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Du kochst zu viel? Dann verkauf den Rest!
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Haben Grosses vor: Adrian Iten (links) und Thomas Kalt beim Launch ihrer App im Zuger Metalli. (Bild: zvg )

Zwei Zuger gründen «Uber für Essen» Du kochst zu viel? Dann verkauf den Rest!

6 min Lesezeit 09.07.2016, 12:13 Uhr

Die Idee ist bestechend: zu Hause etwas mehr kochen, den Rest über die App «EatSmart» verkaufen. Zwei Chamer wollen damit durchstarten und die Gastrolandschaft heftig verändern. Es hat sich schon eine kleine Community gebildet – die Begeisterung ist gross. Und sogar die Lebensmittelkontrolle ist einverstanden – zumindest fast.

Wenn Adrian Iten mit dir spricht, dann legt er dir immer wieder die Hand auf die Schulter – so begeistert ist er von der Idee: «Schau», sagt er dann, oder «verstehst du», und wir verstehen: Die Idee ist so simpel, sie könnte eine von denen sein, die eine ganze Branche in ihren Grundsätzen erschüttert. Wie Uber und Airbnb, einfach fürs Essen. EatSmart heisst die App, zwei junge Zuger haben sie entwickelt, in langen Nachtstunden neben dem 100-Prozent-Job.

«Wir arbeiten beide im Chamer Industriegebiet. Da hinten ist das Essensangebot gleich null: Es gibt ein einziges Restaurant. Gleichzeitig ist nur über die Strasse ein grosses Quartier mit vielen Familien – da wird jeden Mittag lecker gekocht», sagt Iten. Er ist Zuger, sein Partner Thomas Kalt ist Chamer. «Wir dachten: Wie wärs, wenn wir jeden Mittag bei einer anderen Familie frisches Essen abholen könnten – mal gibt’s Thai, mal brasilianisch, mal Schweizer Küche.»

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Guter Plan. Jetzt, zwei Jahre später, ist seine App in Betrieb. Läuft seit drei Monaten. Der Clou dabei: Hobbyköche und auch Profis können auf der App Mahlzeiten anbieten, die sie zu Hause kochen – Hungrige können sie bestellen und abholen. Den Preis setzt der Anbieter fest, bezahlt wird per Kreditkarte direkt in der App. Wenn’s aus irgendeinem Grund nicht klappt, gibt’s Geld zurück. Wenn alles gut ist, gibt’s Kommentare. Und sonst auch.

«Keine Ahnung, wie das passiert ist»

1500 Leute haben sich die App schon als «Esser» runtergeladen, 350 Köche sind angemeldet, das Ganze ist noch so frisch, da geben sich die Leute offenbar grösste Mühe: «Plötzlich bekomme ich ein SMS von jemandem, der was bestellt hat: Seine Köchin habe sogar eine handgeschriebene Karte zur Mahlzeit gelegt, weil sie sich so über den Kunden gefreut habe.»

«Mir hat ein Koch letzthin gesagt: Das ist traumhaft für ihn. Er muss keine teuren Flächen unterhalten, kann aus seiner Küche heraus Mahlzeiten verkaufen.»

Adrian Iten

Noch ist das Ganze eine lokale Angelegenheit. «Wir habe eine kleine Community in Luzern, rund um den Bahnhof», sagt Iten, «eine in Zug, die wir selber pushen, eine im Aargau und eine im Glatttal», sagt er und lacht: «Plus, und keine Ahnung wie das passiert ist, eine kleine Community in Liechtenstein.» Die Wurzeln sind gepflanzt, jetzt muss sich das Netz ausbreiten. Man kann die Stimmen schon hören, die bald kommen werden: Ihr macht die Gastronomie kaputt, ihr seid böse, ihr seid wie Uber für Restaurants, bald demonstrieren die Köche. Iten winkt ab: «Wir sehen uns überhaupt nicht als Konkurrenz für Restaurants, im Gegenteil, wir sehen uns als ganz neue Möglichkeit auch für Profiköche. Mir hat ein Koch letzthin gesagt: Das ist traumhaft für ihn. Er muss keine teuren Flächen unterhalten, kann aus seiner kleinen Küche heraus Mahlzeiten verkaufen.»

Machst etwas Sinnvolles, hockst nicht nur vor der Kiste

Aber nicht nur für ihn, auch für die Studentin und den Familienvater, die einen Zustupf brauchen, soll EatSmart eine Möglichkeit sein, Geld zu verdienen. «Sobald die Leute sehen, aha, es passiert tatsächlich etwas auf dem Konto, sind sie voll dabei.» In Luzern etwa sind es mehrere Studenten-WGs, die schon mitmachen, Brownies über die Gasse verkaufen, aber es gibt auch die Grossmutter, die ganz nervös ist, bis sie ihr erstes Essen an den Mann gebracht hat, in diesem Fall an Iten selber.

«Und darum geht es auch: Bei uns machst du etwas Sinnvolles mit deiner Zeit, hockst nicht einfach vor der Kiste. Wie viele Leute sind heute einsam zu Hause? Über unsere App können Begegnungen entstehen.» Er hat alle Facetten seines Angebot schon ausprobiert: Pasta Bolognese verkauft, Flammkuchen gegessen, ein bisschen Geld verdient. Sieben Prozent nimmt EatSmart. Pro Transaktion davon gehen noch mal 2,5 Prozent an die Kreditkartenfirmen. «Darüber hat sich noch niemand beklagt, das finden alle fair, die wir befragt haben.»

Was sagt die Lebensmittelkontrolle?

So weit, so gut. Die Skeptiker unter den Lesern haben’s schon lange gemerkt: Da gibt’s doch einen Haken – das Lebensmittelgesetz. Wer Essen professionell verkaufen will, muss dafür eine eigens eingerichtete Küche haben, die nicht auch noch in privatem Gebrauch ist. Das hat weder der Student noch die Grossmutter. Begibt man sich als Hobbykoch in juristische Gefahr, wenn man Essen über EatSmart verkauft?

Iten sagt: «Schau, uns hat nach kurzer Zeit das Zuger Lebensmittelinspektorat angerufen und uns eingeladen –sie wollten erfahren, wer wir sind und was wir machen.» Sie seien vorbeigegangen und völlig überrascht worden: «Sie waren sehr interessiert an unserer App und haben uns klargemacht, dass auch die Gesetzgebung sich gerade im Wandel befindet – solche Dinge wie EatSmart sind darin einfach noch nicht vorgesehen. Das Gesetz stammt aus dem Jahr 2004.» Und das Gesetz sagt: Wenn jemand regelmässig Nahrungsmittel gewerblich verkauft, untersteht er der Kontrolle des Lebensmittelinspektorats – die Frage ist, was regelmässig heisst.

«Uns haben sie gesagt: Was unter 20 Mahlzeiten bleibt, würden sie nicht kontrollieren.» Pro Monat? «Pro Tag!», sagt Iten und legt dir die Hand auf die Schulter. «Die haben da mit so grossen Mengen in jedem Restaurant zu tun, dass die Menge, die ein EatSmart-Cook verkauft, dagegen einfach zu klein ist.»

«Wir können nicht versprechen, dass wir nicht vorbeikommen.»

Susanne Pfenninger, Kantonschemikerin

Das sieht Susanne Pfenninger, Kantonschemikerin vom Kanton Zug, naturgemäss ein bisschen anders.  «Wer Mahlzeiten gewerblich verkauft, untersteht der Lebensmittelgesetzgebung. Und damit unserer Kontrolle. Das ist auch so, wenn man nur wenige Mahlzeiten im Monat verkauft.» Es könne also durchaus sein, dass auch bei Hobbyköchen von EatSmart die Lebensmittelkontrolle vor der Türe steht.

«Wir können nicht versprechen, dass wir nicht vorbeikommen», sagt Pfenninger. Sie würde deshalb Iten empfehlen, die Hobbyköche wenigstens auf die wichtigsten Hygieneregeln aufmerksam zu machen. «Die Kantonschemiker in der Schweiz sind in dieser Sache in Kontakt, damit wir schweizweit eine einigermassen einheitliche Handhabe schaffen können.» Und die Sache mit der separaten Küche? «Hobbyköche dürfen Mahlzeiten von zu Hause aus kochen und verkaufen. Aber sie müssen dabei die hygienischen Anforderungen berücksichtigen – wie alle anderen auch.»

Und was heisst das für den EatSmart-Koch? Wenn sich jemand unbedarft anmeldet, keine Ahnung von Hygiene hat und schlussendlich jemand vom Essen krank wird, haftet dann der Koch? «Die Haftung liegt bei den beiden Personen, die das Geschäft abschliessen», sagt Iten. «Wir haben das auch wegen der Kreditkartenfirma so einrichten müssen – die können nicht die Haftung für alle Köche übernehmen.»

Knackpunkte – aber nicht unlösbar

Offenbar sind sich die beiden noch nicht ganz sicher, was sie ihren Köchen empfehlen sollen – eine Haftpflichtversicherung abschliessen? «Wir glauben: Das ganze regelt sich über die Community. Wenn was nicht frisch ist, dann gibt’s Kommentare, und der Koch fliegt raus», sagt Iten. Man dürfe nicht nur vom Negativen ausgehen. «Wir machen jetzt einfach und probieren aus und lernen dazu.»

Schon ist die Begeisterung wieder da. «Es ist mir klar, dass das die Knackpunkte sind. Und das ist auch dem Amt klar – aber für die ist es auch gut, dass wir hier vor Ort sind.» Wer weiss: In fünf Jahren kommt vielleicht eine amerikanische Firma und macht dasselbe: «Und die tanzen dann nicht auf dem Amt an.»

Die App könnte eine von denen sein, die eine ganze Branche in ihren Grundsätzen verändert. Und zwei junge Leute zu Millionären macht. Der Traum: An Google verkaufen? «Naja», sagt Iten und lacht, «ob Google der Richtige ist, weiss ich nicht. Nein ernsthaft: Uns begeistert, dass wir hier noch ganz klein anfangen können und etwas ganz Neues machen.» Die Wirtschaft sei so kapitalgetrieben, dass Anfänger fast keine Chance hätten, einzusteigen. «Wir können das jetzt – wir machen und bezahlen alles selber, haben keine Investoren im Hintergrund. Und mit unserer Plattform ist es dasselbe: Da können Leute ohne grosse Investitionen in den Markt eintreten. Das finde ich fantastisch.»

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