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Einst hat sie Gott gespielt, jetzt als Rockpoetin Luzern erleuchtet
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Tunnelblick über das Publikum hinweg: Schüchtern zeigte sich Alanis Morissette im KKL. (Bild: Marco Masiello)

Blue Balls: Alanis Morissette im vollen KKL Einst hat sie Gott gespielt, jetzt als Rockpoetin Luzern erleuchtet

3 min Lesezeit 27.07.2018, 11:26 Uhr

Alanis Morissette galt einst als wütende junge Frau. Die langen Haare sind weg, heute ist die Sängerin zweifache Mutter, und die Feministin hat Frieden mit der Welt geschlossen. Das Live-Comeback am Blue Balls Festival gelang ihr zum kleinen Triumph.

Man könnte böse sein: Alanis Morissette kann nicht tanzen, deshalb tigert sie wie ein gefangenes Tier in gehetztem Schritt dem Bühnenrand entlang. Sie hat eine unklar artikulierende Stimme stets leicht am Rande des Nervenzusammenbruchs, nur bei den leisen Balladen versteht man ihre Worte.

Doch die 44-jährige Kanadierin ist ungemein sympathisch und leidenschaftlich bei der Sache. Und ihre prägnanten Worte, ach, die können die Heerscharen von – vor allem weiblichen – Fans eh auswendig.

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«Ich bin verloren, doch ich bin hoffnungsvoll, Baby.»

Alanis Morissette

Schon immer verknappte sie ihre Songs zu grosser Poesie, man führe sich nur mal die Lyrics von «Hand In My Pocket» zu Gemüte: «Ich bin high, doch ich bin bodenständig / Ich bin geistig gesund, doch ich bin überwältigt / Ich bin verloren, doch ich bin hoffnungsvoll, Baby.»

Volles Haus: Das Konzert von Alanis Morissette war eines der wenigen ausverkauften dieser Blue-Balls-Ausgabe.

Volles Haus: Das Konzert von Alanis Morissette war eines der wenigen ausverkauften dieser Blue-Balls-Ausgabe.

(Bild: Marco Masiello)

In Schwarzweissmalerei bringt sie da die Suche der Pubertierenden auf den Punkt. Mit diesem Hit und auch «You Oughta Know», «You Learn» oder «Head Over Feet» hatte die kanadisch-amerikanische Sängerin 1995 durchschlagenden Erfolg. Ihr damaliges drittes Werk «Jagged Little Pill» wurde das erfolgreichste Album einer Solosängerin aller Zeiten, mit mehr als 30 Millionen verkauften Einheiten. Und davon spielte sie auch die meisten Songs bei ihrem fast zweistündigen Konzert im Luzerner Saal des KKL.

Bürgerliches Leben

Mittlerweile sind Jahrzehnte vergangen, ein bürgerliches Leben hat die Rockerin eingeholt: Ihren Sohn Ever (7) und Tochter Onyx Solace (2) erzieht sie zu Hause. Und sie hat Schwächen wie viele: Sie war als Teenager magersüchtig, litt nach den Geburten ihrer Kids unter Depression und ist selbst heute noch sichtlich nervös auf der Bühne. Mehr als «Thank you so much» gibt es selten an Interaktion mit dem Publikum. Da beschäftigt sie sich lieber mit ihrer Band, die ihr grandios den Rücken stärkt.

Grandiose Band: Alanis Morissette treibt ihre Mitstreiter immer gerne an.

Grandiose Band: Alanis Morissette treibt ihre Mitstreiter immer gerne an.

(Bild: Marco Masiello)

Alanis Morissette versucht in dieser verrückten Welt als Aktivistin zumindest das Gesicht nicht zu verlieren, wie sie unlängst in einem Interview sagte: «Ich engagiere mich für Umweltschutz, fahre ein Hybrid-Auto, trenne meinen Müll und habe Solarzellen auf dem Dach.» Und einen Ehemann, wie sie bei «Ironic» den Text abänderte.

Ergreifend auch bei anderen Songs: Publikumschöre unterstützen solch schöne Worte, hier frei übersetzt: «Das Leben hat ’ne komische Art / Sich von hinten anzuschleichen / Wenn du glaubst, dass grade alles gut läuft. Das Leben hat aber auch ’ne komische Art / Dir raus zu helfen, wenn alles schiefgeht / Und dir die ganze Welt um die Ohren fliegt.»

Zweiflerin mit grossem Lächeln

Alanis Morissette ist eine Zweiflerin, aber eine mit einem grossen Lächeln, die meist im Tunnelblick über ihr Publikum hinwegschaut. Das wilde Rockstarleben scheint weit weg, die Songs bleiben zum Glück. All the hippies work at IBM, hiess doch mal ein geflügeltes Wort.

Die Miete muss bezahlt sein, klar, deshalb hat sie sich ein zweites Standbein geschaffen. Die 44-Jährige hat auch als Schauspielerin Erfolge vorzuweisen: 1999 spielte sie im Film «Dogma» Gott, in der TV-Serie «Sex and the City» gab sie eine Lesbe und küsste Sarah Jessica Parker.

Wie eine Muse geküsst hat Alanis Morissette im KKL mit ihren Stadionhymnen so manchen, nicht nur mit dem kraftvollen Hit «Thank U». Das könnte man doch nach so einem berauschenden, positiven Abend mit nach Hause nehmen: dankbarer zu sein.

Hier geht’s zu einem Video vom KKL-Auftritt:

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