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«Ein paar Brocken Arabisch wären Gold wert»
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Zelte bei 5 Grad Celsius. (Bild: Andreas Lustenberger / Marco Knobel)

Zwei Zuger auf Lesbos, Teil 2 «Ein paar Brocken Arabisch wären Gold wert»

5 min Lesezeit 22.12.2015, 10:00 Uhr

Zwei Zuger sind am Wochenende nach Lesbos aufgebrochen, um irakischen und syrischen Flüchtlingen bei der Weiterreise zu helfen. In ihrem ersten Erfahrungsbericht schreiben die beiden, wie sie die Situation erleben: Zelten bei fünf Grad, Frauen und Kinder zuerst, und wann kommen endlich die Decken?

Zwei Zuger auf Lesbos: Kurz vor deren Abflug hatten wir mit Andreas Lustenberger ein Interview geführt (zentral+ berichtete). Der grüne Kantonsrat hat sich am Samstag zusammen mit Marco Knobel auf den Weg zur griechischen Insel Lesbos gemacht. Wir haben die beiden gebeten, für zentral+ einen Erlebnisbericht zu verfassen.  Lustenberger und Marco Knobel beschreiben darin, wie der Flüchtlingsalltag auf Lesbos funktioniert, wie sie das «organisierte Chaos» erleben und wie sie als Freiwillige überhaupt zu Arbeit kommen.

 

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Gastbeitrag von Andreas Lustenberger und Marco Knobel

Erfahrungsbericht nach 24 Stunden auf Lesbos

Es riecht nach verbranntem Karton. Menschen aus verschiedenen Ländern versuchen sich an kleinen, improvisierten Feuern warm zu halten. Eine dicke Smogglocke liegt über dem nächtlichen Flüchtlingscamp in Moria. Soeben befreiten wir ein grosses UNHCR-Zelt vom Müll, und nun weisen wir Leute ein.

Ein kurdischer Iraki plaudert mit uns. Er kann nicht schlafen in dieser Kälte, also erzählt er von seinem Leben, von seiner Flucht. «Lehrer für europäische und kurdische Geschichte war ich», sagt er lächelnd und zeigt uns stolz ein Bild vom Gymnasium, an dem er unterrichtete. Die Schule ist geschlossen, seit Rebellen – so nennt er die Terroristen – in der Stadt sind.

Vor 24 Stunden sind wir in Lesbos angekommen. Die Geschichten der Geflüchteten, von den brutalen Schleppern und der lebensgefährlichen Flucht, das Elend und die Kälte vor Ort dringen uns bis ins Knochenmark.

Bereits auf dem Weg von Athen nach Lesbos machten wir Bekanntschaft mit einem Schweizer, der im Herbst einen Monat auf der Insel half. Nun kommt er mit seiner Frau und seinen kleinen Kindern für zwei Wochen zurück, im Gepäck moderne Nachtsichtgeräte für die von Helfern organisierte Küstenwache. Noch am Flughafen treffen wir seinen Freund aus dem Tessin, der in Moria eine Art Gassenküche aufgebaut hat. Er gebe nun alles langsam ab, müsse zurück, sei müde und freue sich, dass Leute kämen, um die Arbeit fortzusetzen. Es kämen auch verhältnismässig viele Schweizerinnen und Schweizer, was wir nach zwei Tagen durchaus bestätigen können. Auto gemietet, ab ins Hotel. Schon auf dem Weg dorthin sehen wir die weggeworfenen Schwimmwesten und Rettungsdecken.

Im Teezelt werden wir in den Schichtplan eingetragen. Die Leute stehen konstant an, die Freiwilligen versorgen sie in Zwölf-Stunden-Schichten.

Als wir uns dann am nächsten Morgen einen Überblick über die Insel verschaffen wollen, begegnen wir gleich ankommenden Schlauchbooten. Es sind bereits viele helfende Hände vor Ort. Wir beobachten die Szene unbeholfen und mit einer gewissen Distanz. Alte Männer werden aus dem überfüllten Schlauchboot getragen, Kleinkinder weinen, die Freiwilligen wickeln Frauen in Decken ein und verteilen Tee. Bald werden die Flüchtlinge in Bussen – unter anderem vom UNHCR – in die Camps gefahren.

Da gehen wir nun auch hin. Das Camp wirkt wild und chaotisch. Kleine Hilfsorganisationen haben ein Infozelt für Volontäre eingerichtet. Wir werden willkommen geheissen und informiert. Das Lager ist aus einem bürokratischen Umstand heraus entstanden. Damit die Flüchtenden die Fähre nach Athen nehmen können, müssen sie sich hier registrieren – das kann je nach Nationalität mehrere Tage Wartezeit bedeuten. Im Teezelt werden wir in den Schichtplan eingetragen. Die Leute stehen konstant Schlange, die Freiwilligen versorgen sie in Zwölf-Stunden-Schichten.

Ein Feuer soll wärmen.

Ein Feuer soll wärmen.

(Bild: Andreas Lustenberger / Marco Knobel)

Im Zelt der Organisation «Better days for Moria» erhalten wir erste Arbeiten für heute Abend. Hier wird versucht, das Chaos zu organisieren, die Helfer zu koordinieren. Gleichzeitig ist es eine erste Anlaufstelle für die geflüchteten Menschen. Wie kann ich mich registrieren? Wo gibt es Essen, Kleider, Unterkunft?

Menschen legen sich auf einer Decke schlafen – und das bei fünf Grad Celsius.

Wir übernehmen eine Abendschicht. Sobald wir die Leuchtweste tragen, werden wir zum Anziehungspunkt. Ein paar Brocken Arabisch wären jetzt Gold wert. Mit Händen und Füssen erklären wir, dass erst später Decken verteilt werden, dass selber ein Schlafplatz gesucht werden muss, dass die Gassenküche im Moment geschlossen ist und dass das Hahnenwasser trinkbar ist. Das gereinigte Festzelt füllt sich, Menschen legen sich auf einer Decke schlafen – und das bei fünf Grad Celsius.

Wir stellen mit einer Gruppe von Freiwilligen weitere Zelte auf, die gespendet wurden. Sie sind für Familien, die noch keinen Schlafplatz haben. Erst dann werden die Zelte auch für einzelne Männer freigegeben. Nach Mitternacht wird es langsam etwas ruhiger, alle sind irgendwie untergekommen. Gerade als wir uns zurückziehen wollen, kommt noch ein Bus mit vielen syrischen Familien an, denen wir unsere letzten Decken und Schlafsäcke verteilen. Müde machen wir uns auf den Weg zurück zur Hauptstadt der Insel. Wir haben ein Zimmer mit einer kleinen Küche gebucht. Was für ein Privileg, auf einer Matratze schlafen zu dürfen.

 

Das fällt uns auf:

  • Es herrscht ein halbwegs organisiertes Chaos mit viel Stacheldraht für die griechische Polizei und die Grenzschutzagentur Frontex. Aber wo die Leute hingehen sollen, bevor sie registriert werden, ist wenig organisiert.
  • Es lässt sich auf dem Camp auch Geld verdienen. Neben Ständen mit internationalen SIM-Karten werden auch Schlafsäcke und Rucksäcke verkauft.
  • Es sind Menschen vieler Nationalitäten vor Ort: Syrien, Irak, Iran, Marokko, Tunesien, Pakistan, Jordanien, Afghanistan, Palästina, angeblich sogar Leute aus Bangladesch.
  • Es gibt eine klare Trennung, wer wann und wie registriert wird. Wer aus Syrien oder dem Irak kommt, ist in einem Tag durch und geht weiter nach Athen. Für alle anderen Länder dauert es bereits mehrere Tage. Ob Menschen aus Nordafrika registriert werden, entscheidet die Polizei erst in den nächsten Tagen. Sie sitzen fest, wissen nicht wohin und werden zunehmend frustrierter.

 

 

Marco Knobel und Andreas Lustenberger kurz vor dem Abflug.

Marco Knobel und Andreas Lustenberger kurz vor dem Abflug.

(Bild: zvg)

 

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