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Durchgangsbahnhof wird zur Steilvorlage für radikale Forderung
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Die Fläche von acht Fussballfeldern wird auf den Gleisfeldern frei: Was soll dort passieren? (Bild: Emanuel Ammon/AURA)

Stadtparlament will 50 Prozent weniger Autos in Luzern Durchgangsbahnhof wird zur Steilvorlage für radikale Forderung

5 min Lesezeit 2 Kommentare 24.10.2019, 12:57 Uhr

Der Durchgangsbahnhof eröffnet für die Stadtplanung ungeahnte Möglichkeiten. Diese will auch das Stadtparlament nicht verstreichen lassen, und nickt dafür Mittel in Höhe von 3 Millionen Franken ab. Die linksgrüne Mehrheit nutzt die Chance für eine Forderung gegen den Autoverkehr.

Wenn in Luzern der Tiefbahnhof gebaut ist, werden riesige Gleisflächen nicht mehr gebraucht und für die künftige Stadtplanung frei. Die Züge verkehren dann unterirdisch in zwei Richtungen: Unter dem See hindurch mit Kurs nach Zug und Zürich. Und via einen neuen Neustadttunnel Richtung Bern/Basel.

Zwar ist der Zeithorizont weit: Bis 2040 soll der Durchgangsbahnhof (DBL) voraussichtlich gebaut sein. Aber die Stadtplanung ist schon jetzt getrieben von diesem komplexen Grossprojekt. Darum beantragt der Stadtrat über 3 Millionen Franken für die nötigen Ressourcen, die das Stadtparlament klar abgenickt hat.

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Auch die zehnjährige Bauzeit selbst (voraussichtlich ab 2030) wird zu einer riesigen Belastung – nicht nur für den Bahnhof selbst, sondern für die ganze städtische Umgebung. Verschiedene Installationsflächen, Betonwerke und Verladestationen rund um den Bahnhof werden nötig sein – etwa in der Neustadtstrasse, auf dem Bahnhofplatz oder vor schönster Kulisse am Schweizerhofquai. Was das für Einwohner und Touristen bedeutet, kann sich jeder ausmalen.

Diese Flächen entlang der Gleise werden frei, wenn der Durchgangsbahnhof gebaut wird.

Einstimmiges Ja zur Herkules-Aufgabe

Sämtliche Fraktionen im Stadtparlament anerkennen die bevorstehende Herkules-Aufgabe für die Stadtplanung. Sie folgen dem Stadtrat und unterstützen den Startschuss für das Riesenprojekt. Einstimmig sagte das Parlament Ja zum Bericht und (mit einer SVP-Enthaltung) ebenfalls zur personellen Aufstockung für die Aufgaben.

«Es braucht Personal, das dieses Projekt begleitet und zu unseren Gunsten beeinflusst», sagt Mario Stübi (SP). Immer wieder hörte man in den Voten das Wort «Jahrhundertprojekt», etwa bei Rieska Dommann (FDP). Er sieht eine Herausforderung darin, dass während der langen Bauzeit jederzeit alle Verkehrsteilnehmer das Bahnhofsgebiet erreichen können.

«Die Belastungen während der Bauzeit muss der Stadtrat ernst nehmen.»

Mirjam Landwehr (Grüne)

Andreas Felder (CVP) ist zuversichtlich, dass der Stadtrat die Chancen und Risiken erkannt hat. «Es entstehen Freiräume im Herzen von Luzern, das ist einzigartig.» Wie auch andere Redner, hat er aber Bedenken, wie die zehnjährige Baustelle mitten in der Stadt gemeistert werden kann.

«Der DBL eröffnet für die Siedlungsentwicklung neue Chancen», sagte auch Oliver Heeb von der SVP. Er hat für einmal nur Lob für die Arbeit der Verwaltung übrig, auch wenn der Bericht etwas gar euphorisch sei. Er sieht aber Verbesserungspotential im Bezug auf die Abstimmung der verschiedenen Mobilitätsträger. «Wir werden uns vehement gegen planwirtschaftliche Steuerung der Ziele wehren», sagte er.

Die Stadt neu denken

Judith Wyrsch von der GLP schliesslich ergänzte: «Wir können das Verkehrssystem neu denken, das ist eine riesige Chance.» Quartiere können besser an den Bahnhof angebunden und vom Verkehr befreit werden.

Mirjam Landwehr (Grüne) glaubt, dass Luzern dank des DBL nicht nur einen, sondern mehrere Sprünge vorwärtskommt. «Die Belastungen während der Bauzeit muss der Stadtrat ernst nehmen und so klein wie möglich halten – sie werden so oder so immens sein.» Darum sei für die Akzeptanz eine gute Kommunikation nötig.

Stadträtin Manuela Jost (GLP) versprach in Bezug auf die lange Bauzeit ein proaktives Vorgehen: «Wir müssen ganz genau planen, was das heisst und die Leute für dieses Bauwerk sensibilisieren.»

Angesichts der riesigen Dimensionen und so vielen Visionen wollte sich im Parlament niemand entgegenstellen – die Stadtplanung kann somit ihre Arbeit aufnehmen.

Und dann die Protokollbemerkung

Kontrovers wurde es dann doch noch wegen einer scharfen Protokollbemerkung der SP. Die Diskussion über den DBL wurde zu einer rund um den Individualverkehr. Mario Stübi fordert, dass sich bis Inbetriebnahme des DBL 2040 der Anteil des Motorisierten Individualverkehr (MIV) gegenüber heute halbieren müsse – dies zugunsten von ÖV, Velo und Fussverkehr.

Mit dem DBL werden sich die Personenfrequenzen im Bahnhof verdoppeln, all die Passagiere müssen irgendwie an- und weiterreisen. Der Verkehr in der Stadt könnte somit kollabieren, befürchtet Stübi. «Die Erreichbarkeit wäre nicht mehr gewährleistet.»

«Das ist keine Problemlösung, sondern reine Problembewirtschaftung.»

Fabian Reinhard (FDP)

Unterstützung kam von den Grünen und der GLP. Mirjam Landwehr (Grüne) sagte: «Wir müssen die Ziele hoch stecken. Es braucht dafür Push-Massnahmen.» Die Protokollbemerkung sei ein Prüfauftrag an die Adresse des Stadtrates – also noch nicht in Stein gemeisselt.

Stefan Sägesser (GLP) ergänzte: «Ich bin sonst gegen Verbote, aber die Klimakrise geht uns alle etwas an, auch am schönen Vierwaldstättersee.»

Das hat für eine knappe Mehrheit gereicht: 25 Mitglieder sagten Ja zur Forderung, deren 22 Nein.

Im falschen Film?

Fabian Reinhard sah sich angesichts dieser Forderung im falschen Film. «Das ist keine Problemlösung, sondern reine Problem-Bewirtschaftung», sagte er ungläubig. Es bringe Luzern nicht weiter, wenn man auf dem MIV herumhacke.

Auch von der CVP-Fraktion kam Ablehnung, die Mobilitätsstrategie sei schliesslich abgesegnet und die Protokollbemerkung würde den ganzen Bericht über den Haufen werfen, sagte Andreas Felder. «Es ist der falsche Ort, um den Modalsplit zu ändern.»

Oliver Heeb befürchtet, dass man die einzelnen Verkehrsträger gegeneinander ausspiele. Rieska Dommann von der FDP ergänzte: «Ich teile diese Hauruck-Übung nicht, das müsste im Rahmen einer Mobilitätsstrategie stattfinden.»

Stadtrat Adrian Borgula (Grüne) nahm ebenfalls noch Stellung zur Forderung – allerdings habe der Stadtrat noch keine Haltung zur Protokollbemerkung. Das Ziel werde sehr schwierig zu erreichen bis zur Eröffnung des DBL. «Wir sind selber gespannt, was wir mit dieser Anregung machen.»

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2 Kommentare
  1. Walter Albrecht, 27.10.2019, 21:41 Uhr

    Gouverner – c’est prévoir: Klugerweise würde man die Metro von der Westseite des jetzigen Bahnhofs
    zum Schwanenplatz, zum Kantonsspital, zur Reussegg und zum Bahnhof Emmenbrücke rasch bauen, damit man für die kommenden schwierigen Zeiten ein umweltfreundliches, sicheres und effizient funktionierendes Verkehrssystem hat und die Carparkprobleme in der Stadt und das Autoparkproblem des Kantonsspitals weitgehend löst. Mit den gesprochenen 3 Millionen könnte man das Metroprojekt endlich seriös anschauen… Man müsste nur wollen

  2. Roland Grüter, 24.10.2019, 17:16 Uhr

    Millionen als Defizite in der nächsten Jahren ausgewiesen, aber das kümmert die Mehrheit des Stadtrates nicht. Mann kann ja beliebig die Steuern erhöhen. Zur Kasse gebeten werden dann die heute Jugendlichen. Schöne Zukunft!