Neue Strategie muss her – damit der Verkehr nicht kollabiert
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Autokolonnen in der Neugasse in Zug: Ein neues Verkehrskonzept braucht die Stadt. (Bild: Carlo Schuler)

Fünf Jahre nach der Zuger Stadttunnel-Abstimmung Neue Strategie muss her – damit der Verkehr nicht kollabiert

5 min Lesezeit 1 Kommentar 11.03.2020, 20:00 Uhr

Die öffentliche Mitsprache bei der Ortsplanung soll Auswege aus der Orientierungslosigkeit aufzeigen. Denn seit der Stadttunnel 2015 an der Urne abgelehnt wurde, gibt’s keinen funktionierenden Plan mehr, wie die künftige Verkehrsentwicklung in Zug bewältigt werden kann.

Der Stadttunnel war fester Bestandteil des Stadtzuger Verkehrskonzepts. Als Zentrumsumfahrung der Zuger Alt- und Kernstadt gedacht, hätte er Freiräume für die Bevölkerung und mehr Platz für den Langsamverkehr ermöglicht. Doch das Projekt wurde vor fast fünf Jahren in einer kantonalen Abstimmung abgelehnt (zentralplus berichtete).

Seither bewegt sich die Politik quasi im Blindflug durch die Thematik. Neben gelegentlichen Teilprojekten zur Neugestaltung von Strassen – etwa beim Bundesplatz – findet sie hauptsächlich als parlamentarischer Grabenkampf um den Erhalt oder die Aufhebung von Parkplätzen statt.

Die Meinung von allen ist gefragt

Abhilfe schaffen soll nun die öffentliche Mitwirkung im Rahmen der nächsten Ortsplanungsrevision, welche die zuständige Zuger Stadträtin Eliane Birchmeier (FDP) am Mittwoch mit dem Aufschalten der elektronischen Teilhabeplattform «mitwirken-zug.ch» einleitete (zentralplus berichtete).

Die Diskussion soll sich nach Worten des Zuger Stadtplaners Harald Klein zunächst schwergewichtig mit zwei Themenfeldern beschäftigen: Freiräumen, die in Zug bis 2040 geschaffen werden können, und einer neuen Verkehrsstrategie.

Mit bisherigen Hauptstrassen auskommen

Ein Teil dieser neuen Freiräume ist bereits absehbar: Die Oeschwiese am See soll der Erweiterung des Strandbads dienen. Das Brüggli soll nach der Aufhebung des Campingplatzes umgestaltet werden. Entlang des Laufes der alten Lorze wollen die Stadtplaner einen neuen Park schaffen, der die entstehende Überbauung der Äusseren Lorzenallmend sowie das Riedmatt-Quartier aufwertet.

«Wir wollen Fakten schaffen.»

Eliane Birchmeier, Zuger Bauvorsteherin (FDP)

Mit neuen Verkehrsflächen sieht es freilich anders aus. «Es wird keinen Ausbau übergeordneter Verkehrswege mehr geben», sagt Stadtplaner Harald Klein. Die Tangente Baar/Zug ist derzeit in Vollendung, dann ist die Umfahrung Cham–Hünenberg in Planung. Anschliessend ist erst mal Schluss mit dem Bau von grossen Strassen am Nordende des Zugersees.

«Breite und offene Mitwirkung»

Die Frage ist also, wie soll der Verkehr in einer Stadt, in der bis 2040 beinahe 50 Prozent mehr Einwohner leben werden, fliessen? Die Stadtplaner haben dazu Thesen entwickelt, die sie indes erst im Mai öffentlich machen wollen (siehe Box).

Eliane Birchmeier verspricht aber jetzt schon: «Wir wollen Fakten schaffen.» Untersuchungen und Messungen sollen Grundlagen für eine sachliche Diskussion sowie eine «breite und offene Mitwirkung» schaffen, die möglichst viele Anspruchsgruppen einbinden will.

Es braucht mehr Velo- und Fusswege

Zur Vorbereitung hat die Stadt Zug eine Studie beim Marktforschungsinstitut GFS Bern in Auftrag gegeben, die feststellen sollte, was die Stadtzuger wollen.

Ergebnis: Eine Mehrheit der Einwohner will einfach «Stadträume, in denen man sich wohl fühlt». Ebenfalls sehr viele Leute wollen die Velo-Infrastruktur ausbauen. Birchmeier verspricht derweil, dass man auch ein besonderes Augenmerk auf Fusswege legen wolle, «denn Zug mit seiner Grösse ist für Fussgänger ideal».

Widersprüchliche Wünsche

Mehr Geld in Lärmschutz und den Ausbau des öffentlichen Verkehrs wird ebenfalls von vielen gewünscht. Indes lehnt es eine grosse Mehrheit der Leute ab, mehr in Abstellflächen für Motorfahrzeuge zu investieren.

Freilich bildet die Befragung kein zusammenhängendes Bild ab. Denn neben dem Stau stören sich viele Stadtzuger auch wieder am Mangel an Parkierungsmöglichkeiten. Dem öffentlichen Verkehr wird zwar ein hervorragendes Zeugnis ausgestellt, aber weniger als ein Viertel der Befragten benützt ihn auch.

«Klar gibt es auch Widersprüche bei den Wünschen der Einwohner», sagt Klein. Das Mitwirkungsverfahren solle nun dabei helfen, diese im Gespräch aufzulösen und miteinander in Einklang zu bringen.

Birchmeier: «Keine Lenkungsmassnahmen»

Wohin also geht die Reise? Die Verkehrsfläche muss effizienter genützt werden. «Wir wollen dazu keine Lenkungsmassnahmen einführen, sondern Anreize durch Angebote schaffen», sagt die freisinnige Bauchefin Birchmeier. Was wohl heissen muss, dass das ÖV-Angebot ausgebaut und Angebote auf der «letzten Meile, wie die Miete von E-Bikes und E-Trottis» gefördert werden.

Eine wesentliche Erleichterung verspricht sich Eliane Birchmeier vom Bau des Zimmerberg-Basistunnels II, der für 2035 in Aussicht gestellt wurde. Dieser ermöglicht acht Schnellzughalte stündlich nach Zürich und Luzern – und wird auch den Betrieb von Bussen erleichtern, die dann nicht mehr alle gleichzeitig in Bahnhofsnähe warten müssen, damit dauernde Zuganschlüsse gewährleistet sind.

Verdichtung entlang der Geleise

Ausserdem werden viele der Grossprojekte, mit denen sich Stadtarchitekt Christian Schnieper beschäftigt und die absehbar 9’000 zusätzliche Einwohner nach Zug bringen, im bahnhofsnahen Zentrum verwirklicht.

«Je urbaner die Umgebung, desto mehr Leute benützen den ÖV oder gehen zu Fuss.»

Harald Klein, Zuger Stadtplaner

Im Bereich des Güterbahnhofs, aber auch bei der Weiterentwicklung des Landis&Gyr-Areals sollen ebenso Wohnungen und Arbeitsplätze entstehen wie auf dem V-Zug-Areal und an der Baarerstrasse. «Wir haben natürlich die Hoffnung, dass dort viele Menschen auf den öffentlichen Verkehr setzen», sagt Eliane Birchmeier. Obwohl man für die Planung auf eine «Gleichwertigkeit der Verkehrsträger» setzen wolle.

Viele Stadtzuger lieben das Auto

Aus der gfs-Befragung wird deutlich, dass mehr Stadtzuger das Auto benützen als Bewohner grösserer Städte. Auch haben mehr Zuger Zugang zu einem Auto als Leute in andern Städten – was mit dem vergleichsweise grossen Wohlstand erklärt wird. Umgestiegen wird vor allem am Wochenende – zu Erholungszwecken.

Mit dem absehbar überdurchschnittlichen Wachstum von Zug wird sich vielleicht auch das ein wenig verändern. «Je urbaner die Umgebung, desto mehr benützen die Einwohner den öffentlichen Verkehr und desto mehr gehen sie auch zu Fuss», fasst Harald Klein stadtplanerische Erkenntnisse zusammen.

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1 Kommentare
  1. Hans Peter Roth, 12.03.2020, 14:08 Uhr

    Zwei wirksame Massnahmen zur Erreichung des Ziels (weniger motorisierter Privatverkehr):
    1. Die Zonenplanung muss in allen Gemeinden ein ausgewogenes Verhältnis von Einwohnern und Arbeitsplätzen anstreben. Im Falle der Stadt Zug (zuviele Zupendler) bedeutet dies: keine weitere Arbeitsplätze planen, stattdessen zusätzliche bezahlbare Wohnungen bauen.
    2. Arbeitgeber gesetzlich zwingen, ihren Arbeitnehmern nur noch Parkplätze zur Verfügung zu stellen, wenn diese belegen können, dass sie mit ÖV, Fahrrad oder zu Fuss einen unzumutbaren zeitlichen Mehraufwand (zB 30 Minuten) für den Arbeitsweg aufwenden müssten.

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