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Ein «Lindenmord» bewegt die Gemüter
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Am Dienstag überreichte ein gutes Dutzend Menschen der Zuger Staatskanzlei 1100 Unterschriften. (Bild: zvg)

Unterägerer und Heimatschützer sind erzürnt Ein «Lindenmord» bewegt die Gemüter

6 min Lesezeit 1 Kommentar 30.08.2016, 17:16 Uhr

Am Dienstag wurden 1100 Unterschriften an die Zuger Staatskanzlei überreicht für den Erhalt einer mächtigen Linde in Unterägeri. Das Problem: Die Linde wurde bereits gefällt. Einzig die Emotionalität, mit der sich die Interessengruppen Vorwürfe machen, ist noch intakt.

Die grüne Unterägerer Kantonsrätin Mariann Hess kämpft mit der Übergabe von 1100 Unterschriften an die Zuger Staatskanzlei gegen die Fällung eines Baums. Die Sache ist nur: Die 200-jährige Linde wurde bereits Anfang August gebodigt. Ohne Vorwarnung, so betont Hess, habe die Immobilienfirma SAE AG, welcher das entsprechende Landstück gehört, den Baum gefällt.

Es sei eine übliche Fällung im Zuge eines Bebauungsplans gewesen, erklärt die Firma. Sowieso sei die 200-jährige Linde morsch gewesen. Man könnte also meinen, alles sei mit rechten Dingen zugegangen. Privates Land, maroder Baum, alles klar.

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Mariann Hess sieht das anders. «Die SAE hat die Linde unter dem Vorwand fällen lassen, der Baum sei krank. Zu diesem Schluss kamen sie offenbar, weil sie innen hohl war. Das heisst aber bei Linden nicht automatisch, dass sie krank sind. Der Baum war unseres Erachtens völlig gesund.»

200-jährig war die Linde, als sie gefällt wurde. (Bild: zvg)

200-jährig war die Linde, als sie gefällt wurde. (Bild: zvg)

Die Linde stand dem «maximalen Profit im Weg»

Hess erklärt: «Das Problem der Linde war lediglich, dass sie dem maximalen Profit im Weg stand.» Und ergänzt: «Bebauungspläne müssen laut Gesetz für die Einwohner gut sichtbare und nachvollziehbare Vorteile bieten, etwa die Aufwertung des Freiraums. Die Landeigentümerin hat trotz zwei hängiger Beschwerden und einer laufenden Petition das Faustrecht ausgeübt.»

«Dass die Linde weg ist, ist für mich ein Horror», unterstützt Meinrad Huser, der Präsident des Zuger Heimatschutzes, Hess’ Ansichten. Doch Sentimentalität ist nicht der Grund, warum sich der Heimatschutz in die Sache eingemischt hat.

Die Linde war im Inventar schützenswerter Ortsbilder

Huser: «Wir haben eine Beschwerde gegen den Bebauungsplan eingereicht, weil dort die Linde nicht mit eingeplant war, also planerisch bereits stillschweigend beseitigt wurde. Diese ist nämlich, gemeinsam mit der ehemaligen Direktorenvilla und einem ebenfalls bereits ersetzten Brunnen, im Inventar schützenswerter Ortsbilder der Schweiz mit höchstem Schutzkriterium erwähnt.» Auch Huser bestätigt, dass an der Gemeindeversammlung wohl «ungenau und zum Teil falsch» informiert worden sei.

«Gestern habe ich mich mit einem Strafrechtsprofessor abgesprochen, und wir werden die Verantwortlichen der SAE wohl einklagen. Ausschlaggebend dafür ist, dass nach der Fällung der Linde Beweisdokumente fehlen.» Denn man könne laut Huser möglicherweise nicht mehr abschliessend beweisen, ob die Linde wirklich krank gewesen sei oder nicht. «Immerhin hat der Zuger Heimatschutz Schutzmassnahmen verlangt, damit der noch vorhandene Baumstrunk nicht auch beseitigt wird und damit wirklich alle Beweismöglichkeiten fehlen.»

«Ich rede sicher nicht mit dem.»

Meinrad Huser, Präsident Zuger Heimatschutz

Hat Huser mit dem Geschäftsführer der SAE Immobilien Kontakt aufgenommen? «Nein. Ich muss sicher nicht mit jemandem Kontakt haben, der sich nicht an die Regeln in einem solchen Verfahren hält. Ich rede sicher nicht mit dem.»

Der mächtigen Unterägerer Linde wurde Anfang August der Garaus gemacht. (Bild: zvg)

Der mächtigen Unterägerer Linde wurde Anfang August der Garaus gemacht. (Bild: zvg)

Wir schon. Wir erreichen den SAE-Geschäftsführer René Koch just vor seinem Abflug in die Ferien. Und er ist überzeugt: «Nein, von unserer Seite ist bei diesem Prozess nichts schiefgelaufen. Die Linde stand nicht im Wald und ist deshalb nicht dem Amt für Wald und Wild unterstellt, es handelte sich um einen Baum auf einer Privatparzelle. Ausserdem kennt der Kanton Zug keinen Baumschutz, wir hätten die Linde also schon längst fällen dürfen.»

Ein einwandfreier Bebauungsplan?

Dass Mariann Hess der SAE im Voraus angekündigt habe, den Bebauungsplan zu verhindern, sei nicht korrekt gewesen, sagt Koch. «Der Plan wurde vorgängig von allen nötigen Instanzen geprüft. Vom Kanton, vom Amt für Denkmalpflege, von der Rechtsabteilung und letztlich von der Gemeinde. Die publizierten Unterlagen, von denen Hess findet, sie seien irreführend, waren also völlig in Ordnung.» Dass es sich beim auf dem Plan sichtbaren Baum nicht um die alte Linde handle, sei für ihn sonnenklar.

«Das kann jeder nachvollziehen, der über gesunden Menschenverstand verfügt. Wenn jemand so viele bauliche Änderungen vornimmt, dann überlebt das ein solch alter Baum nicht. Besonders Linden sind sehr empfindlich gegenüber Umgebungsveränderungen. Sie hätte den Bau nicht überlebt.» Koch ist überzeugt, dass der Platz ausserdem schöner aussehe.

«Wie die alte Fasnacht kommt nun der Heimatschutz noch und wehrt sich.»

René Koch, Geschäftsleiter der SAE Immobilien AG

Dass nun der Heimatschutz mit einer Anzeige droht, entlockt Koch nur ein müdes Lächeln. «Allein durch die Analyse des Amtes für Denkmalpflege hat die Planung etwa zwei Jahre länger gedauert als ursprünglich gedacht. Wie die alte Fasnacht kommt nun der Heimatschutz noch und wehrt sich. Die hätten das tun müssen, als wir den Bebauungsplan aufgegleist hatten. Wenn die den nicht lesen konnten, können wir auch nichts dafür.» Es gäbe keine rechtliche Grundlage dafür, dass die SAE den Baum nicht hätte fällen dürfen. Dazu komme, dass die Pflanze krank gewesen sei.

Mariann Hess befragte aufgrund ihrer Zweifel bezüglich des Gesundheitszustandes des Baumes den ehemaligen Stadtforstmeister von Zürich, Andreas Speich. In seinem Bericht vergleicht er die Unterägerer Linde mit einer Linde auf dem Aargauer Bözberg, welche mehrere hundert Jahre alt sein müsse. Auch diese ist, wie die Ägerer Linde, innen hohl.

«Sie hätte noch lange leben können.»

Andreas Speich, ehemaliger Stadtforstmeister von Zürich

Sein Urteil: «Das aussen gesunde Holz [der Aargauer Linde] ist oftmals wesentlich weniger dick als jenes der Baumleiche von Unterägeri. Sie hätte noch lange leben können. Linden haben nämlich, im Gegensatz zu Nussbäumen oder Buchen, die erstaunliche Fähigkeit, das gesunde vom wunden, verfaulenden Stamminnern abzuschotten, indem sie ein rasch wachsendes, sogenanntes Kallusgewebe bilden.» Speich, der das Fällen der Linde offenbar nicht nachvollziehen kann, betitelt dieses als «Lindenmord».

1100 Unterschriften als Symbol grosser Unzufriedenheit

SAE-Chef Koch sagt darauf: «Ich glaube nicht, dass Speich sich vor Ort ein Bild gemacht hat.» Und erklärt dann weiter, dass die SAE die Linde bereits 2007 von einem Experten untersuchen liess. «Dieser entdeckte einen Pilz am Baum. Er erklärte uns, dass der Baum zwar noch etwa 20 Jahre leben könne, aber durchaus geschädigt sei. Zudem fielen immer wieder über der Kantonsstrasse hängende Äste ab. Dafür will niemand die rechtliche Haftung übernehmen.»

Mit der nachträglichen Übergabe der 1100 Unterschriften gegen die Fällung der Linde will Hess ein klares Zeichen setzen. «Die Linde steht nun nicht mehr. Sie ist zum Symbol einer grossen Unzufriedenheit in der Bevölkerung über die Dominanz der Immobilienfirma und deren Streben nach maximalem Gewinn geworden. Ein Symbol für die Natur im Siedlungsraum und die Hoffnung auf mehr politische Fairness», schreibt Hess in einer entsprechenden Nachricht.

Gut sichtbar: Der Baumstamm, der innen hohl ist. Doch heisst das auch, dass der Baum krank war? (Bild: zvg)

Gut sichtbar: Der Baumstamm, der innen hohl ist. Doch heisst das auch, dass der Baum krank war? (Bild: zvg)

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1 Kommentare
  1. Bernhard Frei, 31.08.2016, 19:30 Uhr

    Ganz kurz bedanken wir uns herzlich bei Frau Hess und ihren Mitkämpferinnen. Auch in Unterägeri nimmt die Arroganz der Immobilientycoons unsäglich gemeine Formen an. – Dass in Emmenbrücke, Emmenbronx seit Jahren ähnliche Konstellationen toleriert und von den Gemeinderäten gefördert werden, mag für Sie ein schwacher Trost sein. Siehe Facebook “Emmenbaum RIP”; dort sind die Baummörder auch ansatzweise thematisiert (bitte “runterscrollen”). – Wir wünschen Ihnen und allen Menschen denen unsere “Restnatur” in unserem Land am Herzen liegt, nur das Beste!
    Herzliche Grüsse senden Ihnen Bernhard & Anna Frei, Gerliswilstrasse 6a, 6020 Emmenbronx, [email protected]

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