Drin hocken war gestern – heute isst man unter freiem Himmel
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Das «Helvetia» in der Dämmerung. (Bild: Roman Beer)

«Boulevardisierung» in der Luzerner Neustadt Drin hocken war gestern – heute isst man unter freiem Himmel

5 min Lesezeit 1 Kommentar 24.07.2017, 17:39 Uhr

Zwei Sommer lang war das Hirschmattquartier eine grosse Baustelle. Nun aber nutzen mehrere Gastronomiebetriebe den dadurch gewonnenen Platz, um draussen Gäste zu bewirten. Doch nicht alle haben Freude am Einzug der mediterranen Lebensart in Luzern.

Draussen sitzen, einen Apéro schlürfen und es sich gutgehen lassen: So schön kann der Sommer sein. Beispielsweise am Mühlenplatz, der im Sommer mit den Restaurants an die Piazza einer italienischen Stadt erinnert.

Auch im Hirschmattquartier verlagert sich das öffentliche Leben zunehmend auf die Strasse – nicht nur beim Helvetiagärtli, das diesbezüglich Pioniercharakter hat. Bald können die Luzerner an noch mehr Orten draussen essen und trinken. Seit der Gesamterneuerung des Quartiers haben mehrere Gastrobetriebe eine sogenannte Boulevardnutzung – Tische und Stühle auf dem Trottoir – in Planung oder bereits umgesetzt.

Lärm kein Problem

Diesen Platz nutzen nun einige Gastronomen. So beispielsweise das spanische Restaurant Bolero beim Bundesplatz. Seit Juni stehen 24 Sitzplätze und einige Holzfässer als Stehtische auf dem Trottoir für die Gäste zur Verfügung – und werden rege genutzt. «Bei schönem Wetter wünschen viele Leute, draussen zu essen, obwohl wir nicht mit Seesicht punkten können», sagt Marco Maurer, Leiter Sales und Marketing.

 

Mehr Plätze, neues Mobiliar: Die Terrasse des Restaurants Bolero.

Mehr Plätze, neues Mobiliar: die Terrasse des Restaurants Bolero.

(Bild: zvg)

Ausschlaggebend war mitunter die Gesamtsanierung des Quartiers: Denn im Zuge von Leitungssanierungen sind in den Sommermonaten 2015 und 2016 insgesamt 76 Parkplätze verschwunden und breitere Trottoirs entstanden.

«Nun haben wir mehr Platz und die Gäste fühlen sich sehr wohl, weil das ganze Erscheinungsbild des Quartiers einladender ist.»

Marco Maurer, Leiter Sales und Marketing Restaurant «Bolero»

Ohne diese Aufwertung hätte man laut Maurer nicht in den Ausbau der Aussenplätze investiert. «Nun haben wir etwas mehr Platz und die Gäste fühlen sich sehr wohl, weil das ganze Erscheinungsbild des Quartiers einladender ist.» Der Verkehrslärm sei kein Problem, da die Tische gegen die eher ruhige Sempacherstrasse hinaus gehen. «Viele mögen es zudem, wenn ringsum etwas los ist und es etwas zu sehen gibt», sagt Maurer und lacht.

Im Innenhof und an der Ecke

Beim «Hinicht» steht ebenfalls eine Expansion auf die Strasse an. «Wir planen Sitzplätze für rund zwölf Personen», sagt Geschäftsführerin Sara Kathriner. Läuft alles nach Plan, sollen die Gäste nach den Betriebsferien im August draussen Platz nehmen können. «Diese Idee war schon von Anfang an in unseren Köpfen», sagt Kathriner. Mit der Sanierung der Dornacherstrasse habe man nun die Möglichkeit, den Aussenbereich zu bewirten.

«Wir haben im Innenhof ein herziges Plätzchen, das wir nun nutzen wollen.»

Simone Müller-Staubli, Geschäftsführerin Restaurant «Zur Werkstatt»

Auch das Restaurant «Zur Werkstatt» an der Waldstätterstrasse möchte seine Gäste bald draussen bedienen. «Wir haben im Innenhof ein herziges Plätzchen, das wir nun nutzen wollen», sagt Geschäftsführerin Simone Müller-Staubli. Das entsprechende Baugesuch ist eingereicht, geplant sind sechs Zweiertische.

Der mediterrane Lebensstil

Die Stadt registriert eine Zunahme der Gesuche aus dem Hirschmattquartier, bestätigt Markus Hofmann, Leiter des Ressorts Baugesuche. Er führt das mitunter darauf zurück, dass die Trottoirs nun breiter sind und dadurch mehr Flächen frei wurden.

Ähnlich tönt es bei der Abteilung Stadtraum und Veranstaltungen. Zwar gibt es keine Zahlen zu den eingegangenen Gesuchen seit dem Ende der Strassensanierung. Doch Stefan Geisseler, Bereichsleiter bei der Abteilung, sagt: «Die Neugestaltung des Hirschmattquartiers führte zu einer Attraktivierung.» Entsprechend seien mehrere Anfragen für neue oder vergrösserte Boulevardbereiche eingegangen. Das erhöhte Interesse dürfte laut Geisseler aber auch «mit dem mediterraneren Lebensstil unser Gesellschaft zu tun haben». Die Menschen flanieren, gerade im Sommer, durch die Strassen und sitzen gerne draussen, kurz: Das Leben findet vermehrt unter freiem Himmel statt.

Noch nicht ganz fertig

Die Baumaschinen sind verschwunden, der Lärm vorbei: Doch ganz fertig ist die Gesamterneuerung im Hirschmattquartier noch nicht. Ab dem 16. August wird als letzter Schritt der definitive Deckbelag eingebaut. Diese Arbeiten dauern pro Strasse in der Regel drei Tage, gearbeitet wird täglich von 7 bis 17 Uhr. In dieser Zeit sind die Strassen jeweils für den Verkehr gesperrt (siehe Linkbox). Bis Ende Oktober wird das Quartier dadurch also nochmals zur Baustelle.

Gerade im Hirschmattquartier begrüsst die Stadt solche Initiativen – die Belebung war explizit ein Ziel der Gesamterneuerung. «Das soll ein lebendiges, durchmischtes Quartier sein», sagt Hofmann. Das gefällt auch dem Quartierverein. «Wir begrüssen es, wenn unsere Strassen attraktiver werden», sagt Co-Präsident Markus Schulthess. Er ist überzeugt, dass sich das in Zukunft in diese Richtung weiterentwickelt. «Mit der Aufwertung ist das Spielfeld für die nächsten Jahre eröffnet.» 

Kritische Stimmen

Zu einem zweiten Florenz wird die Neustadt aber sowieso kaum. «Auch hier gilt es die verschiedenen Bedürfnisse aufeinander abzustimmen, entsprechend braucht es Auflagen in Sachen Lärm und Sicherheit», so Hofmann. Zudem muss auch bei Strassencafés und -terrassen immer ein ausreichend grosses Stück Trottoir für Fussgänger frei bleiben.

So hat die Stadt denn auch nicht alle Gesuche bewilligt, weil sie die Verkehrssicherheit oder die Passanten einschränkten. «Es gab Anfragen zu Boulevardnutzungen, welche aus diesen Gründen abschlägig beantwortet werden mussten», sagt Geisseler. Zudem gebe es auch regelmässig Rückmeldungen von Kritikern. «In der Regel handelt es sich um Beschwerden wegen Lärm oder fehlendem Platz beispielsweise für die Fussgänger.»

Auch für den Quartierverein ist es wichtig, dass Rücksicht genommen wird auf die Anwohner. «Eine lustige Runde, die um Mitternacht draussen sitzt, stört halt manche Anwohner», sagt Markus Schulthess. Insgesamt seien die Hirschmatt-Bewohner jedoch sehr tolerant. 

Sie begrüssen die Gäste in der neuen Genusswerkstatt an der Waldstätterstrasse 18 in Luzern: Gastgeber Thomas Nussbaumer (links), Geschäftsführerin Simone Müller-Staubli und Küchenchef Sebastian Hohl.

Die Genusswerkstatt expandiert in den Innenhof: Geschäftsführerin Simone Müller-Staubli, hier mit Gastgeber Thomas Nussbaumer (links) und Küchenchef Sebastian Hohl.

(Bild: Rudi-Renoir Appoldt, [email protected])

Apropos Kritik: Beim Restaurant «Zur Werkstatt» haben die Aussenpläne nichts mit der Gesamterneuerung Hirschmatt zu tun – im Gegenteil. «Das Projekt wirkt eher kontraproduktiv, weil wir seither deutlich weniger Parkplätze im Quartier haben», formuliert Geschäftsführerin Simone Müller-Staubli einen altbekannten Kritikpunkt. Sie berichtet von Gästen, die entnervt ins Restaurant kämen, weil sie lange einen Parkplatz suchen mussten. «Ich würde sogar behaupten, dass der eine oder andere einmal mehr kommen würde, wenn es einfacher wäre, das Auto abzustellen.»

Die Klage ist keineswegs neu: Die Parkplatzsituation in der Neustadt gibt immer wieder Anlass zu Kritik, wobei diese zuletzt tendenziell verstummt ist. Beim «Bolero» und dem «Hinicht» ist das kein Thema. «Mir persönlich gefällt die Entwicklung im Quartier», sagt Sara Kathriner. Beim «Bolero» ist man ebenfalls zufrieden – auch wenn laut Marco Maurer noch nicht das mediterrane Flair herrscht wie beim Helvetiagärtli.

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1 Kommentare
  1. Johann Schrädobler, 25.07.2017, 14:56 Uhr

    Das Parkplatzproblem wird in den nächsten Jahren sicher noch schlechter, da die Stadt
    das Problem schon vor langer Zeit verschlafen hat. Ob das Dinieren im Freien ein Genuss
    werden soll oder schon ist bleibt natürlich jedem Besucher selbst überlassen. Es gibt einfach Leute die lieben den Strassen/Autolärm ,andere wieder sind davon genervt. Natürlich ist ein Autofahrer nach langem suchen und hohen Preisen bei Parkplätzen irgendwann verzweifelt und kommt nie wieder. Es wird wohl in absehbarer Zeit eine sinnvoll entworfene U-Bahn kommen müssen.
    Nun ,wenn es Jemanden dort nicht gefällt, muss er ja nicht diese Lokale besuchen!
    So einfach ist es im Leben!!!

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