Dinge, die du über den Luzerner Wald nicht weisst
  • Regionales Leben
Die Biologin Lena Deflorin führt durch den Wald, der glücklicherweise am «Schärme» ist. (Bild: wia)

Regenprogramm zum Ferienstart Dinge, die du über den Luzerner Wald nicht weisst

5 min Lesezeit 1 Kommentar 12.07.2021, 13:59 Uhr

Im Wald ist es romantisch? Schon. Aber nicht nur. Der Schweizer Wald kämpft. Unter anderem: Mit dem Mensch, der die Natur nicht sich selber überlassen mag. Eine Ausstellung im Naturmuseum Luzern führt die Besucher vom Borkenkäfer über «jugendliche» 120-jährige Bäume bis hin zur Schaffung neuer Urwälder.

Just bevor der vom Luzerner Naturmuseum organisierte Waldspaziergang startet, beginnt es wie aus Eimern zu schütten. Ein ungemütlich nahes Donnergrollen ist zu vernehmen. Doch wir haben Glück. Der Spaziergang, für den sich knapp ein Dutzend Menschen getroffen hat, findet im Trockenen statt. Nämlich im Naturmuseum selber. Bei der Tour durchs Indoor-Gehölz geht’s jedoch weniger um Entspannung, sondern vielmehr darum, zu erfahren, wie der Mensch das Ökosystem Wald prägt.

Die Biologin und Museumsvermittlerin Lena Deflorin, die durch die Ausstellung führt, erklärt: «Nach der Eiszeit gab es in unseren Breitengraden vorwiegend Steppen. Erst vor 14’000 Jahren begann die Wiederbewaldung.» Was damals wuchs, weiss man heute genau: «Anhand von Bohrungen in Sedimenten von Seen konnten nicht nur Pollen von früher gefunden, sondern auch relativ genau datiert werden.

«Aus Buchenasche gewann man Waschlauge. Aus diesem Grund hiess der Waschtag früher auch ‹Buechi›.»

Lena Deflorin, Biologin

«Im 19. Jahrhundert war der Wald quasi unser Shoppingcenter. Man holte sich Rinden, um damit Leder zu gerben, nutzte das Holz zum Bauen oder zur Herstellung von Holzkohle», erzählt Deflorin. «Ebenso nutzte man das Baumharz, um etwa Borstenhaare von geschlachteten Schweinen besser lösen zu können. Aus Buchenasche gewann man ausserdem Waschlauge. Aus diesem Grund hiess der Waschtag früher auch ‹Buechi›.»

Shoppingcenter Wald? Das kann nicht gut kommen

Das Problem: Das «Shoppingcenter Wald» war irgendwann ausgeräumt, woraufhin 1876 ein erstes Forstgesetz in Kraft trat. Darin festgehalten war, dass der Schweizer Wald flächenmässig nicht mehr kleiner werden darf.

Nicht nur der Mensch, sondern auch weidende Tiere bedrohen den Wald. Deflorin zeigt zwei Fotografien aus dem Entlebuch. Auf der ersten, sie stammt von 1928, ist der Wald bis hoch in die Berge verschwunden. Daraufhin wurde ein Weidezaun angebracht, der heute noch besteht. Das zweite Bild von 2008 zeigt eine beeindruckende Veränderung. Oberhalb des Zauns hat sich der Wald erholt und wächst prächtig.

«Fast ein Drittel der Fläche der Schweiz ist bewaldet», erklärt die Biologin. Das ist nötig: «Die Hälfte der in der Schweiz vorkommenden Pflanzen- und Tierarten sind auf den Wald angewiesen.» Unberührt ist er praktisch nie. «Meist ist er sehr geprägt durch die menschliche Nutzung.» Urwälder, welche seit Langem nicht mehr oder kaum mehr bewirtschaftet werden, gibt es nur wenige.

Das soll sich ändern. «Der Bund fährt aktuell die Strategie, dass er zehn Prozent der Wälder zu Reservaten machen will. Die Hälfte davon soll dabei unberührt bleiben», so Deflorin.

Ein Wald im Museum. Nicht ganz so erholsam wie der echte, dafür lehrreich.

Ein Lebenszyklus, von dem viele profitieren

Dass das absolut Sinn macht, zeigt Deflorin anhand eines Beispiels. «Befindet sich ein Baum am Ende seines Lebenszyklus, sind Käfer die Ersten, die sich am Holz zu schaffen machen.» So legen Buchdrucker und andere Borkenkäfer ihre Eier ins marode Holz und die Larven schlagen sich mit dem morschen Holz ihre Bäuche voll.

Wo es Käfer hat, folgen die Vögel, so etwa der Buntspecht, der sich an den Käferlarven gütlich tut. Deflorin weiter: «Die Löcher, welche entstehen, werden von Pilzen besiedelt. Einige Sorten haben die Fähigkeit, das Holz in seine Einzelteile aufzuspalten und beispielsweise Zellulose oder Lignin abzubauen.»

«Bei uns gibt es fast nur jugendliche Bäume, sprich Bäume, die maximal 120 Jahre alt sind.»

Lena Deflorin, Biologin

Dies führe weiter dazu, dass das Holz weich werde. «Und in diesem weichen Holz können Spechthöhlen entstehen. Diese werden später von Hasel- oder auch Fledermäusen verwendet.» Fällt ein alter Stamm um, bietet er dem Hirschkäfer einen Lebensraum. Die Larven des Hirschkäfers fressen das Holz, verdauen es und scheiden es aus, woraus wiederum Humus entsteht, welcher den Boden nährt und neuen Pflanzen das Wachsen ermöglicht. «Weiter sind 120 Schneckenarten vom Totholz abhängig», sagt Deflorin.

Streicheln erlaubt. Aber bitte sachte.

Arme Fichten

Die Krux: «Bei uns gibt es fast nur jugendliche Bäume, sprich Bäume, die maximal 120 Jahre alt sind. Eigentlich könnten Eichen bis zu 1000 und Weisstannen bis zu 600 Jahre alt werden. Es fehlt damit eine grosse Zeitspanne, in dem Lebensraum für Tiere entstünde», sagt Deflorin. Auch sonst birgt dieser fehlende Lebenszyklus ein Problem. «So entsteht kaum mehr guter Boden.»

Wer den Schweizer Wald für die Zukunft fit machen will, der pflanzt einen Mischwald (zentralplus berichtete). «Wir haben hier viele Fichtenwälder. Nur handelt es sich dabei um eine Baumart, die hitzeanfällig ist und keine längeren Trockenperioden übersteht. Mischwälder sind insofern die Lösung, als dass immer genug Sämlinge jener Art vorhanden sind, die es, je nach vorherrschendem Klima, braucht.»

Ein letzter fun fact für auf den Weg: «Gerne wird unterschätzt, wie wichtig der Luzerner Wald für die Wirtschaft ist. Ganze 8000 Leute sind im Kanton abhängig vom Wald, insbesondere Bauschreinerinnen und Bauschreiner, Zimmerleute oder aber Försterinnen und Förster. Die Bruttowertschöpfung liegt mit 6,4 Prozent um über ein Prozent höher als jene des Tourismus», so die Biologin.

Als der «Waldspaziergang» vorbei ist, regnet es noch immer in Strömen. Immerhin, denkt man sich. Glück gehabt, liebe Fichte.

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1 Kommentare
  1. Kasimir Pfyffer, 12.07.2021, 22:24 Uhr

    Den vermeintlichen fun fact sollte man am Schwanenplatz mit 10 Meter grosser Schrift auf die Uhrenpaläste projezieren. Der Begriff der Nachhaltigkeit stammt aus der Forstwirtschaft, und das Gegenteil davon wird am Grendel gelebt.

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