Ein Coworking-Space, in dem es auch mal krachen darf
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So sieht das Gewerbegebäude an der Täschmattstrasse 16 in Reussbühl aus. (Bild: zvg)

Neues kreatives Zentrum in Reussbühl geplant Ein Coworking-Space, in dem es auch mal krachen darf

4 min Lesezeit 22.04.2018, 17:59 Uhr

Ein Ort, wo sich Musiker, Theaterleute und Fotografen treffen: Eine solche Kultur-WG schwebt dem Musiker Timo Keller vor, seit er ein leerstehendes Gewerbehaus in Reussbühl entdeckt hat. Doch noch bleiben viele Fragen offen, selbst ein Scheitern fände er nicht schlimm.

Die Kreativszene von Luzern orientiert sich immer mehr gen Norden Richtung Reussbühl und Emmen: Dort hat es bezahlbare Wohn- und Atelierräume, da trifft man sich an der Nordpol-Sommerbar und dort ist auch die Kunsthochschule zu Hause.

Ein aktuelles Beispiel ist der Musiker Timo Keller. Er betreibt zuoberst in einem Gebäude an der Industriestrasse in Luzern gleich neben der Bar 59 sein Aufnahmestudio (zentralplus berichtete). Nun hat er ein Industriegebäude in Reussbühl im Visier. Seine Idee: Eine Art kulturelle WG, wo unter anderem Musiker, Theaterleute oder Fotografen zusammenkommen. Schon jetzt teilt er sein Studio mit den Theaterschaffenden von Fettervetter.

Guter Vibe

Timo Keller stiess zufällig auf die Immobilie über einen Online-Suchauftrag. Und sie reaktivierte eine Idee, die er schon länger im Kopf hatte. Ihm schwebt ein Coworking-Space vor, der sich aber nicht an Leute an Laptops richtet, sondern an Kulturschaffende, die Platz brauchen und auch mal Lärm machen. «Eine Gemeinschaft mit einem guten Vibe», sagt er.

«Viele sprechen von Vereinsamungstendenzen in ihren Bunkern.»

Timo Keller, Musiker

Timo Keller glaubt, dass es unter Kulturschaffenden ein grosses Bedürfnis nach einem solchen Zentrum gibt. «Alle haben ihre Räume, wo sie für sich arbeiten. Und viele sprechen von Vereinsamungstendenzen in ihren Bunkern.»

Das einstöckige Haus liegt an der Täschmattstrasse 16 – gleich unterhalb des Stadtarchivs am Rande des Reussbühler Gewerbeareals. Zehn 3,5 Meter hohe Zellen verteilen sich aneinandergereiht auf 564 Quadratmetern, verbunden durch einen langen Gang. Die Räume sind zwischen 14 und 75 Quadratmeter gross, daneben gibt es WCs, Aufenthalts- und Lagerraum – und eine grosse Terrasse. Die monatliche Miete beträgt 4’500 Franken.

So sieht eine der Zellen im Gewerbegebäude aus.

So sieht eine der Zellen im Gewerbegebäude aus.

(Bild: zvg)

Der Vorteil der Liegenschaft, wo früher Farben gemischt wurden, liegt auf der Hand: Es hat keine lärmempfindlichen Nachbarn und gleich dahinter beginnt die grüne Wiese. Der Nachteil: In den nächsten Jahren wird das Gebiet umgekrempelt, Hunderte neue Wohnungen und neuer Platz für Gewerbe ist im Gebiet geplant (zentralplus berichtete).

Möglich wären an der Täschmattstrasse etwa acht Ateliers, dazu ein grosser zentraler Raum, der von allen Beteiligten genutzt werden kann: für Musikaufnahmen, Theaterproben oder Fotosessions. Jeder hätte seine Nische, könnte sich aber ausbreiten.

Tägliche Anfragen

Timo Keller ist noch etwas mulmig beim Gedanken, dass seine Idee nun öffentlich wird und ins Rollen kommen könnte. Täglich erhält er Anrufe und Mails von Interessierten. Das freut ihn, aber er will nicht, dass die Täschmatt «sein Ego-Projekt» wird. Es müsse von einer Gruppe getragen sein, die sich engagiert, verpflichtet und in einem Verein organisiert ist. «Ich fühle mich nicht verantwortlich, ich hatte einfach die dumme Idee», sagt Keller.

Am 15. Mai lädt er Interessierte ins Neubad ein, um die Idee weiterzuspinnen und zu schärfen. Angesprochen sind Musiker, Theaterschaffende, Fotografinnen, Filmer, Programmierer oder Künstlerinnen.

«Wie ein pubertierendes Kind, das alles aufsaugt»: Musiker Timo Keller.

Musiker Timo Keller.

(Bild: jwy)

Von Künstlern geführt

Gibt es denn nicht bereits ähnliche Angebote? Das Neubad oder der Südpol seien zwar multifunktionale und flexible Kulturhäuser, diese sind jedoch an eine fixe Struktur und an einen Veranstaltungskalender gebunden.

Auch Timo Keller möchte das neue Haus zu gewissen Zeiten öffentlich nutzen, aber es soll kein Veranstaltungslokal werden – und vor allem müsste es ohne Leitung auskommen. «Was mich interessiert, ist ein kultureller Schaffensort, der von Künstlern organisiert und geführt wird», so Keller. Am ehesten ist die Idee wohl vergleichbar mit dem Gelben Haus, diesem eigenwilligen Atelier- und Produktionsort im Luzerner St.-Karli-Quartier (zentralplus berichtete).

Finanziert werden soll das Haus nicht über die Mieten – oder zumindest nicht nur. Keller spricht von einer «solidarischen Miete», daneben müsste eine Trägerschaft zustande kommen, welche das nötige Geld für die Miete selber abwirft. Etwa mit Gönnern, Vereinsmitgliedern und einem monatlichen Vereinsbeizli. «Wenn du da ein Atelier hast, hast du auch deine Pflichten. Es muss eine Verbindlichkeit haben, jeder Kulturschaffende weiss, dass es das braucht, sonst geht es nicht», so Timo Keller.

Hier am Rande des Gewerbes von Reussbühl hat Timo Keller dieses Gewerbegebäude entdeckt.

Hier am Rande des Gewerbes von Reussbühl hat Timo Keller dieses Gewerbegebäude entdeckt.

(Bild: Google Maps)

Ausgang ist offen

Das Ziel ist, dass nach dem Treffen rund sechs bis acht Leute dranbleiben, die alle das Gleiche wollen und die Idee weitertreiben – dass es «ein geiler Clan» wird, sagt Timo Keller. Ein paar Zusagen hat er bereits. «Toll wäre, wenn aus meiner Idee eine grössere Idee wird», sagt Keller. Denn dann könnte es schnell gehen mit der Kultur-WG Täschmatt: Haus besichtigen, Verein gründen – und schliesslich das Gebäude mieten, das ab sofort zu haben ist. Timo Keller war bereits in Kontakt mit dem Vermieter sowie den Behörden.

Und wenn es nicht klappt? Kein Problem für Timo Keller, denn er hat ein Studio, wo er gern bleibt. «Wenn es nur schon die Diskussion anregt, ist das toll.» Und schliesslich könnte die Idee später auch an einem anderen Ort verwirklicht werden – zum Beispiel soll die alte CKW-Shedhalle in Reussbühl im neu gestalteten Areal künftig öffentlich genutzt werden.

Die verschiedenen Zellen sind verbunden durch einen langen Gang.

Die verschiedenen Zellen sind verbunden durch einen langen Gang.

(Bild: zvg)

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