Ein illusorischer Rundgang: Panoramen und andere Erlebnisse
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Das Seicoscope präsentiert eine Vielzahl von Perspektiven auf das Bourbaki Panorama. (Bild: Emilia Sulek)

«Sehwunder, Trick und Illusion» im Bourbaki Panorama Ein illusorischer Rundgang: Panoramen und andere Erlebnisse

5 min Lesezeit 19.05.2020, 13:31 Uhr

Wer den Augen nicht traut, dass man wieder in ein Museum darf, sollte zum Luzerner Löwenplatz gehen. Dort wartet eine abenteuerliche Reise durch die Welt exotischer Geräte, welche die Grenze zwischen Realität und Illusion verschwimmen lassen – auf erfrischende Art.

Mitten im Geschehen zu sein – diese Illusion wollten die Autoren des Panoramas, des ersten optischen Massenmediums der Welt, erzeugen. Vor etwa 120 Jahren war Europa von einem dichten Netzwerk von Panoramen bedeckt, die saisonal ausgetauscht wurden und um die Welt reisten.

Das Publikum strömte herbei, um unbekannte Länder und historische Ereignisse auf riesigen Rundgemälden zu sehen und in eine andere Welt einzutauchen. Nicht nur die Genauigkeit der künstlerischen Abbildung stand hinter dem kommerziellen Erfolg dieses Mediums. Eine ganze Technologie, einschliesslich Licht, Bewegung, Ton und «faux terrain» (die dreidimensionale Erweiterung des Bildes) dienten dem Zweck, die Grenze zwischen Realität und Illusion verschwimmen zu lassen.

Genau diesen technologischen Entwicklungen widmet sich die Ausstellung. Die Ausstellung Sehwunder, Trick, Trug und Illusion ist seit dem 11. Mai im Bourbaki zu sehen.

Moderne Technik der vergangenen Jahrhunderte

Die unter Mitwirkung des Seico-Kollektivs und der Hochschule Luzern Design & Kunst organisierte Ausstellung lädt in die Prä-Kino-Ära ein. Sie zeigt frühe europäische Versuche, ein visuelles Medium zu entwickeln, das den Effekt optischer Illusion erzeugt.

Eine ganze Armee von Geräten, die diesem Zweck diente, wartet darauf, von uns im ersten Stock des Bourbaki-Gebäudes entdeckt zu werden. Da steht die prunkvolle Laterna magica, die schon seit dem 17. Jahrhundert in der Unterhaltungsindustrie in Gebrauch war. Diese Vorläuferin von Diaprojektor und Beamer konnte ein kleines Bild auf der Wand vergrössern.

Eine lange Geschichte haben auch Guckkästen, in denen mehrere hintereinandergelegte transparente Papierbilder den Eindruck von Räumlichkeit erzeugen. Der Apparat mit dem sonderbaren Namen Praxinoskop gleicht einem altmodischen Lampenschirm. Wie in einem Daumenkino lassen sich damit einzelne Bilder in Bewegung setzen.

Das Praxinoskop ist ein Vorläufer der modernen Filmtechnik. Nicht nur in Europa waren die visuellen Illusionen beliebt, in Asien beispielsweise galt das Schattenspiel als wichtiges Unterhaltungsmedium, das später nach Europa importiert wurde. Gen Osten reisten die Panoramen vor allem nach Japan, wo sie sich grosser Popularität erfreuten.

Zeitreise von der Vergangenheit in das «Hier und Jetzt»

Die Ausstellung im Bourbaki Panorama wäre nicht vollständig ohne Seicoscope-Dioramen, einer künstlerischen Intervention des Luzerner Seico-Kollektivs. Diese haben Fragmente des Bourbaki Panoramas entlehnt und zeitgenössische Kollagen daraus gestaltet.

Durch das Einbauen neuer Elemente, oft auf eine spielerische Art und Weise, schaffen die Künstler eine Verbindung zwischen dem, was Eduard Castres und sein Team auf dem Panorama darstellten, und unserer Gegenwart.

Das Bourbaki Panorama zeigt schwer verdauliche Kost: Krieg, Flucht, aber auch Funken von Humanität. Die Seicoscope-Dioramen dagegen zeigen sich leicht und humorvoll mit einer Prise Ernsthaftigkeit. Sie widmen sich zeitgenössischeren Themen wie Tourismus (schliesslich diente das Panorama als Touristenmagnet), Migration, Konsum und … Fremdenfeindlichkeit.

Ein Diorama, das ein bisschen aussieht wie ein altmodischer Fernseher, zeigt ein leeres Schweizer Dorf, plakatiert mit Anti-Einwanderungskampagnen. Der künstlerische Eingriff des Kollektivs spannt einen thematischen Bogen zwischen den historischen Szenen des Panoramas und aktuellen Animositäten in Europa: Damals suchten französische Soldaten Zuflucht in der Schweiz und auch heute trifft man immer wieder auf fremdenfeindliche Anfeindungen. Unseren Lieblingsguckkasten können wir jedoch zum Glück selbst auswählen.

Mehr als nur Spielzeuge

Die Zeiten der «Panoramania» (ja, man sprach im 19. Jahrhundert von solcher!) sind mit dem Aufblühen der Filmkunst vorbei. Die meisten in Stücke geschnittenen Panoramen existieren längst nicht mehr. In der Schweiz gibt es noch ganze vier: Bourbaki, das Thun-Panorama (das älteste erhaltene der Welt), eines in Einsiedeln (obwohl es eine Kopie ist) und «Schlacht bei Murten», das vorerst eingerollt bleibt und nur in digitaler Form zu sehen ist.

Andere Geräte der Prä-Kino-Ära gerieten in Vergessenheit oder werden nur noch kostengünstig und in vereinfachter Form in Museen oder Spielwarengeschäften verkauft. Dabei wird häufig das Label «Spielzeug» für sie verwendet, was ihrem einstigen Stellenwert nicht gerecht wird. Damals erweckten die «Spielzeuge» ein ernsthaftes Interesse und denjenigen, die sie entwickelten und in die Unterhaltungsbranche investierten, brachten sie viel Geld und Ruhm ein.

Eine Ausstellung in ungewöhnlichen Zeiten

Nicht jeder Teil der Ausstellung ist zugänglich. Zu einer Zeit, in der COVID-19 physischen Kontakt, auch mit in den Museen ausgestellten Objekten, zu einer potenziellen Infektionsquelle macht, müssen Ausstellungen zur Kontaktlosigkeit zurückkehren. Wir können weder in ein Stereoskop mit Reisebildern (von Paris bis zum Mont Blanc) gucken, noch – und das ist schade! – die Ergebnisse der Arbeit einer Gruppe von Studierenden der HSLU Kunst & Design geniessen. Sie beschäftigten sich mit der Bilderwelt des Praxinoskops und entwickelten «aktuelle Perspektiven auf historische Sehwunder».

Wenn die von der Pandemie betroffene, gekürzte Ausstellung noch länger andauern wird, wäre es sinnvoll zu überlegen, ob der vorenthaltene Teil nicht auf andere Art und Weise gezeigt werden könnte. Dies böte die Möglichkeit, den Bildern der HSLU-Studierenden Ausdruck zu verleihen.   

Wenn die kleine Ausstellung am Luzerner Löwenplatz den Betrachter ein wenig unbefriedigt lässt (eine Chronologie von technischen Entwicklungen wäre beispielsweise nützlich), kann man diesen Informationshunger durch eigene Recherchen stillen. Oder vielleicht – da wir nach dem Lockdown nun wieder eingeschränkt reisen dürfen – lohnt es sich, einen Ausflug nach Thun zu machen, wo sich im Juni eine Ausstellung namens «Jenseits des Panoramas. Zur Konstruktion von Landschaft» öffnet?

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