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Ein Dorf lächelt sich den Abschiedsschmerz von der Seele
  • Gesellschaft
Die «Sürpris»-Ladies, verkleidet als Schneewittchen und die sieben Zwerginnen, bringen Rhythmus in die Kirchenbänke. (Bild: Remo Wiegand)

Gottesdienst im Test: Pfarrkirche Hildisrieden Ein Dorf lächelt sich den Abschiedsschmerz von der Seele

5 min Lesezeit 26.02.2017, 11:30 Uhr

Ein Gottesdienst, der lustig sein soll? Das kann ja heiter werden! Doch hinter der Fassade harmloser Scherze zeigt sich die 2000-Seelen-Gemeinde Hildisrieden von ihrer besten Seite.

Humor ist eine ernste Sache. Lachen kann verbinden, kann verstossen. Humor weckt niedrige Triebe, braucht Opfer, macht Aussenseiter nieder. Humor integriert. Er schafft Intimität, macht Lust, weckt Liebe. Ist subversiv und befreit. Wie auch immer: Eine Gefahr für die gute, alte Ordnungsmacht Kirche, die den Humor traditionellerweise vor die Tür setzte.

Für Glaube und Gemüt

Doch das Komische hat Kraft. Via Fasnacht fand der Humor stets Eingang ins Heilige. Bischöfe, die dagegen aufbegehren, geben sich der Lächerlichkeit preis. Und so werden landauf, landab Fasnachtsgottesdienste zelebriert, die Glaube und Gemüt gleichermassen ansprechen sollen. Kein Kinderspiel: Wer ihn gestaltet, sollte scharfzüngig sein, aber nicht verletzend; lustig, aber nicht so, dass die heilige Bedeutsamkeit vollkommen aus der Kirche weicht. Gefragt ist: Witz mit Mass.

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«Letztlich muss Gott den Karren lenken, sein Geheimnis übersteigt unser Denken.»

Pfarreileiter Werner Bucher

Eins vorweg: Werner Bucher kann das. Gekonnt und sympathisch unterhält der langjährige Pfarreileiter seine Dorfgemeinschaft in Hildisrieden. «Wir wollen heute feiern, dass Gott den Narren an uns gefressen hat!», ruft er seinen Schäfchen zu Beginn zu. Bonmot folgt auf Bonmot, stellenweise serviert Bucher Gebete in Reimform: «Letztlich muss Gott den Karren lenken, sein Geheimnis übersteigt unser Denken.» Der Schalk ist ansteckend. Die Leute links und rechts lächeln sich verschmitzt und geschwisterlich zu. Das ist Humor, der verbindet – wie gemacht für Hildisrieden.

Stellenweise serviert er Gebete in Reimform: Pfarreileiter Werner Bucher.

Stellenweise serviert er Gebete in Reimform: Pfarreileiter Werner Bucher.

(Bild: Remo Wiegand)

Der Zunftmeister als Fuchs

Was die Sache leichter macht: Im Zentrum des Gottesdienstes steht – Ihre Majestät verzeihen – eine nicht ganz so ernste Figur: Zunftmeister Erwin Bieri, alias Erwin II., von der Götschizunft und der Herr der Hildisrieder Fasnacht. Er, der die reale Dorfmacht ein paar Tage ad absurdum führt, wird im Gottesdienst genüsslich vorgeführt: als Fuchs.

Der Gottesdienst
  • Ort: Pfarrkirche Maria Himmelfahrt, Hildisrieden
  • Zeit: 19. Februar, 9.30 Uhr
  • Länge: 1 Stunde 10 Minuten
  • Team: Pfarreileiter Werner Bucher, zwei Ministrantinnen
  • Volk: ca. 99 Personen
  • Thema: «Gott hat den Narren an uns gefressen»

Erwin Bieri sei ein passionierter Jäger einerseits, als Wirtschaftsprüfer ein Steuerfuchs andererseits. In seiner Predigt durchforstet Bucher die Bibel nach dem Fuchs, der dort eher hinterlistig als gewitzt in Erscheinung tritt. «Wohlgemerkt, ich rede hier vom Fuchs in der Bibel», sagt Bucher demonstrativ feierlich in Richtung Erwin II.

In gewisser Weise trägt Pfarreileiter Bucher selbst Züge eines Fuchses: Er ist sprunghaft. Verweilen ist kein Thema im Fasnachtsgottesdienst, ein Gag folgt dem nächsten. Trump kriegt sein Fett weg. Die Nachbarn der Kirche werden für den Geburtsbaum ihrer kleinen Noelia hochgenommen, der deutlich schief vor der Kirche baumelt. Die Kirchenoberen, die das kleine Hildisrieden eben in den grossen Pastoralraum Oberer Sempachersee hineinfusionierten, werden mit Kritik gestreift.

Zunftmeister Erwin II. wird nicht verschont.

Zunftmeister Erwin II. wird nicht verschont.

(Bild: Remo Wiegand)

In ihrer Geschwindigkeit folgt die Predigt dem rasanten Rhythmus der kleinen Fasnachtsmusik-Formation, die übergangslos von «Heidi, deine Welt sind die Berge» zu «Griechischer Wein» zappt. Die Musik ihrerseits folgt dem Rhythmus der Fasnacht, mit vollem Körpereinsatz «Atemlos durch die Nacht». Ja, das wird auch gespielt.

Läuse den Tyrannen!

Am meisten Innehalten ist in den ebenso launigen wie schönen Gebetstexten, die Bucher passend zum Anlass aufgestöbert hat. Ein ukrainisches Gebet zu Beginn wünscht Tyrannen Läuse und Kindern Schmetterlinge. Später betet Bucher mit den Worten eines deutschen Pfarrers von anno 1883: «Herr, setze dem Überfluss Grenzen und lasse die Grenzen überflüssig werden, lasse die Leute kein falsches Geld machen und das Geld keine falschen Leute … nimm den Ehefrauen das letzte Wort und erinnere die Männer an ihr erstes.»

Gefragt ist Witz mit Mass – und das gelingt in Hildisrieden.

Gefragt ist Witz mit Mass – und das gelingt in Hildisrieden.

(Bild: Remo Wiegand)

Ernstes, Frommes, ja Anklagendes drückt häufig durch die Worte Buchers. Der Humor mag heute sein Gefährt sein, sein Antrieb ist er nicht. Trump und andere Tyrannen stehen immer wieder in seinem Visier. Der englische Heilige Thomas Morus wird dafür gewürdigt, dass er sich dem selbstherrlichen König Heinrich VIII. widersetzte, was ihn den Kopf kostete. Inmitten der Schlagermusik stimmt die Gemeinde ein afrikanisches Volkslied an, das an die Grenzen des heimischen Humorschaffens erinnert. Und vor der Kommunion gedenkt Bucher jenem Jesus, der «sich zum Narren gemacht» hat, «bis zur Verspottung am Kreuz».

Harmlos, aber gutmütig

Vielleicht verpasst Bucher die Chance, mit dem Humor ernst zu machen – in Richtung frecherer Satire. Nicht nur die fernen Trumps und Heinrichs lustvoll zu kritisieren, sondern Zustände vor Ort: Was ist mit der Bevölkerungsexplosion? Mit der Hochleistungslandwirtschaft? Dürfen auf dem Green des Hildisrieder Golfclubs goldene Kälber grasen?

Die neugotische Pfarrkirche Hildisrieden ist an diesem Sonntagmorgen frühlingshaft lichtdurchflutet.

Die neugotische Pfarrkirche Hildisrieden ist an diesem Sonntagmorgen frühlingshaft lichtdurchflutet.

(Bild: Remo Wiegand)

Bucher geht sanfter vor. Und das wiederum spricht für ihn. Er ist zu bodenständig, zu menschenfreundlich, um mit der grossen Humorkeule anzurichten. Seine bisweilen harmlosen Scherze funktionieren, weil er sie nicht grösser macht, als sie sind, sich nicht wichtiger nimmt, als er ist. Ein bescheidener, gutmütiger Gottesmann zum Gernhaben. Im Sommer wird Bucher Hildisrieden verlassen. Das Dorf wird traurig sein.

Kurzbewertung (1 bis 5)

Predigt:

Gut, witzig, sprunghaft.
†††

Persönlichkeit (Pastoralassistent Werner Bucher): 

Wer andere einen Fuchs nennt, ist selber einer: Hinter dem Altar wirkt der kleingewachsene Bucher wie der wachsame Fuchs vor seinem Bau. Davor wie der weise Fuchs aus «Der kleine Prinz», der die Menschen Herzenswärme und Liebe lehrt.
†††††

Musik: 

Die «Sürpris»-Ladies geben alles. Hübsch verkleidet als Schneewittchen (Pauke) und die sieben Zwerginnen (Bläser). Während eine ganze Gugge in der Kirche zu viel Krach machen kann, ist die reine Frauen-Fasnachtsmusig-Formation diskreter.
†††

Feierlichkeit: 

Das Gleichgewicht zwischen glatten Gags und feierlichen Gebeten ganz zu halten, geht einfach nicht.
†††
††

Kirchenraum:

Hübsche, neugotische Kirche. Frühlingshaft lichtdurchflutet an diesem Sonntagmorgen.
†††

Integrationsfaktor: 

Nach dem Gottesdienst gibt es kein Halten mehr: «Sürpris» spielt auf der Kirchentreppe weiter, die Götschizunft (ach so, das ist ihre Aufgabe 😉 serviert Kaffi-Schnaps und Konfekt. Ein Volksfest. Heute bin ich ein – hicks – Hildisrieder!

Gesamterlebnis:
††††

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