«Ein Bestatter braucht ein fröhliches Wesen»
  • Gesellschaft
  • Arbeiten
  • Gesellschaft
Anfragen zum Probeliegen in einem Sarg werden von Egli Bestattungen abgelehnt. (Bild: fotolia.com)

Den Tod als beruflichen Begleiter «Ein Bestatter braucht ein fröhliches Wesen»

5 min Lesezeit 1 Kommentar 12.04.2015, 17:48 Uhr

Es gibt gewisse Dinge, über die ein Bestatter nicht gerne spricht: Gefühle zum Beispiel, die er manchmal selbst nur schwer ertragen kann. Umso schwerer ist es, Neulinge für diesen Beruf zu begeistern. zentral+ hat mit einem Bestatter aus Luzern über den skurrilen Wunsch gesprochen, sich lebendig in einen Sarg zu legen.

«Es ist nicht ganz einfach, einen neuen Bestatter oder eine Bestatterin zu finden», sagt Boris Schlüssel, Geschäftsleiter von Egli Bestattungen. Drei Mal hat das Luzerner Bestattungsunternehmen das Stelleninserat in der Zeitung schalten müssen. Da hilft auch die Popularität der SRF-Krimiserie «Der Bestatter» wenig. «Im Gegenteil», meint Schlüssel. Man habe sogar weniger Bewerbungen als in den Jahren zuvor erhalten. «Die Serie hat eine aufklärende Wirkung», ist er sich sicher. Die Leute würden durch sie erfahren, wie anspruchsvoll dieser Beruf sei. Es sei eine facettenreiche Tätigkeit, die nämlich weitaus mehr als den Umgang mit leblosen Körpern beinhalte.

«Als Bestatter begegnet man dem Leben auf so viele Arten.»
Boris Schlüssel, Geschäftsleiter von Egli Bestattungen

Es kursieren viele falsche Vorstellungen rund um den Beruf und das Wesen eines Bestatters, wie Schlüssel sagt. «Bestatter sind keine freudlosen, traurigen Menschen, nur weil sie tagtäglich mit dem Tod konfrontiert werden», stellt Schlüssel klar. Im Gegenteil: Wenn man diesen Beruf ausüben wolle, sei ein fröhliches Wesen die wichtigste Eigenschaft, die man mitbringen sollte.

Das strahlt der sympathische Bestatter aus Luzern auch aus. «Ohne positives Welt- und Menschenbild würde man verkümmern», meint er. Man würde auf jeden Fall Erfahrungen machen, die nicht so leicht zu verarbeiten seien. Wie etwa, wenn Kinder sterben. «Gegenüber solchen Erlebnissen stumpft man nicht ab», erklärt Schlüssel. Er meint sogar, dass man feinfühliger wird: «Als Bestatter begegnet man dem Leben auf so viele Arten.»

Zu viele Eingriffe verfremden einen Verstorbenen

Boris Schlüssel, Geschäftsleiter von Egli Bestattungen.     Bild zvg

Boris Schlüssel, Geschäftsleiter von Egli Bestattungen. Bild zvg

Rund hundert Trauerfälle bewältigt Egli Bestattungen im Monat und jeder davon sei «einmalig». Wirklich auf einen Einsatz vorbereiten könne sich ein Bestatter kaum: «Man erkennt die konkrete Situation oft erst, wenn man vor Ort ist.» Mittlerweile sei es so, dass das Pflegen und Ankleiden der Verstorbenen meist vom Pflegepersonal in den Heimen oder Spitälern erledigt wird. Es gäbe aber auch die schwierigen Fälle, wo man Körper und Gesicht teilweise rekonstruieren muss. Das Team von Egli Bestattungen lässt sich in diesem Bereich regelmässig weiterbilden, zeigt sich diesbezüglich jedoch zurückhaltend: «Zuviel kosmetische oder ästhetische Eingriffe können einen Verstorbenen auch verfremden.»

Vielfach sei der Bestatter der erste Ansprechpartner für Angehörige nach einem Todesfall. Neben der Abholung und Überführung der Verstorbenen unterstützen sie die Hinterbliebenen auch bei den Formalitäten und beim Verfassen von Todesanzeigen und Leidzirkularen. Auch die Bestellung von Blumen oder Kränzen kann direkt über den Bestatter abgewickelt werden. «Unser Beruf hat auch einen Dienstleistungscharakter», sagt Schlüssel.

Immer mehr Frauen im Beruf

Der Bestatterberuf ist in der Schweiz kein Lehrberuf. Viele Bestattungsunternehmen sind in Familienbesitz und werden von Generation zu Generation weitergegeben. Oft würde die Bestattertätigkeit hierbei auch nebenberuflich ausgeübt, erklärt Schlüssel.

Sucht man einen neuen Bestatter, so hat man es meist mit Quereinsteigern zu tun, erklärt Schlüssel. Oft seien es Menschen aus sozialen oder pflegerischen Berufen, die sich auf eine ausgeschriebene Stelle bewerben. Vermehrt seien auch Frauen darunter. «Unsere Tätigkeit verlangt ein hohes Mass an Sozialkompetenz», erklärt Schlüssel. «Wir haben die Erfahrung gemacht, dass Frauen eine sehr wertvolle Ergänzung für unser Team sind.»

«Man darf seine Eindrücke nicht in sich hineinfressen.»
Boris Schlüssel, Bestatter

Als Bestatter kommt man nicht nur psychisch, sondern auch körperlich an seine Grenzen. Verstorbene müssen schliesslich auch getragen werden. Viele Bewerber seien sich beim Vorstellungsgespräch nicht sicher, ob sie diese Aufgaben tatsächlich bewältigen können. Doch, wie bereitet man jemanden auf diese Aufgaben vor? «Die Neueinsteiger werden langsam an die verschiedenen Bereiche unserer Tätigkeit herangeführt », so Schlüssel. Ausserdem sei man immer zu zweit unterwegs und auch im Team unterstütze man sich gegenseitig: «Man darf seine Eindrücke nicht in sich hineinfressen.»

Probeliegen im Sarg

Als Bestatter freue er sich über das Interesse an seinem Beruf, das nicht zuletzt von der Krimiserie im Schweizer Fernsehen herrührt. Dabei sollte aber nicht vergessen werden, dass die Beschäftigung mit der äusseren Erscheinung des Todes nicht die Auseinandersetzung mit dem Tod und der Endlichkeit des menschlichen Lebens ersetzen kann.

Anfragen zum Probeliegen in einem Sarg, die er regelmässig erhalte, lehne er stets ab. Stattdessen rate er den Leuten, sich mit den wirklich relevanten Fragen rund um Sterben, Tod und Abschied auseinanderzusetzen. «Der Tod ist die existenziellste Herausforderung des Lebens», so Schlüssel. Sich in einen Sarg zu legen, leiste keinen wesentlichen Beitrag zu deren Bewältigung und könne dem Tod auch nicht seine Bedrohung nehmen. Der Tod bleibt ein Geheimnis.

«Wir leben in einer Gesellschaft, die auf alle Fragen eine Antwort haben will», meint der Bestatter aus Luzern. «Aber der Frage nach der Endlichkeit des Lebens geht man lieber aus dem Weg.» Dabei sei es wichtig, dass jeder für sich selbst Antworten auf diese Frage finde − oder zumindest einen Weg, mit der Ungewissheit umzugehen.

Es ist längst kein Tabu mehr, über das Sterben und den Tod zu sprechen. Dennoch meint Schlüssel, dass es gewisse Dinge gibt, die besser im Hintergrund bleiben. Gerüche, Bilder und Emotionen zum Beispiel, mit denen ein Bestatter immer wieder konfrontiert wird und die er manchmal selbst nach Jahren im Beruf nur schwer ertragen kann. «Diese Aspekte sind Teil des Berufes, wie auch des Lebens im Allgemeinen», sagt Schlüssel. «Aber sie gehören nicht ins Rampenlicht.»

Welche Vorstellungen haben Sie vom Beruf des Bestatters? Nutzen Sie die Kommentarfunktion und teilen Sie uns Ihre Meinung mit!

War dieser Artikel nützlich für Dich?

Ja

Nein

In diesen Artikel haben wir viel Zeit investiert. Löse ein freiwilliges Abo und hilf uns, Artikel wie diesen auch in Zukunft anzubieten.

CHF

Deine Meinung ist gefragt!

Um kommentieren zu können, musst Du auf zentralplus eingeloggt sein. Bitte logge dich ein oder registriere dich jetzt und profitiere von den Vorteilen für z+ Community Mitglieder.

Deine Meinung ist gefragt!

1 Kommentare
  1. Aniko Abächerli, 14.04.2015, 10:52 Uhr

    Aufschlussreicher und sehr intimer Artikel, toll!

Abonniere den Newsletter

Und erhalte unsere Post ganz nach Deinen Bedürfnissen und Wünschen: Täglich oder wöchentlich.