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Ein Container für Eritreer und Menzinger
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Alois Bucher von der Erni Bau AG überreicht Tony Mehr den Containerschlüssel. (Bild: wia )

Begegnungen sollen Vorurteile abbauen Ein Container für Eritreer und Menzinger

6 min Lesezeit 21.08.2015, 11:00 Uhr

Seit Donnerstag stehen auf dem Gelände der Bundesasylunterkunft zwei Container. Dort drin sollen künftig Brücken gebaut werden. Zwischen Asylbewerbern und Einheimischen. Doch was bringen diese Bemühungen? Und wollen das die Asylbewerber überhaupt?

Zwei Damen mit Hund stehen vor der Asylunterkunft auf dem Gubel. Auf ihrem Spaziergang sind sie hier vorbeigekommen und wundern sich über zwei Baucontainer, die gerade montiert werden. Ein grauhaariger Mann erklärt ihnen freundlich, was hier passiert. Die «IG Zentrum Gubel Mänzinge» hat diese Container gekauft, um den Austausch zwischen der Bevölkerung und den Asylbewerbern anzuregen.

Für diese Asylbewerber gilt: Zurück auf Feld eins

Auf dem Gubel sind insbesondere Schengen-Fälle untergebracht. Also Asylsuchende, die praktisch keine Chance haben, in der Schweiz bleiben zu dürfen, und in jene Länder Europas zurück müssen, wo sie als erstes angekommen sind. Auf dem Gubel bleiben sie meist während drei bis sechs Wochen.

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Eine der Damen schüttelt empört den Kopf und findet: «Aber Schengen ist doch mittlerweile vorbei! Die Politik hängt doch hinter der Realität zurück!» Es könne doch nicht sein, dass Länder wie Italien oder Griechenland eine solch grosse Menge an Asylbewerbern tragen müsse.

Und innert Sekunden ist man vom friedlichen Hundespaziergang in eine hochpolitische Debatte gerutscht. Nun denn, findet die andere Dame, sie fände es jedenfalls super, was hier gemacht werde, und die beiden Frauen inklusive Vierbeiner, ziehen von dannen.

«Ich bin der Ansicht, dass wir als Bevölkerung Anteil nehmen sollen, denn wir tragen eine Mitverantwortung.»

Tony Mehr von der IG Zentrum Gubel Mänzinge

Ja aber was wird denn hier genau gemacht? Der Mann, der sich mit Tony Mehr von der IG Zentrum Gubel Mänzinge vorstellt, antwortet: «Hier drin wollen wir Begegnungen ermöglichen zwischen der Zivilbevölkerung und den Asylbewerbern. Ich bin der Ansicht, dass wir als Bevölkerung Anteil nehmen sollen, denn wir tragen eine Mitverantwortung.»

Mitverantwortung? Wofür denn? «Über Jahrhunderte, beginnend mit der Kolonialisierung, hat der Westen von jenen Ländern profitiert, denen es nun schlecht geht. Das ist heute nicht anders, wenn wir billige T-Shirts kaufen, an denen die Fabrikarbeiter kaum etwas verdienen.» So könne man auf diese Art etwas menschliches, ethisches beitragen.

Gegen die Belagerung der Bibliothek

Auf die Frage, wozu die Container denn konkret dienen würden, erklärt Mehr: «Wir haben viele Ideen. Jetzt, während des Sommers, haben wir draussen Aktivitäten wie beispielsweise Wanderungen unternommen. Im Winter jedoch brauchen wir einen Ort, wo wir sein können. Wo man sich beispielsweise nach einem Spaziergang aufwärmen kann.»

Auch Schwierigkeiten, die im Dorf mit dem Einzug der Asylbewerber entstanden sind, sollen mittels Container entschärft werden: «Sobald diese Leute realisiert haben, dass man in der Bibliothek Internetzugang hat, haben sie diese natürlich belagert. Dem wollen wir entgegensteuern, indem wir selber vier Computer zur Verfügung stellen», erklärt Mehr.

Dennoch, so beteuert er, werden diesbezüglich klare Regeln vonnöten sein. «Wir werden den PC-Gebrauch auf jeden Fall zeitlich limitieren. Dazu kommen Beschränkungen dafür, welche Webseiten aufgerufen werden können.» Der Internetzugang soll den Asylsuchenden insbesondere zur Kontaktpflege dienen und dazu, Informationen über ihre Länder zu erhalten.

Hier soll künftig Kaffee getrunken, Schach gespielt und gemalt werden.

Hier soll künftig Kaffee getrunken, Schach gespielt und gemalt werden.

(Bild: wia)

Maltherapie, Schach spielen und Tierspuren lesen

Weiter habe sich eine Maltherapeutin bereit erklärt, mit den Bewohnern zu malen, andere Freiwillige möchten gerne mit den Asylbewerbern Schach spielen. Für die Kinder sollen Beschäftigungsprogramme entstehen. «Im Sommer gab es bereits verschiedene Aktivitäten für Kinder, bei denen sie beispielsweise mit einer Lehrerin im Wald nach Tierspuren gesucht haben.»

«Diese Leute sind froh um jede Art von Beschäftigung.»

Tony Mehr von der IG Zentrum Gubel Mänzinge

Aber wollen die vorübergehenden Gubel-Einwohner überhaupt auf solch künstliche Art unterhalten werden? «Ja», erklärt Mehr ohne zu zögern. «Diese Leute sind froh um jede Art von Beschäftigung.»

Bald eine eritreische Laufgruppe?

Immer wieder kämen auch Impulse aus der Bevölkerung. «So fragte mich letzthin ein Mitglied der Männerriege, ob die Asylbewerber vielleicht auch Lust hätten auf einen Lauftreff. Und der zieht das jetzt durch – eine grossartige Idee», freut sich Mehr.

Zwei Container, die insgesamt 30 Quadratmeter Fläche bieten; die sind bestimmt nicht gratis. Wie hat sich die IG Zentrum Gubel Mänzinge das geleistet? «Wir haben uns für diese Massnahme entschieden, nachdem andere Standorte nicht in Frage gekommen sind. So haben wir verschiedene Stiftungen angefragt, ob sie uns finanziell unterstützen würden.» Ein Aufruf, der gefruchtet hat. So habe eine Stiftung gleich 8’000 Franken beigesteuert, die andere, konkret die Reformierte Kirche des Kantons Zug habe zudem 4’500 Franken bezahlt.

Der Afrikaner sagt Grüezi

«Und die Vanoli AG ist uns mit dem Preis enorm entgegengekommen», erklärt Mehr zufrieden. «Wir haben nun zwei Container für 5’000 statt 8’000 Franken bekommen. Das überschüssige Geld soll den Betrieb der Begegnungszone finanzieren. «Wir müssen ja beispielsweise Kaffee und ähnliches kaufen.»

Gerade spaziert ein Afrikaner an uns vorbei, lacht und sagt «Grüezi!». Tony Mehr ist ganz aus dem Häuschen und fragt sogleich: «Sie sprechen Deutsch?» Der Afrikaner schüttelt den Kopf und grinst. Grüezi ist sein einziges schweizerdeutsches Wort.

Ein humanitärer Akt

Mehr macht seine Sache mit viel Leidenschaft und lässt sich kaum stoppen, wenn er beim Thema ist. Er sei schon immer entwicklungspolitisch aktiv gewesen, sagt er. Sein Engagement sei als humanitärer Akt zu verstehen.

 «Ich bin sicher, dass diese Möglichkeit des Austausches einem guten Klima zwischen Einwohnern und Asylbewerbern dienen wird.»

Barbara Beck-Iselin, Menzinger Gemeinderätin

Die Gemeinde Menzingen steht ebenfalls hinter der Idee eines Begegnungsraumes. Gemeinsam habe man Lösungen gesucht; die Gemeinderätin Barbara Beck half mit, zwischen der Interessengemeinschaft und den Grundeigentümern zu vermitteln. Sie sieht persönlich grossen Nutzen in diesem Projekt: «Ich bin sicher, dass diese Möglichkeit des Austausches einem guten Klima zwischen Einwohnern und Asylbewerbern dienen wird.»

Mit der Dorfführung gegen kulturelle Schwierigkeiten

Zwar gab es bis jetzt noch keine gröberen Probleme mit Asylbewerbern, dennoch sind immer wieder Kulturunterschiede spürbar, erklärt Mehr. «Eine Bäuerin von nebenan steht den Asylbewerbern, nachdem ihre anfänglichen Befürchtungen verflogen sind, sehr positiv gegenüber. Letzthin hat sie mir jedoch erzählt, dass sie froh wäre, wenn diese ihren Abfall nicht in der Wiese liegenlassen würden. Diesen Punkt habe ich dann sofort aufgenommen.»

Mehr macht selber nämlich Dorfführungen. Dort erklärt er den Asylsuchenden, wie sie sich in Läden zu verhalten hätten oder wie man eine öffentliche Toilette benützt. «Viele von ihnen haben nämlich keine Ahnung, wie wir das hier machen. Bei der nächsten Führung werde ich ihnen also zudem mit Händen und Füssen erklären, warum es nicht gut ist, die Alu-Dosen in der Wiese liegen zu lassen.» Das nütze, so ist Mehr überzeugt. «Diese Leute sind nämlich sehr offen, interessiert und wollen dazu lernen, auch wenn sie nur ihre eigene Sprache sprechen.»

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