Elektronik räumt für Busse die Gegenfahrbahn
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Spitalstrasse beim Schulhaus St. Karli: Vor dieser Ampel wird der vom Spital her auf der Gegenfahrbahn runterfahrende Bus wieder einscheren. (Bild: bra)

Busbevorzugung an Luzerner Spitalstrasse Elektronik räumt für Busse die Gegenfahrbahn

6 min Lesezeit 26.02.2016, 05:05 Uhr

Das Stadtparlament wagt sich an eine Innovation. Mit 36 Ja-Stimmen gegen 7 Nein-Stimmen segnete es diesen Donnerstag den Kredit von 3,1 Millionen Franken für ein für den Kanton Luzern neuartiges Verkehrsleitsystem entlang der Spitalstrasse ab. Sogar Tempo 30 fand eine Mehrheit. Allerdings unter lautem Protest der SVP – die sich für eine für sie völlig untypische Lösung starkmachte.

Busse kommen ab Herbst 2017 auf der zu Stosszeiten chronisch überlasteten Spitalstrasse wieder schneller voran. Dafür müssen Autofahrer etwas länger warten. Um wenigstens den VBL-Bussen Wartezeiten im Stau von bis zu 10 Minuten zu ersparen – und dies allein auf dem 400 Meter langen Abschnitt zwischen Trüllhofstrasse bis St. Karli – soll nun eine sogenannte elektronische Busspur für Abhilfe sorgen. Allerdings nur in den Stosszeiten. Damit soll sich die Wartezeit für die Busse und deren täglich rund 1200 Passagiere auf wenige Minuten verkürzen. Täglich verkehren auf dieser Strasse rund 11’000 Fahrzeuge.

In Stosszeiten steht alles im Stau: So sieht’s an der Spitalstrasse sehr oft aus.

In Stosszeiten steht alles im Stau: So sieht’s an der Spitalstrasse sehr oft aus.

(Bild: SRF)

Busse dürfen auf Gegenfahrbahn an Stau vorbei

Die neuartige elektronische Busspur funktioniert so:

− 18 Uhr, wir befinden uns im Bus auf der Spitalstrasse Richtung Kreisel Kreuzstutz. Nichts geht mehr, alles steht still. Bereits geht der Rückstau ab dem Kreisel über den Bereich St.-Karli-Schulhaus hinaus.

− Nun darf der Buschauffeur per Knopfdruck die elektronische Busspur auslösen. Damit bewirkt er, dass auf dem Bereich Trüllhofstrasse bis St. Karli alle Ampeln auf rot gestellt werden – auch für den Gegenverkehr. Diese Rotphase dauert 70 Sekunden – mit der Folge, dass sich die Gegenfahrbahn entleert.

Auf dem rot markierten Abschnitt soll die elektronische Busspur zum Einsatz kommen.

Auf dem rot markierten Abschnitt soll die elektronische Busspur zum Einsatz kommen.

(Bild: google.maps)

− Nun kann der Bus auf die linke Gegenfahrbahn wechseln, den Stau überholen und vorne beim St. Karli wieder auf die rechte Fahrbahn einfädeln. Das spart Zeit und Nerven. Zumindest für die Buspassagiere. Alle anderen kostet es Zeit und Nerven. Wobei das nicht ganz richtig ist: Für die Velofahrer gibt’s eine separate Velospur, teilweise muss dafür an einzelnen Stellen das Trottoir schmäler gemacht werden.

Hier kommt der Bus nach dem Einfädeln bei der Ampel wieder zu stehen.

Hier kommt der Bus nach dem Einfädeln bei der Ampel wieder zu stehen.

Ein System wie dieses ist in der Schweiz kaum erprobt. So kennt in der Zentralschweiz einzig Zug etwas Vergleichbares. Die Stadt Luzern hat sich dort bei den Verantwortlichen informiert und bescheinigen lassen, dass die elektronische Busspur gut funktionere.

SVP allein auf weiter Flur

Den Auftakt zur Polit-Debatte diesen Donnerstag im Grossen Stadtrat machte Jules Gut namens der GLP-Fraktion. Er rief in Erinnerung: «Der Verkehr auf der Spitalstrasse nimmt immer mehr zu, auch wegen des Wachstums des Kantonsspitals. Das vorliegende Projekt ist nun ein erster Schritt zur Lösung des gordischen öV-Knotens.» Allerdings, so Gut, brauche es noch mehr Massnahmen. Dazu gehört für ihn etwa Tempo 30.

«Diese Lösung verhilft nur dem öV zur freien Fahrt, behindert aber einmal mehr den Autoverkehr.»

Urs Zimmermann, SVP

Stramm gegen das Projekt war die SVP, wie Urs Zimmermann kundtat. «Diese Lösung verhilft nur dem öV zur freien Fahrt, behindert aber einmal mehr den Autoverkehr. Wir sind zudem sehr skeptisch, ob die elektronische Busspur überhaupt funktioniert.» Zimmermann nannte als Beispiel die 70-sekündige Rot-Phase, in der der Bus auf die Gegenfahrbahn darf. «Falls diese Zeit nicht genügt, ist der Kollaps vorprogrammiert. Wir wehren uns gegen solche teuren Experimente.» Eine bauliche Busspur wäre laut Zimmermann viel besser. «Diese kostet zwar eine Million Franken mehr, wäre aber sinnvoller und würde weniger Sicherheitsrisiken bergen.»

Voll hinter ihrem grünen Stadtrat standen natürlich Noëlle Bucher und die Grüne-Fraktion. «Wir sind sehr erfreut, dass unser Anliegen aus dem Jahr 2014 aufgenommen wurde. Die momentane Lage ist für alle Verkehrsteilnehmer unhaltbar. Die elektronische Busspur ist richtig und mutig.» Einziger Nachteil: «Leider wird dadurch auf einem Abschnitt dadurch das Trottoir schmäler. Für Fussgänger ist das nicht ideal.»

Hoher Preis, aber breite Akzeptanz

Ganz ähnlich sah es auch Mario Stübi von der SP: «Seit Jahren besteht auf diesem Abschnitt massiver Handlungsbedarf zu Stosszeiten. Speziell auch für Velofahrer. Es ist ein hoher Preis, den wir für das vorliegende Projekt zahlen. Aber wir akzeptieren diesen Kompromiss.»

«Wir finden es vertretbar, dass dem Autoverkehr keine Verbesserungen angeboten werden können.»

Markus Mächler, CVP

Markus Mächler (CVP) stiess ins selbe Horn. Es sei zwar unmöglich, alle Bedürfnisse abzudecken, aber Nichtstun sei auch keine Option. Mächler bekannte zudem: «Wir finden es vertretbar, dass dem Autoverkehr keine Verbesserungen angeboten werden können.» Auch sei man sich bewusst, dass nach Beginn des Betriebes Ende 2017 möglicherweise nachjustiert werden müsse, weil das Projekt ja schweizweit noch kaum erprobt sei. «Eine separate Busspur, wie es die SVP fordert, scheint mir etwas scheinheilig zu sein. Sie würde nicht nur zu viel kosten, sondern auch kaum ein Problem lösen.»

Support für das Projekt gab’s auch von Rieska Dommann (FDP): «Das Luzerner Spital ist für Besucher und Mitarbeiter kaum mehr zuverlässig erreichbar. Die elektronische Busspur und Verschiebung der Spital-Haltestelle sind geeignet, die Situation zu verbessern.» Die elektronische Busspur in Spitzenzeiten erscheint Dommann als innovativer Lösungsansatz. «Wir sind froh, dass der Stadtrat auf eine bauliche Lösung wie die separate Busspur verzichtet hat. Verkehrsprobleme statt mit Beton mit intelligenten Verkehrsproblemen zu lösen, begrüssen wir sehr.»

«Wir werden mit diesem Projekt einen Sprung nach vorne machen.»

Adrian Borgula, Stadtrat

Daraufhin sah sich SVP-Fraktionschef Marcel Lingg zu einem Statement genötigt: «Mit der elektrischen Busspur kann man keine zusätzliche Kapazität schaffen. Die Verkehrsprobleme an der Spitalstrasse werden so nicht gelöst. Dort gibt’s immer mehr Verkehr, weil das Spital ständig ausbaut. Der Stau wird sich nur verlagern.»

Kantonsspital verbessert Zugang

Interessant sind auch die Pläne, welche das Kantonsspital mit seinen 4500 Mitarbeitern direkt betreffen. Dieses generiert heute 6000 bis 7000 Autofahrten pro Tag. Um den Spitalbesuchern und -mitarbeitenden vermehrt die öV-Nutzung schmackhaft zu machen, werden die VBL-Busse die Haltestelle beim Spital doppelt so häufig anfahren wie bisher.

Zudem soll bereits ab diesem Frühjahr der Zugang zum Spital ab Spitalstrasse verbessert werden. Dazu wird die Bushaltestelle Fahrtrichtung Kreuzstutz, die heute links vor dem Spital platziert ist, auf die rechte Seite direkt vor das Parkhaus verschoben. Dort soll eine der Fahrbahnhaltestellen entstehen. Vom gedeckten Unterstand soll eine neue Liftanlage direkt zur angepassten Passerelle führen. Damit verkürzt sich der Fussweg der mit dem öV anreisenden Spitalbesucher von heute 200 auf noch 100 Meter. Kosten fürs LUKS: zwei Millionen Franken.

Erfolg für Borgula

Der zuständige Stadtrat Adrian Borgula genoss die grossmehrheitliche Zustimmung des Parlaments. Und er versprach: «Wir werden mit diesem Projekt einen Sprung nach vorne machen bezüglich Fahrplansicherheit im öffentlichen Verkehr.» In Bezug auf den massgebenden Engpass beim Kreuzstutz an der Baselstrasse verwies Borgula auf laufende Verhandlungen mit dem Kanton. An die Autolobby gerichtet versuchte er zu besänftigen: «Die Autofahrer werden nur eine Buslänge länger im Stau stehen als bislang. Dafür profitieren die Buspassagiere von bis zu zehn Minuten weniger Verspätung.»

Tempo 30 wird geprüft

Anschliessend debattierte der Rat noch über Tempo 30 auf dem Abschnitt Kreuzstutz bis Kantonsspital. Diese Temporeduktion wurde in einer Protokollbemerkung gefordert. Weil die Strasse dadurch erstens für die Anwohner ruhiger und zweitens sicherer würde, stimmte der Rat auch dieser Massnahme zu. Borgula wies aber darauf hin: «Zuerst muss ein Gutachten bestätigen, dass Tempo 30 auf diesem Abschnitt möglich ist.» So verlange es das Gesetz.

Zweite Etappe folgt

Auf die nun vom Stadtparlament beschlossene erste Etappe soll später noch eine zweite folgen. Die zweite Etappe umfasst noch nicht klar deklarierte Massnahmen ab Spital bis Einmündung Friedentalstrasse.

Auf diesem 350 Meter langen Abschnitt soll ein Betriebs- und Gestaltungskonzept aufzeigen, was möglich und sinnvoll ist. Geklärt werden sollen etwa eine Temporeduktion, eine Busbevorzugung sowie bessere Veloverbindungen. Und: Aufhebung von Quartierparkplätzen. «Damit Rad- und Busbevorzugung überhaupt möglich werden», wie der Stadtrat im Bericht ans Stadtparlament schreibt. Dieses Projekt soll bis Ende Jahr vorliegen, 2017 soll das Parlament den noch unbekannten Kredit bewilligen, gebaut werden könnte frühstens ab 2018.

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