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Ein Loblied auf das Testosteron
  • Gesellschaft

Am Zuger Stierenmarkt zählen äussere Werte Ein Loblied auf das Testosteron

5 min Lesezeit 1 Kommentar 11.09.2014, 12:34 Uhr

Jeden Herbst feiert Zug ein Fruchtbarkeitsfest der besonderen Art. Auf dem Stierenmarkt werden seit 118 Jahren Munis gehandelt. Und dabei geht es im Prinzip nur um das Eine. Diese beeindruckende Ballung an Testosteron lockt jährlich tausende von Menschen an. 

Auf dem Stierenmarktareal herrscht unaufgeregte Stimmung. Es ist morgens um halb acht, noch ist der Platz für Gäste gesperrt. Die ersten Stiere werden am Strick ins Areal geführt, wo sie für den Rest des Tages schnaubend stehen bleiben und die Blicke der Bauern und Besucher über sich ergehen lassen müssen. Zuvor jedoch wird jedes der massigen Tiere punktiert. Das heisst, dass jeder Stier anhand äusserer Kriterien beurteilt wird. Wie ist der Rahmen des Tieres? Ist beispielsweise der Rücken schön gerade und ist der Brustkorb genug breit, damit ausreichend Futter aufgenommen werden kann? Wie steht es um die Beckenneigung? Zuletzt wird das Fundament des Stiers, also Beine und Füsse, nach bestimmten Kriterien bewertet. 

Insgesamt sind es dieses Jahr 239 Stiere, die ausgestellt werden, die jüngsten sind erst neun Monate alt. Die ältesten Munis vor Ort haben etwa zehn Sommer auf dem Buckel.

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Älter als 10-jährig sei praktisch keiner der Stiere, erklärt Jörg Hähni vom Verband Schweizer Braunvieh. Und das aus gutem Grund. «Ein alter Stier ist schon verbraucht. Für die Zucht wird neues Genmaterial benötigt. Zudem gibt es Stiere, die im Alter nicht mehr sauber im Kopf sind und dann kann es gefährlich werden für die Züchter.»

Zug zwischen Weltkonzernen und Tradition

Die Beliebtheit, die der Stierenmarkt jährlich geniesst, ist ein Zeichen dafür, dass Zug an seinen Traditionen festhalten möchte. Gleichzeitig befinden sich in unmittelbarer Nähe dieses urigen Anlasses die Büros von Weltkonzernen. In der geschützten Atmosphäre des Stierenmarktareals, umgeben von Stallungen, entflieht man der zugerischen Businesswelt jedoch komplett. Obwohl auch hier Wirtschaft betrieben wird, einfach im Sennenhemd und per Handschlag besiegelt.

Hier zählen, so Jörg Hähni, die äusseren Werte – im Fachjargon «Exterieur» genannt. «Bei den Miss Schweiz-Wahlen geht es ja auch nicht um die inneren Werte.» Der Vergleich hinkt allerdings ein wenig. Denn die äusseren Merkmale, die hier bewertet werden, dienen ausschliesslich dazu, dass die körperliche Verfassung der weiblichen Nachkommen ideal ist, um viele Kälber und viel Milch zu produzieren. Das wäre dann etwa so, als würde die Miss Schweiz nach der Gebärfreudigkeit ihrer Hüften beurteilt.  

Sexing, nicht zu verwechseln mit Sexting

Auf dem ganzen Platz stehen Viehhändler, aktive und pensionierte Bauern. Über jedes Tier, über jedes Körperteil fachsimpeln sie, über Stiere genauso wie über die Kühe, die versteigert werden. Für den Laien sind die Aussagen kaum verständlich. Über Verstellung, Natursprung und Laktation wird gesprochen. Aber auch über Sexing. Sexing? Der Begriff, der nicht zu verwechseln ist mit Sexting, also dem Versenden erotischer Bilder und Texte, bedeutet soviel wie Geschlechterbestimmung.

Mit Samensexing können Züchter mit 90-prozentiger Sicherheit steuern, dass eine Kuh ein Kalb mit dem gewünschten Geschlecht gebärt. Im Normalfall wäre das weiblich, denn weibliche Kälber haben viel mehr Wert als männliche Nachkommen. Dieses Samensexing betreiben Bauern – Biobetriebe ausgenommen – schon seit etwa 20 Jahren. Heute ist das Thema wieder brandaktuell, nur geht es jetzt um die vorgeburtliche Geschlechterbestimmung bei Menschen.

«Die Bauern haben heute mehr Stress als früher.»

Franz von Büren, Bauer aus St.Gallen

Franz von Büren ist in St.Gallen als Bauer tätig. Zum 17. Mal ist er beim Stierenmarkt als Wächter tätig. Das heisst, von Büren ist zuständig für das Melken, Füttern und Vorführen der Kühe bei der Gant. «Das ist für mich eine Ehre», sagt er. Früher sei man als Interessent zuerst auf der Warteliste gelandet. «Damals fühlte man sich richtig auserwählt, wenn man Wächter sein durfte.» Doch der Bauernberuf habe sich geändert. «Die Bauern haben heute mehr Stress als früher, viele können nicht mehr so einfach einen Tag frei nehmen», erklärt von Büren weiter. Auch sonst habe sich einiges geändert. «Die Leute wissen heute weniger gut darüber Bescheid, was wir machen. Viele Aspekte unserer Arbeit sind für sie unbekannt.» Und ein älterer Herr ergänzt: «Darum ist es gut, dass so viele Gäste herkommen. Die sollen sehen, was die Landwirtschaft macht. Das ist wichtig für uns.»

Ein Kuhleben ergibt bis zu 8’000 Kilo Emmentaler

Der ehemalige Schwyzer Bauer trägt ein Sennenhemd, in der Brusttasche steckt eine Packung Brissago-Zigarillos. Er will anonym bleiben. «Mich kennt man eben», so seine Erklärung. Der Mann begutachtet die Kühe im Stall besonnen und sagt: «Seit den Fünfziger Jahren komme ich an den Zuger Stierenmarkt. Damals wurden etwa 1’350 Stiere ausgestellt». Deutlich mehr also als die knapp 250 Tiere der letzten Jahre. «Die Bauern transportierten ihr Vieh zum Teil in Bahnwagen nach Zug und es gab einen grossen Umzug bis zum Stierenmarktareal», erzählt er.

Auch die Preise hätten sich verändert, erklärt Franz von Büren. «Früher zahlten Bauern und Händler bis zu 10’000 Franken für einen guten Stier.» Heute kostet ein guter Muni noch maximal 3’500 Franken. «Selten wird für eine gute Kuh heute noch 9’000 Franken geboten», sagt auch der pensionierte Schwyzer Bauer. Dabei produziere eine Kuh in ihrem Leben während zirka acht Jahren zwischen 40’000 und 100’000 Litern Milch. Mit letzterer Menge lassen sich über 8’000 Kilo Emmentaler produzieren.

«Sie sind nicht agressiv, sie wollen bloss ihr Paarungsverhalten ausleben.»

Stefan Hodel, Chefexperte beim Zuger Stierenmarkt

Kurz nach neun Uhr sind alle Stiere auf dem Ausstellungsareal, bereit für die Menschenmassen, welche zwei Tage lang auf dem Gelände flanieren werden. Bereits jetzt scheinen einige der Munis ungeduldig zu sein. Sie stampfen und schnauben, zwei Tiere stämmen gar die Hörner gegeneinander. Sofort eilen zwei Bauern herbei und trennen die Tiere. Es komme vor, dass sich zwei Stiere nicht vertragen, erklärt der Oberexperte Stefan Hodel. «Doch das ist kein grosses Problem. Wir stellen sie dann einfach voneinander weg.» Trotzdem wird mit solch kleinen Eifersuchtskämpfen klar, wie viel Kraft im massigen Vieh steckt. Hodel betont, dass er die Stiere zwar als testosterongeladen, doch nicht als agressiv wahrnimmt. «Sie wollen bloss ihr Paarungsverhalten ausleben.»

Es komme, so Landwirt von Büren, schon zwischendurch vor, dass sich ein Stier «bullig» benehme. Dann werde der Umgang mit ihm sehr schwierig. «Sobald ein Stier kapiert, dass er stärker ist als der Mensch, lotet er immer wieder die Grenzen aus.» Beim Schlendern durch die Reihen der ausgestellten Tiere ist es darum auch beruhigend zu wissen, dass die meisten Munis nicht auf revolutionäre Gedanken kommen.

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1 Kommentare
  1. Paul Huber, 12.09.2014, 00:43 Uhr

    Sexting? Ich glaube diesen Begriff müsste nicht erklärt werden, oder? Seit Geri Müller weiss jeder, was man darunter versteht.