Eine Migrationsgeschichte mit Ironie und Charme
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Julia Schmidt im Stück «The Making of Americans» (Bild: Milena Koller)

«The Making of Americans» im Kleintheater Luzern Eine Migrationsgeschichte mit Ironie und Charme

3 min Lesezeit 09.03.2017, 12:21 Uhr

Respekt vor Getrude Steins Büchern ist definitiv angebracht. Auch beim Roman «The Making of Americans» über ein perspektivenloses Europa. Trotzdem lohnt sich der Besuch der Inszenierung von Marcel Schwald im Kleintheater Luzern.

Getrude Stein forderte ihre Leser. Und das tut auch das aktuelle Stück im Kleintheater, welches die Migrationsgeschichte mit feinem Humor und aktueller Gesellschaftskritik spickt.

Protagonisten der Erzählung sind die zwei Migrantenfamilien Hersland und Dehning, die durch eine Heirat miteinander verbunden werden. Deren Geschichte spannt über einen Zeitrahmen von drei Generationen und versetzt das Publikum in eine Zeit zurück, in der Massen von Menschen den europäischen Kontinent verliessen, um sich in der «Neuen Welt» eine menschenwürdigere Existenz aufbauen zu können.

«The Making of Americans»

Das im Jahr 1925 publizierte Buch von Gertrude Stein trägt stark autobiografische Züge, indem es Bezug auf ihre eigene Familiengeschichte nimmt. Dabei hat es für sich den Anspruch, die Geschichte aller Amerikaner zu skizzieren. Stein wollte mit ihrer Kreation ausserdem all den Menschen Raum verschaffen, die in der allgemeinen Geschichtsschreibung üblicherweise keinen Platz finden.

«Schriftstellerin Stein verwendete stark vereinfachtes Vokabular.»

Stilistisch gesehen zeichnet sich das Werk der avantgardistischen Schriftstellerin hauptsächlich durch Überlänge und eine experimentelle Schreibweise aus. Es heisst, dass die Künstlerin, die ihrerseits wiederum als eine der Ersten galt, die sich für die experimentelle Malerei ihrer Zeit zu interessieren begannen, die Theorien derselben auf ihre literarische Schöpfung übertragen wollte. Konkret zeigt sich dies ebenso am repetitiven und bruchstückhaften Charakter ihrer Sprache wie am stark vereinfachten Vokabular, welches sie in ihren Kreationen gebraucht.

Julia Schmidt & Susanne Abelein (Bild: Milena Koller)

Julia Schmidt & Susanne Abelein (Bild: Milena Koller)

Ironie lockert die Familiengeschichte auf

Regisseur Marcel Schwald nimmt diesen bruchstückhaften und repetitiven Charakter von Steins monumentaler Familiengeschichte auf und setzt diese erstaunlich kurzweilig und immer wieder humorvoll in Szene.

«Schwieriges Thema wird anschaulich umgesetzt.»

So ringen die Schauspieler dem Publikum stets von Neuem leise Lacher ab. Ob nun durch das ironische, an einen weihräuchernden Priester erinnernde Schwenken eines Metronoms oder durch das Herabregnenlassen von unzähligen Seiten Text mittels an der Decke angebrachten Drucker.

Schwald hat es geschafft, ein schwieriges Thema anschaulich umzusetzen und dem Zuschauer genügend Spielraum für die Interpretation des Stücks zu lassen. Dabei fehlte auch der überleitende Gegenwartsbezug nicht in Sachen Migration. Sogar ein leiser Hauch von Gesellschaftskritik im Umgang mit diesem Thema wurde spürbar.

Das Publikum wird gefordert

Im zweiten Teil wurde inhaltlich konkreter auf die Migrations- und Familiengeschichte eingegangen, die mit der Auswanderung von Steins Vorfahren beginnt. Den Höhepunkt bildet die doch recht wagemutige Behauptung Steins, dass sich in der Wiederholung des stets Gleichen die Geschichte aller darstellen lasse. Prominent in Szene gesetzt, tritt hier wiederum das Metronom hervor.

Vom Zuschauer verlangt das zwar kurzweilig und spannend umgesetzte Thema einiges an Konzentration und Vorinformation, um die beinahe zweistündige Darbietung entsprechend würdigen zu können. Wer sich noch nicht vorgängig mit Gertrude Stein und ihrem Werk auseinandergesetzt hat und sich Schwalds Bühnenadaption ansehen möchte, sollte dies noch tun. Ansonsten wird vieles verloren gehen, was dem Stück seinen Charme und auch seine Verständlichkeit verleiht.

Wer sich ein eigenes Bild über Marcel Schwalds Umsetzung der Romanvorlage machen möchte, hat am kommenden Wochenende noch einmal die Gelegenheit dazu. Am Freitag und am Samstag finden jeweils um 20 Uhr weitere Aufführungen im Kleintheater Luzern statt.

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