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«Eine neue Jugendbewegung? Wir alten Luzerner wären sicher dabei»
  • Politik
Paul Huber erzählt mit Leidenschaft von seinen ersten politischen Schritten. (Bild: les )

Alt SP-Regierungsrat blickt auf die 68er-Bewegung «Eine neue Jugendbewegung? Wir alten Luzerner wären sicher dabei»

6 min Lesezeit 04.05.2018, 12:04 Uhr

«Es stimmte einfach nicht mehr», fasst alt Regierungsrat Paul Huber die Stimmung der 68er-Bewegung zusammen. Heute, 50 Jahre später, sieht Huber vor allem kulturelle und gesellschaftliche Fortschritte. Im Sozialbereich stimmt ihn vieles traurig.

Was hatte die 68er-Bewegung für Folgen für Luzern? Diesem Thema widmet sich eine Veranstaltung diesen Freitag im Sentitreff. Aufbruch, Lebensgefühl, Bewegung – wie war das damals vor 50 Jahren? «68 – Revolution oder Revolte?» lautet der Titel des Referats, das alt Regierungsrat Paul Huber halten wird. zentralplus trifft den 70-Jährigen vorab zum Gespräch und er kann die Frage gleich beantworten. «Es ist völlig klar, dass es keine Revolution war», sagt er. Eine kleine Revolte sei es in Luzern gewesen. «Ein kurzes Aufflammen», sagt Huber nüchtern. Doch wovon eigentlich?

«Sie müssen sich vorstellen, sie tragen ein Kleid, das einfach nicht mehr passt. Es hat Löcher und es spannt an allen Ecken und Enden», beschreibt Huber. So sei es für viele Jugendliche und Erwachsene damals gewesen. «Es stimmte einfach nicht mehr. Das persönliche Lebensgefühl passte nicht mit der Welt da draussen zusammen.» Und in der 68er-Bewegung sei dieses Unbehagen einer ganzen Generation zum Ausdruck gekommen. 

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Machtfrage war nicht zentral

Die Bewegung war vielfältig und nicht so einfach greifbar. «Ein wichtige Treiber der Bewegung war beispielsweise die Frauenbewegung. Seit Jahren kämpften Frauen für das Frauenstimmrecht. Die verstärkte Berufstätigkeit der Frauen in den Jahren der Hochkonjunktur und die Antibabypille begannen das Verhältnis der Geschlechter zu verändern, abstimmen aber durften die Frauen nicht», erklärt Huber. Neben der Gleichberechtigung waren für die Bewegung Themen wie die Atomkraft, der Vietnam-Krieg oder die soziale Stellung der Arbeiterschaft wichtig.

Huber selbst wurde in dieser Zeit «politisiert». 1968 war er noch als junger Lehrer aktiv und unterrichtete eine Klasse mit 42 Schülerinnen und Schülern. «Dadurch beschränkte sich der Schulstoff fast ausschliesslich auf Lesen, Schreiben und Rechnen», erinnert er sich. Kinder, welche nicht von den Eltern entsprechend gefördert wurden, kamen zu kurz, die  Chancengleichheit wurde grob verletzt. 

«Die Konsequenz, mit der wir damals Aktiven noch heute diese Werte vertreten, zeichnet unsere Generation aus.»

Paul Huber, alt Regierungsrat

Wegen der vielen unterschiedlichen Strömungen innerhalb der Bewegung hatten die 68er auch keine eigentliche strategische Zielsetzung. «Die Machtfrage – was für eine Revolution zentral gewesen wäre – wurde nicht explizit gestellt», sagt Huber. Ein Totalumbruch des Systems kein Thema. Auch war die Bewegung kaum strukturiert.  «Die Revolte fiel deshalb auch rasch in sich zusammen.»

Doch eines habe die Generation eindeutig ausgezeichnet, stellt Huber fest. «Die Themen Gerechtigkeit, Nachhaltigkeit und Gleichberechtigung bildeten eine gemeinsame politische Basis.» Es erstaune denn auch nicht, dass Angehörige dieser Generation noch heute politisch aktiv und in unterschiedlichsten Gruppierungen engagiert seien. «Die Konsequenz, mit der wir damals Aktiven noch heute diese Werte vertreten, zeichnet unsere Generation aus», ist sich Huber sicher. 

Aus dem Archiv der SP Luzern. Erkennen Sie Paul Huber?

 

Er selbst erinnert sich an seine ersten politischen Schritte an der Universität Zürich: «Wir bestreikten die Mensa, setzten studentische Mitbestimmung in den Gremien der Universität durch, organisierten antifaschistische Wochen, führten alternative studentische Lehrveranstaltungen durch und arbeiteten die vernachlässigte Geschichte der Schweizerischen Arbeiterbewegung auf.» Als für die Publikation des daraus entstehenden Buches kein Verleger gefunden wurde, habe man kurzerhand einen eigenen Verlag, den Limmat-Verlag gegründet, den es heute noch gibt. «Wir haben auch Schulbücher daraufhin analysiert, ob und in welcher Stellung Frauen und das Leben der gewöhnlichen Arbeitnehmer darin thematisiert werden.»

Zur Person

Paul Huber war von 1988 bis 2003 in der Luzerner Regierung. Er war der dritte Vertreter der Sozialdemokraten und der Erste, welcher es ohne gemeinsame Liste mit den bürgerlichen Parteien in die Regierung schaffte. «Klar waren wir darauf angewiesen, dass uns bürgerliche Wähler unterstützten.» Aber ans Gängelband der Bürgerlichen wollte er nicht. «Anbiedern und sich verbiegen, nur um gewählt zu werden,  hätte ich mich – und da war ich wohl ein typischer Vertreter der 68er-Generation – nie können», sagt er.

Ernst genommen wurde man erst im Parlament

All das nahmen die politischen Eliten auch in Luzern nicht wirklich ernst. «Zur Krawallnacht in Luzern und zu ein paar anderen Ereignissen gab es jeweils eine kurze Zeitungspolemik – danach war das Thema erledigt», sagt Huber. In der Nacht vom 4. auf den 5. Januar 1969 versammelten sich mehrere hundert Personen vor der Hauptwache der Luzerner Stadtpolizei und versuchten diese zu erstürmen, was aber nicht gelang. Es kam zu grösseren Sachbeschädigungen.

Geändert hat sich jedoch mit dem Marsch der 68er die Wahrnehmung durch die politischen Institutionen. «In Emmenbrücke beispielsweise waren wir etwa 20 junge Leute, meist Studenten, die sich innerhalb der Sozialdemokratie mit den Anliegen der Arbeitnehmer solidarisierten. Wir wollten aus der aus unserer Sicht eher schläfrigen Partei eine schlagkräftige, aufmuckende politische Kraft machen», so Huber über die damaligen Ziele. Hinzu kam das Engagement im Gemeindeparlament. Im Einwohnerrat wurden plötzlich Forderungen laut, die da bisher so nicht gehört wurden. «Da musste man uns ernst nehmen.» Die 68er-Bewegung war Katalysator für viele gleichartige Entwicklungen in anderen Gemeinden und im Kantonsparlament, wo bald die Frauenliste und die Poch mit ihren Forderungen und ihrem manchmal provokativen Auftritt für Aufsehen sorgten, so das Fazit von Huber. 

Der Luzerner Regierungsrat 2001: (v.l.) Paul Huber (SP), Ulrich Fässler (FDP), Margrit Fischer (CVP), Markus Dürr (CVP), Kurt Meyer (CVP), Anton Schwingruber (CVP) und Max Pfister (FDP).

Der Luzerner Regierungsrat 2001: (v.l.) Paul Huber (SP), Ulrich Fässler (FDP), Margrit Fischer (CVP), Markus Dürr (CVP), Kurt Meyer (CVP), Anton Schwingruber (CVP) und Max Pfister (FDP).

Und was hat es gebracht – für das Luzern von heute? Huber: «Kulturell und gesellschaftlich ist man natürlich viel weiter als damals – diese Freiheiten sind geblieben.»  Viele damals erreichte soziale Verbesserungen allerdings sieht er heute bedroht. «20 Jahre nach den 68ern lösten die bürgerlichen Parteien mit ihrer Forderung nach ‹weniger Staat› eine Gegenbewegung aus. Individualismus und Egoismus bedrohen die von den 68ern vertretene solidarische Gesellschaft. Weniger Staat, mehr Eigenverantwortung, wurde zum Leitspruch der 80er-Jahre.» Ohne gesellschaftlich gesetzte Grenzen habe sich aber nicht die Leistung durchgesetzt, sondern die Skrupellosigkeit, so Huber über die Folgen. Und dies würden heute vor allem Alleinerziehende und Arbeitnehmer bis weit hinein in den Mittelstand schmerzlich spüren.

Huber würde neue Revolte unterstützen

«Was aktuell im Kanton Luzern abgeht, macht mich traurig», sagt der 70-Jährige. Die Schere zwischen Arm und Reich gehe auseinander. «Es gibt so viele Beispiele, wo man die soziale Abfederung ständig abbaut», sagt Huber und erwähnt etwa die Stipendien oder die individuelle Prämienverbilligung. «Auf Dauer hält das eine Gesellschaft nicht aus», ist sich Huber sicher und sieht durchaus Potenzial für eine neue Bewegung wie anno dazumal. «Wir Alten wären sicher dabei», schmunzelt er. 

«Es wird schnell zu einfach, sich mit Geld statt mit politischem Einsatz für ein Anliegen solidarisch zu erklären.»

Paul Huber

Und wenn er sehe, wie junge Menschen heute vor dem Regierungsgebäude in Luzern gegen Sparmassnahmen demonstrieren, erkenne er durchaus Parallelen. «Diese jungen Menschen werden wie wir damals durch diese Erlebnisse geprägt, sie sind ein politisches Versprechen für die Zukunft», sagt Huber. Auch für seine Partei, die SP, findet er lobende Worte. Die Stadt entwickle sich unter der Führung der linken Mehrheit in vielen Bereichen in die «richtige Richtung». Aber man müsse am Ball bleiben. «Es wird schnell zu einfach, sich mit Geld statt mit politischem Einsatz für ein Anliegen solidarisch zu erklären. Wir dürfen nicht genügsam werden.»

Hinweis: Die von der SP Luzern und SP60+ organisierte Veranstaltung findet diesen Freitag von 16.30 Uhr bis 21.30 Uhr im Sentitreff statt. 

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