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Ein Duo bringt den Flügel zum Kreischen
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Einem klassischen Flügel entlockt der Jazzer Hans-Peter Pfammatter neue Sounds. (Bild: jwy)

Zwei Luzerner Jazzgrössen loten Grenzen aus Ein Duo bringt den Flügel zum Kreischen

4 min Lesezeit 19.02.2018, 11:45 Uhr

Ein prägnantes Riff und quietschendes Feedback: Was nach Rockkonzert tönt, ist das neuste Experiment von zwei Luzerner Jazzgrössen. Hans-Peter Pfammatter und Urban Lienert nehmen an den Duotagen den Neubad-Pool akustisch in Beschlag.

Sie hocken schweigend im grossen Pool des Neubads. Hans-Peter Pfammatter entspannt am Flügel, Urban Lienert konzentriert hinter dem Laptop. Immer wieder spielt Pfammatter an den Tasten das gleiche rhythmische Riff, über ein Mikrofon wird es auf einen Gitarrenverstärker übertragen, der weiter oben am Beckenrand liegt.

Pfammatter spielt nicht nur auf den Tasten, sondern beugt sich über den offenen Flügel und zupft an den Saiten oder schlägt mit Stöcken drauf. Gleichzeitig verändert Lienert die Klänge über seinen Computer, übersteuert sie so weit, bis es quietscht und fiept im hallenden alten Schwimmbad. Verzerrtes Feedback wie bei Rockkonzerten kommt aus dem Gitarren-Amp, die Klänge scheinen von überall gleichzeitig zu kommen und lassen sich nicht mehr festmachen.

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Die beiden schauen sich zufrieden an, das Experiment funktioniert. Und es ist schnell klar: Dieses Duo versteht sich ohne viele Worte.

Das Experiment im Video:

 

Hans-Peter Pfammatter und Urban Lienert proben hier für die Duotage, die sie am 22. Februar eröffnen (siehe Box). Ihr kommender Auftritt ist ein Experiment, ein Spiel mit dem Raum und der speziellen Akustik im Pool. Urban Lienert sagt: «Es ist die Idee, dass wir mit dem Raum arbeiten, mir gefällt die Akustik hier drin.» Und darum muss das Experiment auch hier geprobt werden.

«Im Duo ist die Interaktion viel schneller und direkter.»

Urban Lienert, Bassist

Das Grundgerüst ist ein einfaches Riff, «ein Fünf-Achtel», wie Pfammatter präzisiert. Dazu tüftelt Lienert an einem bestimmten Sound, der sich im grossen Hallenbad entfalten kann. Wenn Lienert nicht an den Reglern des Computers dreht und die Klänge übersteuert, greift er zu seinem Hauptinstrument, dem E-Bass.

Ein Duo, das sich gut kennt: Urban Lienert (links) und Hans-Peter Pfammatter.

Ein Duo, das sich gut kennt: Urban Lienert (links) und Hans-Peter Pfammatter.

(Bild: jwy)

Wie viel ist geplant – was lassen sie offen? «Nur die Struktur ist definiert», sagt Lienert, «wie wir damit spielen, ist improvisiert.» Sie haben also eine klare Grundidee definiert, die zum Experimentieren einlädt. «Jetzt müssen wir noch ausprobieren, wie wir von einem Teil zum anderen übergehen, damit es einen guten Bogen gibt», sagt Lienert. Bogen, das ist das Stichwort, wenn die beiden über ihr Konzept sprechen. Ein Bogen, der sich durchs ganze Konzert zieht.

Ein Festival mit zwölf Duos

Hans-Peter Pfammatter (Piano) und Urban Lienert (Bass) kennen sich als Musiker seit über 20 Jahren. Nun eröffnen sie im Neubad die Duotage: Donnerstag, 22. Februar, 20.30 Uhr.

Das Festival dauert drei Tage und folgt auf die Solotage, die vor einem Jahr stattfanden. Zwölf Duos aus der Schweiz, Spanien, Frankreich, Belgien und Deutschland treten auf. Aus Luzern sind Heligonka (Stefan Haas und Jesco Tscholitsch), Ester Poly (Béatrice Graf und Martina Berther) oder die Gitarristen David Koch/Urs Müller dabei.

Blind verstehen

Der Bassist Lienert und der Pianist Pfammatter verkörpern die Musiker, die sich blindlings verstehen, sie haben schon in etlichen Formationen zusammen gespielt. An ihren Instrumenten gehören sie zu den Top-Shots der Schweizer Jazzszene und experimentierten schon früh mit neuen Klängen und Stilen, mit Computern und elektronischen Effekten.

Was ist der Reiz an der Duo-Besetzung? «Es lässt viel Platz, gerade wenn du frei improvisierst. Du hast zwar mehr Verantwortung, aber die Interaktion ist viel schneller und direkter», sagt Lienert.

Und was heisst das genau, sich blind verstehen? Sie lachen. «Ich hoffe nicht, dass wir uns nur blind verstehen», sagt Pfammatter. «Es geht mehr um Vertrauen, ich kann mich auf Urban verlassen und weiss, was er macht. Oder ich weiss es auch nicht, aber ich weiss, dass es gut kommt.»

Soundcheck für ihr Experiment in Neubad: Hans-Peter Pfammatter spielt am Flügel, Urban Lienert verändert die Sounds am Laptop.

Soundcheck für ihr Experiment in Neubad: Hans-Peter Pfammatter spielt am Flügel, Urban Lienert verändert die Sounds am Laptop.

(Bild: jwy)

Was reizt sie am Experiment, würde es ihnen nur am Piano und Bass langweilig? «Überhaupt nicht, ich mag die klassische Besetzung auch sehr gern, weil das der direkteste Kontakt ist», sagt Pfammatter. Aber er sei interessiert daran, wie sich Prozesse verändern, wenn man eine Zeit lang mit den gleichen Musikern zusammenspielt. «Man kann sich mit Experimenten gegenseitig in neue Regionen pushen», sagt Pfammatter.

Nehmen, wie es ist

Vertrauen also und das gleiche Verständnis von Musik – das macht das Duo aus. Frische Ideen erhalten sie durch ihre Tätigkeit an der Luzerner Jazzschule: Beide haben als Dozenten schon Heerscharen von angehenden Jazzern ausgebildet, da sind sie stets am Puls. «Wir lernen immer von den jungen Studenten, weil sie einen ganz anderen Background haben», sagt Lienert.

«Hinsetzen und zuhören, mehr braucht es nicht.»

Hans-Peter Pfammatter, Pianist

Auch Pfammatter spielt viel in Formationen mit Studenten. «Das ist einfach eine andere Energie, ich lerne wahnsinnig viel, weil sie unverfrorener an die Musik herangehen.»

Wie beurteilen sie die junge Jazzszene in Luzern? «Es gibt viel mehr Musiker und Auftrittsorte als zu unserer Zeit – und viele tolle Bands», sagt Pfammatter und nennt als Beispiele Schnellertollermeier oder Schööf.

Zu den Vorurteilen oder Berührungsängsten, die manche Leute immer noch haben gegenüber experimentellem Jazz, hat Hans-Peter Pfammatter einen einfachen Rat: «Hinsetzen und zuhören, wie es ein Kind tut – mehr braucht es nicht.» Man müsse es einfach nehmen, wie es ist, und nicht bewerten. «Es ist einfach wunderschöne Musik», sagt Pfammatter und lacht.

Soundcheck für ihr Experiment in Neubad: Hans-Peter Pfammatter spielt am Flügel, Urban Lienert verändert die Sounds am Laptop.

Soundcheck für ihr Experiment in Neubad: Hans-Peter Pfammatter spielt am Flügel, Urban Lienert verändert die Sounds am Laptop.

(Bild: jwy)

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