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Eine Fasnachtsgesellschaft zwischen Revolution und Brunnenstreit
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MLG-Präsident Mike Oswald mit dem Zepter und einem Modell des Maskenbrunnens. (Bild: bic)

Luzerner Fasnacht im Zeichen der Maskenliebhaber Eine Fasnachtsgesellschaft zwischen Revolution und Brunnenstreit

7 min Lesezeit 28.02.2019, 04:34 Uhr

Die Maskenliebhaber-Gesellschaft Luzern steht während der diesjährigen Fasnacht im Mittelpunkt. Die Vereinigung, die aus einem politischen Putsch hervorging, feiert an der Fasnacht ihr 200 Jubiläum ganz gross. Möglich machen dies auch viele Frauen.

Mit ihren 200 Jahren gehört die Maskenliebhaber-Gesellschaft zu den ältesten Vereinigungen der Stadt Luzern. Das ist natürlich ein Grund, den runden Geburtstag an der Fasnacht gebührend zu feiern und einen Blick auf diesen Verein zu werfen.

zentralplus hat sich anlässlich des runden Geburtstags mit dem Mann getroffen, der die MLG im Jubiläumsjahr als Präsident in der Öffentlichkeit repräsentieren darf. Mike Oswald ist Urologe und betreibt eine eigene Praxis in Hergiswil (NW). Der 58-Jährige spricht im Interview über den revolutionären Charakter der MLG und erklärt, weshalb Frauen in dieser Gesellschaft eine wichtige Rolle spielen.

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zentralplus: Herr Oswald, die MLG ist 200-jährig. Eine grosse Sache, nehme ich an.

Mike Oswald: Definitiv. Es ist für mich persönlich eine grosse Ehre, dass ich die MLG in diesem speziellen Jahr anführen darf. Es ist natürlich strenger als ein normales Präsidialjahr, aber das nehme ich gerne auf mich (lacht). 

zentralplus: Die MLG wurde 1819 gegründet. In einer Zeit, in welcher es in der Schweiz wie in ganz Europa zu grossen politischen Umwälzungen kam. Noch heute erinnert die MLG an diese Ereignisse. Können Sie das erläutern?

Oswald: Die damalige Situation ist aus heutiger Sicht ziemlich kompliziert. Im alten Kanton Luzern herrschte damals die stockkonservative so genannte Bauernregierung. In der Stadt konnte man damit nicht viel anfangen, weshalb sich 1814 eine Bürgerbewegung an die Macht geputscht hatte. Einige Bürger aus dem Umfeld der Patrizier übernahmen vorübergehend die Geschicke der Stadt, bis dann 1848 der moderne Bundesstaat gegründet wurde. Aus den Feierlichkeiten anlässlich dieses Umbruchs entstand 1819 die MLG. Dieser Umsturz ist also der Hintergrund der Entstehung der MLG.

zentralplus: Die MLG feiert die erneute Machtergreifung durch das Patriziat, also durch wenige Familien, nachdem dieses Ende des 18. Jahrhunderts abgesetzt wurde? Steht die MLG nicht eigentlich für freiheitliche Werte?

Oswald: Doch, und zwar schon seit jeher. Denn wir feiern ja auch nicht die Patrizier. Die Herren, welche die Macht übernahmen, waren eher liberal und progressiv gesinnt. Später gehörten einige von ihnen den so genannten Radikalen an, die später in der FDP aufging. Man geht heute davon aus, dass man durch die Einsetzung dieser Regierung eine gewisse Stabilität schaffen wollte. Die erhoffte Wirkung trat in der Stadt Luzern in der Übergangsphase bis hin zum Bundesstaat dann auch ein. Es blieb friedlich. Mit Ausnahme des Sonderbundkrieges natürlich.

zentralplus: Und was hat das nun mit der MLG zu tun? 

Oswald: Die genannten bürgerlichen Leute verteidigten nach dem Putsch die Stadt gegen aussen. Doch die möglichen konservativen Angreifer sind nie gekommen, weshalb man sich in den Wachstuben zu langweilen begann. Als es langsam Richtung Fasnacht ging, die in den Quellen im 15. Jahrhundert das erste Mal auftaucht, kam die Idee auf, wieder einmal eine richtige Party zu veranstalten. Diese wurde damals «Maskenball» genannt. Weil der Anlass ein grosser Erfolg war, hat man ihn in den kommenden Jahren jeweils am Mittwoch vor dem Schmutzigen Donnerstag wiederholt. Das Organisationskomitee der Veranstaltung traf sich mit der Zeit auch regelmässig unter dem Jahr. So wurde unsere Gesellschaft geboren.

zentralplus: In Luzern gibt es auch die Zünfte, die einen wichtigen Teil zur Fasnacht beitragen. Was unterscheidet diese von der MLG?

Oswald: Die Safran-Zunft ging aus der Berufsvereinigung der Krämer hervor, die sich im Laufe der Jahrhunderte von ihrer ursprünglichen Aufgabe entfernt hat, da diese mit dem Aufkommen von Gewerkschaften und Sozialwerken immer weniger relevant wurde. Sie ist also viel älter als die MLG. Die Herren, die 1819 die MLG gründeten, waren teilweise Safränler. Und auch in den kommenden Jahrzehnten blieben die Verbindungen zwischen Safran-Zunft und MLG stets eng, da viele Mitglieder an beiden Orten dabei waren. Die «Fidelitas Lucernensis», eine weitere Gruppierung, hat sich von Beginn weg zum Ziel gesetzt, einfach Spass zu haben, während die Wey-Zunft als eigentliche Fasnachtszunft ins Leben gerufen wurde.

Das Gesellschaftshaus der MLG vom Löwengraben aus betrachtet.

Das Gesellschaftshaus der MLG vom Löwengraben aus betrachtet.

(Bild: bic)

zentralplus: Und was ist heute die konkrete Aufgabe der MLG an der Fasnacht?

Oswald: Eine spezielle Aufgabe haben wir nicht. Die vier Fasnachtsvereinigungen sind unter dem Dach des Luzerner Fasnachtskommitees gemeinsam für verschiedene organisatorische Aspekte wie die Durchführung der Umzüge verantwortlich. Hier müssen alle entsprechend Leute für die Komitees abstellen. 

zentralplus: Aber irgendetwas muss sie doch speziell machen?

Oswald: Einzigartig waren während Jahrzehnten natürlich unsere traditionellen Maskenbälle. Der letzte fand allerdings vor etwa 35 Jahren statt. Denn es wurde immer schwieriger, das Publikum anzuziehen und passende Räumlichkeiten zu finden. Ein grosser Auftritt ist aber natürlich nach wie vor unsere Maskenprämierung «Goldig Grend» am Güdismontag im Hotel Schweizerhof.

zentralplus: Und wo sind Sie an der Fasnacht sonst noch präsent?

Oswald: Tradition hat auch unser satirisches Theater, welches wir jeweils während der Umzüge aufführen. Anlässlich des Jubiläums werde wir heuer zusätzlich eine stationäre Bühne bei unserem Gesellschaftshaus im Süesswinkel aufbauen und unser Stück mehrere Male zum Besten geben. Die erste Aufführung findet am Morgen des Schmudo statt.  

zentralplus: Werden die MLG-Mitglieder dort also selber auftreten?

Oswald: Natürlich, die Schauspieler sind alles Maskenbrüder. Auch das Stück zu aktuellen Themen haben wir selber geschrieben. Darin bekommen alle ein bisschen ihr Fett weg. Politiker, Prominente und natürlich auch unsere Schwesterzünfte und Gesellschaften. Einfach jeder, der sich letztes Jahr etwas aus dem Fenster gelehnt hat. Aber auch unsere eigene Geschichte packen wir noch etwas rein.

zentralplus: Können Sie schon etwas mehr verraten?

Oswald: Unser Jubiläumsmotto lautet «Zu Gast bei der MLG». Deshalb erwarten wir auch viele bekannte Persönlichkeiten. So viel ich bis jetzt erfahren habe, haben sich sogar  Staatspräsidenten und Bundeskanzlerinnen angemeldet. Mehr weiss ich aber auch noch nicht (lacht).

zentralplus: Steht die Fasnacht 2019 also unter dem Stern Ihres Jubiläums?

Oswald: Ja und nein. Wir werden dieses Jahr sicher am Umzug einen grösseren Auftritt als sonst haben. Wir werden von der Gruppe Nostradamus und der Guuggenmusig Chappelgnome begleitet, die mit der MLG zusammen ein Sujet mit rund 200 Personen bilden und zuvorderst laufen. Ansonsten ist unser Jubiläum zwar immer wieder ein Thema, es ist aber nicht so, dass die anderen Gesellschaften und Zünfte dieses Jahr gross etwas anders machen werden.

Der Saal aus dem 19. Jahrhundert im MLG-Gesellschaftshaus.

Der Saal aus dem 19. Jahrhundert im MLG-Gesellschaftshaus.

(Bild: bic)

zentralplus: Im Zusammenhang mit dem geplanten Maskenbrunnen auf dem Kornmarkt wurden von gewissen Kreisen auch Ihre Strukturen und Werte kritisiert. Vor allem die Tatsache, dass keine Frauen in die MLG aufgenommen werden (zentralplus berichtete). War dies seither ein Thema? 

Oswald: Die Frauenfrage wird bei uns ab und zu diskret aufgeworfen. Nicht erst seit dem Vorfall mit dem Brunnen. Vor allem, wenn wir etwas Mühe haben, neue Mitglieder zu finden. Diese Diskussion erlebe ich im Zuge der öffentlichen Genderdebatte offener als vor einigen Jahren. Damals hiess es ganz klar nein, da man ja eine Bruderschaft mit einer langen Tradition ist. Würde die MLG heute gegründet, würde man die Frauen aber wohl eher nicht ausschliessen.

zentralplus: Dann geht da also was?

Oswald: Die Diskussion ist nicht zuvorderst. Obwohl verglichen mit den anderen Gesellschaften und Zünften die Frauen der Gesellschafter bei uns sehr aktiv sind. Deshalb nennen wir sie auch unsere Maskenschwestern. Sie sind zwar nicht Mitglieder, aber dennoch stark integriert.

zentralplus: Das heisst?

Oswald: Dieses Jahr sind über 60 Frauen und Kinder dabei, die seit Monaten intensiv für unsere Jubiläumsauftritte mitarbeiten und auch viele Ideen eingebracht haben. Zudem wird einer unserer grössten jährlichen Anlässe, der karitative Samichlausabend, ausschliesslich von einem Frauengremium organisiert.

zentralplus: Jetzt unabhängig von den Frauen. Wer sind heute Ihre Mitglieder? Immer noch die gleichen wie vor 200 Jahren?

Oswald: Die Mitglieder haben sich schon gewandelt. Zu Beginn war es wichtig, dass von jeder Berufsgattung nur einer dabei sein darf. Dies, damit es nicht zu Konkurrenzsituationen kam. Dies ist heute natürlich nicht mehr so. Auflagen gibt es aber nach wie vor. Zum Beispiel die liberale, freisinnige Gesinnung und eine Anstellung in einer führenden Position. Vom Denken her möchten wir eine homogene Gruppe sein. 

Das Sitzungszimmer der MLG.

Das Sitzungszimmer der MLG.

(Bild: bic)

zentralplus: Und wie geht Ihr Jubiläumsjahr nach der Fasnacht weiter?

Oswald: Nach Abschluss der Fasnacht sind verschiedene Events geplant. So werden wir bei den Festivitäten zur Neueröffnung des Löwengrabens präsent sein und unser Haus der Öffentlichkeit zugänglich machen. Weiter ist im Frühling ein Politanlass angedacht, gefolgt von einem einmaligen Wohltätigkeitsanlass im Sommer und dem grossen Jubiläumsfest im Herbst. Den Abschluss macht dann eine würdevolle Weihnachtsfeier. Es geht überall darum, uns der Öffentlichkeit vorzustellen und unsere Aufgaben innerhalb der Stadt aufzuzeigen.

zentralplus: Von welchen Aufgaben sprechen Sie da?

Oswald: Eines unserer wichtigsten Standbeine ist seit jeher die Wohltätigkeit. Früher ging ein grosser Teil unseres Erlöses aus der Vermietung unserer Masken und Kostüme an Bedürftige der Stadt, heute kommen namhafte Beträge aus regelmässigen Spendensammlungen. So wollen wir der Stadt, in der wir uns zuhause fühlen, etwas zurückgeben.

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