Ein schwarzer «Lumpensammler» für das Blue Balls
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Die Medien rissen sich um das Blue Balls Face 2017, dessen CD erst im Sommer rauskommt. Der Londoner Samm Henshaw mit nigerianischen Wurzeln ist ein engagierter Gesprächspartner. (Bild: hae)

Samm Henshaw ist der neue Luzerner Posterboy Ein schwarzer «Lumpensammler» für das Blue Balls

4 min Lesezeit 27.04.2017, 17:44 Uhr

Manchmal muss man sich nur nach den Perlen bücken. Eine solche präsentiert Blue-Balls-Festivaldirektor Urs Leierer als neuen Posterboy: Samm Henshaw. Der Londoner überzeugte bei der Programm-Präsentation mit eingängigem Soulpop. Und das Blue Balls Face 2017 weckte Erinnerungen an einen mittlerweile Grossen: an Rag’n’Bone Man …

«Der ging mir leider vor einem Jahr durch die Lappen», sagt Urs Leierer am Rande der Blue-Balls-Programmpräsentation im Luzerner Hotel Schweizerhof. Wer hatte zum Song «Human» des britischen Soul-Sängers Rag’n’Bone Man alias Rory Graham in den letzten Monaten nicht Tränen verdrückt. Und rührselig den eingängigen Refrain mitgesungen, ja, ihn kaum mehr aus dem Kopf gebracht. «Human» war das erfolgreichste Lied des letzten Jahres.

Das Montreux Jazz Festival hatte das musikalische Schwergewicht Rag’n’Bone Man 2016 zu seinem 50-Jahr-Jubiläum voller grosser Erwartungen präsentiert – obwohl der damals 31-jährige Heilerziehungspfleger noch gar keinen Hit produziert hatte. Aber dann auf der Bühne wie ein Sturm wirkte. Und sein Debütalbum «Human» danach diesen Winter weltweit in die Charts stürmen liess – ein halbes Jahr nach einer grandiosen Sommertournee.

Halb so furchteinflössend wie der «Lumpensammler»

Das könnte bald auch Samm Henshaw so passieren, einem Sänger mit einer ähnlich heiser-rauchigen Soulstimme, die wie jene von Rag’n’Bone Man sofort unter die Haut geht. Den erst 23-Jährigen präsentiert Urs Leierer jetzt voller Stolz seiner Blue-Balls-Crew und den Medien. Der schwarze Samm ist zwar nur etwa halb so schwer wie sein weisses Pendant Rory Graham. Er wirkt nicht furchteinflössend wie der von oben bis unten tätowierte «Lumpensammler» (Ra’n’Bone Man), sondern bewegt sich elegant und redet sehr zuvorkommend.

Denn Samm Henshaw weiss, dass das Schweizer Publikum sehr anspruchsvoll ist. Dass die Fans vom Luzerner Blue Balls – «das mit dem eigenartig anzüglichen Namen» – sehr verwöhnte sind. Im KKL traten beim Blue-Balls-Reigen schon Legenden wie Iggy Pop oder Faithless auf, bald werden es diesen Sommer Patti Smith oder der Blueser Taj Mahal sein. «Eine Ehre für mich, das Festival mit Jake Bugg am 21. Juli eröffnen zu dürfen», sagt der strahlende Samm Henshaw.   

Start zu Grösserem

Henshaw, Londoner mit nigerianischen Wurzeln, ist nicht nur ein begnadeter Soul-Sänger, sondern auch ein engagierter Gesprächspartner. Das schätzt auch Urs Leierer an ihm, der in seinem 25. Jahr als Festivalchef doch schon rund 500 Künstlerinnen und Bands erlebt hat. Der Blue-Balls-Chef weiss, weshalb er den zuvorkommenden Samm lobt: «Er war gänzlich unbekannt, wurde mir aber von meinem Musikscouts mehrfach ans Herz gelegt.» Und so steht der Soulsänger das erste Mal in seinem Leben in der Schweiz auf einer improvisierten Bühne – und singt sich die Seele aus dem Leib. Mit geschlossenen Augen und grossem Herz.

Schon bei der Präsentation zum neuen Blue Balls Festival war Samm Henshaw begehrt. Festivalleiter Urs Leierer (rechts) freute sich.

Schon bei der Präsentation zum neuen Blue Balls Festival war Samm Henshaw begehrt. Festivalleiter Urs Leierer (rechts) freute sich.

(Bild: hae)

Samm Henshaw dürfte die Chance nutzen, die den Jungstars am neuntägigen Musikreigen in Luzern immer wieder gerne offeriert wird: «Wir bieten aufstrebenden Künstlern eine Bühne – dieses Jahr beispielsweise nebst Samm Henshaw auch den jungen Sängerinnen Mahalia und Aurora», so Leierer. In vergangenen Jahren waren es etwa Benjamin Clementine oder James Bay, bei welchen die Blue-Balls-Crew ein glückliches Händchen bewies. Sie starteten durch.

James Bay durfte das Festival vor zwei Jahren eröffnen und war Blue Balls Face mit Hut, bevor er zur Weltkarriere durchstartete. Dieser Bay war es auch, der Samm Henshaw pushte. «Ihm gefällt mein Sound, deshalb nahm er mich auf seine letzte Tour mit», erzählt der jüngste Newcomer. Doch nicht nur internationalen Hoffnungen bietet Urs Leierer die Möglichkeit, sich vor der Öffentlichkeit zu präsentieren, sondern auch Jazzstudenten aus der Region erhalten eine Bühne: Täglich jeweils ab 18 Uhr ist die «Young Talents Stage» in der Seebar des KKL offen, unterstützt wird dieser Talentschuppen vom Migros-Kulturprozent und diversen Hochschulen.

Auch bekannte Namen am Start

Doch kein Festival ohne grosse Namen, mit denen man sich auch in Luzern gerne schmückt. Heuer etwa Xavier Naidoo, gerne gesehener Gast am Blue Balls, Blues-Legende Taj Mahal – und mittlerweile liebt Leierer sogar das Risiko mit Diven wie Patti Smith, Macy Gray oder Peter Doherty. Auch Liebhaber der melodiösen Popmusik kommen auf ihre Kosten: Morcheeba, White Lies oder David Gray sind angesagt. Urs Leierer freut sich auf acht Bühnen, 120 Events und rund 100’000 Fans. «Den Grossen bieten wir mit Luzern, dem Schweizerhof und dem KKL schönste Locations der Welt – den Kleinen versuchen wir zum Durchbruch zu verhelfen», so das Motto Leierers.  

Dennoch, ein Rezept für den Durchbruch gibt es nicht. Das weiss auch Samm Henshaw, wenn er sagt: «Ich bin motiviert, mache mein Ding – aber ich weiss auch, dass ich duchaus scheitern kann.» Doch ein versiertes Publikum hat ihn soeben während drei Songs live erleben dürfen, hat wohlwollend applaudiert und sagen können: Samm Henshaw wird am 21. Juli das Publikum im KKL verzaubern. Viele werden ihr Ticket zwar wegen des nur eine Woche jüngeren weissen Singer-Songwriters Jake Bugg erstehen. Aber dann mit Bestimmtheit die Songs des schwarzen Soulsängers und «Lumpensammlers» kaufen wollen …

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