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Dolfi Müller: «Gerade weil ich mich davor fürchte, interessiert es mich»
  • Politik
«Rechtsstaat geht vor Volksentscheid»: Für Zugs SP-Stadtpräsident Dolfi Müller ist die Angelegenheit klar.

Zuger Stadtpräsident missioniert für Cryptofirmen Dolfi Müller: «Gerade weil ich mich davor fürchte, interessiert es mich»

7 min Lesezeit 29.12.2017, 12:25 Uhr

Wer Bitcoin hat, der braucht im Moment starke Nerven. Der Kurs der Cryptowährung macht Bocksprünge, Tiefs folgen auf Rekordhochs. Gleichzeitig macht sich Zug stark für die neuen Technologien, an vorderster Front steht der Stadtpräsident. Was ist Dolfi Müllers Motivation, sich zum Schluss seiner Amtszeit als Blockchain-Missionar aus dem Fenster zu lehnen?

Dolfi Müller ist derzeit ein gefragter Interviewpartner. Nicht nur von Schweizer Medien, auch von internationalen Zeitungen wird der Zuger Stadtpräsident regelmässig angegangen. Der Grund? Zugs Offenheit gegenüber Cryptofirmen und der Blockchain-Technologie. Doch gerade jetzt, da die bekannteste Cryptowährung Bitcoin auf Achterbahnkurs ist und bei Investoren an Boden verliert, fragt man sich umso mehr, was Müller als Missionar der umstrittenen Technologie antreibt.

zentralplus: Dolfi Müller, wie viele Bitcoin besitzen Sie?

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Müller: Keine.

zentralplus: Andere Währungen? Ether vielleicht?

Müller: Nein. Damals im Mai 2016, als die Stadt Zug sich für Blockchain-Technologien zu öffnen begann, bin ich nicht auf den Bitcoin-Zug aufgestiegen. Damals hatte niemand eine Ahnung, wie sich das Ganze entwickeln würde.

zentralplus: Bereuen Sie das rückblickend?

Müller: Nein. Solche Spekulationen interessieren mich nicht.

«Blockchain ist eine Schlüsseltechnik, die zwar nicht alles, aber vieles verbessern wird.»

Dolfi Müller, Zuger Stadtpräsident

zentralplus: Sie sind ja mittlerweile fast so etwas wie ein Botschafter in Sachen Cryptowährungen geworden. Sehen Sie sich selbst auch in dieser Rolle?

Müller: Nein. Wenn, dann bin ich ein Botschafter des Crypto-Valleys. Wie gesagt, ich bin kein Fan der Spekulation mit Cryptowährungen. Was mich fasziniert ist Blockchain und die Anwendungen, die damit ermöglicht werden. Dieses Crypto-Raumschiff ist in Zug gelandet, und der Zuger Stadtrat ist – nachdem wir zwei Jahre zugeschaut haben – darauf aufgesprungen. Und ausnahmslos alle Stadträte sind davon überzeugt, dass dies der richtige Entscheid war. Blockchain ist eine Schlüsseltechnik, die zwar nicht alles, aber vieles verbessern wird.

zentralplus: Mittlerweile werden Sie von Medien wie dem Economist und dem Spiegel kontaktiert und an Blockchain-Veranstaltungen nach Berlin eingeladen. Schaffen Sie sich hier mit Ihrem Image als Crypto-Ermöglicher gerade ein Denkmal?

Müller: (Er überlegt.) Die Helden in dieser neuen Technologie sind die Startups, die herkommen. Aber ich gebe zu, es ist wohl ungewöhnlich, dass eine Verwaltung sich derart einsetzt für Cryptotechnologien. Und je mehr wir uns damit befassen, desto spannender wird’s. Das ist ein Glücksfall für Zug. Und ausserdem ist das gerade eine meiner besten Zeiten in der Politik.

«Für die Geldgier der Leute kann die Stadt Zug nichts.»

zentralplus: Sie haben die Frage noch nicht beantwortet. Schaffen Sie sich hier als bald abtretender Stadtpräsident ein Denkmal?

Müller: Ich denke nicht. Ich – oder besser gesagt wir – haben die Chance gepackt und uns mit etwas ganz Neuem auseinandergesetzt. Und das Echo ist wohl so gross, weil diese neue Welt die Leute auch verunsichert und sogar abstösst. Man könnte sich auch im Schneckenhaus verkriechen. Wir haben jedoch beschlossen, den Stier bei den Hörnern zu packen.

zentralplus: Mit dem Risiko, dass der Stier viel stärker ist als gedacht und Sie auf dem Rücken landen.

Müller: Blockchain wird nicht scheitern. Bitcoin hingegen ist gefährdet, wenn Sie mich fragen. Denn die Cryptowährung hat zwei Schwächen. Erstens ist sie regelrecht explodiert. Dass der Kurs wieder abstürzt, ist voraussehbar oder zumindest wahrscheinlich. Zweitens ist die «Währung» sehr energieaufwändig. Es bleibt offen, ob Bitcoin dieses Problem rechtzeitig lösen kann. Wer zu spät in diese «Währung» investiert, schadet sich. Für die Geldgier der Leute kann die Stadt Zug nichts.

zentralplus: Nun kommen immer mehr Cryptofirmen nach Zug und es entstehen neue. Häufig sind das ausländische Fachleute, die in Zug etwas aufbauen. Was bringt das der Stadt Zug überhaupt?

Müller: Innovation. Und auch wenn ich noch keine konkreten Zahlen liefern kann: Es entstehen Dutzende von neuen Arbeitsplätzen. Das Lakeside Business Center, das sich sehr dafür einsetzt, dass Cryptofirmen herkommen, hat wöchentlich zahlreiche Anfragen.

zentralplus: Unter den Dutzenden werden aber zweifelslos auch schwarze Schafe sein.

Müller: Ja, aber was wollen die genau im ehemaligen Fischerstädtchen Zug? Ich bin durchaus der Meinung, dass es zum Beispiel Lizenzen braucht für die Firmen hier, und dass diese von der Finma kontrolliert werden sollen. Ausserdem bräuchte es selbstregulierende Organisationen, wie sie auch die Bankenwelt kennt. So könnte man die schwarzen Schafe fernhalten. Mit Gaunern will ich nichts zu tun haben.

zentralplus: Bis diese Regulierungen zustande kommen wird es noch eine Weile dauern. Und schwarze Schafe kommen durchaus nach Zug (zentralplus berichtete). Müsste da nicht die Stadt selber handeln?

Müller: Jeder Fortschritt hat auch Schattenseiten. Die Stadt Zug distanziert sich von den schwarzen Schafen, die zu uns kommen. Letztlich ist das ein Thema der Strafverfolgungsbehörden – und zwar weltweit. Das Netz ist weltumspannend und damit auch der Hype von Krypto-«Währungen». Schliesslich entscheiden wir uns für das Zukunftspotenzial und die Innovationskraft von Blockchain-Technologien, die Zug und uns alle weiterbringen.

«Blockchain ist ein sehr demokratisches Instrument.»

zentralplus: Was erhoffen Sie sich denn persönlich aus dem Crypto-Valley Zug?

Müller: Es wäre toll, wenn ein schöner Teil der wichtigen Crypto-Entwicklungen hier in Zug geboren würden. Ausserdem finde ich, die Schweiz bräuchte dringend eine Digital ID. Dass man quasi seinen Reise-Pass im Netz hat ohne den Code-Wirrwarr, der uns alle nervt. Darum haben wir diesen Herbst eine Blockchain-basierte Digital ID eingeführt (zentralplus berichtete). Ausserdem ist es das Ziel, dass wir in der Stadtverwaltung bis zu meinem Abtritt verschiedene praktische Anwendungsfelder für Blockchain entwickelt haben. Denn eine Digital ID ist nur dann attraktiv, wenn man sie praktisch nutzen kann.

zentralplus: Welcher konkrete Nutzen schwebt Ihnen vor?

Müller: So könnte man etwa mit der eigenen Digital ID völlig unkompliziert ein Velo ausleihen. Auch könnten Parkhauszugänge auf dieselbe Art geregelt werden. Oder auch Konsultativ-Abstimmungen könnten mittels Blockchain durchgeführt werden.

zentralplus: Diese Möglichkeiten existieren aber noch nicht. Ist Zug seiner Zeit noch voraus?

Müller: Das ist durchaus der Fall. Darum ist es so wichtig, dass wir diese Anwendungsfelder generieren. Bereits über hundert Zuger haben sich in den letzten Monaten eine Digital ID zugelegt. Jetzt muss sie noch genutzt werden können.

zentralplus: Die Blockchain wurde von einzelnen Individuen ins Leben gerufen, kommt also eigentlich von einzelnen Programmierern. Zudem arbeitet die Technologie im Prinzip völlig gegen die öffentliche Hand, da es wenig Kontrollen gibt und keine Zwischenstellen. Sie zeigen gegenüber dieser Technologie grosse Offenheit. Sehen Sie sich als Anarchist?

Müller: (lacht). Tatsächlich hat diese Technologie eine kindliche Komponente. Es ist schon faszinierend, dass bei Blockchain die Kontrollen und zentralen Datenbanken ausgeschaltet werden. Daher ist das Ganze schon etwas anarchistisch – und mir vielleicht deshalb nicht unsympathisch. Blockchain ist ein sehr demokratisches Instrument.

zentralplus: Mit dem aber unweigerlich Arbeitsplätze abgeschafft werden. Wie Sie sagen, bräuchte es mit Blockchain ja beispielsweise keine Banken mehr.

Müller: Ja, das ist wahr – zumindest in der Theorie. Blockchain könnte zu grösserer technologischer Arbeitslosigkeit führen. Falls das tatsächlich eintrifft, ist es meines Erachtens wichtig, entsprechende Massnahmen einzuführen.

zentralplus: Will heissen?

Müller: Dann wäre es Zeit für ein bedingungsloses Grundeinkommen. Leute, die dieser Entwicklung zum Opfer fallen, müsste man schützen.

«Für mich ist Blockchain halt eine Chance. Und nur, indem ich mehr darüber lerne, verliere ich die Angst davor.»

zentralplus: Wenn man sich in Crypto-Kreisen bewegt, gerät man erfahrungsgemäss in eine Art Euphorie. Blockchain-Experten sind Feuer und Flamme und völlig überzeugt vom Potenzial dieser Technologie. Das hat auch etwas Ansteckendes. Sie haben häufig mit solchen Experten zu tun. Besteht da nicht auch die Gefahr, dass Sie selbst etwas über-euphorisch werden?

Müller: Wir sind tatsächlich etwas «gekickt» von dieser Idee. Doch verstehe ich gleichzeitig jeden Normalbürger, der das nicht nachvollziehen kann. Für mich ist Blockchain halt eine Chance, und nur indem ich mehr darüber lerne, verliere ich die Angst davor. Denn Angst habe ich auch. Doch gerade weil ich mich davor fürchte, interessiert es mich. Ich bin kein Digital-Euphoriker. Doch ich bin überzeugt, wir müssen uns dem Thema stellen.

zentralplus: Wo wünschen Sie sich Zug bezüglich Blockchain in zehn Jahren?

Müller: Oh, es wäre spannend, Ende 2027 hier zu sitzen und zurückzublicken, was da alles passiert ist. Einige der Ansätze, die wir heute verfolgen, haben Zukunft, da bin ich überzeugt. Auch wenn sich andere Ideen, mit denen wir uns heute befassen, verflüchtigt haben werden. Dennoch wird es sich gelohnt haben, dass wir aufgesprungen sind auf den Zug.

zentralplus: Chiasso hat kürzlich kundgetan, ebenfalls auf Cryptofirmen setzen zu wollen. Eine Konkurrenz für Zug?

Müller: Nein. Die müssen das selber wissen. Man kann es der Gemeinde nicht verübeln, dass sie fasziniert ist vom Thema.

zentralplus: Ex-Bundesrat Moritz Leuenberger hat sich mit der NEAT quasi ein Denkmal geschaffen. Nach seiner Zeit als Bundesrat sass er beim Bauriesen Implenia im Verwaltungsrat. Wird man Sie in ein paar Jahren im Bitcoin Suisse-Verwaltungsrat finden?

Müller: (lacht) Nein, ich bin kein VR-Mandatsjäger. Wenn ich nicht mehr Stadtpräsident bin, werde ich reisen, Musik machen, lesen und meiner Frau im Haushalt helfen.

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