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«Einen amtierenden Bundesrat nicht abwählen zu dürfen, ist ein alter Zopf»
  • Politik
Cécile Bühlmann kandidierte einst auch als Grüne für den Bundesrat. (Bild: hae)

Luzernerin Cécile Bühlmann wird 70 «Einen amtierenden Bundesrat nicht abwählen zu dürfen, ist ein alter Zopf»

5 min Lesezeit 03.12.2019, 10:30 Uhr

Diesen Dienstag feiert die Luzerner alt Nationalrätin Cécile Bühlmann ihren 70. Geburtstag. Die Menschenrechte, die Gleichberechtigung von Mann und Frau sowie eine Welt, in der alle Zugang zu Arbeit und sozialer Sicherheit erhalten, gehören nebst dem ökologischen Aspekt zu ihren zentralen Anliegen. Dem amtierenden Bundesrat stellt sie kein gutes Zeugnis aus.

«Unabhängigkeit bedeutet alles», sagte einst der irische Schriftsteller Oscar Wilde. 

Dieses Zitat passt zur Biografie von alt Nationalrätin Cécile Bühlmann. Schon früh verspürte die grüne Politikerin mit den roten Haaren den Wunsch, auf eigenen Beinen zu stehen, sowohl in beruflicher als auch in privater Hinsicht. Im Alter von 15 Jahren schloss sie eine Wette ab, indem sie beteuerte, niemals heiraten und Kinder haben zu wollen, was letzten Endes auch eingetroffen ist.

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Die Jubilarin hat sich stets gegen das klassische Lebensmodell gewehrt, das darin bestand, dass der Mann für die Finanzen und die Frau für die Haushaltsarbeiten zuständig ist. «Für mich war schon seinerzeit klar, dass ein Paar mit Kindern die gemeinsamen Aufgaben gerecht aufteilen muss, und dies scheint mir auch in der heutigen Zeit bei weitem noch nicht umgesetzt zu sein.» Viele junge Frauen würden zwar auch nach einer Geburt erwerbstätig bleiben, doch nähmen sie oftmals ein kleineres Arbeitspensum wahr, was dazu führe, dass ihre soziale Sicherheit im Alter stark beeinträchtigt werde.

In diesem Sinne rät die 70-Jährige ihren Geschlechtsgenossinnen, die rosarote Brille auch in Phasen der Verliebtheit hin und wieder abzunehmen und herauszufinden, ob der potentielle Partner einer modernen Familienstruktur positiv gegenüberstehe. Cécile Bühlmann hat sich seit jeher für das Gleichstellungsgesetz eingesetzt und zudem in jeder Session einen Frauenanlass für die Parlamentarierinnen organisiert.

Sie erinnert sich: «Im Jahre 1970, als die Schweiz über die Überfremdungsinitiative von James Schwarzenbach abstimmte, die schliesslich abgelehnt wurde, ärgerte ich mich masslos darüber, dass ich nicht meine Stimme abgeben durfte. Die Erfahrung dieser Ungerechtigkeit hat mich dazu gebracht, die Frauenrechte vehement zu verteidigen.»

Wichtige Vorreiterin

Die alt Nationalrätin wirkt entschieden und engagiert wie seinerzeit im Parlament. Sie gehörte allerdings nicht zu jenen, die zahlreiche Abstimmungen gewonnen hat. «Diesbezüglich fällt meine Bilanz eher bescheiden aus», gibt sie unumwunden zu. Aber sie kann sich als Pionierin bezeichnen, welche die grünen Themen frühzeitig aufs Tapet brachte in einer Zeit, in welcher der Klimawandel noch eine untergeordnete Rolle spielte.

«Künftig werden wohl nicht mehr so viele Lobbyisten unter der Bundeshauskuppel mitzureden haben.»

Aufgrund ihrer Herkunft als Tochter einer Italienerin hat sie auch das Thema Migration stark beschäftigt nebst ihrem Engagement für die Frauen, denen es bei den diesjährigen Parlamentswahlen auch gelungen ist, etablierte Politiker zu verdrängen. Cécile Bühlmann ist ausserdem überzeugt, dass die dringlichen Umweltprobleme Frauen mehr umtreiben als Männer. Das zeige sich unter anderem darin, dass immer mehr Schülerinnen ihre Maturaarbeiten zum Thema Ökologie verfassen wollten.

«Ich betrachte unser Zeitalter auch als einen Wertewandel. Künftig werden wohl nicht mehr so viele Lobbyisten unter der Bundeshauskuppel mitzureden haben, sondern unabhängige Politikerinnen und Politiker, die sich engagieren, ohne sich dafür von einer Lobbyorganisation bezahlen zu lassen.»

Laut Cécile Bühlmann ist die Zeit für eine grüne Vertretung im Bundesrat reif.

Apropos Umwelt: Die Zeit sei reif für einen grünen Bundesrat – und zwar jetzt, so die Luzernerin.

Sie könne nicht nachvollziehen, weshalb die meisten Fraktionen die hervorragende Bundesratskandidatin Regula Rytz nicht einmal zu einem Hearing eingeladen haben. Das sei ein reines Machtgehabe und nicht akzeptabel. Ihre Partei als mittlerweile viertgrösste Kraft im Parlament dürfe nicht noch weitere vier Jahre zurückgehalten werden.

«Weshalb der Wechsel an der Spitze eines Departements zu einer Instabilität im Lande führen soll, ist für mich nicht nachvollziehbar.»

«Dass man einen amtierenden Bundesrat scheinbar nicht abwählen darf, ist doch nichts als ein alter Zopf und hinzu kommt, dass die politischen Verhältnisse sich heute schneller verändern als früher. Dem erdrutschartigen Sieg der Grünen muss das Parlament Rechnung tragen. Weshalb der Wechsel an der Spitze eines Departements zu einer Instabilität im Lande führen soll, ist für mich nicht nachvollziehbar.»

Es sei demnach zeitgemäss, wenn einzelne Mitglieder nach einem solchen Resultat ausgewechselt werden wie in anderen Ländern auch. Zudem würden sie die Leistungen des amtierenden FDP-Bundesrats Ignazio Cassis nicht überzeugen, da dieser ihrer Meinung nach eine Politik betreibe, welche sich stark nach den Schweizer Wirtschaftsinteressen ausrichte, und das wirke sich wiederum negativ auf die Entwicklungspolitik aus. «Ausserdem hätte er als Doppelbürger in die Landesregierung eintreten können, was als starkes Zeichen zu werten gewesen wäre. Stattdessen gab er seinen italienischen Pass ab.»

Rasches Handeln gefordert

Als Cécile Bühlmann im Jahr 2000 als Sprengkandidatin für den Bundesrat kandidiert hat, bestand ihr Anspruch darin, die grünen Ideen prominent zu thematisieren. 19 Jahre später bestehe ein ausgewiesener und berechtigter Regierungsanspruch der Grünen. Allerdings habe es das Parlament auch verpasst, die Vorschläge ihrer Partei energisch umzusetzen, und dadurch sei viel wertvolle Zeit verloren gegangen, so die alt Nationalrätin.

«Nun scheint es mir fast schon zu spät zu sein, wenn ich sehe, wie die Ökosysteme durch die Klimaerhitzung und den Artenschwund global immer mehr unter Druck geraten. Jedoch müssen besagte Ziele trotz Zeitdruck sorgfältig umgesetzt werden, da der Wechsel weg von fossilen zu alternativen Energien auch mit höheren Kosten verbunden ist, der nicht zu Lasten der ärmeren Bevölkerung getätigt werden darf.»

«Ich kann nicht stillsitzen.»

Cécile Bühlmann, die sich regelmässig in der Radio-SRF-Freitagsrunde über aktuelle politische Themen äussert, denkt an ihre Jugend zurück, als sie noch in einer intakten Umwelt aufgewachsen ist, in einer Welt nahezu ohne Verkehr. Die Natur spielt auch heute noch eine wichtige Rolle in ihrem Leben. Wann immer es ihre Zeit erlaubt, zieht es sie in die Berge. Ausserdem begeistert sie sich für das Schneeschuhlaufen und Velofahren.

«Ich kann nicht stillsitzen», sagt sie denn auch. Dem zunehmenden Alter und ihrem runden Geburtstag steht die vitale Politikerin eher gelassen gegenüber: «Ich denke, es ist ein Privileg, in der Schweiz alt werden zu dürfen, doch finde ich es bedenklich, dass die Medien den Begriff ‹Überalterung› immer öfter erwähnen. Man kann sich nicht eine Gesellschaft wünschen, die von neuen medizinischen Entwicklungen profitiert und gleichzeitig beklagt, dass die älteren Menschen länger leben.»

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