

Kritischer empfindet Boser, dass der Bereich «Ethik, Religionen und Gemeinschaft» mit dem Bereich «Berufliche Orientierung» unter «Lebenskunde» erteilt werden wird. Dies berge die Gefahr in sich, dass religionskundliche Fragen nicht genug Gewicht erhalten könnten.

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