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Ein erster Blick ins Zuger Salesianum
  • Politik
Ein kleines ästhetisches Verbrechen. Ist das Pastell? Oder Neon? Oder beides? (Bild: Beat Blättler )

Endlich öffnen sich die Türen Ein erster Blick ins Zuger Salesianum

6 min Lesezeit 06.02.2016, 05:00 Uhr

Abstimmung! Und da fehlen noch Fakten. Weshalb gibt es noch keine Vision für eine öffentliche Nutzung der alten Gebäudeteile? Geht es nur ums Geldverdienen? Und wie sieht das Gebäude eigentlich von innen aus? Die Eigentümer reden Klartext.

Die Nein-Plakate hängen schon, Gegner und Befürworter machen sich bereit für die vorläufig letzte Schlacht. Von all dem unbeeindruckt steht das grosse Herrenhaus am Zugersee noch genau so da, wie es die letzten dreihundert Jahre hier gestanden hat. Nur drinnen, da geht schon einiges ab.

Das Salesianum steht wieder vor einem Richtungsentscheid. Am 28. Februar stimmen die Stadtzugerinnen und Stadtzuger darüber ab, ob die Alfred Müller AG den Hang und den Gemüsegarten und den Basketballplatz nun endlich überbauen darf oder nicht. Ein Stein des Anstosses in der Debatte ist die öffentliche Nutzung des alten Gebäudes. Was soll da drin passieren? Visionen zu entwickeln ist schwierig –denn betreten durfte die Öffentlichkeit das Gebäude schon lange nicht mehr. Wie es darin wirklich aussieht? Keine Ahnung.

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Bis jetzt. Auf wiederholte Anfrage von zentral+ hat die Alfred Müller AG nun die Türen geöffnet. Und was für Türen: «Sie klemmt ein bisschen», sagt Esther Lötscher, die Kommunikationsbeauftragte der Alfred Müller AG, und lacht, während sie versucht, die schwere, alte Holztür zum Herrenhaus aufzuzwängen. Sie wird bald ausgebaut und im Keller verstaut, damit sie während der Zwischennutzung als Wohnort für Asylsuchende nicht beschädigt wird. Hier werden schon bald Flüchtlinge einziehen – der Kanton hat einen Zweijahresmietvertrag für die Liegenschaft abgeschlossen.

Wir treten in den Gang und folgen auf dem alten Buchenparkett in einen der Säle des Herrenhauses. Die grossen Fenster werfen das Panorama ins Haus, wahrscheinlich ist das der schönste Ort in Zug, um Sonnenuntergänge, den See und die Rigi zu betrachten. Zwischen den grossen Fenstern, im ehemaligen Speisesaal der Ordensschwestern, denen das Haus zuvor gehörte, setzt Ruhe ein. Ein guter Ort für die Aufnahme von geflüchteten Menschen. Und auf jeden Fall auch ein guter Ort für eine öffentliche Nutzung.

Baufällig? Verwachsen!

Nur hat man von dieser bislang noch fast nichts gehört. Weshalb nun endlich diese Einladung? «Wir wollen transparent sein», sagt David Hossli, der Vorsitzende der Geschäftsleitung der Alfred Müller AG, der hier mitsamt dem Architekten Albi Nussbaumer und dem Projektleitungsteam auf die Journalisten wartet. «Und wir haben gemerkt, dass ein Interesse daran besteht, diese Räumlichkeiten sehen zu können.» Allerdings ist es schon etwas spät in der Abstimmungsdebatte. «Na ja, wir wollen dieses Gelände ja vermarkten, und wir wollten das Gebäude nicht in einem schlechten Zustand zeigen.»

Das Haus sei «baufällig», sagte der Zuger Stadtrat und Bauchef André Wicki, als es im Grossen Gemeinderat um die öffentliche Nutzung des Gebäudes ging – und sich damit prompt den Vorwurf eingehandelt, er wolle die Eigentümer von der Pflicht entbinden, das Salesianum öffentlich zugänglich zu machen. Baufällig, das entpuppt sich hier, ist wohl das falsche Wort, auch wenn es einiges zu tun gibt. «Es ist nicht baufällig», sagt Bruno Gallizia, der Abteilungsleiter Umbau und Renovation der Alfred Müller AG, «aber mit einer Pinselrenovation ist es nicht getan».

«Wir werden zwischen 10 und 13 Millionen Franken investieren müssen, um das Haus nutzbar zu machen.»

Bruno Gallizia, Abteilungsleiter Umbau und Renovation, Alfred Müller AG

Obwohl die Pinselrenovation wenigstens den pinken Neonfarben an der Wand den Garaus machen könnte, einem kleinen ästhetischen Verbrechen aus der Schulzeit. Das Haus ist über die Jahrhunderte in sich verwachsen. Hier Linoleumboden, da Kachelparkett, drüben eine Küche mitten im repräsentativen Gebäudeteil, die ganzen Kellerräume voller Heizung. Das Haus regt in seinem Chaos offensichtlich dazu an, sich darüber Gedanken zu machen.

10 bis 13 Millionen Franken

Es sind schöne Räume, grosszügige Anlagen, gute Ideen: Die Architekten wollen die Neubarocke Gartenanlage wiederherstellen, wollen vor dem ehemaligen Haupteingang eine Terasse schaffen, wollen den Innenhof wieder so einladend gestalten, wie er früher war. Wollen im Untergeschoss neue Räume schaffen, alte besser nutzen, bessere Verbindungen schaffen. Aber es gibt auch Feuchtigkeit in den Wänden, Wasserschäden, veraltete Haustechnik, schlechte Isolation. «Wir werden zwischen 10 und 13 Millionen Franken investieren müssen, um das Haus nutzbar zu machen», sagt Gallizia.

Gerade sind Bauarbeiter daran, die Räume für die Zwischennutzung vorzubereiten. Sie haben Wände eingezogen, um abgetrennte Räume für Familien zu schaffen, haben die alten Treppengeländer und die antiken Einbauschränke mit Sperrholz eingefasst, um sie zu schützen. Die Alfred Müller AG hat das Grundstück mitsamt dem Salesianum von den Schwestern vom Heiligen Kreuz im Baurecht gekauft und kämpft nun schon eine ganze Weile darum, auf dem Bauland endlich auch bauen zu dürfen. Das erste Projekt war in einer Volksabstimmung angenommen worden (zentralplus berichtete), dann aber vom Verwaltungsgericht abgeschmettert. Das war 2013.

Ist das ernst – oder geht’s nur um die Kohle?

Das neue Projekt ist leichter, hat mehr Luft, will acht Gebäude in eine Parklandschaft platzieren, Wohnungen mit Seesicht. Und auch der heutige Bebauungsplan sieht eine Renovation des alten Gebäudeteils vor, muss das auch. «Es gäbe natürlich für einen Investor Wünschenswerteres als denkmalgeschützte Altbauten auf dem Bauland», sagt Hossli und lacht. «Die alten Gebäude sind aber eine Chance für die neue Überbauung – und umgekehrt.» Das sagt auch der Architekt, Albi Nussbaumer, dessen Büro nun schon seit 2007 Ideen für das Salesianum produziert. «Die Überbauung wird wieder Leben ins Salesianum bringen und wird es wieder in seine Würde versetzen.»

«Sobald man dieses Gebäude betritt, hat man Ideen, wie es öffentlich genutzt werden könnte.»

David Hossli, Vorsitz Geschäftsleitung Alfred Müller AG

Aber ist das wirklich das, was die Alfred Müller AG glaubt – oder muss man die Salesianum-Renovation einfach erledigen, um endlich Wohnungen verkaufen zu können? Eine gute Idee für eine öffentliche Nutzung liegt noch immer nicht vor – das macht misstrauisch. Fehlt die Begeisterung? Geht’s nur um die Bauerlaubnis? «Im Gegenteil, es gibt sehr viel Begeisterung für dieses Gebäude, bei Albi Nussbaumer Architekten genauso wie bei uns. Und auch Ideen gibt es viele», sagt Hossli und zeigt in die Gänge und Räume: «Sobald man dieses Gebäude betritt, hat man Ideen, wie es öffentlich genutzt werden könnte.»

Aber der Zeitpunkt sei falsch. «Ich kann noch keine verbindlichen Mietverträge über eine Nutzung abschliessen, solange es keinen angenommenen Bebauungsplan gibt. Und da sage ich lieber, wir wüssten es noch nicht, als dass ich mich jetzt schon auf etwas festlege, das ich nicht garantieren kann.» Allerdings wäre es wohl vertrauensfördernder, wenn Hossli ein Statement zur öffentlichen Nutzung abgeben würde – gerade jetzt im Abstimmungskampf. Was sagt er dazu? «Sehen Sie, wir würden eine öffentliche Nutzung ja mit Handkuss annehmen, wenn jemand käme und sagte, er wolle ein Restaurant aufmachen. Es muss aber für uns als Investoren nachhaltig sein und längerfristig funktionieren. Das ist jetzt noch schwierig einzuschätzen, wo noch nicht einmal ein Bebauungsplan vorliegt, geschweige denn eine detaillierte Betrachtung durch den Denkmalschutz. Deshalb ist es schlicht zu früh, dazu etwas zu sagen.»

Hossli rechnet mit einem frühestmöglichen Baustart im Jahr 2018 – wenn es keine Einsprachen gibt. Was passiert, wenn das Volk Nein sagt? «Dann wissen wir wirklich nicht mehr, was wir für einen dritten Bebauungsplan am Projekt noch verbessern sollen; wir haben die Kritik aufgenommen, die vom Verwaltungsgericht angebracht wurde», sagt Hossli. Dass es aber einen dritten Versuch geben würde, sei klar, sagt Hossli. Er glaubt aber an intakte Chancen: «Wir haben uns allergrösste Mühe gegeben, um ein gutes Projekt zu erarbeiten. Ich bin zuversichtlich, dass die Bevölkerung Ja sagt.»

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