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«Einen Gefängnisausbruch wird es wieder geben»
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Der neue Gefängnisdirektor vor seinem Betrieb. (Bild: zvg )

Das Gefängnis Bostadel unter neuer Leitung «Einen Gefängnisausbruch wird es wieder geben»

7 Min 22.02.2015, 12:00 Uhr

Andreas Gigon führt einen aussergewöhnlichen Betrieb. Denn neben den knapp 100 Angestellten hat er die Leitung über 120 Verbrecher, die in seinem Betrieb, der Strafanstalt Bostadel untergebracht sind. Obwohl Gigon erst seit knapp zwei Monaten im Amt ist, ist die Strafanstalt kein Neuland für ihn.

120 Männer wohnen irgendwo im Nirgendwo, hinter den Menzinger Hügeln, idyllisch gelegen an der Sihl. Das Postauto hält hier nur gerade siebenmal täglich. Mehr ist nicht nötig. Denn hierher kommt kaum jemand mit dem öffentlichen Bus. Und wer kommt, der bleibt meist für mehrere Jahre, manchmal für Jahrzehnte, hie und da auch für immer. Die Rede ist von der Strafanstalt Bostadel in Menzingen.

Der Fussballmatch muss warten

Der Pfad, der ums Gefängnis herumführt, ist verschneit und hat nur wenige Spuren. Es sind die Spuren von Sicherheitsleuten und deren Wachhunden, die in unregelmässigen Abständen um das Gebiet patrouillieren. Der Gefängnishof ist leer, ebenso der verschneite Fussballplatz, der nur während den wärmeren Jahreszeiten genutzt werden kann.

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Der neue Gefängnisdirektor Andreas Gigon

Der neue Gefängnisdirektor Andreas Gigon

(Bild: zvg)

Einer der Glücklichen, die das Gebäude nach Belieben verlassen dürfen, ist Andreas Gigon. Seit Anfang dieses Jahres ist er der Gefängnisdirektor des Bostadels.

Wie Gigon erklärt, sind die zwei Trakte des Gebäudes voll. «Das ist schon immer so, seit ich hier bin», erklärt Gigon. Also seit 2008, als Gigon die Leitung des psychologischen Dienstes der Strafanstalt übernommen hatte. Angefangen hat Gigons beruflicher Weg mit der Ausbildung zum Sozialpädagogen. Erste Einblicke in die Gefängniswelt gewann der heute 47-Jährige damals im Stadtbasler Jugendstrafvollzug.

Die Sonne scheint. So freundlich wie heute wirkt der Bostadel wohl nur selten. Und trotzdem verursachen die hohen grauen Mauern, die Zäune und Stacheldrähte ein beklemmendes Gefühl. Nach einem Rundgang betreten wir, mit dem Einverständnis des Pförtners, den Bürobereich des Bostadels. Es riecht nach Schule, sieht auch so aus. Nicht unfreundlich ist es, an den Wänden hängt Kunst. Gigons Büro ist gross und wirkt umso grösser, da es erst spartanisch eingerichtet ist. Eine Grundsatzfrage drängt sich auf: Warum wird man überhaupt Gefängnisdirektor?

Eine Mischung aus Patron und Manager

«Das war eine logische Folge. 2010 wurde ich zum Leiter Vollzug und Mitglied der Geschäftsleitung befördert, im Sommer 2013 übernahm ich ad interim die Funktion des Vizedirektors. Ich weiss nicht, ob ich mich sonst auf eine andere Stelle als Gefängnisdirektor beworben hätte», erklärt Gigon.

«Ich verstehe meine Aufgabe als eine Mischung aus Manager und Patron», definiert sich Gigon. Als Manager der knapp 100 Mitarbeiter, trage er beispielweise die Verantwortung dafür, Stellen neu zu besetzen und Strategien zu entwickeln, damit man den Anforderungen der verschiedenen Kundengruppen gerecht werden könne.

Der Bostadel verfügt über sechs Produktionsbetriebe, die für externe Kunden produzieren und jährlich und an die drei Millionen Franken Umsatz machen. «Diesbezüglich müssen wir natürlich Kunden akquirieren und Aufträge generieren.» Als Patron hingegen müsse Gigon eine Figur sein, die den Betrieb repräsentieren könne, die dazu schaue, dass «der Laden laufe». Etwa einmal im Monat gibt es eine sogenannte Audienz, bei der Inhaftierte unangemeldet vorsprechen können, wenn sie ein Bedürfnis dazu haben. «Fast immer geht es dabei um finanzielle Anliegen.»

«Es ist ein Widerspruch: Wir sperren Leute ein, aber bereiten die Gefangenen gleichzeitig auf ein Leben draussen vor.»

Andreas Gigon, Gefängnisdirektor der Strafanstalt Bostadel

Eine weitere Aufgabe des Direktors ist es, Entscheide zu fällen, wenn ein Gefangener die Hausordnung missachtet. Doch wie bestraft man jemanden, der ja sowieso schon im Gefängnis sitzt? «Wenn ein Gefangener einen anderen beispielsweise tätlich angreift, wird er dafür mit einer Arreststrafe belegt und vorübergehend vom Grosskollektiv isoliert, quasi ein Gefängnis im Gefängnis. Die Massnahmen, die ausserhalb des Gefängnisses praktiziert werden, wenden wir auch hier drin, in diesem Mikrokosmos, an.»

Denn schlussendlich gehe es auch darum, die Gefangenen zu resozialisieren und auf die Freiheit vorzubereiten. Die Resozialisierung ist neben dem Vollzug von Strafen die zweite Hauptaufgabe des Gefängnisses. «Das ist ein Widerspruch. Wir sperren sie ein, aber bereiten die Gefangenen gleichzeitig auf ein Leben draussen vor.»

Spektakulär ist nur der Entzug der Freiheit

Es ist eine grosse Verantwortung, die Gigon seit Kurzem trägt. Der Basler relativiert jedoch: «Der Bostadel ist gut organisiert und strukturiert. Die Situationen, die auf uns zukommen sind daher zu einem grossen Teil berechenbar. Natürlich bestehen Gefahren, beispielsweise Fehleinschätzungen, oder dass Mitarbeiter ein Fehlverhalten an den Tag legen, wie es in jedem Betrieb vorkommen kann.»

Aber grundsätzlich sei der Strafvollzug kein spektakuläres Thema, findet Gigon. «Denn was machen wir hier? Es ist ein Betrieb, die Leute arbeiten, werden weitergebildet, resozialisiert, das wars. Spektakulär ist, dass den Leuten hier ihr höchstes Gut entzogen wird: Ihre Freiheit.»

Gibt es Inhaftierte, die eine solche Einschränkung der Freiheit gar nicht schlimm finden? «Das glaube ich nicht. Es gibt viel eher Leute, die schon so lange hier sind, dass sie niemanden mehr haben draussen. Die trauen sich auch gar nicht zu, in der Freiheit Fuss zu fassen.» In solchen Fällen, also wenn jemand im Alter von 60 oder 70 aus dem Gefängnis entlassen werde, käme diese Person allenfalls in ein Männerheim oder, je nach Gesundheitszustand, vielleicht sogar gleich ins Pflegeheim.

Raus aus der Opferhaltung, rein in die Besserung

Die Menschen, die im Bostadel inhaftiert sind, kamen nicht hierher, weil sie Äpfel vom Nachbarsbaum geklaut haben. Über die Hälfte der Insassen ist wegen Vergehen gegen Leib und Leben hier, ein Viertel, weil sie gegen das Betäubungsmittelgesetz verstossen haben.

Diese Menschen zu stigmatisieren liegt Gigon jedoch fern: «Die Taten, welche diese Leute begangen haben sind nur Ausschnitte. Vorher und nachher sind es Menschen wie Sie und ich. Es gibt eine ganz kleine Gruppe von Tätern, die derart psychisch krank sind, dass sie eine permanente Gefahr darstellen – auch für uns im Strafvollzug. Wegen denen müssen wir stets wachsam sein. Alle anderen funktionieren prima und sind im Grossen und Ganzen gesund. Ausser dass sie eben diese Straftat begangen haben.»

«Die Umwelt macht nicht einfach etwas mit einem. Und das ist ein Argument, das viele Gefangene vorlegen.»

Andreas Gigon, Gefängnisdirektor der Strafanstalt Bostadel

Und Gigon hat offenbar auch viel Hoffnung für sie übrig. «Ich sehe ja, dass ich mich persönlich weiterentwickeln kann, darum glaube ich auch an eine Entwicklung bei den Gefangenen. Ich bin kein Fan der These, dass die Umwelt hauptverantwortlich ist dafür, wie ein Mensch wird.» Einiges liege zwar an der Umwelt, doch Gigon ist sich sicher, dass der Mensch letztendlich sehr vieles selber bewirken könne.

Das Gefängnis Bostadel

Die Strafanstalt Bostadel entstand 1977 als Ersatzbau für die Strafanstalt Basel und wird seither von den Kantonen Zug und Basel-Stadt gemeinsam betrieben. In der Strafanstalt arbeiten 77 Angestellte, dazu kommen nebenamtliche Mitarbeiter in den Bereichen Gesundheitsdienst, Weiterbildung und Seelsorge. Im Bostadel sind vor allem Straftäter mit besonderer Flucht- oder Gemeingefahr inhaftiert. Im Normalvollzug werden 108 Gefangene betreut, in der Sicherheitsabteilung sind es maximal 12. Die Inhaftierten arbeiten in den sechs Produktionsbetrieben Metallbearbeitung, Kartonage, Malerei/Ablaugerei, Schreinerei/Stuhlflechterei, Korbflechterei und Montage.

«Die Umwelt macht nicht einfach etwas mit einem. Und das ist ein Argument, das viele Gefangene vorlegen. ‹Ich habe meine Frau umgebracht. Ich hatte viele Probleme und war betrunken.› Dann erkläre ich, dass es viele Männer gibt, die zu viel trinken und Probleme haben und ihre Frau trotzdem nicht töten. Ich frage dann, was die Tat also mit einem selber zu tun hat. Aber ich glaube absolut, dass der Mensch sehr viel Potenzial hat, sich zu entwickeln und aus der Opferhaltung herauszukommen, die viele Insassen haben. Das ist die Voraussetzung für eine Besserung.»

Beschäftigung gegen Radikalisierung

Nicht immer, aber oft brauche es Hilfe, damit Straftäter sich ihrer Tat bewusst werden und Verantwortung dafür übernehmen. «Es braucht Leute, die sie konfrontieren. Wenn die Häftlinge ihre Strafe nur absitzen, ist die Gefahr gross, dass sie noch geschädigter rauskommen als sie reinkamen. Denn es gibt einige Menschen hier drin, die delinquentes Gedankengut mit sich herumtragen und ohne Unterstützung viel Zeit haben, um weitere Straftaten zu planen und Kontakte zu knüpfen. Man ist sich über diese schädlichen Folgen des Strafvollzugs bewusst.»

Wie kann man mit diesem Problem umgehen? «Nehmen wir mal das Beispiel der ideologischen Radikalisierung in Gefängnissen. Wenn man einem Inhaftierten von Anfang an eine Tagesstruktur, Arbeit, ein Sportangebot oder Weiterbildungen bietet, kann man die Leute davon abhalten, auf solche Ideen zu kommen.» Ausserdem hätten alle Angestellten eine Vorbildrolle gegenüber den Häftlingen, ist Gigon überzeugt.

«Das ist ein ewiges Katz-und-Maus-Spiel.»

Andreas Gigon, Gefängnisdirektor der Strafanstalt Bostadel

Häftling zu sein ist nicht lustig. Besonders heute, wo die Massnahmen für Häftlinge viel restriktiver sind als noch in den 80er Jahren. Die Statistik belegt das. Mitte der 80er-Jahre wurden 850 Urlaubstage gesprochen, 2014 waren es indes nur noch 4. Auch sonst habe sich einiges verändert, erklärt der Gefängnisdirektor: «Viel früher hat man mit den Gefangenen noch Velotouren gemacht, einige hatten ihr Auto hier und sind tagsüber nach Zürich zur Arbeit gefahren. Auch eine der Werkstätten befand sich ausserhalb des Areals.» Die Veränderungen der letzten Jahrzehnte widersprechen also der landläufigen Ansicht, dass in den Schweizer Gefängnissen Kuscheljustiz betrieben werde.

Geiselnahmen und Helikopterfluchten im Visier

2004 ist das letzte Mal ein Häftling aus dem Bostadel ausgebrochen. Hat Gigon Angst vor einem erneuten Ausbruch? «Für mich ist es das absolute No-Go. Das wäre ein Zeichen, dass wir unseren Auftrag, den Strafvollzug, nicht erfüllt haben. Aber das wird es wieder geben, statistisch gesehen. Wir verschliessen die Strafanstalt immer mehr, und sie schauen, wie sie hier rauskommen. Natürlich wird es immer schwieriger. Dennoch gibt es Themen die uns beschäftigen, wie beispielsweise Geiselnahme oder die Flucht per Helikopter. Das ist ein ewiges Katz-und-Maus-Spiel. Auch wenn die Gefängnisse immer sicherer werden: Das Restrisiko bringt man nicht weg.»

 

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