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Ein Stück Quartiergeschichte: Das Ende des Wäsmeli-Kiosk
  • Regionales Leben
Ja, sie waren toll: Die Kioskfrauen Heidi Baumann, Marianne Planzer und Madelaine Wyss (von links).   (Bild: bic)

Dutzende Stadtluzerner nahmen Abschied Ein Stück Quartiergeschichte: Das Ende des Wäsmeli-Kiosk

4 min Lesezeit 30.09.2018, 13:30 Uhr

Am Freitag ging im Luzerner Wesemlin-Quartier eine Ära zu Ende. Nach mehr als 50 Jahren wurde der Kiosk feierlich für immer geschlossen. Wie andere Verkaufsstände wurde auch der Tresen im Wesemlin ein Opfer des gesellschaftlichen Wandels. Dutzende Menschen erwiesen dem kleinen Laden die letzte Ehre.

Es ist kurz nach 16 Uhr am vergangenen Freitag. Rund ein Dutzend Menschen drängen sich vor dem Kiosk im Luzerner Wesemlinquartier. In zwei Stunden wird der Kiosk wie üblich schliessen. Doch diesmal für immer.

Die Menschen aus dem Quartier sind in Scharen gekommen, um sich zu verabschieden und mit den Frauen vom Kiosk anzustossen. Autofahrer halten spontan an, um noch schnell ein Wort zu wechseln. Die vielen Kinder freuen sich, dass es das Schleckzeugs zum halben Preis gibt. Die Regale sind schon fast leergeräumt. Lose sowie die meisten Zigarettenmarken gibt es nicht mehr. Mehrmals müssen die Kiosk-Frauen die letzten Kunden deshalb verrösten.

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Eine Institution

Man spürt sofort – die Schliessung des Wäsmeli-Kiosk beschäftigt die Quartierbewohner. «Er war quasi eine Institution», sagt Betreiberin Cornelia Scherer, die sich diskret zurückhält. «Die letzten Momente sollen den drei Frauen gehören, die dem kleinen Laden das Gesicht gegeben haben», sagt sie. Eine von ihnen, Heidi Baumann, stand während 30 Jahren hinter dem Tresen.

«Der Kiosk war ein Treffpunkt. Man kam vorbei um schnell ein paar Worte zu wechseln. Man hatte seine Kontakte hier», blickt Scherer zurück. Während vier Jahren führte sie  den Kiosk ehrenamtlich. Ihre drei Mitarbeiterinnen arbeiteten in Teilzeit.

«Wir hören auf, solange wir können und nicht dann, wenn wir müssen.»

Cornelia Scherer, Betreiberin des Wäsmeli-Kiosks

Die letzten Besucher bedanken sich persönlich bei Cornelia Scherer und ihren Mitarbeiterinnen. «Eigentlich war ich viel zu selten hier», sagt ein älterer Mann. «Ein trauriger Moment», ergänzt seine Frau, während sie über dem Tresen anstossen und sich etwas vom grosszügigen Apero gönnen. Auch am letzten Tag ist der Kiosk noch ein Treffpunkt.

Das Business wurde immer härter

Dass der Kiosk schliesst, habe diverse Gründe, erklärt Scherer: «Auf der Wiese bei der Kirche nur wenige Meter nebenan treibt die Migros ein Grossprojekt mit verschiedenen Geschäften voran. Inklusive eines modernen Kiosks», sagt sie. Seit rund 15 Jahren ist der Kiosk auch eine gut frequentierte Postagentur, ergänzt Scherer, während sie das allerletzte Paket entgegennimmt.

Weiter sei es aber auch generell fraglich, wie wirtschaftlich ein Kiosk künftig betrieben werden könne. «Alle wollen mit dem Rauchen aufhören, die Kinder sollen immer weniger Süsses essen und die Zeitschriften gibt es heute alle im Internet», so Scherer, die den Kiosk ehernamtlich betrieben hatte. 

Cornelia Scherrer nimmt das allerletzte Päckchen entgegen.

Cornelia Scherer nimmt das allerletzte Päckchen entgegen.

(Bild: bic)

Höhere Steuern als Problem

Schwierigkeiten mache ihr aber auch eine neue gesetzliche Bestimmung des Kantons. Anstatt wie früher 50 Franken, muss sie seit diesem Jahr jährlich 500 Franken steuern abliefern. Dies sei der Minimalbetrag für GmbHs, wie auch der Wäsmeli-Kiosk eine ist. «Bislang hatten wir Ende Jahr jeweils rund 1’000 Franken Reserve. Ohne dieses Polster macht es aber keinen Sinn mehr», bedauert Scherrer.

Schade findet sie auch, dass sie diesen Sommer keine Kinder mehr bedienen konnte, die Panini-Bildchen kauften. Denn die kleine Migros im Quartier verkaufte diese zehn Rappen billiger, als sie der Kiosk unter die Leute bringen konnte. 

«Die Kinder mit ihren Bildchen waren früher jeden zweiten Sommer ein Highlight», blickt Heidi Baumann etwas wehmütig zurück. Die Schüler hätten jeweils ihre ganze Mittagspause am Boden vor dem Kiosk verbracht und die soeben erstandenen Bildchen getauscht, sagt sie mit einem Schmunzeln. «Dieses Jahr mussten wir die Bildchen wegen der Konkurrenz nach drei Wochen aber wieder zurückschicken», ergänzt Cornelia Scherer.

Der Wäsemeli-Kiosk war mehr als einfach ein kleiner Laden.

Der Wäsemeli-Kiosk war mehr als einfach ein kleiner Laden.

(Bild: Screenshot GoogleMaps)

Mindestens 50 Jahre alt

«Wir hören auf, solange wir können und nicht dann, wenn wir müssen», sagt sie. Alle vier könnten sie das Kapitel Wäsmeli-Kiosk erhobenen Hauptes abschliessen. Keine der drei Mitarbeiterinnen wird auf der Strasse stehen. Heidi Baumann geht Anfang nächstes Jahr in Pension und Madelaine Wyss erhielt eine Anstellung beim Kiosk an der Pfistergasse. Marianne Planzer wird sich eine berufliche Auszeit gönnen.

Wie lange es den Kiosk tatsächlich gab, kann weder Scherrer noch einer der anwesenden Besucher sagen. «Ich würde sagen etwa 50 Jahre», sagt Madelaine Wyss. Sie habe aber auch schon die Zahl 60 gehört. «Es müssten sogar etwa 80 Jahre sein», schätzt ein 78-Jähriger, der im Quartier aufgewachsen ist.

Die genaue Zahl scheint an diesem letzten Tag keine Rolle zu spielen. Vielmehr geniessen die Menschen aus dem Wesemlin bei prächtigem Sonnenschein und spätsommerlichen Temperaraturen die letzten Augenblicke einer langen Geschichte.

Ob jung oder alt: Die Menschen aus dem Quartier verabschiedeten sich von ihrem Kiosk.

Ob jung oder alt: Die Menschen aus dem Quartier verabschiedeten sich von ihrem Kiosk.

(Bild: bic)

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