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Ein Fotograf – so kompromisslos wie Stein
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Robert Bösch ist seit 35 Jahren Fotograf. Jüngst wurde der Oberägerer zum Zuger Fotografen des Jahres gekürt. (Bild: woz)

Robert Bösch sorgt mit Bergfotos für Furore Ein Fotograf – so kompromisslos wie Stein

5 min Lesezeit 1 Kommentar 31.05.2018, 17:34 Uhr

Auf dem Genuss Film Festival wurde er vor kurzem zum Zuger Fotografen des Jahres gekürt: Robert Bösch aus Oberägeri. Der 63-Jährige ist extrem in seinen Bildern. Das verwundert nicht.

Das Bild ist schlichtweg genial. Es sieht aus wie eine Nahaufnahme von einem Elefanten. Grossporig wirkt die graue, ledrige Haut. Gleichzeitig spürt man, dass dem Tier etwas Schlimmes widerfahren sein muss – so schartig und schrundig wirkt sein Äusseres. So verletzt. Man glaubt fast, in die geblendeten Augen des Riesen zu blicken.

Close-up eines Gletschers

Doch bei näherem Hinsehen dämmert es dem Betrachter des Bildes, dass es sich nicht um einen Dickhäuter handelt. Sondern um das Close-up eines Gletschers im Sommer. Und zwar um den Rosegg-Gletscher in den Bündner Bergen. Dessen Eis sieht schmutzig und grau aus – als ginge es ihm ebenfalls nicht besonders gut. Quasi ein anderer Dickhäuter – dem es infolge der Klimaerwärmung an den Kragen zu gehen scheint.

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Die «Elefantenhaut»: Der Rosegg-Gletscher im Bernina-Gebiet im Engadin.

Die «Elefantenhaut»: der Rosegg-Gletscher im Bernina-Gebiet im Engadin.

(Bild: Robert Bösch)

Für den Oberägerer Fotografen Robert Bösch ist die «Elefanten-Metamorphose» seines Gletscher-Bilds im Auge des Betrachters nichts Neues. Bei den Vorbereitungen zur Ausstellung seiner Bilder aus den Bündner Bergen in der Galerie Bildhalle, zu der ein gleichnamiger Bildband entstanden ist, «wussten alle sofort, welches Bild mit ‹Elefantenhaut› gemeint war. Manche sprachen auch von Rinde in Zusammenhang mit dem Bild.»

Dem 63-Jährigen sind indes solche bildhaften Assoziationen eigentlich nicht wichtig. Ihm geht es ganz puristisch nur ums Bild – wenn der Fotograf auf der Suche nach Bildern ist.

«Ein Bild muss mich faszinieren, ein Bild entsteht durchs Weglassen.»

Robert Bösch, Berufsfotograf, Oberägeri

Wobei er gar nicht so genau sagen könne, wann für ihn ein Bild ein wirklich gutes Bild sei. Ein Landschaftsbild, genauer gesagt. Denn den gebürtigen Schlieremer, der schon seit 35 Jahren beruflich «freelance» fotographiert und seine oft spektakulären Bilder in renommierten Magazinen wie Geo, Stern, Spiegel und National Geographic veröffentlichte, interessiert neben der Actionfotografie mit Extremsportlern eben auch die Fotografie von Landschaften. Von extremen Landschaften.

Das ist kein Wunder. Der in Oberägeri wohnende Fotograf, der von seinem Fenster im Arbeitszimmer einen beschaulichen Blick über den Ägerisee hat, ist Bergführer und Alpinist in seinem Leben gewesen. Bösch kennt die Alpen wie seine Westentasche. «Die Berge sind natürlich meine Welt», räumt der studierte Geograf ein.

Früher auf Touren mit Ueli Steck

Extreme Touren wie auf den Eiger mit Ueli Steck, die er auch filmte, gehören zu seinen Leidenschaften ebenso wie eine Tour auf den Mount Everest. Heute bezeugen seine Bilder seine extreme Wahrnehmung. Wobei extrem bei ihm in vielen Motiven gleichgesetzt werden kann mit karg. Reduziert. Aufs Wesentliche begrenzt. Pickelhart.

Beim Klettern am Chäserrugg, auf der Dachroute 6+ Ae an den Churfirsten: «Climber» Thomas Wälti.

Beim Klettern am Chäserrugg, auf der Dachroute 6+ Ae an den Churfirsten: «Climber» Thomas Wälti.

(Bild: Robert Bösch)

«Ein Bild muss mich faszinieren, ein Bild entsteht durchs Weglassen», sagt Bösch, indem er um erklärende Worte ringt. Will heissen: Ein Fotograf verzichte beim Viereck des Bildes bewusst auf all das, was drumherum zu sehen sei – im Gegensatz zu einem Maler, der ein Viereck mit Farben und Formen fülle.

Wer die Bilder von Bösch intensiv auf sich wirken lässt, spürt, wie wichtig ihm Komposition, Licht und Struktur sind. «Ein gutes Bild ist ein Foto, an dem der Betrachter hängenbleibt.» Um ein aussergewöhnliches Bild mit der Kamera zu schiessen, brauche es dagegen noch viel mehr.

«Für ein aussergewöhnliches Bild muss etwas hinzukommen, was man nicht automatisch im Griff hat. Manchmal ist es eine Prise Glück.»

Robert Bösch

Man müsse das Sehen stark geschult haben, um ein hervorragendes Bild zu machen. «Für ein aussergewöhnliches Bild muss etwas hinzukommen, was man nicht automatisch im Griff hat. Manchmal ist es eine Prise Glück.»

Sagt’s und zeigt einem als Beispiel ein Bild vom Furkapass. Von einer zerfurchten Felswand. Es gibt nur Grau- und Schwarz-Töne sowie ein zartes Weiss. Fast eine furchteinflössende Ansicht, in deren Formen der Berg sich wie zu einer Raubtierpranke formt.

Der Berg zeigt seine Pranke: Gesteinsmassiv am Furkapass.

Der Berg zeigt seine Pranke: Gesteinsmassiv am Furkapass.

(Bild: Robert Bösch)

Doch Bösch geht es natürlich nicht um das metamorphotische Potenzial des Bildes. Er schwärmt vielmehr von den Farbnuancen des leicht eingeschneiten Hanges, und davon, dass das Bild irgendwie im Gleichgewicht sei – vielleicht wegen der angetönten Symmetrie. «Ich bin sicher schon zig Mal an dieser Felswand vorbeigefahren – aber noch nie habe ich sie so gesehen wie auf diesem Bild.»

Steinharte Einsichten fernab von Alpenglühen und Enzian-Romantik – die das Wesen einer Landschaft «fotogenetisch» kodieren. Bösch legt sozusagen die Foto-DNA seiner abgelichteten Landschaften frei. Er setzt dabei die Bedeutung des Wortes fotografisch voll und ganz um – ist er doch ein kühner Zeichner des Lichts.

«Ich rede einfach nicht so gerne von Emotionen beim Betrachten eines Landschaftsbildes.»

Robert Bösch

Allerdings – auch Bösch hat unter seinen 15 Bildbänden, die er bisher veröffentlichte, auch einen übers Matterhorn gemacht. «Allerdings keine Postkarten-Ästhetik», wirft der Fotograf sofort ein. Dabei kann auch er sich nicht gegen die pyramidale Wucht des Bergs wehren. Jener Berg, der von Warhol bis Toblerone längst zum Mythos Berg geworden ist und Gefühle und faszinose Schwärmereien aller Art heraufbeschwört.

«Ich rede einfach nicht so gerne von Emotionen beim Betrachten eines Landschaftsbildes, nicht weil ich keine hätte, sondern weil ich Gefühle mit so etwas Elementarem wie Verletzungen, wie Leid und Schmerz, aber auch wie mit grosser Freude in Verbindung bringe.»

Die Sache mit «Germany’s Next Topmodel»

Im gleichen Atemzug verrät er dann plötzlich, dass er neulich bei Heidi Klums «Germany’s Next Topmodel» reingezappt habe. «Da kann man vielleicht Emotionen erleben», sagt’s und grinst irgendwie heiter. Auch ein bisschen über sich selbst.

Für einmal nicht der Mont Blanc, dafür sehr poetisch: Eine Schneekuppe in Schindellegi.

Für einmal nicht der Mont Blanc, dafür sehr poetisch: Eine Schneekuppe in Schindellegi.

(Bild: Robert Bösch)

Das Faszinierende an Böschs Fotographien ist letztlich, dass er – auch wenn er das Gegenteil behauptet – mit dem Foto in der Hand in seinem Empfinden und in seiner Wahrnehmung ein Bergsteiger geblieben ist. Er ist ein «homo alpinus», der Schritt für Schritt sich seinen Bildern nach langen Mühen des physischen Suchens annähert. Und sie dann staunend wie einen Bergkristall beäugt, wenn er eines entdeckt hat.

Im Herbst erscheint übrigens sein neuer Fotoband. Er heisst – wie könnte es fast anders sein: «Mountains».

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1 Kommentare
  1. Raffaele Keller, 01.06.2018, 09:54 Uhr

    Ich war vor rund 1.5 Jahren im Rahmen der Explora-Events an einem Vortrag von Bösch und Steck. Kann ich jedem, der sich für Alpinismus, Fotografie oder ähnliches interessiert nur empfehlen!
    Absolut beeindruckende Bilder und Geschichten…wahrscheinlich mittlerweile leider auch mit einer Prise Melancholie.