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«Einige Branchen sind für euch einfach ‹grusig›»
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Die Diskussionsrunde (von links): Gaudenz Zemp, Ivan Buck, Moderatorin Gabriela Amgarten, Arlette Fischer und Fabian Peter. (Bild: sib)

Chef Gewerbeverband Luzern attackiert Gewerkschaften «Einige Branchen sind für euch einfach ‹grusig›»

5 min Lesezeit 14.10.2019, 18:53 Uhr

Am Montagnachmittag lud Lustat zum diesjährigen Meeting. Die Frage nach der Konkurrenzfähigkeit der Luzerner Wirtschaft stand im Raum. In der Podiumsdiskussion kristallisierte sich heraus: Über den aktuellen Stand herrscht Einigkeit, über das Warum nicht wirklich.

Wer davon ausging, am Lustat-Meeting 2019 unter dem Motto «Luzerner Wirtschaft – konkurrenzfähig und fit für die Zukunft?» herrsche sowieso Meinungseinbahn, wurde am Montagnachmittag im Luzerner Messegebäude eines Besseren belehrt. Grund dafür war die Podiumsdiskussion zwischen dem Direktor des Luzerner Gewerbeverbands und FDP-Kantonsrat Gaudenz Zemp, dem Direktor der Wirtschaftsförderung Ivan Buck, FDP-Regierungsrat Fabian Peter und Arlette Fischer (SP), bis 2017 Vizepräsidentin des Luzerner Gewerkschaftsbunds.

Bei der ersten Frage von Moderatorin Gabriela Amgarten, wie es um die Wettbewerbsfähigkeit der Luzerner Wirtschaft stehe, herrschte noch totale Einigkeit: Sieben von zehn Punkten, antworteten die Diskussionsteilnehmer unisono. Zemp präzisierte: «Die Zahlen zeigen: Unser Kanton befindet sich im Aufwind, wir haben aber auch auf einem tiefen Niveau begonnen. Gegen oben wird die Luft dünner werden, vor allem weil manche Nachbarkantone noch wettbewerbsfähiger sind.»

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«Die KMU können nicht mithalten.»

Gaudenz Zemp, Direktor Gewerbeverband Luzern

Arlette Fischer sprach in diesem Zusammenhang von «dunklen Wolken am Horizont». Sie sprach die globale Wirtschaftslage an, unter anderem den Handelsstreit zwischen den USA und China. «Es gibt ein grosses Fragezeichen, ob wir diese sieben halten können», so ihr Fazit.

Die offene Schere

Zemp machte keinen Hehl daraus, dass er als Vertreter der KMU anwesend sei, welche im im Kanton Luzern durchschnittlich mit sechs Mitarbeitern auskommen müssten. «Nur diese betrachtet, würde ich sogar von einer Sechs sprechen. Denn wir haben eine enorm grosse Schere: Die Produkte von Grossunternehmen werden immer günstiger – einen Drucker gibt es inzwischen beispielsweise für 70 Franken. Da können die KMU nicht mithalten.»

«Irgendwann wird man unsere Luxusuhren auch in China kaufen können.»

Arlette Fischer, ehemalige Vizepräsidentin Luzerner Gewerkschaftsbund

Fischer war in diesem Punkt durchaus einig mit Zemp: Kleine, innovative Firmen müssen möglichst im Kanton gehalten werden. «Nicht nur aufgrund der Wirtschaftskraft, sondern weil diese auch viel in die Ausbildung von jungen Arbeitskräften investieren.» Abermals hob sie den Zeigefinger, dass man beginnen müsse, übergeordnet und nicht bloss an möglichst tiefe Steuern zu denken. «Es sollte darum gehen, für die Luzerner Wirtschaft Schwerpunkte zu setzen, um uns positionieren zu können.» Die Pharmabranche werde beispielsweise bereits durch Basel abgedeckt. Stattdessen könne man in Richtung Gesundheit und Soziales gehen mit den in Luzern domilizierten Versicherungen und der Suva.

Weg vom billigen Tourismus

Während Fabian Peter zugab, dass Luzern durchaus noch eine wertschöpfungsstarke Branche gebrauchen könnte, konfrontierte Gabriela Amgarten Fischer mit einer früher gemachten Aussage, die SP-Frau wolle einen Abbau der Landwirtschaft sowie des billigen Tourismus. «Wir müssen vom Massentourismus wegkommen und beispielsweise durch einen Kulturausbau die Aufenthaltsdauer der Touristen verlängern», erklärte Fischer. «Unser aktueller Tourismus ist sehr anfällig – irgendwann wird man unsere Luxusuhren auch in China kaufen können.»

Daraufhin kam die Runde auf die Landwirtschaft zu sprechen. Fabian Peter wies darauf hin, dass nur noch 1,5 Prozent der Wertschöpfung im Kanton Luzern durch die Landwirtschaft generiert wird, 5 Prozent sind noch in diesem Sektor beschäftigt.

Zemp sprach, an Fischer gewandt, von einem Zielkonflikt in der Landwirtschaft: Einerseits soll sie absolut verlässlich sein, andererseits möglichst nachhaltig. «Durch das breite Angebot – in der Migros von M-Budget bis Sélection – entscheidet der Kunde heute selbst über seine Präferenzen. Ihr Linken steht da manchmal auf dem Schlauch», fand er deutliche Worte. Und – unter anderem auf die Pharmabranche hinweisend – «sind einige Branchen doch einfach zu ‹grusig› für euch», schob Zemp nach. Fischer warf dem FDP-Kantonsrat draufhin ein «ausgeprägtes Links-rechts-Denken» vor.

Was ist mit den Kitas?

Als es um Fragen aus dem Publikum ging, ergriff Maria Pilotto (SP), Mitglied des Grossen Stadtrats, das Wort. Sie wollte von den Diskussionsteilnehmern wissen, was bezüglich Rahmenbedingungen getan werden müsse, um die Vereinbarkeit von Beruf und Familie zu fördern. Aus Sicht von Fabian Peter offenbar nicht allzu viel. «Dies ist auch Sache der Gemeinde, was gut so ist. Denn sie sind am nächsten dran und können das Bedürfnis beispielsweise nach Kitas am besten einschätzen.»

Vor der Podiumsdiskussion referierte Regierungsrat Fabian Peter zu den Perspektiven der Luzerner Wirtschaft.

Ivan Buck antwortete ganz im liberalen Sinne, dass die Wirtschaft einen grossen Teil davon selbst regle. «Die Unternehmen müssen heute bezüglich Förderung von Kitas oder Arbeitszeiten flexibel denken – sonst bekommen sie die gut ausgebildeten Arbeitskräfte gar nicht mehr.» Nach Meinung von Arlette Fischer brauche es hingegen den Staat, um die Chancengleichheit zu wahren. «In anderen Ländern beispielsweise sind Tagesschulen längst zur Selbstverständlichkeit geworden.»

Nur gemeinsam geht es

In der Schlussrunde brachte Ivan Buck zum Ausdruck, dass er die Beibehaltung der Steuerstrategie des Kantons Luzern begrüsse. Als Beispiel für das Funktionieren eben jener nannte er die Sportmarke Adidas, die nach Root kommt (zentralplus berichtete): «Wenn wir steuerlich nicht attraktiv wären, wären wir gar nicht auf deren Radar gekommen. Doch es hat auch geholfen, dass Luzern eine touristische Top-Marke ist.» Hingegen müssten im Kanton die Forschung und Entwicklung stärker gefördert werden, so gebe es beispielsweise bei den Patentboxen noch Potenzial. In Luzern beträgt die Steuerentlastung 10 Prozent – dem Minimum.

Am Schluss waren sich dann doch alle wieder einig: Die wirtschaftlichen Herausforderungen im Kanton Luzern können nur durch ein Miteinander und im Diskurs zwischen Arbeitnehmer und -geber sowie der Politik bewältigt werden.

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