Diese Zuger Velowege sind besonders gefährlich
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Unmittelbar vor dem Zusammenstoss: Die Autofahrerin hat den Velofahrer bei der Ausfahrt vom Zuger Hafen übersehen, wie es zentralplus live beobachtet hat. Die Kollision geht Gott sei Dank glimpflich aus. (Bild: woz)

zentralplus erlebt Kollision mit Auto live mit Diese Zuger Velowege sind besonders gefährlich

5 min Lesezeit 19.09.2017, 11:26 Uhr

In Zug ist das Radwegnetz gut ausgebaut. Und doch gibt es einige Stellen, die man entschärfen oder verbessern müsste. Wie gefährlich Velowege nämlich sind, konnte zentralplus jüngst hautnah miterleben, als eine unaufmerksame Autofahrerin mit einem Velofahrer zusammenstiess.

Es ist kaum zu glauben. Der Journalist hat sich auf dem Radweg an der Chamerstrasse gegenüber der Schutzengelkapelle postiert – dort, wo es von der Strasse zum Zuger Hafenrestaurant und zum Jachthafen runtergeht. Er will ein Foto von der gefährlichen Verkehrssituation machen.

Wenn Autos vom Parkplatz am Hafen wegfahren, um in die Chamerstrasse einzubiegen, und gleichzeitig Radfahrer die Kreuzungsstelle auf dem Veloweg passieren, kann es gefährlich werden. Und das, obwohl Velofahrer an dieser Kreuzung gegenüber Autofahrern vom Hafen her Vorfahrt haben. Das ist ganz deutlich auf der Strasse so markiert. Zusätzlich ist der Veloweg mit roter Signalfarbe mitten auf der Kreuzung eingefärbt. Doch das reicht offensichtlich nicht.

Denn plötzlich kommt eine Autofahrerin vom Hafenparkplatz her und tastet sich mit ihrem Wagen in die Kreuzung auf die belebte Chamerstrasse vor. Dabei übersieht sie einen Velofahrer von rechts. Es macht klack! – und beide stossen auf der Kreuzung zusammen. Da die Autofahrerin nur im Schritttempo unterwegs ist, und der Velofahrer die Gefahr offensichtlich schon ahnte, passiert nichts Schlimmes. Nicht einmal das Velo ist durch den Aufprall verbeult.

Autofahrerin entschuldigt sich nicht mal richtig

Es hätte aber auch viel dramatischer ausgehen können. Besonders bedauerlich: Die Autofahrerin steigt nicht einmal aus, um sich bei dem Velofahrer zu entschuldigen. Genervt versucht sie stattdessen, den Radfahrer abzuwimmeln. Dann drückt sie aufs Gas. Und weg ist sie. Der Velofahrer ist ein bisschen geschockt. Gott sei Dank ist alles noch mal gutgegangen. Velofahrer leben gefährlich. Auch in Zug.

Das kann man anhand der Verkehrsstatistik 2016 der Zuger Polizei nachlesen. Dort ist ein tödlich verunfallter Radfahrer registriert, der auf einem Radweg ums Leben gekommen ist. In der gemeinsamen Unfallstatistik von Motorrad- und Velofahrern sind 81 Leichtverletzte und 17 Schwerverletzte aufgeführt. Und im Text zur Statistik heisst es: «Die Zahl der Verunfallten ist in etwa gleich geblieben.» Wobei die Zahl der Leichtverletzten um 11,5 Prozent zugenommen habe. 

«Es sind uns keine konkreten Radwege als gefährlich bekannt.»

Frank Kleiner, Zuger Polizei

«Weitere Zahlen zu Velounfällen sind uns über die Zahlen in der Verkehrsstatistik hinaus nicht bekannt», sagt Frank Kleiner, Sprecher der Zuger Polizei. «Es sind uns auch keine konkreten Radwege als gefährlich bekannt.»

Das verwundert kaum, denn die Zuger Polizei ist ja zumeist mit Streifenwagen unterwegs, seltener mit Velos. Auch ist nicht ganz zu verstehen, warum in der Unfallstatistik Motorrad- und Velounfälle zusammengezählt werden, während Fussgängerunfälle extra gezählt werden. Doch damit hält sich die Zuger Polizei einfach an statistische Vorgaben des Bundes.

Es gibt weitere «Hot Spots» im Kanton Zug, an denen Velofahrer gefährlich leben. Beispiel Zugerstrasse in Baar. Unmittelbar hinter dem Ortsschild läuft es so manchem Velofahrer kalt den Rücken runter, wenn er weiter Richtung Baar strampelt.

Der Nervenkitzel für Velofahrer an der Ortsgrenze zwischen Zug und Baar: Wenn die Autos von hinten angefahren kommen, weiss der Velofahrer nicht, ob er gesehen wurde.

Der Nervenkitzel für Velofahrer an der Ortsgrenze zwischen Zug und Baar: Wenn die Autos von hinten angefahren kommen, weiss der Velofahrer nicht, ob er gesehen wurde.

(Bild: woz)

Exakt an der Ortsgrenze zwischen Zug und Baar verengt sich nämlich die Strasse an der Verkehrsinsel. Andererseits beult sich der Veloweg just in Richtung Fahrbahnmitte aus. Das heisst: Der Velofahrer radelt auf dem Veloweg kurz auf vorbeifahrende Autos zu, die ihn von hinten her überholen.

Wilkl heissen: Der Velofahrer hört die Autos nur hinter und neben sich heranrauschen. Ohne Gewissheit, ob Cayenne & Co., die an dieser Stelle nicht immer gerade langsam unterwegs sind, ihn überhaupt gesehen haben.

Sicher ist sicher: Dieser Velofahrer fährt lieber gleich auf dem Fussgängerweg.

Sicher ist sicher: Dieser Velofahrer fährt lieber gleich auf dem Fussgängerweg.

(Bild: woz)

Wer sich die gefährliche Situation vor Ort anschaut, muss den Kopf schütteln. Vor allem im Berufsverkehr, wenn die Autos Stossstange an Stossstange Richtung Autobahn drängen. Man muss allerdings fairerweise einräumen: Auf diesem Veloweg sind nicht so viele Radfahrer unterwegs, weil es sicherere Alternativrouten zwischen Zug und Baar gibt.

Und die Velofahrer, die hier regelmässig unterwegs sind, haben sich schon selbst geholfen, indem sie einfach auf den breiten Fussgängerweg wechseln. Das ist allerdings auch nicht im Sinne des Erfinders. Vor allem, wenn dort gerade Fussgänger unterwegs sind.

Wo Velos kaum aneinander vorbeikommen

Es gibt aber auch Velowege in Zug, auf denen Radfahrer nicht von Autos gefährdet werden, sondern auf denen sie sich untereinander das Leben schwer machen. Gezwungenermassen.

Beispiel Schochenmühlestrasse zwischen Baar und Steinhausen. Auf dieser belebten Strasse gibt es nicht einmal einen Radweg, dafür einen Fussgängerweg. Den benutzen aber nur sehr wenige Fussgänger – weil der schöne Naturweg entlang der alten Lorze parallel zur Schochenmühlestrasse verläuft.

Auf dem Seeweg zwischen Cham und Zug wird es beim Alpenblick auf dem Holzbrückli schnell eng, wenn zwei Radler aneinander vorbeikommen sollen.

Auf dem Seeweg zwischen Cham und Zug wird es beim Alpenblick auf dem Holzbrückli schnell eng, wenn zwei Radler aneinander vorbeikommen sollen.

(Bild: woz)

Deshalb haben Velofahrer den Fussgängerweg als Trassee in Beschlag genommen. Da der Gehweg aber sehr schmal ist, kommen zwei Velofahrer nur mit grösster Konzentration aneinander vorbei. Bei Unachtsamkeit ist ein Zusammenstoss quasi vorprogrammiert.

Eine ähnliche Situation herrscht auf dem Seeweg zwischen Zug und Cham, dort wo der Fuss- und Veloweg beim Alpenblick den Ochsenbach überquert. Auf dem engen Holzbrücklein ist höchste Vorsicht geboten. Vor allem an Wochenenden, wenn zahlreiche Fussgänger und Velofahrer unterwegs sind und sich gegenseitig behindern und gefährden. Ganz zu schweigen davon, wenn sich die Wege ambitionierter E-Biker und Radrennfahrer auf dem Brücklein kreuzen.

 So könnte man Radwege entschärfen und sicherer machen

Victor Zoller ist Co-Präsident von Pro Velo Zug. Er kennt die Radwege im Kanton Zug wie seine Westentasche. Er hat folgende Vorschläge, um Radwege sicherer zu machen:

1. Platzverhältnisse anpassen

Laut Zoller müsste man die Geometrie der Strassenmarkierung dem tatsächlichen Verhalten der Verkehrsteilnehmer anpassen, sprich: so wie Velofahrer tatsächlich fahren. «Zudem sollte man die Breite der Radwege durchgehend auf 2,50 Meter ausdehnen, damit kreuzende Velos genügend Platz haben wie in der Schochenmühle und auf dem Chamer Fussweg». Zudem wäre es aus seiner Sicht empfehlenswert, den Velo- und Fussgängerverkehr auf gemeinsamen Verkehrsflächen mehr zu entflechten.

Victor Zoller, Co-Präsident von Pro Velo Zug, kennt die Zuger Velowege wie seine Westentasche.

Victor Zoller, Co-Präsident von Pro Velo Zug, kennt die Zuger Velowege wie seine Westentasche.

(Bild: woz)

 2. Sichtverhältnisse verbessern

«Autos sollten immer rückwärts parkieren auf Parkplätzen, die rechtwinklig an Radwege grenzen. Etwa im Brüggli, wo Autos beim Ausparkieren Radfahrer oft übersehen», schlägt Zoller vor. Enge Kurven auf Radwegen dürfe es nur an übersichtlichen Stellen geben.

3. Verkehrsausbildung intensivieren für mehr Sicherheit

Radfahrer sollten nach Meinung von Victor Zoller grundsätzlich nur in der Fahrbahnmitte im Kreisel fahren, damit sie besser von Autofahrern wahrgenommen werden. «Zudem sollten Velofahrer Vortritt auf Radstreifen und -wegen gegenüber Abbiegenden haben, welche diese kreuzen.» Siehe Hafenplatz.

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