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Ein Fund mit Auswirkungen auf Zugs Stadtgeschichte
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Das Kolingeviert vor der Sanierung: links der Sockel der Brandruine, wo der Neubau entsteht. Rechts die städtischen Liegenschaften an der Kirchenstrasse, im roten Haus (Nummer 5) wurden die Bohlenständerwand und der Türbogen entdeckt. (Bild: Google)

Archäologische Funde im Kolingeviert Ein Fund mit Auswirkungen auf Zugs Stadtgeschichte

4 min Lesezeit 24.09.2016, 11:32 Uhr

Im Kolingeviert sind die Bauarbeiter am Werk. Skelette wurden zwar keine gefunden, doch immerhin das Fundament eines Backofens. Und in der Liegenschaft Kirchenstrasse 5 sind die Archäologen auf etwas gestossen, das so gar nicht in die Zuger Stadtgeschichte passen will.

Die historischen Liegenschaften Kirchenstrassen 3 bis 7 werden saniert (siehe Box). Als man die Wandverkleidungen von früheren Umbauten entfernte, stiess man im Haus Nummer 5 auf eine Überraschung, denn dahinter fand man eine Bohlenständerkonstruktion. Das ist eine sehr alte Bauart. Sie besteht aus übereinander liegenden Holzbohlen, die zwischen zwei genutete Holzpfosten eingeschoben wurden. Die entdeckte Bohlenständerkonstruktion erstaunte insofern, als diese Bauart in der Stadt Zug vorwiegend für Häuser aus dem 14. und 15. Jahrhundert belegt ist. Bisher schätzte man das Haus nicht so alt ein.

Holzkonstruktion aus dem Mittelalter

Die Entdeckung rief die Archäologen auf den Plan. Werden historische Gebäude umgebaut oder abgebrochen, führt das Amt für Denkmalpflege und Archäologie der kantonalen Direktion des Innern routinemässig eine bauarchäologische Untersuchung durch. 

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«Vielleicht muss ein Teil der Stadtgeschichte neu geschrieben werden.»
Paul Knüsel, Leiter Hochbau beim Stadtzuger Baudepartement

Und die erste Untersuchung ergab, dass die Hölzer für die Wand um 1436/37 gefällt wurden. «Die Jahreszahl ist noch nicht bestätigt und wird noch abgeklärt», sagt Paul Knüsel vom städtischen Baudepartement.

Die erhaltene Bohlenwand der Bohlenständerkonstruktion aus der Zeit um 1436/37 im Haus Kirchenstrasse 5

Die erhaltene Bohlenwand der Bohlenständerkonstruktion aus der Zeit um 1436/37 im Haus Kirchenstrasse 5

Wenn sich das Alter bestätige, müsse vielleicht ein Teil der Zuger Stadtgeschichte neu geschrieben werden. «Siedlungen und Häuser befanden sich früher immer innerhalb der Stadtmauer», erklärt der Leiter Hochbau der Stadt Zug. Die letzte grosse Erweiterung der Zuger Stadtmauer passierte 1478 bis 1530, also wäre dieses früher gebaute Haus ausserhalb der Mauer gelegen. «Vielleicht muss ein Teil der Stadtgeschichte neu geschrieben werden», sagt Paul Knüsel.

Zu wenig Platz in der Altstadt

Anette JeanRichard, Leiterin der Abteilung Bauforschung und Mittelalterarchäologie beim Amt für Denkmalpflege und Archäologie des Kantons Zug, hat eine Erklärung für den Standort des Gebäudes. 1435, beim Seeabbruch, sei ein Teil des Stadtgebiets verloren gegangen. Deshalb habe es wenig Platz gegeben für Neubauten. «Seither wurden vermehrt Gebäude ausserhalb der ersten Stadtbefestigung errichtet», sagt sie.

Neubau und Sanierung für 12 Millionen Franken

Beim Kolinplatz wird seit Frühling 2016 gebaut. In der Brandlücke realisiert die Stadt Zug einen Neubau, und die drei Nachbarliegenschaften, die ebenfalls der Stadt gehören, werden umfassend saniert. Es handelt sich um die Häuser mit den Adressen Kolinplatz 19, Kirchenstrasse 3 und 5. Bis Oktober 2017 soll der Neubau mit Wohnungen und einem Ladenlokal im Erdgeschoss, welches das Café Speck beziehen wird, fertig sein. Die sanierten Liegenschaften sollen ab Januar 2018 in neuem Glanz erstrahlen. Für das Gesamtprojekt bewilligte das Stadtparlament einen Kredit von 12,17 Millionen Franken.

 

Wie auch immer, die weitere Untersuchung des Holzes wird mehr Klarheit bringen. Gemäss JeanRichard wird ein Experte weitere Holzproben datieren. Die Untersuchung der ersten Probe mit einer dendrochronologischen Altersbestimmung (Jahrringdatierung) ergab für die verbauten Hölzer die erwähnten Fälldaten um 1436/37. Damit steht aber noch nicht fest, wann das Holz verbaut wurde.

Verborgene Türe und Nädelchen in den Wänden

Man stiess noch auf weitere Überraschungen im Gebäude Kirchenstrasse 5: Neben der Holzwand entdeckte man eine bisher verborgene Türe mit einem verzierten Türsturz, die jetzt freigelegt ist. Die Archäologen des Kantons sind daran, alles zu zeichnen, zu fotografieren und zu dokumentieren und werden einen Bericht dazu verfassen. Laut JeanRichard fand man zwischen den Holzbohlen weitere Relikte längst vergangener Epochen. «Die Menschen steckten früher kleine Sachen in die Wände, vieles hat mit Aberglauben zu tun. Wir haben Spindeln, Nädelchen und Münzen gefunden.»

Die Holzwand und die Türe sollen konserviert werden. Doch aus Brandschutzgründen wird wieder eine Vorwand eingezogen, sodass man sie nicht mehr sehen wird. Nach der Gesamtsanierung wird die Wohnung wieder vermietet.

Erster Ofen der Bäckerei Speck?

Auch der Sockel des 1999 abgebrannten Pfauen-Hauses wurde vor dem Abbruch von den Archäologen untersucht. «Wir konnten feststellen, dass das Haus ebenfalls mit im Jahr 1437/38 gefälltem Holz gebaut wurde.» Bei einer Ausgrabung habe man ausserdem einen gemauerten Backofen aus Backsteinen gefunden. – Ein Hinweis, dass es sich tatsächlich um das Gründungshaus der Zuger Confiserie Speck handelt.

Speck wird ein Bistro mit Bäckerei im Erdgeschoss des Neubaus eröffnen (zentralplus berichtete).

Im Sockelgeschoss der Brandruine, ehemals Kolinplatz 21, entdeckte man bei Ausgrabungen das Fundament eines mit Backsteinen gemauerten Backofens (Pfeil).

Im Sockelgeschoss der Brandruine, ehemals Kolinplatz 21, entdeckte man bei Ausgrabungen das Fundament eines mit Backsteinen gemauerten Backofens (Pfeil).

Schützenswert, aber nicht geschützt

Das Kolingeviert, das aus vier zusammengebauten Häusern besteht, ist im Inventar der schützenswerten Denkmäler des Kantons Zug eingetragen. Darin sind Bauwerke eingetragen, bei denen aufgrund erster Abklärungen eine Schutzvermutung besteht. Unter Schutz steht das Kolingeviert nicht. In diesem Fall bedürfte jede bauliche Veränderung der Zustimmung des Amtes für Denkmalpflege und Archäologie.

Kirchenstrasse 5: Die bei der Bauuntersuchung freigelegte Türöffnung mit Kielbogen.

Kirchenstrasse 5: Die bei der Bauuntersuchung freigelegte Türöffnung mit Kielbogen.

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