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Eine Aussensicht zum Stadttunnel: Das sagen die Experten
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Braucht Zug einen Stadttunnel? Verkehrsexperten sind der Meinung, dass es Alternativen gäbe. Diese müssten jedoch einen Mehrwert bieten. (Bild: Carlo Schuler)

Zuger Stadttunnel Eine Aussensicht zum Stadttunnel: Das sagen die Experten

5 min Lesezeit 2 Kommentare 21.02.2015, 11:04 Uhr

Am 26. Februar berät der Zuger Kantonsrat die Vorlage Stadttunnel/Zentrum Plus in zweiter Lesung. Bei einem Ja der Ratsmehrheit kommt es am 14. Juni zur Volksabstimmung. Zeit für eine Aussensicht: Der Stadttunnel will die Zuger Verkehrsprobleme quasi «technisch» lösen. Was halten Verkehrsfachleute grundsätzlich von einem solchen Ansatz?

Ueli Haefeli, Verkehrsexperte bei Interface Politikstudien in Luzern, sagt zum Zuger Jahrhundertprojekt:  «Wenn man von der Voraussetzung ausgeht, dass das Zentrum umfahren werden soll, so stellt sich die Frage nach der besten Lösung. Vor diesem Hintergrund waren in Zug die Analysen der verschiedenen Projektvarianten durchaus plausibel.»

Der Entscheid zur Umfahrung sei aber kein wissenschaftlicher, sondern ein politischer. Ob geplante Investitionen im Verkehrsbereich langfristig die erhofften Wirkungen erzielen, hänge jeweils davon ab, ob geeignete flankierende Massnahmen gegen Neuverkehr oder gegen reine Verlagerungen der Belastung ergriffen werden, so Haefeli. «Es wird also nicht zuletzt darum gehen, ob die in Zug ja vorgesehenen Massnahmen auch wirklich umgesetzt werden.»

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Kostenwahrheit würde Probleme lösen

Thomas Sauter-Servaes leitet den Studiengang «Verkehrsysteme» an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften. Er steht dem «technischen Aufrüsten» im Verkehrsbereich skeptisch gegenüber: «Infrastrukturinvestitionen können das grundsätzliche Problem nicht lösen», sagt der Zürcher Mobilitätsforscher. Während die Zuger Baudirektion davon ausgeht, dass der Stadttunnel keinen Mehrverkehr generieren wird, spricht Sauter-Servaes von einem «Rebound-Effekt». Neue Verkehrsinfrastrukturen würden in aller Regel neuen Verkehr erzeugen: «Mehr Kapazität schafft praktisch immer eine zusätzliche Nachfrage.»

Sauter-Servaes plädiert dafür, die Verkehrsprobleme viel grundsätzlicher anzugehen. Dabei setzt er auf einen marktwirtschaftlichen Ansatz: Ziel müsse nämlich sein, Kostenwahrheit herzustellen. «Dann würden sich viele Probleme, die der Individualverkehr verursacht, von selber lösen.» Wenn die Automobilisten sämtliche von ihnen verursachten Kosten – zum Beispiel Klima- und Lärmeffekte – selber berappen müssten, würde der Autoverkehr automatisch abnehmen. Heute sei es so, dass der Individualverkehr auch durch Nichtbenützer mitbezahlt werde. In einem kürzlich in der «NZZ am Sonntag» erschienen Beitrag beschrieb Sauter-Servaes einen möglichen Weg, um den Autoverkehr einzudämmen: Höhere Parkiergebühren würden nämlich wie eine City-Maut wirken.

Die Krux mit den Prognosen

Der Kanton Zug geht davon aus, dass der Verkehr in der Stadt bis ins Jahr 2030 so oder so zunehmen wird. Klaus Zweibrücken, Verkehrsplaner an der Hochschule für Technik Rapperswil, sagt: Solche Prognosen hätten auch mit einer politischen Haltung zu tun. Es gehe zum Beispiel um die Frage, ob man den Öffentlichen Verkehr ganz bewusst als Alternative zum Auto stärken möchte, so wie es urbanere Städte wie etwa Zürich in der Vergangenheit mit Erfolg getan hätten.

Zudem weist Zweibrücken darauf hin, dass man nur schwer vorhersagen könne, was im Jahre 2030 genau sein werde. «Aus der Sicht eines Verkehrsplaners mögen 15 Jahre ein relativ kleiner Zeitraum sein. In Bezug auf andere Aspekte – etwa mögliche Verhaltensänderungen der Menschen – sind 15 Jahre aber eine sehr lange Zeit und Prognosen entsprechend schwierig.»

Während Guido Bielmann vom Bundesamt für Strassen (ASTRA) aufzeigt, dass die Fahrzeugbestände in der Schweiz auch in den vergangenen Jahren zugenommen haben, verweist Zweibrücken auf den Mikrozensus, der darlegt, dass das Auto den heutigen Jugendlichen offenbar weniger bedeute als früheren Generationen. Zweibrücken stellt zudem die ökonomische Nachhaltigkeit eines solchen Stadttunnelprojektes in Frage. Das Problem sei, dass man bei derartigen Investitionen die Unterhaltskosten den Nachkommen überlasse. Und diese Unterhaltskosten seien in aller Regel sehr hoch.

Alternativen müssen Mehrwert haben

Laut Klaus Zweibrücken würden möglicherweise auch alternative Massnahmen Effekte zeitigen. So sei erwiesen, dass bei einem Drittel aller Autofahrten eine Distanz von weniger als einem Kilometer zurückgelegt werde. In diesem Bereich sei noch viel Umlagerungspotential vorhanden.

Grundsätzlich gebe es schon Alternativen, sagt denn auch die Verkehrsexpertin Heidi Hofmann von der Universität Bern. Sie verweist auf Konzepte wie Gratis-ÖV in der Stadt oder vermehrtes Car-Sharing. «Solche Alternativen müssen aber ‹in› sein und einen Mehrwert gegenüber dem heutigen Status haben, ansonsten ist eine Veränderung nur schwer zu erreichen.»

Auch Markus Maibach vom Zürcher Planungsbüro Infras geht davon aus, dass eine Stadt die Möglichkeit hätte, sich mit innovativen Ideen einen Namen zu machen. So könnte sich eine Stadt beispielsweise vornehmen, ein eigentlicher Leuchtturm im Bereich E-Mobility zu werden. Verkehrstechnisch betrachtet erscheint ihm das Zuger Projekt mit den Kammern als elegant. Dieses habe allerdings auch seinen Preis. Letztlich liege es an den Stimmbürgern zu entscheiden, ob der Mehrwert der verkehrsberuhigten öffentlichen Fläche diesen Preis rechtfertige.

Road Pricing als Alternative?

In Bezug auf die diversen Möglichkeiten von Verhaltensänderungen gibt Professor Kay Axhausen vom Institut für Verkehrsplanung der ETH Zürich zu bedenken, dass diese jeweils ein gewisses Ausmass erreichen müssten, um wirksam zu sein. Dies wiederum könnte sie für Personen und Firmen schwierig machen. Je nach Grösse der Probleme könnten seiner Ansicht nach Strassengebühren eine partielle Alternative zu Investitionen in die Infrastruktur darstellen. Dies sieht Avenir Suisse-Verkehrsexperte Daniel Müller-Jentsch ähnlich: «Theoretisch könnte eine Citymaut eine Alternative zu einem Tunnel sein. Der Bund arbeitet derzeit an einer nationalen Mobility-Pricing-Strategie. Es ist deshalb denkbar, dass es bis 2030 oder 2040 eine dannzumal wohl GPS-basierte Strassenmaut geben wird.»

So oder so ist Müller-Jentsch der Meinung, dass ein Grossprojekt für 900 Millionen Franken erst im Detail konzipiert und in Angriff genommen werden sollte, wenn es in ein Gesamtverkehrskonzept für die betreffende Region eingebettet ist. Dieses müsste sowohl den motorisierten Individualverkehr als auch den ÖV und den Langsamverkehr umfassen. Gemäss dem Zuger Baudirektor Heinz Tännler ist das Projekt Stadttunnel Bestandteil des Gesamtverkehrskonzeptes PlusPunkt vom 12. April 2000.

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2 Kommentare
  1. René Schmid-Bill, 24.02.2015, 10:49 Uhr

    Schön hier zu lesen, dass eine Erhöhung der Parkgebühren eine lenkende Wirkung hat. Dies glaube ich schon, aber wie kommen die Oberwiler oder in meinem Fall die Walchwiler nach Baar oder Cham? Nehmen Sie das “Lufttaxi” oder drücken sie den Knopf für “ich löse das Auto in Luft auf”? Wie fahren die Handwerker an Ihren Einsatzort? Wie die Pendler an Ihren Arbeitsplatz in Steinhausen oder in Affoltern a. Albis? Ja klar, einfach durch die Stadt. Hier sehe ich die grosse Chance des Stadttunnels mit dem Zentrum +! Wenn wir am Wochenende an den Markt am Landsgemeindeplatz gehen, wäre es doch schön zu einem Lokal in der Altstadt schlendern zu können ohne X Fussgänger Streifen passieren zu müssen und das Zentrum Verkehrsfrei zu haben. Vielleicht würden wir dann auch noch etwas einkaufen in einer Boutique oder eine Italienische? Spezialität “posten” beim vorbeigehen. Das Auto bräuchten wir dann nicht und auch keine Angst vor einer Kollision mit einem solchen. Die ganze Stadt würde zum flanieren einladen und auch ein wenig zum verweilen. Ich würde eine solche “Zentrum +” aufgewertete Stadt auch gerne unserem Besuch zeigen und die schönsten Sonnenuntergänge in einem Bistro Tischchen beim Apéro zusammen bestaunen. Zugegeben es ist viel Geld aber die Investition wird sich für die Lebensqualität aller Zuger in der Stadt lohnen. Auch Touristen schätzen solche Fussgänger Zonen sehr, diese Erfahrung machen wir bei Städtereisen auch selber immer. Als Walchwiler Berg Bewohner (6km vom Zentrum entfernt) würde ich mich freuen unter der Stadt durchzufahren und zu wissen, dass “überirdisch” Menschen beruhigt und verkehrsfrei einen Kaffee trinken können. Wenn ich dann die Zeit habe, geselle ich mich zu Ihnen und geniesse auch die beruhigte Stadt mit der Flanierzone. Die Kosten mit Sparmassnahmen und dem Budget zu vergleichen / verrechnen ist unfair und trägt nichts zur Aufwertung der Stadt bei!
    Für mich also schon lange klar…. Ein beherztes JA zum Stadttunnel! Wenn er jetzt nicht gebaut wird kommt er nie mehr und es wird weiter “gewurschtelt” mit dem zunehmenden Verkehr. JA zum Stadttunnel mit dem Zentrum +!

  2. Stefan Gisler, 24.02.2015, 08:46 Uhr

    Der Artikel gibt gut wieder, dass grosse Zweifel an der Wirksamkeit des Stadttunnels angebracht sind. Die Fraktion der Alternativen – die Grünen sagt darum NEIN zum Stadttunnel. Wir haben uns diesen Entscheid nicht leicht gemacht, engagieren wir uns doch seit Jahrzehnten konstruktiv für eine attraktive Stadt Zug dank einer wirksamen Verkehrsbefreiung/-Beruhigung; inkl. Tunnellösung. Doch trotz eines exzessiven Preises von nahezu 1000 Millionen und hohen Folgekosten für Betrieb und Unterhalt, bleibt die Wirkung im “ZentrumPlus” zu gering; für die Aussenquartiere gar negativ. Zu viele Autos können noch immer an zu vielen Orten zirkulieren und der Gesamtverkehr im Kanton Zug nimmt nicht ab. Der Berg hat eine Maus geboren!

    Ein Ja verunmöglicht hat das unsensible Vorgehen der bürgerlichen Regierung. Zuerst das ruppige Sparpaket – 100 Millionen jährlich sollen auf Kosten von Familien, Schulen, Gesundheit, Kultur, Umwelt und öffentlicher Verkehr gespart werden. Da ist das viele Geld für den Stadttunnel wie eine Faust aufs Auge! Und das unverständliche Festhalten der Regierung an der Verlängerung der General-Guisan-Strasse, welche die Grünfläche Lorzenebene zerstört und das Herti mit Verkehr abfüllt, war ebenfalls mit ausschlaggebend.

    Auch wenn der Stadttunnel abgelehnt werden sollte (wenn nicht im Kantonsrat, so zumindest vom Volk), sind die heutigen Befürworter in die Pflicht zu nehmen, sich für echte Verkehrsentlastungen einzusetzen – die Stadt braucht mehr Lebensqualität bei Einkauf, Freizeit, Wohnen! Zum Wohl von Bevölkerung und Gewerbe! Dazu braucht es umfassende kantonale Konzepte.

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