Kühne Vision: Drei Hochhäuser mitten im  Industriegebiet
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Futuristisch sieht's aus: Genau richtig, findet der Verein Zukunft Bösch. (Bild: zvg)

So könnte das Hünenberger Bösch künftig aussehen Kühne Vision: Drei Hochhäuser mitten im Industriegebiet

6 min Lesezeit 4 Kommentare 21.07.2020, 05:00 Uhr

Die Pläne, die der Verein «Zukunft Bösch» für das Hünenberger Industriegebiet hat, sind ambitioniert. Der Ort könnte dereinst ganz anders daherkommen. Mit auffälligen Hochhäusern, Mobility Hub, Beizen und Läden. Doch dafür muss der Verein 140 Parteien ins Boot holen.

Das Bösch in Hünenberg präsentiert sich als Musterbeispiel eines Industriequartiers. Praktische Büro- und Gewerbegebäude reihen sich aneinander, Strassen sind einzig da, um von A nach B zu gelangen. Es gibt weder besondere Grünflächen noch hübsche Restaurants oder Läden. Die insgesamt 1’800 oberirdischen Parkplätze sind auf dem ganzen Gelände verstreut.

Die Menschen kommen werktags am Morgen her, arbeiten, gehen wieder. Zu Mittag gegessen wird im Büro oder, nach einer kurzen Autofahrt, in den Beizen der umliegenden Gemeinden.

Eine Situation, die verbesserungswürdig ist, wie der Verein Zukunft Bösch findet, der vor einem Jahr gegründet wurde. Wir treffen die beiden Vorstandsmitglieder Patricia Diermeier und Peter Moos für einen Augenschein vor Ort. Während eines Spaziergangs rund ums Gelände erzählen die beiden von ihrer «Vision Bösch» und wie es dazu kam.

Moos, der Vize-Präsident des Vereins und Grundeigentümer einer Bösch-Liegenschaft, erklärt: «Im August letzten Jahres organisierten wir ein Food-Festival im Industriequartier.» Er sei erstaunt gewesen über die grosse Menge an Leuten, die teilnahmen. «700 Menschen kamen zusammen, obwohl wir nur mit Flyern dafür geworben hatten.» Offensichtlich hatte man ein Bedürfnis getroffen. Einige der Foodstände sind mittlerweile wöchentlich im Bösch anzutreffen.

Patricia Diermeier und Peter Moos setzen sich dafür ein, dass die Industrie Bösch einen grossen Schritt in die Zukunft macht. (Bild: wia)

Was fehlt: Verpflegung, Begegnung und ein Laden

Moos sagt: «2018 führte ZugWest eine Umfrage durch. Es ging darum, zu eruieren, was sich die Mieter fürs Bösch wünschen würden. Was vielen neben Verpflegungsmöglichkeiten fehlt, ist ein Ort, wo man ein Feierabendbier trinken kann oder aber ein Laden, in dem Arbeitende auch mal ein Brot kaufen können.»

Die Ausgangslage für den Verein ist eine herausfordernde. Denn das Industriegebiet Bösch gehört 140 verschiedenen Eigentümern. «Ungefähr 50 von ihnen sind mittlerweile beim Verein dabei», sagt Moos. Der Wunsch nach einer Veränderung findet offensichtlich Anklang.

Die Ortsplanungsrevision als Katapult

Patricia Diermeier, die Geschäftsführerin der Kita ZugWest im Bösch ist, ergänzt: «Die anstehende Ortsplanungsrevision stellt für uns eine Chance dar.» Es wird nämlich neu festgelegt, wo, was und wie hoch künftig gebaut werden darf. Verdichtung ist dabei ein wichtiges Thema.

Plötzlich könnte es demnach möglich werden, die Gebäude im Bösch zwei Stockwerke höher zu bauen als bisher. Auch sind Hochhäuser nun denkbar. Eine Vision, die dem Verein besonders gefällt. «An drei Standorten könnten wir uns Hochhäuser vorstellen. Diese sollen dem Quartier ein Gesicht geben und als Orientierungspunkte dienen», sagt Diermeier.

Eine Visualisierung eines möglichen Hochhauses im Bösch. (Bild: zvg)

Gemäss Visualisierung kommen die Hochhäuser keck daher, eine auffällige rote Fassade wird gepaart mit riesigen Glasscheiben. Der Bau ist verschachtelt und erinnert an ein Lego-Konstrukt.

«Wie realistisch das ist, wissen wir noch nicht. Es kann sein, dass die Machbarkeitsstudie zum Schluss kommt, dass Hochhäuser in dieser Form nicht möglich sind», sagt Peter Moos. «Doch wollen wir die Freiheit ausnützen, die wir im Moment noch haben und solche Ideen diskutieren und weiterentwickeln», erklärt er, während wir der Hauptachse des Gebiets entlangschlendern.

«Diese ist während der Woche sehr stark befahren», erklärt Diermeier. «Unsere Vision wäre es, dass man den Verkehr quasi im Kreis herumführen könnte. Vieles der Infrastruktur ist schon vorhanden, nur wissen das die meisten nicht», sagt sie.

Rot eingezeichnet sind die Standorte der angedachten Hochhäuser. Braun die Ringstrasse, welche die Hauptachse entlasten soll. Hellblau zu sehen ist ein Spazierweg rund ums Gebiet. (Bild: zvg)

Ein Park für niemanden

Tatsächlich gibt es nördlich der Hauptachse bereits eine Parallelstrasse. Auch südlich davon wäre eine Strasse leicht zu realisieren. Mittlerweile stehen wir zwischen zwei Gebäuden der International School, welche sich im Südwesten der Industrie befindet, und blicken auf einen hübschen Park mit einer Blumenwiese und Bäumen. «Dass dieser Park existiert, dürften die wenigsten Arbeitenden hier wissen. Kaum jemand verirrt sich je hierher», sagt Moos. Der Verein ist überzeugt, dass kleinere Erholungsgebiete im Zentrum des Quartiers viel mehr Sinn machen würden.

Dass dieser Park existiert, dürften viele der Arbeitenden gar nicht wissen. (Bild: wia)

Mobility Hub und selbstfahrende Busse

Eine weitere Idee des Vereins ist ein Mobility Hub, also eine Parkierungsanlage im Zentrum des Gebiets, die mit einem Solardach versehen werden soll. «Damit könnte man einen grossen Teil des gebrauchten Stroms selber produzieren», sagt Moos. Auch könne man sich gut vorstellen, dass ein selbstfahrender Bus ab Bahnhof Rotkreuz sinnvoll eingesetzt werden könnte. «Bei den SBB stiessen wir damit auf offene Ohren», so der Vize-Präsident des Vereins.

Unser Spaziergang führt uns weiter in den Westen, wo es weniger Büros und mehr Industriebetriebe gibt. Gewerbe also, das tendenziell emissionsreich ist. Moos macht hier auf ein weiteres Problem aufmerksam, das der Verein angehen will: «Die Gewerbeflächen, die nicht vermietet sind, befinden sich häufig im Obergeschoss. Weil viele Firmen darauf angewiesen sind, dass sie direkt mit dem Last- und Lieferwagen anfahren können, suchen sie Gewerbeflächen im Erdgeschoss.»

Ein Problem, das sich mit Rampen lösen liesse, wie er findet. «So könnte die Verdichtung auch bei Industriegebäuden stattfinden und nicht nur bei Büros.» Weil die Rampen auf Pfeiler zu stehen kämen, bliebe die Strecke auch für den restlichen Verkehr nutzbar.

Auf solchen Rampen könnte das Obergeschoss direkt zugänglich gemacht werden.

Sämtliche 140 Eigentümer ins Boot zu holen, dürfte kompliziert werden. «Wünsche können immer geäussert werden, doch schlussendlich müssen die Eigentümer damit einverstanden sein und die Idee mittragen», sagt Diermeier. Moos ergänzt: «Und damit stellt sich wiederum die Frage, wie das Ganze finanziert wird. Müssen die Eigentümer, die höher bauen dürfen und damit einen Mehrwert erhalten, etwas davon abgeben? Oder können sie verpflichtet werden, die Umgebungsgestaltung für die Öffentlichkeit zu übernehmen?»

Noch ist Zeit für solche Fragen und Gedankenspiele. Auch wenn es nun gelte, vorwärts zu machen mit der Planung. Diermeier sagt: «Ende Jahr wollen wir unser Konzept bei der Gemeinde einreichen.»

Peter Moos und Patricia Diermeier auf einer der Nebenstrassen im Quartier. (Bild: wia)

So viel ist jedoch bereits jetzt klar: Die Gemeinde steht dem Verein Zukunft Bösch und seinen Visionen sehr positiv gegenüber. Gemeindepräsidentin Renate Huwyler (CVP) sagt auf Anfrage: «Ich bin beeindruckt, begeistert und sehr erfreut über die Gesamtvision, welche der Verein Zukunft Bösch entwickelt hat.» Es sei wichtig, dass man eine Gesamtvision vor Augen habe, um dann Schritt für Schritt daran zu arbeiten und sie zu verwirklichen.

Mit rund 600 Firmen und 3000 Arbeitsplätzen sei das Bösch das grösste Unternehmens- und Arbeitsplatzgebiet in Hünenberg, betont Huwyler. «Und wichtig ist dabei: Es hat noch einiges an Potenzial!»

Am Ende des Rundgangs stehen wir wieder auf dem Parkplatz der Firma Jego, von wo aus wir gestartet sind. Sollte die Vision des Vereins dereinst wie geplant umgesetzt werden, wird es hier in einigen Jahren ziemlich anders aussehen. Man darf gespannt sein.

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4 Kommentare
  1. mebinger, 21.07.2020, 13:12 Uhr

    Wachstumsdenken, wie in den schlimmsten Zeiten, für mich ist da nur dummer Grössenwahnsinn

  2. Markus Christen, 21.07.2020, 11:40 Uhr

    Was es nicht braucht ist ein Spazierweg um das Gelände herum. So schön ist es nun ja auch nicht, und in unmittelbarer Nähe hat es doch schon zahlreiche Wege und Wald.

  3. Andreas, 21.07.2020, 10:19 Uhr

    Nein danke. Ich wohne im Bösch und das letzte das ich brauche sind LKWs die vor meinem Fenster im zweiten Stock vorbeifahren.

  4. Daniela Übersax, 21.07.2020, 09:53 Uhr

    Ein architektonisches Highlight täte dem Quartier definitiv gut. Doch dass es keine Verpflegungsmöglichkeiten gibt, stimmt so nicht. Inzwischen hat sich doch ein Angebot mit mehreren Restaurants und Food Ständen entwickelt, das die wichtigsten Bedürfnisse abdeckt.

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