Diese Zuger hätten einen eigenen Platz oder eine Promenade verdient
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Die Schriftstellerin Isabelle Kaiser 1899 an ihrem Schreibtisch. (Bild: zvg)

Ehrung statt städtebauliche Konzeptlosigkeit Diese Zuger hätten einen eigenen Platz oder eine Promenade verdient

7 min Lesezeit 28.10.2018, 05:02 Uhr

Greth Schell hat nicht mal gelebt und doch ist in Zug ein Brunnen nach ihr benannt. Andere haben Tausende von Menschenleben gerettet und werden vergessen. Wir wissen, wie man langweilige Strassennamen in Zug mit modernen Helden aufpeppen könnte.

«Uninspiriert», «öde» und «konzeptlos» seien die Strassennamen in der Stadt Zug, wetterte der grünliberale Politiker Daniel Stadlin in einem Meinungsbeitrag der «Zuger Presse». Die Weingasse etwa sei gar keine Gasse, sondern eine Rampe in eine Tiefgarage, die Bundesstrasse «eine kümmerliche Sackgasse», der Kirschtortenplatz nur «Schabernack».

Für Siedlungsplaner Stadlin ist die Namensgebung in der Stadt Zug ein Markenzeichen – und zwar für «städtebauliche Konzeptlosigkeit». Die bestehe schon «seit über hundert Jahren».

Ruhm für einen Wasserstandsmesser

Tatsächlich sind die Namen im Kanton Zug wenig glamourös – verglichen mit Österreich, wo Schulen bereits seit der Kaiserin Maria Theresia nach Namenspatronen benannt werden. Oder verglichen mit Deutschland, wo nicht nur Geistesgrössen wie Schiller oder Goethe ihre Plätze, Gymnasien oder Promenaden haben, sondern auch noch lebende Politiker Pate für einen Strassennamen oder Schulnamen stehen.

Wenn man näher hinsieht, finden sich durchaus auch im Kanton Zug Strassen, die nach einer Person benannt wurden: In Zug etwa die General-Guisan-Strasse nach dem Schweizer General während des Zweiten Weltkriegs. Oder der Franz-Rittmeyer-Weg, nach dem Begründer des Baarer Messtechnikunternehmens Rittmeyer AG.

Sagenhafte Gestalten aus dunkler Vorzeit

Dann gibt es einige legendenhafte Gestalten, nach denen Örtlichkeiten benannt wurden: Ritter Heinrich von Hünenberg, der Patron des Hünenberger Gemeindesaals entstammt der mythischen Gründungszeit der Eidgenossenschaft. Greth Schell, die in der Zuger Altstadt einen Brunnen hat, ist gar nur eine Fasnachtsfigur.

«Waldmanns Abschied», Ölgemälde aus dem 19. Jahrhundert.

«Waldmanns Abschied», Ölgemälde aus dem 19. Jahrhundert.

(Bild: Johann Caspar Bosshardt (1847))

Hans Waldmann, nach dem in Baar eine der grössten Hallen des Kantons benannt wurde, hat zwar tatsächlich gelebt. Aber er taugt als mittelalterlicher Söldnerführer und verhasster Zürcher Bürgermeister nur bedingt zum Vorbild – zumal ihm sein politisches Wirken den Kopf kostete. Er wurde 1489 drei Tage lang gefoltert und anschliessend enthauptet.

Adelheid Page hat es geschafft

Doch ist das wirklich alles, was Zug an Vorbildern zu bieten hat? Wo sind die Gestalten, deren Leben eine segensreiche Auswirkung hatte?

Denn die gibt es, wie ein Blick auf Adelheid Page (1853–1953) zeigt, die als Heidi Schwerzmann geboren und in Zug als Halbwaise aufgewachsen war. Nach ihrer Heirat mit dem amerikanischen Unternehmer George Page reich geworden, war sie wohltätig und gründete etwa die Klinik Adelheid in Unterägeri als Sanatorium für Lungenkranke. Ihr Wirken ist heute anerkannt und ihr wurde in Cham eine Strasse und in Unterägeri ein Brunnen gewidmet.

Ausschnitt eines Ölgemäldes von Adelheid Page, gefertigt von A.T. Hodgekiss 1887.

Ausschnitt eines Ölgemäldes von Adelheid Page, gefertigt von A.T. Hodgekiss 1887.

(Bild: Zuger Neujahrsblatt)

Wir hätten aber noch mindestens drei Kandidaten, die in Vergessenheit geraten sind, aber mindestens eine Strasse, wenn nicht gar eine Uferpromenade oder einen Platz verdient hätten.

1. Max Husmann (1988–1965)

Der Gründer des Instituts Montana auf dem Zugerberg hat viele Menschenleben gerettet. Weil er zusammen mit seinem Freund, dem Schweizer Nachrichtenoffizier Max Waibel, am Ende des Zweiten Weltkriegs eine vorzeitige Kapitulation der deutschen Truppen in Italien vermittelte. Die als Operation Sunrise bezeichneten Verhandlungen fanden zu Beginn des Jahres 1945 statt und führten dazu, dass deutsche Offiziere Ende April vor den Alliierten die Kapitulation unterzeichneten – die Waffen ruhten so in Italien eine Woche früher. Sinnloses Blutvergiessen wurde verhindert.

Major Max Waibel (links), Internatsleiter Max Husmann und der italienische Baron Luigi Parrilli beraten 1945 in Zürich über ein Kriegsende in Italien.

Major Max Waibel (links), Internatsleiter Max Husmann und der italienische Baron Luigi Parrilli beraten 1945 in Zürich über ein Kriegsende in Italien.

(Bild: zvg)

Husmanns Rolle als Vermittler zwischen Alliierten und Deutschen wurde erst 1981 bekannt. Liegt es daran, dass Husmann in Zug keine Ehrung zuteil wurde, oder daran, dass er zu wenig als Einheimischer gilt? Husmann, der jüdische Vorfahren hatte, wurde in der Ukraine geboren, starb in Rom und lebte dazwischen in Zürich und in Malters.

2. Isabelle Kaiser (1866–1925)

Es gibt einige Zuger Maler und Architekten – etwa Jonny Potthoff oder Fritz Stucky – bei denen noch nicht sicher ist, was von ihrem Erbe die Zukunft überdauern wird und ob sie dereinst wegen ihrer kunstgeschichtlichen Bedeutung eine eigene Strasse verdienen werden.

Mindestens zu Lebzeiten ein Star war die Schriftstellerin Isabelle Kaiser, die als Kind und junge Frau in Zug lebte. Sie war als Autorin ein Shootingstar und wurde vom Literaturnobelpreisträger Carl Spitteler angebetet (zentralplus berichtete).

Nach Spitteler wurde in Luzern ein Teil des Quais am Seeufer benannt. Da sollte Zug eigentlich nachziehen. Und wem die literarische Qualität Kaisers nicht genügt, könnte dereinst einfach für Thomas Hürlimann optieren.

Isabelle Kaiser zu den Füssen Carl Spittelers.

Isabelle Kaiser zu den Füssen Carl Spittelers.

(Bild: zvg)

Tatsächlich war die Umbenennung einzelner Teile des Zuger Quais nach bedeutenden Personen von der Zuger Stadtregierung schon mal angedacht worden, wie Beat Dittli, der Präsident der Nomenklaturkommission, gegenüber zentralplus sagt. Eigentlich sollte die Zuger Seepromenade ja bis zum Strandbad weitergeführt werden.

Etter und Hürlimann

«Andere Städte wie Zürich oder Sankt Gallen pflegen die Erinnerung an Personen stärker», sagt Dittli. Während an der Limmat Dutzende von Strassen und Plätzen nach Leuten benannt wurden, kann man sie in Zug an einer Hand abzählen.

«Hier sind wir damit äusserst zurückhaltend», so Dittli. Und weil das so ist, riet die Kommission der Stadtregierung auch von einer Umbenennung der Quais ab. «Dies würde einzelne Persönlichkeiten zu stark herausstellen», so Dittli.

Im Gespräch gewesen seien die Namen der Zuger Bundesräte Philipp Etter (1891–1977) und Hans Hürlimann (1918–1994) erinnert sich Dittli. Doch warum nicht einen anderen Zuger Politiker ehren?

3. Georg Joseph Sidler (1782–1861)

Der liberale Zuger galt als grösster Volksredner seiner Zeit. Er hielt sich in den Zeiten des Richtungsstreits vor der Gründung des Schweizer Bundesstaates eine Weile an der Spitze des Zuger Establishments. Er war Tagsatzungsgesandter, Gerichtspräsident, Landeshauptmann und Landammann, bevor er von den Konservativen verdrängt wurde. Er wanderte nach Zürich ab und wurde dort 1848 in den Nationalrat gewählt, dem er als erster Alterspräsident vorstand.

Sidlers Bedeutung als integrierende Figur wird seit 20 Jahren gelegentlich vom früheren grünalternativen Nationalrat und Historiker Josef Lang ins öffentliche Gedächtnis gerückt – gebracht hat’s bisher nichts.

Georg Joseph Sidler um 1848, gezeichnet von Johann Conrad Bollter.

Georg Joseph Sidler um 1848, gezeichnet von Johann Conrad Bollter.

(Bild: Grafische Sammlung der Zentralbibliothek Zürich)

 

Grosse Auswahl

Neben den dreien gäb’s noch weitere Kandidaten. Dem Zuger Staatsarchivar Ignaz Civelli fallen spontan der Dorfarzt und Kulturförderer Josef Hürlimann (1851–1911) ein, der in Unterägeri und Menzingen wirkte. Oder der Zuger Stadtbaumeister Jost Knopfli, der es bereits 1592 als Ingenieur schaffte, den Spiegel des Zugersees um zweieinhalb Meter abzusenken und der auch für die Gemeinde Cham ein Thema wäre.

Weiter aus dem 18. und 19. Jahrhundert der Zuger Arzt und Historiker Franz Carl Stadlin, der Zuger Schulreformer Franz Xaver Dominik Brandenberg oder Lina Stadlin-Graf. Die gebürtige Ostschweizerin war eine der ersten promovierten Juristinnen der Schweiz. Sie redigierte von 1902 bis 1920 unter dem Namen ihres Manns das freisinnige «Zuger Volksblatt» und schrieb dort aus Frauensicht.

Eine andere Frau, die mit Bildung zu tun hatte und sich für eine Ehrung anbieten würde, wäre Bernarda Heimgartner, die 1844 den franziskanischen Orden der Menzinger Schwestern gründete. Ihre Seligsprechung ist in Arbeit – in den 1990er Jahren stellte die katholische Kirche schon mal ihren «heroischen Tugendgrad» fest, den es dafür braucht.

Theiler und Kolin schleichen sich ein

Lokalkolorit hilft auf jeden Fall für eine Verewigung auf der Landkarte, denn Namensgebung ist Sache der Gemeinden. Öfter gehen indes Personennamen unbemerkt ins Namensgut eines Orts über, wie etwa beim Theilerplatz, der an einen der Begründer des Stromzähler-Unternehmens Landis & Gyr erinnert, oder beim Kolinplatz. Der hiess früher Lindenplatz, wurde aber wegen der Brunnenfigur nach dem historischen Zuger Geschlecht getauft. 

Generell habe die Skepsis gegenüber Namenswidmungen in den vergangenen Jahrzehnten noch zugenommen, sagt Beat Dittli. Ausserdem gäbe es kaum mehr Neubenennungen von Strassen. Und wenn, dann reichten Flurnamen oder geographische Bezeichnungen für die neuen Strassen aus.

Umbenennung in Porscheplatz

Man müsste also bestehende Orte umbenennen, wie dies vor vier Jahren in der Gemeinde Risch geschehen sollte, wo ein Porscheplatz im Entstehen begriffen war. Porsche Schweiz wollte nämlich die Blegistrasse in Rotkreuz, an der sie ansässig ist, entsprechend umtaufen, was vom Gemeinderat prompt bewilligt wurde.

Die Sache ist indes wieder vom Tisch, die Gemeinde hat einen Rückzieher gemacht. Ausschlaggebend war die Rolle, die Firmengründer Ferdinand Porsche, der mit der Benennung geehrt werden sollte, im Dritten Reich gespielt hatte.

Die kantonale Nomenklaturkommission, welche die Gemeinde in der Sache beriet, merkte an, dass Strassen, die nach Unternehmen benannt sind, etwa der Nestléweg in Cham, wo sich das Aktionärsregister des Weltkonzerns befindet, schon länger so hiessen – und in der Regel einen Bezug zu lokalen Firmen hätten.

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