Beat und Claudia Troxler auf ihrem Lebenshof Aurelio – hier mit Hahn Raffi.
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Beat und Claudia Troxler auf ihrem Lebenshof Aurelio – hier mit Hahn Raffi. (Bild: ida)

Künftig wird auf dem Lebenshof vegane Milch produziert Dieses Luzerner Bauernpaar hat genug – und steigt aus der Nutztierhaltung aus

7 min Lesezeit 13 Kommentare 22.08.2020, 12:00 Uhr

Einst war es auf dem Eichenmoos-Hof in Büron ein Kommen und Gehen: Schweine wurden gemästet, Kälber von ihren Müttern getrennt. Damit ist nun Schluss. Landwirt Beat Troxler und seine Frau Claudia formen ihren Bauern- zu einem Lebenshof um – und setzen künftig auf vegane Milch.

Hier haben nicht nur die Kühe ihren Namen: Hahn Raffi stolziert umher, die Henne Beauty humpelt einmal quer über den ganzen Hof. Einst von einem Velofahrer angefahren und am Strassenrand liegen gelassen, wurde sie auf dem Eichenmoos-Hof wieder aufgepäppelt.

Auf dem Bauernhof im luzernerischen Büron liegt der Duft von frisch gemähtem Gras in der Luft, als Claudia und Beat Troxler uns begrüssen und zum Hofrundgang laden.

Hinter ihnen im Stall sind 48 Kühe mit ihren Kälbern untergebracht, weiter unten hausen die Schweine Felix und Nala, um die Ecke treiben sieben Alpakas ihr Unwesen. Eines stampft ins Planschbecken, Wasser spritzt umher. Anscheinend finden hier regelmässig Alpaka-Poolypartys statt (siehe Video).

So sieht dann wohl ein gechilltes Alpaka aus. (Bild: ida)

Doch so friedlich und unbeschwert war es hier nicht immer. Einst wurden hier Mastschweine gemästet, alle drei Monate mit dem Lastwagen zum Schlachthof gekarrt. Kam ein Kalb auf die Welt, wurde es von seiner Mutter getrennt, dem Viehhändler verkauft. Die Mutter wurde gemolken. So, wie das auf einem ganz normalen Bauernhof eben so ist.

Den Tieren zuliebe – und aus finanziellen Gründen

Vor einigen Monaten hat sich das geändert, als sich Claudia und Beat Troxler entschieden, aus der Nutztierhaltung auszusteigen und fortan den Lebenshof Aurelio zu führen. Die Kühe werden nicht mehr besamt, die Kälber dürfen bei ihren Müttern bleiben. Wo sie auch die Milch trinken dürfen. Ziel ist es – wenn es die Platzverhältnisse zulassen – künftig auch andere Tiere, die vor dem Schlachthof gerettet werden, aufzunehmen. Auch setzt das Paar künftig auf die Produktion veganer Milch – nämlich Hafermilch.

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Doch wie kommt’s dazu? Schliesslich hat Beat Troxler sein Einkommen mit dem Fleisch und der Milch verdient – wie bereits seine Eltern. Vor sechs Jahren hat er den Hof übernommen, für ihn ist das alles ganz normal. Einerseits wolle er den Tieren zuliebe aus der Nutztierhaltung aussteigen. Andererseits sieht er mit der jetzigen Infrastruktur auf dem Betrieb in Zukunft eine zu geringe Wertschöpfung.

Schon länger sei er auf der Suche nach Alternativen gewesen. Wolle man heute mithalten, brauche es fast einen Roboter für alles – fürs Melken, Füttern und Misten. Alles grosse Investitionen. «Und dann braucht man 150, 200 Kühe im Stall, um auf dem Markt bestehen zu können.»

Die Poolparty unter Alpakas:

https://www.facebook.com/lebenshofaurelio/posts/121760486277417

Durch Eber Felix lernten sich die beiden kennen

Wir laufen weiter, vorbei an den beiden Haflinger-Pferden, eines blickt neugierig unter seinen hellen Strähnen durch. Beat Troxler klettert durch die beiden Stangen des Schweinestalls, Claudia greift zu den Leckerli und ruft Eber Felix und seine Freundin Nala nach draussen. Die Schweine haben hier auf dem Lebenshof Aurelio permanent Auslauf, der Hitze wegen bleiben sie an diesem heissen Tag im Stall, wo es viel kühler ist.

Zwei imposante, 300-kiloschwere Tiere trotteln nun raus. Glücklich sehen sie aus, wie sie schelmisch mit ihren kleinen Augen unter den Wimpern hervorblinzeln.

Eber Felix kann gar Sitz machen, blickt auffordernd seine Besitzer an. Im Wissen, dass er sich gerade wieder eine Belohnung verdient hat.

«Schnäderfrässig» ist wohl ein passender Ausdruck. (Bild: ida)

Mit Felix hat das Ganze auch seinen Lauf genommen. Denn durch ihn haben sich Claudia (35) und Beat (36) überhaupt erst kennengelernt.

Claudia erzählt, wie sie beim Fährtentraining mit ihrer Hundetrainerin jeden Sonntag ihr Auto beim Hof von Beat parkierte und dabei jeweils für einige Minuten am Gitter stand und die Schweine beobachtete. In eines der Tiere verliebte sie sich schliesslich. Sie taufte es Felix. Sie wusste, dass auch er einst geschlachtet würde und wollte ihn retten. Tiere habe sie schon immer gern gehabt. «Für mich gibt es keine Nutz- und keine Haustiere.» Für sie seien alle Tiere gleich wertvoll und individuell, würden Angst und Schmerz fühlen.

So kam es, dass Claudia einen Platz für Felix auf einem Gnadenhof suchte, Bauer Beat sagte, dass sie ihm den Eber abkaufen wolle. Dieser willigte ein – und besuchte Wochen danach mit Claudia Eber Felix an seinem neuen Ort beim Gnadenhof Hodel bei Ivo Zürcher in Aeugst am Albis. Claudia und Beat lernten sich besser kennen und wurden ein Paar. Eber Felix nahmen sie zurück auf ihren Hof. Hier soll er nun alt werden.

Wenn die Mutter nach der Trennung nach ihrem Kalb ruft

«Viele Bauern bauen zu ihren Kühen und Schweinen nicht dieselbe Beziehung auf wie beispielsweise zu ihrem Hund», sagt Beat bei einem Glas Mineral später, im Garten des Hauses. Man lasse die Tiere nicht gleich nah an sich ran. «Denn man weiss: Sie gehen wieder.» Und meint damit die Endstation Schlachthof.

Dass es auch anders sein könnte, brachte ihm Claudia bei. Etwa, als sie ein junges Rind namens Graziella frei auf dem Laufhof striegelte und streichelte. Graziella hätte sich den Pflegeeinheiten entziehen können. Doch sie blieb – und genoss es sichtlich.

Als Claudia auf den Hof gezogen ist, packte die gelernte Verkäuferin immer mehr mit an – und musste mitansehen, wie die Kälber und Schweine zur Schlachtbank gebracht wurden.

Das ist ihr eingefahren. Insbesondere derjenige Moment, den heute beide als Schlüsselmoment bezeichnen. Ein Kalb kam in der Nacht auf die Welt, trank bereits am Euter seiner Mutter Milch. «Als wir am Tag danach das Kalb von seiner Mutter trennen wollten, drehte diese völlig durch.» Sie schrie nach ihrem Kind. Stundenlang. Tagelang. Und auch dem Kalb ging die Trennung nahe. «Wir mussten es gar mit der Sonde zwangsernähren, weil es partout nicht mehr essen wollte», sagt Claudia.

Mitten in Corona fiel der definitive Entscheid

So hat sich auch Beat immer mehr damit auseinandergesetzt, ob es richtig sei, Tiere für den Nutzen des Menschen auszunutzen.

Schritt für Schritt krempeln die beiden nun ihren Hof um. Seit über einem Jahr lassen sie die Kälber bei ihren Müttern direkt am Euter trinken, statt sie wie üblich mit Nuckeleimer zu füttern. Sie merkten, dass die Kälber so auch viel gesunder waren als vorher.

Im Frühling entschied sich das Paar, endgültig aus der Nutztierhaltung auszusteigen. Bei der Umstellung werden sie unterstützt vom «Hof Narr» im Kanton Zürich, wo Sarah Heiligtag einen Hof für gerettete Nutztiere führt und andere Bauernhöfe bei der Umstellung unterstützt. Die Schweine wurden weggebracht, die Kühe dürfen ihre Kälber nun behalten. Die beiden haben einige Tiere bei sich aufgenommen. Etwa Lenny, das Kalb des Nachbarn, das einst auf seinen Fesselgelenken gelaufen ist.

Das Paar kaufte ihm Schienen, machte mit ihm Physiotherapie. Heute gehört Lenny zum Lebenshof, läuft und rennt normal auf der Weide umher.

Tiere sollen sich durch Patenschaften selber tragen

Doch die komplette Umstellung ist ein langer Prozess. «Beat ist immer noch dabei», sagt Claudia und lacht. Fleisch esse er beispielsweise noch. Selten zwar und viel bewusster. Zuhause ernähren sich die beiden praktisch vegan – Claudia ist seit 20 Jahren Vegetarierin, seit drei Jahren ernährt sie sich praktisch vegan.

Bis das Paar beginnen kann, Hafermilch zu produzieren und so ihr Einkommen sicherstellen wird, so lange werden die Kühe noch gemolken. «Sonst wären wir in drei Monaten finanziell ausgelaugt», sagt Beat.

Ziel ist es, dass sich die Tiere auf dem Lebenshof selbst tragen können – mit Patenschaften. Wer beispielsweise Pate einer Kuh werden möchte, muss für eine Vollpatenschaft 250 Franken aufwenden. Für ein Schwein 200 Franken, ein Alpaka 150, für ein Huhn 30 Franken. «Wir wollen aber nicht von Almosen abhängig sein», sagt Beat Troxler bestimmt auf die Frage, ob ein solcher Lebenshof denn finanziell überhaupt tragbar sei.

«Und wir wollen ja nicht einfach Kühe streicheln», lenkt auch Claudia ein. In ihrem Zukunftsprojekt – vegane Milch und allenfalls Ackerbau-Produkte wie Gemüse und Getreide – sehen sie die Zukunft.

«Isst der Mensch Feldfrüchte direkt vom Acker und nicht über den Umweg durch das Tier, ist die Effizienz pro Quadratmeter Land viel höher», sagt Beat.

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13 Kommentare
  1. Etienne. Marlise, 25.11.2020, 15:17 Uhr

    Super idee mochte auch mitmachen mit patenschaft

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  2. Hans-Jürg Däppen, 21.11.2020, 07:45 Uhr

    Super, absolut der richtige Weg. Leider werden solche Projekte in der Schweiz noch viel zu wenig und vor allem viel zu langsam umgesetzt ! Ich hoffe echt auf junge Leute mit Visionen und Durchhaltewillen – Ideen so wie die Troxler`s diese umsetzen! Werde in Kürze dort vorbeigehen und hoffen, dass wir als kleiner Vehaner KMU bald von dort vegane Produkte beziehen und diese unseren Kunden in der ganzen Schweiz anbieten können das wäre super!

    Ganz nebenbei, wir sind offen für Angebote & Nahrungsmittel jeglicher Art (vegan) und Region denn es kann doch nicht sein, dass wir alles von unseren Lieferanten aus dem Ausland beziehen müssen ;@)

    Aber nochmals, toll gemacht und bis bald
    Hansjörg & Team – New best choice fine food

    Ps. Auch wir sind Pioniere :@) – haben wir doch – während Corona im September – die 2. Basel vegan Messe durchgeführt. Volles Risiko und wir wurden mit 4`500 Besucher belohnt! Die nächste findet dann am 25./26. September 2021 statt auch mit vielen Tierschutzorganisationen & Lebenshöfen und hoffentlich dann ohne Corona!

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  3. Hans Hodel, 19.11.2020, 10:46 Uhr

    Es können nicht alle Bauern von anderen Leuten leben!

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  4. Schranzhofer, 18.11.2020, 22:10 Uhr

    Sagenhaft was Ihr da leistet. Es ist toll zu wissen, dass sich im Landwirtschaftsbereich etwas bewegt, was dem Tierwohl zugute kommt. Wir kaufen das Fleisch nur noch im VOLG, weil dieser Metzger nur Tiere aus solchen Haltungen schlachtet. Es kostet mehr, ist es uns aber immer auch wert. Wichtig scheint mir, dass der Bauernverband in Sachen Kostenverteilung vom Bund, nun auch vermehrt diese Ideologie fördert und unterstützt. Mit grosser Sicherheit, stehe ich mit dieser Meinung nicht alleine da. Vegan ist gut, aber nicht so gut, dass man nicht ohne Zusätze auf die Dauer leben könnte. Meine Lebensdevise lautet, von allem etwas, aber nie zu viel. Bin 75 Jahre Jung.

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  5. Sandra P, 24.08.2020, 16:08 Uhr

    So sieht die Zukunft aus! Wunderbar!

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  6. Romina, 24.08.2020, 14:28 Uhr

    Was für eine tolle Entscheidung! Vielen Dank für euren Mut. Ich hoffe, dass noch viele weitere Menschen eurem Weg folgen werden!

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  7. Sabrina, 24.08.2020, 14:14 Uhr

    Das ist gelebter Tierschutz – wirklich eine tolle Sache, danke für den Mut und viel Erfolg mit dem Lebenshof!

    Es gibt einfach keinen Grund, die tierquälerischen Systeme durch Fleisch-, Milch- und Eierkonsum aufrecht zu erhalten. Schön, dass Lebenshöfe immer populärer werden und den typischen «Bauernhof-Tieren» wie Kühen, Schweinen und Hühnern ein lebenswertes Leben und liebevolles Zuhause bieten. Sie sind ebenso empfindungsfähig wie wir Menschen – Lebenwesen, die genausoviel Liebe, Schutz und Wertschätzung verdient haben, wie wir es beispielsweise Hunden und Katzen schon lange zugestehen. Sie alle fühlen Angst, Schmerz und Leid, aber auch Freude und Zuneigung – sie alle haben ein Leben in Frieden verdient.

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  8. Conny A., 24.08.2020, 14:12 Uhr

    Das finde ich wunderbar, dass hier so ein Weg gegangen wird – so geht zeitgemäßes und ethisches Denken und Handeln. Ich freue mich sehr für die Tiere. 🙂

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  9. Andreas Peter, 24.08.2020, 10:26 Uhr

    Ziemlich naiv, aber dass das unsere infantilisierte Gesellschaft bejubelt, verwundert mich nicht wirklich. Es ist zum Verzweifeln.

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    1. Peter Andreas, 24.08.2020, 15:22 Uhr

      Achja, was für ein unfassbar harter Schlag für Staat und Gesellschaft, wenn Menschen sich dazu entschließen nicht mehr an der systematischen Ausbeutung von anderen Lebewesen teilzunehmen. Ich bin mir sicher, daran wird die Welt zu Grunde gehen und nicht am Klimawandel oder so, ne? Glaube, das Einzige, was hier infantil ist, ist dein Kommentar.

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  10. Simonia Roettcher, 23.08.2020, 22:14 Uhr

    Eine super Sache
    Toll das es euch gibt
    Viele liebe Grüße aus Baden-Württemberg

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  11. Margot Fellmann, 23.08.2020, 12:27 Uhr

    Bravo! Weiterhin viel Erfolg den Beiden. Bleibt zu hoffen, dass dieses Beispiel Schule macht! ❤️

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  12. Erwin Lussi, 22.08.2020, 18:10 Uhr

    B R A V O !!!!
    Braucht wohl Mut und Risikobereitschaft !

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