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Eine Reise von der «Smart City» ins «digitale Dorf»
  • Politik
Kantonsrätin Rahel Estermann wartet an der Taxito-Haltestelle in Zell auf eine Mitfahrgelegenheit. (Bild: uus)

Von Luzern nach Luthern mit Rahel Estermann Eine Reise von der «Smart City» ins «digitale Dorf»

7 min Lesezeit 3 Kommentare 03.12.2019, 05:05 Uhr

Bald sollen auch die Lutherer von schnellem Breitbandinternet profitieren. Der Gemeinderat schafft gerade die Voraussetzungen dafür. Die Digitalforscherin und grüne Kantonsrätin Rahel Estermann aus der Stadt Luzern weiss, dass es noch mehr braucht, damit das Land von der Digitalisierung voll profitieren kann. Ihr Vorstoss wird heute im Kantonsrat behandelt.

Wir sitzen mit Rahel Estermann im Zug von Luzern nach Zell. Die Hildisriederin und Wahlstädterin, die für die Grünen im Kantonsrat sitzt, hat drei politische Vorstösse zur Digitalisierung lanciert, von denen einer die Digitalisierung auf dem Land thematisiert. Die 32-Jährige will sich zur Vorbereitung der Session das «digitale Dorf» vor Ort ansehen – genauer gesagt: Sie ist mit dem Luthertaler* Gemeindepräsidenten Alois Huber (CVP) verabredet.

Im «digitalen Dorf» gehe es etwa um Fahrdienste, die per App bestellt werden, die medizinische Erstversorgung oder Telemedizin, führt Estermann aus. Auch mobile Dorfläden, die regionale Produkte per Webshop auch dort anbieten oder anliefern, wo es keine Angebote mehr gibt, sind Beispiele.

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Im städtischen Umfeld gibt es schon einige Dienste, die umgesetzt sind: Seien es beliebte Mobilitätslösungen wie Nextbike, problembehaftete Plattformen wie Airbnb oder der neueste Schrei: Smarte digitale Tourenplaner für Touristen (zentralplus berichtete). Auch die Bemühungen zur Digitalisierung der Verwaltung (eGovernment) fallen darunter. «Smart» sind diese Angebote dann, wenn sie auch vernetzt sind.

Auch das Land braucht «smarte» Lösungen

Das «digitale Dorf» ist zwar vergleichbar mit der «Smart City». Doch die Probleme sind unterschiedlich gelagert, die Lösungen nicht 1:1 übertragbar: Während die Stadt Luzern gerade Stefan Metzger zum Chief Digital Officer erhoben hat, der die Leuchtenstadt auf dem Weg zur vernetzten Stadt begleiten soll (zentralplus berichtete), geht es zum Beispiel in Luthern um Grundsätzliches: Eine schnelle Leitung soll her. Sprich: Breitbandinternet.

«Schnelles Internet ist die Grundvoraussetzung, um die Möglichkeiten der Digitalisierung zu nutzen», weiss auch Estermann. Doch sie ist überzeugt: «Eine Digitalstrategie für das Land bedeutet eben mehr als eine schnelle Datenverbindung.»

Das «digitale Dorf» hat nicht höchste Priorität

Während der Zug rollt, unterhalten wir uns mit Rahel Estermann auch über ihre drei Vorstösse, die der Kantonsrat am Dienstag diskutiert. Während die Regierung die beiden Vorstösse zur Digitalstrategie und zu Open Government Data umsetzen will, möchte sie den Vorstoss zur Förderung des «digitalen Dorfes» nur «teilweise erheblich» erklären.

Estermann wäre natürlich ein «voll erheblich» lieber. Sie verspricht sich dazu Chancen, weil auch Vertreter der Landschaft wie etwa Guido Roos (CVP), Geschäftsführer der Region West, Sympathien für das Anliegen hegen.

Idylle auch ohne Breitbandanschluss: Ein Blick auf Luthern im Luzerner Hinterland. (Bild: zvg)

Die Tücken des Erfolgsmodells Taxito

Im «digitalen Dorf» werden die Räder nicht immer neu erfunden – oft werden bestehende Mittel wiederbelebt. Etwa das Autostoppen. Der Fahrdienst Taxito wurde 2014 von privater Hand ins Leben gerufen, um die schwache ÖV-Verbindung in vielen Gemeinden im Hinterland zu kompensieren. Gerade mal fünf Busverbindungen gibt es täglich von Zell nach Luthern. Estermann will Taxito heute nutzen.

«Guten Tag, können Sie uns sagen, wo wir die Taxito-Haltestelle finden?»

Kantonsrätin Rahel Estermann auf der Suche nach einer Mitfahrgelegenheit

Doch das digitale Autostoppen zeigt schon bald seine Tücken. Sie sind nicht technischer Natur, die Anleitung auf dem Smartphone ist selbsterklärend. Nach der Ankunft in Zell suchen wir am Bahnhof aber vergeblich auf einen Hinweis auf die Taxito-Haltestelle. Sie muss irgendwo an der Hauptstrasse sein. Estermann greift zu analogen Mitteln: «Guten Tag, können Sie uns sagen, wo wir die Taxito-Haltestelle finden?», fragt die Kantonsrätin in der Bäckerei. Die Dame hinter der Theke weist in die andere Richtung – dort, wo wir herkamen.

Es vergehen dann nur knappe fünf Minuten im Regen, bis das erste Fahrzeug hält. «Das ging aber schnell», sagt Estermann noch, als Autofahrerin Iris Isenschmid bereits aufklärt: «Um diese Zeit ist es fast unmöglich, mit Taxito nach Luthern zu kommen.» Sie habe dem Gemeindepräsident deshalb angeboten, uns abzuholen.

Treffen im Lutherer Co-Working-Space

Das Treffen mit dem Luthertaler Gemeinderat, zu dem wir Rahel Estermann begleiten, findet in der alten Post statt. Sie ist inzwischen umgenutzt und bietet nun Co-Working-Spaces an. Einen davon nutzt Initiantin Iris Isenschmid. Die Kommunikationsexpertin ist in einem kleinen Pensum als Gemeindekoordinatorin tätig.

Rahel Estermann (links) im Gespräch mit den Lutherer Gemeinderäten: Heini Walthert (FDP), Lukas Lustenberger (CVP), Gemeindepräsident Alois Huber (CVP) und Gemeindekoordinatorin Iris Isenschmid.

Im Gespräch mit Isenschmid und den Gemeinderäten wird schnell klar: Im Napfdorf mit dem Pilgerort Luthern Bad spielen Tourismusprojekte eine wichtige Rolle. Unter dem Claim «Napfbergland» haben sich kantonsübergreifend bereits verschiedene Gemeinden zusammengeschlossen. Auch wenn man es nicht laut sagt, schielt man auch etwas auf die Biosphäre Entlebuch, deren sechs Gemeinden sich als starke Tourismusmarke positionieren konnten.

Schon hat Rahel Estermann einen Flyer in der Hand: «Der Schneetourenbus ist unser neuestes Angebot», sagt Isenschmid. Winterwanderer können sich dabei per Webseite oder QR-Code anmelden – ab vier Fahrgästen wird der Bus freigeschaltet. Er wird ab diesem Winter als Pilotprojekt zwischen Huttwil, Hüswil, Luthern und Luthern Bad verkehren.

Mobilität bleibt das zentrale Anliegen

Estermann berichtet dem CVP-Gemeinderat noch einmal von unseren Erfahrungen mit Taxito. Lukas Lustenberger nickt. Seit dem Projektstart ist er dabei. «Wir haben seither immer wieder kleinere Anpassungen vorgenommen, Haltestellen verschoben oder uns um die weitere Bekanntmachung bemüht.» Es sei schwierig, das Projekt «zum Fliegen zu bringen», wenn es nur regional bekannt sei.

«Nicht jeder Gemeinderat zeigt so viel Eigeninitiative wie der Lutherer. Dabei bietet die Digitalisierung so viele Chancen für die Dörfer.»

Rahel Estermann

Man habe sich auch schon überlegt, das Projekt «einschlafen zu lassen». Wegen der grundsätzlich positiven Rückmeldungen habe man sich aber entschieden, es weiterzuführen. Lustenberger ist überzeugt, dass es nicht am Dienst selber, sondern an der Vernetzung und der Bekanntmachung liegt.

«Eigentlich müsste doch in jedem Postauto auf den Dienst aufmerksam gemacht werden», sagt Lustenberger. Die Verhandlungen mit den Verkehrsbetrieben seien aber harzig. Auch seinen Wunsch, dass die App der SBB mit einem gelben Punkt im Fahrplan auf die Möglichkeiten von Taxito oder anderen Fahrdiensten wie dem Schneetourenbus aufmerksam macht, hält er selbst im Moment «für nicht sehr realistisch».

Nächster Schritt: Digitale Dienstleistungen vernetzen

Rahel Estermann ist überzeugt, dass die Initiative für solche digitale Projekte von den Gemeinderäten kommen soll. «Weil nur sie wissen, was tatsächlich gebraucht wird.» So hat Luthern etwa zwei Dorfläden – während andere Dörfer oder Weiler nicht einmal einen haben. Dies auch, weil die Touristen gerade im Sommer genügend Umsatz bringen.

Zurück zu den Grundlagen. Alois Huber erklärt, wie mit Hilfe des Gemeindeverbands Region West das Dorf im Rücken des Napfes mit Glasfaserkabeln fit für die Zukunft werden soll. «Wir hätten auch auf die Swisscom warten und sie werkeln lassen können», so Huber. «Doch dann hätten wir keine Gewähr gehabt, dass auch jeder Hof ausgestattet ist.» Also hat der Luthertaler Gemeinderat beschlossen, das Heft selbst in die Hand zu nehmen.

Im Moment laufen noch Gespräche mit verschiedenen Bauern, die zum Teil selbst mit dem Bagger auffahren werden, um Platz für die Leitungen zu schaffen. Noch sind nicht alle vom Nutzen des schnellen Netzes überzeugt. Es wird noch Überzeugungsarbeit brauchen, aber Huber und sein Team sind zuversichtlich.

Pionierprojekte seien nur möglich, wenn der Gemeinderat «an einem Strick zieht», hält Alois Huber schliesslich fest. Man sei in Luthern aber auch ein bisschen zur Innovation gezwungen – gerade bei den Verkehrsanbindungen.

Kommt bald der Digital Village Officer?

Rahel Estermann zieht nach dem Besuch ihr persönliches Fazit: «Ein oder mehrere Koordinatoren für digitale Projekte auf dem Land würden Sinn machen.» Gerade auch, weil der digitale Wandel auf dem Land andere Chancen und Herausforderungen mit sich bringe.

«Es geht darum, von anderen Gemeinden zu lernen und Projekte wie Taxito zu fördern und zu vernetzen, Erfahrungen auszutauschen.» Das passiere noch viel zu wenig, wie Estermann nach dem Besuch in Luthern klar ist. «Nicht jeder Gemeinderat zeigt so viel Eigeninitiative wie der Luthertaler. Dabei bietet die Digitalisierung so viele Chancen für die Dörfer. Smart City ist nicht alles – es geht um Chancengleichheit für die Luzerner Landschaft.»

*In einer ersten Version wurden die Bewohner von Luthern noch als «Lutherer» bezeichnet – das ist natürlich falsch, worauf uns eine Kommentatorin hingewiesen hat. Deshalb wurde die Bezeichnung nun angepasst: Wer in Luthern wohnt, oder von Luthern kommt, ist ein Luthertaler.

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3 Kommentare
  1. Meinrad Flüeler, 04.12.2019, 11:16 Uhr

    Luzern ist für mich sehr unwirtlich. Mit einem Fuss lebe ich auch in Burgdorf bei Bern. Da lebt es sich gut. Grosse Teile der der Innen- und Altstadt sind Temop 20. Das funktioniert wie Ballet. Dann ist es voll angenehmen Sitzbänken, die rege benutzt werden. – Luzern und der SBB-Bahnhof sind da Null-Nummern.
    Setzen Sie sich ein für einen VBL Bahnhof über dem Bahnhof. Europaplatz frei für Verkehr und flanieren. Parkplatz unter der Musegg mit direktem Ausgang zur Stadt.
    Denkmalschutz- und Stadtbaukommision abschaffen. Vereinfacht bauen, höher bauen, luftiger bauen, billigere Wohnungen. Herzlichst

    P.S. Ein Solarboot habe ich schon seit 1998 – es fährt, und fährt, und fährt bis zum Rütli und zurück nach Meggen.

  2. Agatha Fausch, 03.12.2019, 21:02 Uhr

    Ich lese gerne, was Kantonsrätinnen für Landgemeinden machen.
    Die Vorstösse von Rahel Estermann sind super. Dass sie gleich selbst auf dem Land nachschaut und ausprobiert, ob und wie digitale Vernetzung funktioniert, imponiert mir.

  3. Luthertalerin, 03.12.2019, 17:42 Uhr

    Guter Artikel, aber einen Hinweis für den Verfasser: Die BewohnerInnen von Luthern nennen sich LuthertalerInnen, nicht Lutherer.