Einige kämpfen gegen ihren Untergang, andere gegen die Wegwerfmentalität
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Ihn nennt man Mr. Dapper: Albert Gjukaj hat vor wenigen Tagen ein Schuhgeschäft eröffnet, das sich von gängigen Läden unterscheidet. (Bild: wia)

Wie geht's der Schuhmacher-Branche in Luzern? Einige kämpfen gegen ihren Untergang, andere gegen die Wegwerfmentalität

5 min Lesezeit 07.12.2019, 16:00 Uhr

Vor wenigen Jahrzehnten habe es in Luzern noch dreissig Schuhmacher gegeben, sagt man in der Branche. Heute sind es etwa acht. Wie geht es diesen in einer Zeit, in der es allzu leicht ist, neue Schuhe zu kaufen, statt die alten flicken zu lassen. Während einige Schuhmacher resignieren, wagen andere interessante Experimente.

Es ist, als betrete man die 50er-Jahre. Im kleinen Raum stehen schwere, eiserne Maschinen. Schuhe, vor allem Winterstiefel, sind in einem Wandregal und auf der Theke aufgereiht. Zwischen den Maschinen steht Pietro Garofalo und poliert ein Paar Schuhe.

Seit sechs Jahren ist er eigentlich pensioniert, dennoch steht er fast jeden Tag hier in seinem Geschäft an der Zürichstrasse. «Meine Frau ist vor ein paar Jahren gestorben und hier komme ich unter die Leute. Das ist schön. Und wenn ich nicht hier bin, mache ich Ferien», fügt der Süditaliener schmunzelnd hinzu.

Anders als viele seiner Berufskollegen fokussiert er sich einzig auf Schuhe. Schlüssel und Stempel bietet er nicht an. Wir sind hereingeschneit, um der Branche auf den Zahn zu fühlen. Dies insbesondere, nachdem uns ein Branchenkenner erklärt hat, dass von den einst 30 Schuhmachern in der Stadt Luzern heute nur noch rund 8 ihrem Handwerk nachgehen.

Turnschuhe machen den Schuhmachern den Garaus

Die wirtschaftliche Lage sei insofern etwas schwieriger als früher, als heute viele Menschen Turnschuhe tragen würden, schätzt Garofalo ein. Und diese könne man kaum reparieren. Weiter sagt der Mann, der sein Geschäft bereits seit Jahrzehnten führt: «Es ist schon wahr, dass viele Menschen heute Schuhe von minderer Qualität tragen, bei denen etwa die Sohle aus Kunststoff ist, anstatt aus richtigem Gummi. Die sind nicht nur rutschiger, sondern auch deutlich aufwändiger zum flicken.»

Er blickt auf unseren linken, malträtierten Schuh. «Gäbed Sie mier de mal.» Wortlos stellt er sich in den hinteren Teil des Raums, poliert, wachst, poliert, kommt zurück. Der Schuh sieht deutlich besser aus. Nun will Garofalo auch den rechten Stiefel und unterzieht ihn derselben Prozedur.

«Wir kämpfen weiter.»

Luzerner Schuhmacher

Dass der Schuhmacher seinen Job gerne macht, ist unübersehbar. Nicht allen geht es jedoch gleich. In anderen Betrieben ist man deutlich ernüchterter über die Entwicklung der letzten Jahrzehnte.

Pietro Garofalo bei der Arbeit in seinem eher unscheinbaren Geschäft.

Das grosse Warten auf die Krise

«Wir kämpfen weiter», sagt ein Schuhmacher, der nicht mit Namen genannt werden will. Er wirkt müde, ernüchtert. «Es ist ein freier Markt, darum bin ich nicht dagegen, wenn ein neuer Betrieb eröffnet», sagt der Mann schulterzuckend.

Ein weiterer Schuhmacher, der seinen Namen ebenfalls nicht öffentlich machen will, sagt etwas zynisch: «Wir gehören zur Landesversorgung. Ich warte eigentlich nur auf die nächste Krise. Dann kommen die Leute schon wieder.»

Michael Adlun, der eine Schuhmacherei in der Altstadt führt, sieht die Sache weniger brenzlig. Auch wenn er bestätigt, dass früher mehr Arbeit vorhanden war. Nicht nur bei den Schuhen, auch in Sachen Schlüsselkopie und Stempelproduktion. «Die Leute haben immer häufiger gesicherte Schlüssel oder elektronische Autoschlüssel, die ich nicht machen kann», sagt Adlun.

Michael Adlun in seinem Geschäft im Luzerner Süesswinkel.

Plötzlich wird die Sache chic

Nach unserem Besuch einiger teils fast antik anmutender Werkstätten sind wir umso verblüffter, als wir «Mr. Dapper» an der Pilatusstrasse betreten. Sanftes Licht durchflutet den kleinen Raum, ausgewählte Herrenschuhe werden präsentiert, die Farben Braun und Bordeaux dominieren. In einer Ecke steht eine riesige alte Landis-Nähmaschine.

Albert Gjukaj grüsst herzlich. Auf den Laden, den er mit zwei Geschäftspartnern vor einer Woche eröffnet hat, ist er sichtlich stolz. «Eigentlich bin ich gelernter Automechaniker», erzählt er. «Danach habe ich jedoch bald eine Weiterbildung gemacht zum Schuhmacher.» Dies sei ihm jedoch nicht genug gewesen.

«Ich wollte nicht nur Absätze und Sohlen reparieren.»

Albert Gjukaj aka Mr. Dapper

«Ich wollte nicht nur Absätze und Sohlen reparieren. Deshalb habe ich diverse Kurse besucht, etwa auch in den USA und mich selber weitergebildet», so Gjukaj, den sein Umfeld nur Mr. Dapper nennt. «Im Februar werde ich einen Kurs in London besuchen zu Schuhpatina.»

Es scheint, als wolle Gjukaj insbesondere wohlhabendere Kundschaft anziehen. «Nun, die Schuhe, die wir hier verkaufen, kosten zwischen 430 bis 850 Franken, das stimmt. Doch wenn man bedenkt, dass man die fünf Jahre und bei richtiger Pflege ein Leben lang tragen kann, ist das nicht viel.»

Ausserdem würden die Reparaturen etwa gleich viel kosten wie bei einem herkömmlichen Schuhmacher. Dennoch hat er sich auf die Reparatur von teureren Schuhen spezialisiert. Ist Luzern dafür der richtige Ort? «Ich denke schon. Ein Laden wie dieser fehlte hier in der Stadt bisher», sagt der 35-Jährige.

Der Fokus liegt auf Reparaturen

Die Nachhaltigkeit ist ihm wichtig, den Online-Reparatur-Service nennt er Anti-Wegwerf-Service. «Dieser ist gerade für Leute geeignet, die viel arbeiten und wenig Zeit haben, selber beim Schuhmacher vorbeizugehen. Sie schicken die Schuhe uns, wir reparieren sie, und senden sie innert vier bis fünf Tagen zurück.»

Reitet man also bewusst auf der grünen Welle? Das sei eher Zufall, konstatiert der Start-up-Unternehmer. «Das Thema Nachhaltigkeit war mir schon immer wichtig. Das Rindsleder kommt aus Österreich, der Schweiz, Deutschland und Spanien. Hergestellt werden die Schuhe in Mallorca und Österreich von Hand.» Auch diesbezüglich also sei man um Nachhaltigkeit bemüht.

Ob das Konzept von Mr. Dapper bei den Luzernern Anklang findet, wird sich weisen. Starke Unterstützung hat man jedenfalls. Leo Grüter, Leiter Departement Firmenkunden und Private Banking der Luzerner Kantonalbank, ist Teilhaber der Mr. Dapper GmbH.

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