Du machst dir Gedanken über deine berufliche Zukunft? Du bist nicht allein
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Im Homeoffice denken viele über ihre berufliche Zukunft nach.

Homeoffice regt zum Nachdenken an Du machst dir Gedanken über deine berufliche Zukunft? Du bist nicht allein

6 min Lesezeit 23.02.2021, 16:44 Uhr

Viele sinnieren in der aktuellen Situation über ihren Job. Andere sind wegen der Situation gezwungen, sich auf rare Stellen zu bewerben. Zwei Laufbahnberaterinnen aus Luzern geben Tipps, wie sich neue berufliche Horizonte auftun – oder wie der Jobwechsel gelingt.

Die Arbeitslosigkeit ist auf rekordhohem Niveau (zentralplus berichtete). Gleichzeitig machen sich viele Arbeitnehmer in Zeiten von Lockdown und Homeoffice Gedanken, wo sie in ihrem Berufsleben stehen. Das sagen die Laufbahnberaterinnen Martina Zeier und Selina Albisser von Hiestand & Winkler aus Luzern. «Man darf zudem nicht vergessen, dass auch viele, die aktuell arbeiten können, mit grossen persönlichen Herausforderungen konfrontiert sind.»

Die Krise als Chance zu nutzen, tönt abgedroschen. Sich stattdessen im Hamsterrad zu drehen, ist aber auch keine befriedigende Lösung. Im (online geführten) Gespräch erzählen die beiden Profis zentralplus, wie Veränderungen und neue Perspektiven möglich werden.

Lockdown fördert das Nachdenken über die Zukunft

Dass erst mit zunehmender Dauer die Pandemiesituation an den Nerven zu zehren beginnt, ist für die Beraterinnen zunächst kein Zufall. «Gerade durch die Wintermonate und die fehlende Ablenkung durch Restaurant- oder Kinobesuche sowie anderen Freizeitangeboten hatten viele vermehrt Zeit, sich über die persönliche Situation Gedanken zu machen. Hinzu kommt die verschärfte wirtschaftliche Situation, sodass insgesamt ein höheres Bewusstsein für den eigenen Lebensentwurf spürbar ist», sagt Selina Albisser.

«Die Arbeitswelt 4.0 hat uns nun noch schneller und ohne Schonzeit eingeholt.»

Selina Albisser.

Und so steht die Erkenntnis am Anfang, dass wahrscheinlich selten so viele Arbeitnehmer gleichzeitig über grundsätzliche Fragen wie «Was will ich?» oder «Was bedeutet Arbeit für mich?», nachdenken wie jetzt. Die Profis empfehlen, erst einmal etwas Distanz zur Situation zu schaffen: «Zu Beginn einer beruflichen Veränderung kann ein Gespräch mit einer aussenstehenden Person unterstützend sein, um eine erste Reflexion zu ermöglichen.»

Das Homeoffice: die unerwartete Weiterbildung

Bei vielen Berufstätigen stehe aktuell eine teure Weiterbildung oder Umschulung aufgrund der unsicheren Situation nicht an vorderster Stelle. Dabei vergisst man leicht: Wer sich mit dem Homeoffice arrangieren muss, erhält eine – wenn meist auch nicht freiwillige – Weiterbildung in Sachen Digitalisierung.

Martina Zeier.

Die Laufbahnberaterinnen treffen zurzeit auf Menschen, die sich schnell auf die Situation eingestellt haben und mit der Arbeitssituation sehr gut klarkommen. Gleichzeitig steigen aber auch die Anfragen von Personen, denen die mangelnden Kontakte und das Trennen von Privatem und Beruflichem schwerfällt. «Wir erhalten auch vermehrt Anfragen von Unternehmen, die zu ihren Mitarbeitenden aufgrund der hohen emotionalen Belastung Sorge tragen möchten – dafür haben wir eigens spezielle Angebote kreiert», sagt Martina Zeier.

Fakt ist: «Die Arbeitswelt 4.0 hat uns nun noch schneller und ohne Schonzeit eingeholt.» Wer lernt, mit den aktuellen Herausforderungen umzugehen, wird in vielen Berufen auch in Zukunft einen Vorteil haben.

Auch in schwierigen Zeiten den Kopf nicht in den Sand stecken

Die Situation hat sich in Branchen wie der Gastronomie, der Kultur und im Eventbereich sogar verschärft. Oft ist Homeoffice nur zum Teil möglich, die beruflichen Perspektiven sind auf längere Zeit unsicher. Das Schlagwort lautet hier «Resilienz»: Die Fähigkeit, auch in schwierigen Situationen den Kopf nicht in den Sand zu stecken, sondern eine gewisse Widerstandskraft zur Verfügung zu haben..

Der Schlüssel: «Oftmals ist es gerade in herausfordernden Zeiten wichtig, sich immer wieder Gedanken zu den eigenen Bedürfnissen zu machen – über die sogenannte Selbstfürsorge», sagt Selina Albisser. Wichtig sei also «nicht einfach im Hamsterrad zu strampeln und sich dabei selbst zu vergessen».

«Wenn jemand 100 Absagen erhält, fällt es schwer, nicht an sich zu zweifeln.»

Ihr Alltagstipp: «Dinge, die mir guttun, die mir Ruhe und Sicherheit geben, konsequent in meine Wochenstruktur einplanen und einem Geschäfts-, Arbeits- oder auch Arzttermin gleichzusetzen.» Die Beraterinnen nennen das die Ichzeit, «die genau so wichtig ist, wie alle anderen Verpflichtungen, welchen wir gewissenhaft nachkommen».

Eigene Stärken ins Zentrum rücken

Vielfach ist man also auch auf Hilfe angewiesen. Wer sich, häufig erst nach grossem Leidensdruck für eine Beratung entscheidet, bei dem ist oft ein geschwächtes Selbstvertrauen beobachtbar. «Wir legen bei vielen unseren Standortbestimmungen aktuell den Fokus vermehrt auf die Stärkung von Selbstvertrauen, Fähigkeiten und Kompetenzen – um Sicherheit und Stabilität in eine Situation zu bringen, die momentan viele verunsichert», so Martina Zeier.

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«Ein gesundes Selbstvertrauen ist ein wichtiges Element für einen erfolgreichen Bewerbungsprozess»,, hält die Expertin fest. Das gelte insbesondere auch, wenn sich in einigen Branchen derzeit sehr viele Bewerber um wenige Stellen reissen. «Wenn jemand 100 Absagen erhält, fällt es schwer, nicht an sich zu zweifeln.»

Mut und Kreativität werden oft belohnt

Zu zeigen, wie genau es gelingt, auch in schwierigen Zeiten die Energie positiv zu nutzen, ist die hohe Kunst der Beratung. Zeier und Albisser setzen dabei auf individuelle Lösungen. «Grundsätzlich sind Zuversicht, Mut und Kreativität sehr wichtig.» Der Hoffnungsschimmer: Gerade für diese Eigenschaften sind Personen aus den oben genannten Branchen bekannt. Sie bringen viele wertvolle Grundvoraussetzungen und Kompetenzen mit.

«Wichtig bei einer Bewerbung ist: Einzigartigkeit.»

«Hier gibt es viele spannende Beispiele für kreative Lösungen, wie aktuell die Wohnmobildinner, die geradezu boomen», so die Luzernerinnen. Die aktuelle Krise kann folglich als Chance für Innovation dienen. Aber auch dies kann nicht pauschalisiert werden – wir alle sind noch nie vorher mit einer Pandemie konfrontiert gewesen. Dementsprechend individuell sind die Umsetzungsmöglichkeiten und in den Einzelfällen bleibt es eine sehr herausfordernde Situation.  

Eine Bewerbungsstrategie entwickeln

Geht es dann darum, bei der 100. Bewerbung endlich Erfolg zu haben, gilt es, eine Strategie zu entwickeln. «Wichtig ist Einzigartigkeit», sagt Martina Zeier. Bewerbende sollten passend auf jede einzelne Stelle individuell mit ihrem Lebenslauf, ihrer Erfahrung und dem Motivationsschreiben aufzeigen können, was sie speziell mitbringen und warum die eigene Wertewelt mit der Unternehmensausrichtung gut zusammenpasst.

«Das bedeutet aber auch, sich seiner Fähigkeiten, Kompetenzen und Interessen bewusst zu sein. Es geht um eine zukünftige Zusammenarbeit, die bestenfalls nachhaltig und langfristig funktionieren soll.» Heutzutage geht es also nicht darum, Bewerbung um Bewerbung abzuschicken, sondern eine klare Bewerbungsstrategie zu verfolgen.

Das persönliche Netzwerk pflegen

Neben einer individuellen Bewerbung hilft es auch, Kontakte zu pflegen. Zeier und Albisser betonen, wie wichtig es ist, sein persönliches Netzwerk gezielt zu gestalten, zu pflegen sowie auf potenzielle spannende Arbeitsbereiche auszuweiten. «Dazu gehört gerade jetzt – wo sehr viel online läuft – auch, sich auf Social Media-Kanälen wie Linkedin oder Facebook sichtbar zu machen, indem man sich bei Fachbeiträgen einbringt oder gar selbst aktiv Content kreiert.»

Stellensuchende sollten also vermehrt auch versuchen, auf für sie interessante Unternehmen und Personen aus ihrem Netzwerk zuzugehen, denn oftmals entstehen so interessante neue Möglichkeiten.

Und nun können wir wieder zum ersten Punkt springen: Da viele derzeit in einer ähnlichen Situation stecken, sollten sich Suchende nicht im eigenen Hamsterrad drehen, sondern proaktiv auf andere zugehen. Schon oft hat sich eine Tür unverhofft geöffnet.

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