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Ein Stück Metalli-Geschichte findet in Zug sein Ende
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Alles muss raus! Noch bis am 1. Juni läuft der Ausverkauf. (Bild: sib)

Nach 72 Jahren: Bruno Iten schliesst Bijouterie Ein Stück Metalli-Geschichte findet in Zug sein Ende

5 min Lesezeit 18.05.2019, 05:45 Uhr

Seit das Metalli in Zug 1987 eröffnet wurde, war die Bijouterie von Bruno Iten fester Bestandteil der Einkaufsallee. Dies jedoch nur noch bis 1. Juni – denn dann schliesst das Traditionsgeschäft nach 72 Jahren. Iten kritisiert sowohl die Ladenketten als auch die Öffnungszeiten im grössten Einkaufszentrum der Stadt Zug.

Wer durch das Metalli schlendert, wird früher oder später an der Bijouterie von Bruno Iten vorbeikommen. Und dies seit die Einkaufspassage 1987 eröffnet wurde. Dieser vertraute Anblick wird jedoch nur noch bis am 1. Juni anhalten. Dann schliesst der Unterägerer sein Geschäft. Iten spricht von «fast schon einem befreienden Gefühl», wenn er daran denke.

«Ich werde dieses Jahr 70, es ist also Zeit», schaut er ohne grosse Wehmut zurück. Iten hätte das Geschäft gerne schon vor fünf Jahren verkauft – doch es liess sich zu seiner Enttäuschung kein brancheninterner Nachfolger finden. Mitte Juni kommt nun eine Läderach-Filiale ins Lokal an der Ecke. Die vier Vollzeit-Mitarberinnen mussten sich eine neue Stelle suchen.

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Eine weitere Verpflegungsmöglichkeit im Metalli also. Iten sieht dies kritisch. «Es ist schade, dass es bald wieder eine Branche weniger sein wird hier. Der Branchenmix stimmt nicht mehr. Es wird bloss kurzfristig gedacht, wo es am meisten Geld zu holen gibt.» Auf der anderen Seite zeigt Iten auch Verständnis für den Vermieter, die Zug Estates AG. Klar müsse der schauen, welches Geschäft wie viel Mietzins einbringt.

Wenn das Geschäft nicht schliessen darf

Der fehlende Mix und dass es inzwischen fast ausschliesslich Filialketten und keine privaten Geschäfte mehr sind im Metalli, bringe ein weiteres Problem mit sich. «An der Generalversammlung der Mietervereinigung segnen die Filialisten bloss ab, was gesagt wird. Die Filialleiter werden instruiert, wie sie sich verhalten sollen», so Iten.

«Der Abendverkauf ist der grösste Blödsinn.»

Bruno Iten, Inhaber Bijouterie Bruno Iten

Beispielsweise was die Öffnungszeiten anbelangt: «Die sind hier zu lange. Der Abendverkauf ist der grösste Blödsinn. Die Grossverteiler halten immer noch daran fest – obwohl am Donnerstag um 20 Uhr kein Mensch mehr hier ist. Und trotzdem darf man nicht schliessen», enerviert sich der Unterägerer.

Ab 2003 ging der Umsatz zurück

Momentan haben Bijouterien laut Iten nicht gerade Hochkunjunktur. «Ich würde heute in Zug keine Bijouterie eröffnen. Es rentiert schlicht nicht mehr», sagt der 69-Jährige, der auf einen hohen Anteil an Stammkunden habe setzen können.

Als Grund für die Baisse seit etwa 2003 nennt Iten neben dem Onlinehandel, dass sich die Gepflogenheiten der Leute verändert hätten. «Heute brezelt man sich für ein klassisches Konzert oder einen Theaterbesuch nicht mehr im gleichen Stil auf oder schlüpft in den Smoking. Die Frauen tragen entsprechend anderen Schmuck, wenn sie in Jeans anstelle eines Abendkleides an einen Anlass gehen.»

«Schöne Schmuckstücke für spezielle Anlässe braucht man immer noch – und das wird auch nicht weggehen.»

Bruno Iten

Heute trage man nicht mehr so oft echten Schmuck, da es inzwischen auch sehr schönen Modeschmuck gebe. «Viele Leute wollen heute beim Schmuck öfter wechseln und kaufen deshalb nicht mehr ein Stück für 3’000 oder 4’000 Franken. Aber der Solitär-Brillant für den Hochzeitsantrag ist immer noch hoch im Kurs. Schöne Schmuckstücke für spezielle Anlässe braucht man immer noch – und das wird auch nicht weggehen», sagt Iten. Dort glaube er nicht an den Online-Handel.

Der Handel brachte das Geld

Als sein Onkel Konrad Iten das Geschäft in der Zuger Altstadt an der Zeughausgasse 1947 eröffnete, waren die Voraussetzungen andere. «Die Konjunkturkurve zeigte nach oben. Mein Onkel war ein hervorragender Uhrmacher.» Auch der Neffe erlernte diesen Beruf. Als Bruno Iten das Geschäft 1981 übernahm, habe er jedoch bald realisiert, dass sich nicht mit der Uhrmacherei Geld verdienen lässt, sondern mit dem Handel. «Und es braucht eine Top-Lage, welche wir vor allem im Metalli hatten. Der Umsatz stieg nach dem Umzug frappant an», erzählt Iten.

Bruno Iten übernahm die Bijouterie 1981 von seinem Onkel.

Bruno Iten übernahm die Bijouterie 1981 von seinem Onkel.

(Bild: sib)

Auch das Uhrengeschäft habe sich verändert. Vor 30 Jahren seien den Geschäften Marken aufgedrängt worden, bei denen damals nichts mehr lief wie zum Beispiel Omega. «Dann wurde die Marke wieder bekannter. Zahlreiche Geschäfte vertrieben sie wieder – bis Omega vor rund zehn Jahren übermütig wurde und vielen gekündigt hat», sagt Iten.

Omega habe es vorgezogen, eigene Läden zu eröffnen, was schlecht für die Geschäfte wie dasjenige von Iten war. Itens Bijouterie war früher selbst auf Omega und IWC spezialisiert. Zuletzt setzte er vor allem auf Rado und Longines.

Mit der Bijouterie das Fliegen finanziert

Iten sagt, er sei zuletzt nur noch einige Stunden pro Woche in seiner Bijouterie anzutreffen gewesen, habe sich vor allem um die Buchhaltung gekümmert und ansonsten den Golfschläger geschwungen, wie er lachend hinzufügt. Die Geschäftsführung hat er Marlies Arnold übergeben. Doch gewisse Freiheiten hatte sich Iten bereits früher genommen.

«Ich habe das Geschäft gerne geführt – aber nicht immer.»

Bruno Iten

So liess er sich das Reisen nicht nehmen und machte beispielsweise den Pilotenschein, flog zeitweise für ein Lufttaxi-Unternehmen. «Damit habe ich jedoch nichts verdient. Vielmehr habe ich meine Verdienste aus der Bijouterie in die Fliegerei gesteckt.» Sein Credo: Man soll nichts zu viel machen, sonst verleidet es irgendwann. «Ich habe das Geschäft gerne geführt – aber nicht immer – und ich bin gerne geflogen – aber auch nicht immer.»

Auch Raube haben sich verändert

Schwierige berufliche Momente waren sicherlich die Einbrüche. Einmal sei in der Nacht die Tür aufgebrochen worden und ein anderes Mal sei ein Dieb mit Uhren im Wert von 30’000 Franken davongerannt, als die Verkäuferin kurz nach hinten ging.

Iten über die Diebstähle: «Früher wurde bei Einbrüchen meist in der Nacht die Scheibe eingeschlagen. Heute mit Alarmanlagen und Rollladen brechen sie in der Regel am hellichten Tag ein.» Das sei viel gefährlicher. Denn: «Bei einem bewaffneten Überfall liegt sehr wenig zwischen dem, dass niemand verletzt wird und einem Toten.»

Die Frage nach der Abschreckung

Er spricht damit auch den Vorfall im August 2017 an, als zwei Männer sein Geschäft überfielen und die einzig anwesende Mitarbeiterin verletzt wurde (zentralplus berichtete). «Ich habe telefonisch davon erfahren. Es war einfach Pech, dass damals ab und zu für eine halbe Stunde nur eine Person den Laden gehütet hat», erinnert sich Iten zurück.

Das Strafmass für die beiden Täter von drei respektive zwei Jahren und zehn Monate Freiheitsstrafe, davon 14 respektive 12 Monate unbedingt, hält Iten für deutlich zu tief. Von einer abschreckenden Wirkung könne da keine Rede sein. Sagts und begrüsst eine Kundin, die er gut zu kennen scheint. Man spürt: Hier findet ein Stück Metalli-Geschichte bald sein Ende.

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