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Eine Fabrik der Alpträume
  • Kultur
  • Rezension
Die Inszenierung ist brutal, manchmal bis hin zur Lächerlichkeit. (Bild: Savino_Caruso)

«Die Traumfabrik» im Luzerner Pavillon Eine Fabrik der Alpträume

4 min Lesezeit 18.02.2017, 14:48 Uhr

Fette Vetter und Oma Hommage präsentierten gestern ein verstörend mitreissendes Stück. Es geht um die Flucht vor der Gefangenschaft in die Welt der Träume. Ein politischer Gefangener flieht vor der Gewalt des Regimes in seine Träume, jedoch wird er auch dort überwacht.

Das Stück «Die Traumfabrik», welches von Béla Rothenbühler verfasst wurde, erfuhr in Luzern seine Premiere. Fast jeder Platz im Theater Pavillon war besetzt, als Mark Jenni alias Juri die Bühne betrat. Der Protagonist ist ein politischer Gefangener in einem Staat, welcher seine Bürger in jeder Form zu überwachen und zu kontrollieren sucht.

Das zentrale Ziel ist es, von Juri alles über seine angeblichen Mitverschwörer zu erfahren. Juri flüchtet sich vor Folter und Auszehrung immer wieder in seine Träume. Dies jedoch ohne Erfolg, da in dieser Welt auch der Traum und die Gedanken der Menschen nicht mehr der Überwachung des Staates entzogen sind. Seine Peiniger folgen Juri in seine Träume und versuchen so, ihm eine Mitschuld an einer Verschwörung anzuhängen und mehr über seine angeblichen Mitverschwörer zu erfahren.

Ein überzeugender Folterknecht

Kein Stück für schwache Nerven, es wird gefoltert, gedemütigt, geschlagen und erniedrigt. In manchen Szenen wirkte es real, dann wurde es wieder bis ins Lächerliche überzeichnet. Dies führte beim Publikum einige Male zu Gelächter, in anderen Situation war es mucksmäuschenstill.

Juri (Mark Jenni) mit seiner Peinigerin (Tiffany Limacher).

Juri (Mark Jenni) mit seiner Peinigerin (Tiffany Limacher).

(Bild: Savino_Caruso)

Tiffany Limacher, welche den Part des Folterknechtes übernahm, spielte ihre Rolle souverän und hat mit ihren kurzen Parodien einen makabren Humor geschaffen, welcher beeindruckte. Die peinlichen Verhöre, in welchen Juri angekettet und gefoltert wurde, liessen auch beim Publikum klare Reaktionen entstehen.

Waterboarding auf der Bühne

Zu Beginn des Stückes wird Juri in seiner Zelle über seine Situation aufgeklärt, jedoch nicht über die genaue Anklage. Er denkt gar noch, es ginge um seine Abhängigkeit von Suchtmitteln. Es scheint wie ein Verweis auf Kafkas «Prozess». Ihm sollen Informationen entlockt werden. Er wird keiner Tat beschuldigt, nein, ihm wird die Freiheit versprochen, wenn er Namen nennt. Juri jedoch bittet nur um Wasser. Er wird angespuckt und anschliessend kippt man einen Eimer Wasser über seinem Kopf aus.

Das Bühnenbild ist einfach – aber effektiv.

Das Bühnenbild ist einfach – aber effektiv.

(Bild: Savino_Caruso)

Als er wieder alleine in der Zelle ist, kniet er sich auf den Boden und fängt an, die Flüssigkeit aus den Pfützen am Boden zu schlürfen. Hier ging das erste Raunen durch die Menge, denn in dieser Aufführung gab es in dieser Hinsicht keine Pietät. In extremen Situationen greifen wir Menschen zu extremen Massnahmen und sind bereit, mehr zu erdulden, als wir es uns im Alltag vorstellen können. Dies wurde uns klar vor Augen geführt.

Es wird nichts beschönigt und nichts weggelassen, selbst das Waterboarding wird hier auf der Bühne gezeigt. In manchen Momenten konnte man wirklich meinen, es werde nun vor den Augen aller ein Mensch gefoltert.

Zynismus, Sarkasmus und Überzeichnung

Juris Befragung wird immer wieder von seinen Träumen unterbrochen. In diesen begegnet er seiner Familie, seinem Bruder und seinen Freunden wieder. Es sind jedoch nur Wesen seiner Phantasie, sie wissen nur, was er schon kennt. Sie sind Gebilde, welche seinem Geist entspringen. Wie eine Matryoshka, welche immer eine noch kleinere Puppe enthält, so zieht uns auch dieses Stück immer weiter in sein Inneres. Es wird immer eine neue Ebene geschaffen, welche uns die Unmenschlichkeit und das Leiden zeigt, das durch diese Behandlungen von Menschen hervorgerufen wird.

Aufführungen

Am Samstag, 18. Februar, wird «Die Traumfabrik» noch einmal aufgeführt. Acht weitere Vorstellungen im Pavillon finden im März statt. Der Eintritt für Jugendliche bis 18 Jahre, Lehrlinge und Studenten kostet 15, für Erwachsene 25 Franken.

Es ist eine sehr grausame Darstellung, ein Gemisch aus Zynismus, Sarkasmus und Überzeichnung. Jedoch nicht fremd, wir werden mit der Grausamkeit der menschlichen Natur konfrontiert. Mark Jenni lässt uns in vielen Momenten tiefes Mitleid für ihn empfinden.

Als die Gruppe von Freunden, welche dem Terrorismusverdacht unterliegt, die Begründung für ihr Handeln äussert, läuft einem ein kalter Schauer den Rücken hinab. Es ist verständlich und trifft doch unsere Ängste. Die Realität ist jedoch: Auch wenn all dies nicht direkt vor unserer Haustüre geschieht, so geschieht es doch auf unserer Welt.

Der Zeitgeist hält Einzug

Ein sehr kritisches Stück wurde hier geschaffen und doch trifft es den Geist der Zeit. Ein überdurchschnittlich junges Publikum folgte der Vorstellung. Das Thema scheint jedoch sehr zentral, die Schauspieler stehen auf dieser Bühne im Vordergrund. Am Anfang des Stückes wirkt der Bühnenaufbau etwas wirr, jedoch ist es beeindruckend zu sehen, mit welch kargem Bühnenbild ein grosser Effekt erzielt werden kann. So quittierten denn auch die Zuschauer mit stehenden Ovationen die Darstellung.

Die musikalische Untermalung verlieh dem Stück zudem einen besonders eindringlichen Charakter, nahm ihm jedoch nichts von seiner Grausamkeit. So verwunderte es auch nicht, dass nach dem Ende der Vorstellung die Leute das Theater mit schweren Gedanken verliessen. «Erscht mal dr Chopf lüfte» war der Gedanke von mehr als nur einer Person. 

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