Eigene Kitas bei Zuger Unternehmen? Fehlanzeige
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Die Stadt Luzern erhöht die Förderung für die Gutscheine bei der Kinderbetreuung (Symbolbild fotolia).

Nur zwei Firmen haben Potenzial erkannt Eigene Kitas bei Zuger Unternehmen? Fehlanzeige

7 min Lesezeit 26.06.2017, 10:02 Uhr

Frauen gelten in der Wirtschaft als «Reservoir» gegen den Fachkräftemangel. Nötig ist dafür eine gute und vor allem finanzierbare Kinderbetreuung. Doch wie sieht es hier bei den Zuger Unternehmen aus? Ernüchternd. Es hätten zwar einige Firmen die Mittel – aber nur sehr wenige eigene Tagesstätten. Dabei machten diese Unternehmen durchaus gute Erfahrungen.

Wir nehmen eine der beiden Firmen-Kitas in Zug unter die Lupe: Die «Children’s World», welche die Kids der Angestellten von Johnson & Johnson seit Oktober 2012 betreut. 54 Kinder im Alter zwischen vier Monaten und fünf Jahren sind es im Moment. Für etwas über 60 gibt es Platz. «Die Überlegungen dahinter waren, wie ich annehme, zu ermöglichen, dass Frauen Beruf und Muttersein einfacher verbinden können. Durch eine Betreuung wie diese können Mütter schneller und einfacher an ihre Arbeitsstelle zurückkehren. Bei den Mitarbeitenden von Johnson war der Wunsch nach einer solchen Einrichtung entsprechend gross», erzählt uns Jasmin Tundis, die Standortleitern der «Children’s World».

Ein Team aus rund 22 Mitarbeitern kümmert sich von 7 bis 19 Uhr um den Nachwuchs der Johnson&Johnson-Angestellten. Darunter vor allem Fachfrauen für Betreuung, aber auch Lehrlinge, Praktikanten und eine Kindergärtnerin. Am Morgen bringen die Eltern ihre Sprösslinge in die Krippe, nach getaner Arbeit holen sie sie wieder ab.

Verschiedene «Spielplätze»

Obwohl die meisten Mamis und Papis nur ein paar Stockwerke über der Kita arbeiten, gibt es während des Tages keinen Kontakt. «Das gehört zu unserem pädagogischen Konzept», erklärt Tundis. «Es wäre schlechter für die Kinder, wenn die Eltern ständig vorbeischauen würden.» Ausnahmen bilden natürlich Not- oder Krankheitsfälle. Das sei ein weiterer Vorteil: «In einem solchen Fall können die Eltern innerhalb kürzester Zeit reagieren und ihr Kind abholen.»

«Unter dem Strich lohnt sich das Konzept einer eigenen Kita – vor allem, was die Zufriedenheit der Mitarbeitenden betrifft.»

Jasmin Tundis, Standortleiterin «Children’s World»

Den Kids gefällt’s offenbar: Ein Teil geht gerade in den Wald spielen, andere sausen mit Rutschern ums Haus oder spielen. Für uns haben sie nur ganz flüchtige, neugierige Blicke übrig, als wir erst fürs Interview im Büro sitzen und durch die Glaswand die Kleinen beobachten können. Beim Rundgang entdecken wir auch eine kleine Gruppe, die doch lieber bei Puzzles und Memory mit der Betreuerin spielen möchte. Alle anderen machen sich, den orangen «Lüchtzgi» um den Hals, für Ausflüge bereit. Falls sie müde werden sollten, warten mehrere lauschige Schlafplätzchen. Die Kleinen fotografieren dürfen wir aus Datenschutzgründen nicht. Die Räume bei der «Children’s World» sind nach Alter getrennt, die Tagesstätte verfügt ausserdem über einen Montessori-Bereich.

Beliebt bei Mitarbeitern, Risiko für Unternehmen

Gemäss eigenen Erhebungen, erfahren wir von der Standortleiterin weiter, ist man über das Betreuungsangebot bei den Angestellten sehr glücklich. Da Mitarbeitende bei Johnson & Johnson ihre Stellen intern auch länderübergreifend wechseln würden, gäbe es zwischendurch Zeiten, in denen weniger Plätze belegt sind. Allerdings, das beteuert Jasmin Tundis, sei das nie lange der Fall.

Ein Risiko sind leere Plätze für die Firmen aber doch: Gerade im Fall der «Children’s World», die als eigene AG mit Johnson zusammenarbeitet, müssen leere Plätze mit übernommen werden. Ein zu 100 Prozenet betreuter Platz kostet im Monat zwischen 2’500 und 2’700 Franken. Ein stattlicher Preis. Unter dem Strich lohnt sich das Konzept einer eigenen Kita aber trotzdem, ist Tundis überzeugt. Vor allem, was die Zufriedenheit der Mitarbeiter betrifft. «Wir hatten schon andere Firmen hier, die sich unsere Krippe angesehen haben», erzählt sie.

Spielen ist angesagt, als wir zu Besuch sind.

Spielen ist angesagt, als wir zu Besuch sind.

(Bild: lob)

Zahl eigener Kinderbetreuungsstätten tief

Ins Profil von Firmen, die auf eigene Kinderbetreuung setzten, würden in Zug einige passen: «Aus unserer Erfahrung können wir sagen, dass vor allem internationale Firmen, die gut qualifiziertes Personal beschäftigen, dem Thema der Mitfinanzierung der Kinderbetreuung offen gegenüberstehen», erklärt Nadine Hoch, Geschäftsleiterin beim Verband Kinderbetreuung Schweiz (Kibesuisse).

Dies bestätigt man uns auch beim Kanton Zug: «Momentan sind uns im Kanton Zug 59 Einrichtungen im Bereich Kinderkrippe bekannt», erklärt Rita Blättler, Leiterin der Abteilung «Generationen und Gesellschaft» des Sozialamts. «Tendenziell haben eher grosse Unternehmen eine eigene Einrichtung für Kinderbetreuung, da sie über die nötige Anzahl Mitarbeitenden verfügen und diese mit solch attraktiven Leistungen ans Unternehmen binden möchten.»

Die Realität allerdings sieht anders aus: Gerade einmal zwei grosse Unternehmen in Zug haben firmeneigene Kinderbetreuung, wie eine Erhebung bei acht grossen Playern in Zug ergeben hat. Neben Johnson & Johnson hat nur die Roche Diagnostics International in Rotkreuz eine eigene Kita. Wie erklärt man sich das beim Kanton? «Einerseits haben wie gesagt in der Regel nur grosse Firmen eigene Kitas», erklärt uns Blättler. «Andererseits ist es auch möglich, dass viele Eltern ihre Kinder lieber an dem Ort betreuen lassen, wo sie wohnen.»

«Die Mitarbeiter bei der Kinderbetreuung zu unterstützen, trägt dazu bei, den Anteil von Frauen in Schlüssel- und Führungspositionen zu fördern.»

Karin Freyenmuth, Head of Communications bei Roche Diagnostics International Rotkreuz

Dass es in Zug nur sehr wenige Firmen mit eigenen Kitas gibt, passt ins Bild, das sich laut Nadine Hoch von kibesuisse in der Deutschschweiz zeigt. Die direkte Mitfinanzierung von Kinderbetreuungseinrichtungen sei gemäss einer Mitgliederbefragung tief; gerade mal 1,7 Prozent der Erträge der Kitas seien 2015 von Unternehmungen abgedeckt worden.

Warteliste für Kita-Plätze bei Roche in Rotkreuz

Seit 2009 bietet auch Roche seinen Mitarbeitenden den Service einer eigenen Kinderbetreuung an – der offenbar rege genutzt wird. «So intensiv, dass derzeit eine Warteliste bei den Kinderkrippen besteht und Roche das Angebot in Rotkreuz ab August bereits zum dritten Mal erhöht, um weitere 24 Krippenplätze», lässt Karin Freyenmuth, Head of Communications bei Roche Diagnostics International in Rotkreuz, schriftlich verlauten. Derzeit seien es 72 Krippenplätze. Weiter betreibt Roche neben der Kinderkrippe auch einen eigenen Kindergarten.

Die Mitarbeiter bei der Kinderbetreuung zu unterstützen, sei für die Roche ein grundlegendes Anliegen, so Freyenmuth weiter. Mit positivem Effekt: «Dies trägt dazu bei, den Anteil von Frauen in Schlüssel- und Führungspositionen zu fördern. In diesem Sinn wollen wir auch am Standort Rotkreuz berufstätigen Eltern flexible Arbeitsmodelle mit Kinderbetreuung anbieten.» Die firmeneigene Kinderbetreuung habe auch vorteilhafte Auswirkungen auf den Arbeitseinstieg nach dem Mutterschaftsurlaub: «Ein weiterer, grosser Vorteil ist die schnelle Wiedereingliederung von berufstätigen Müttern bereits ab vier Monaten nach der Geburt», erklärt die Kommunkationschefin.

Die Kosten für die Betreuung bewegen sich in einem ähnlichen Rahmen wie bei der «Children’s World»: Die Tagespauschale pro Kind betrage maximal 120 Franken pro Tag, bringen wir in Erfahrung – also rund 2’400 Franken im Monat. Und weiter: «Sie wird bei tiefen Einkommen vom Unternehmen signifikant subventioniert. Die Ansätze von Roche in Rotkreuz liegen dabei gleichauf mit anderen Firmen.»

Alternative Unterstützungen

Der Verzicht auf eine eigene Kindertagesstätte muss jedoch nicht bedeuten, dass sich Firmen überhaupt nicht an den Kinderbetreuungskosten der Mitarbeitenden beteiligen. Laut kibesuisse gibt es seitens der Unternehmen beispielsweise Unterstützung in Form einer Beteiligung an den Betreuungskosten mittels Direktzahlungen an die Eltern. Vereinzelt würden von den Firmen auch Kita-Plätze eingekauft oder Spenden- und Sponsoringbeiträge an Einrichtungen geleistet, um den Eltern eine günstigere Betreuung zu ermöglichen.

Die Standortleiterin der «Childern's World», Jasmin Tundis.

Die Standortleiterin der «Children’s World», Jasmin Tundis.

(Bild: lob)

Für eine Lösung in diese Richtung hat man sich bei Siemens entschieden: Eine eigene Kita sei zwar immer mal wieder zur Diskussion gestanden, schlussendlich habe man sich aber aus diversen Gründen dagegen entschieden. «Ein Grund ist, dass wir allen Mitarbeitenden an allen Standorten dieselben Möglichkeiten zur Kinderbetreuung bieten wollen. Ein anderer ist, dass die meisten Eltern eine Kita an ihrem Wohnort bevorzugen», erklärt Nadine Paterlini von der Siemens-Pressestelle.

Trotzdem ist man um Krippenplätze für die Angestellten besorgt – und betreibt in Zug eine Kooperation mit «work&life». Dazu Paterlini: «Diese betreiben unter dem Namen ‹kids care› Kinderkrippen und unter dem Namen ‹kids world› Tageskindergärten mit Unterricht in Deutsch und Englisch. Alle diese Institutionen befinden sich im Raum Zug. Unsere Firmenmitgliedschaft verschafft den Kindern unserer Mitarbeitenden ein Platzprivileg.» Auch weitere Dienstleistungen von «work&life», wie etwa Beratungen rund ums Kind, dürften von den Siemens-Mitarbeitern kostenlos genutzt werden.

Arbeitsplatz der Zukunft mit Kita?

Zur firmeneigenen Kinderbetreuung äussert sich auch Rolf Jenni, Personalleiter von V-Zug, gegenüber zentralplus. «Wir haben keine eigene Kindertagesstätte und bisher gab es, soweit ich weiss, auch keine Diskussionen darüber, ob man eine bauen will», gibt Jenni zu Protokoll. Diese Tatsache sei einerseits im verhältnismässig kleinen Anteil an Frauen unter den Angestellten zu begründen, andererseits kämen viele Mitarbeiter aus der Region Zug und hätten die Kinder so schon in der Nähe.

Möglich sei es aber, verrät Jenni, dass dies in Zukunft ein Thema werde: Bis 2033 baut die V-Zug das ganze Areal nach dem Motto «der Arbeitsplatz der Zukunft» um. «Es ist gut möglich, dass im Zuge des Neubaus auch eine Erhebung betreffend einer Kita gemacht wird», erklärt der Personalleiter. In diesem Zusammenhang bereits geplant seien zum Beispiel Ruheräume für werdende Mütter.

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