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Diese Fragen stellen sich zum Krienser Imam
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Petrit Alimi, Präsident der Islamischen Gemeinde Luzern stellte sich den Fragen der Journalisten in der Dar Assalam Moschee. (Bild: uus)

Umstrittene Predigt Diese Fragen stellen sich zum Krienser Imam

5 min Lesezeit 16.10.2019, 14:51 Uhr

Die Krienser Moschee Dar Assalam sucht einen neuen Imam. Die Islamische Gemeinde Luzern distanziert sich deutlich von jeglicher Form von Gewalt. An der Medienkonferenz in der Dar Assalam Moschee in Kriens wurden einige Fragen geklärt – aber nicht alle.

Mit einem Artikel in der «Sonntagszeitung» hat der Journalist Kurt Pelda am 6. Oktober publik gemacht, dass während einer Predigt im August ein irakischer Imam in der Dar Assalam Moschee in Kriens möglicherweise zu Gewalt an Frauen aufgerufen hat.

Die kritische Stelle bezieht sich auf ein Koranzitat: Der Imam kommentierte den 34. Vers der vierten Koransure. Traditionell werden aus dem Vers eine Gehorsamspflicht der Frau gegenüber ihrem Ehemann abgeleitet – und das Recht des Mannes, sie im Falle der Aufsässigkeit zu züchtigen. Die islamisch-feministische Lesart bezweifelt, dass dies der ursprüngliche Sinn des Koranverses ist, und schlägt alternative Interpretationen vor. Die Predigt hielt der Imam auf arabisch.

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Was passierte danach?

Nach bekannt werden der umstrittenen Predigt folgte nicht nur eine Welle der Berichterstattung, sondern auch ein Polizeieinsatz: Der Imam wurde verhaftet und von der Staatsanwaltschaft einvernommen. Die Islamische Gemeinde Luzern (IGL) reagierte auf die gehäuften Medienanfragen mit einer Medienkonferenz in der Krienser Dar Assalam Moschee am Mittwoch. «Seitens der IGL und auch vom DAV distanzieren wir uns von jeglicher Art Gewalt – auch von Predigten mit Aufruf zu Verbrechen sowie Gewalttätigkeit», so Alimi, der dabei auf die laufenden Ermittlungen und die Unschuldsvermutung verwies. Ähnliches liess auch der Dar Assalam Verein ausrichten, der aber vor Ort nicht vertreten war. Der Imam ist inzwischen freigestellt, die Gemeinde sucht per Stelleninserat einen neuen Prediger.

Weshalb war niemand vom Dar Assalam Verein an der Medienkonferenz anwesend?

Die Medienkonferenz in der Dar Assalam Moschee wurde von der Dachorganisation der Luzern Muslime, der Islamischen Gemeinde Luzern (IGL) bestritten. Die offizielle Begründung, weshalb niemand vom DAV anwesend war, sind laut IGL Präsident Petrit Alimi Arbeitseinsätze des Vorstandes des Moscheevereins.

Alimi nutzte die Gelegenheit, um auf die strukturellen Probleme der muslimischen Vereine aufmerksam zu machen: Fehlende finanzielle und personelle Ressourcen, Sprachbarrieren, mangelnde Ausbildung von Imamen.

Wie erfuhr die IGL von den Vorkommnissen rund um die Predigt des irakischen Imams im August?

Laut Petrit Alimi waren weder er noch die weiteren anwesenden Vertreter des IGL an der besagten Predigt . Er habe durch die Medien erfahren, dass möglicherweise zu Gewalt an Frauen aufgerufen wurde. Aktuell ermittelt die Luzerner Staatsanwaltschaft. Den Ausführungen von Alimi kann entnommen werden, dass der Imam im Gespräch mit dem IGL-Vorstand und dem DAV-Vorstand den Vorwurf bestritt. Die weiteren Fakten müssten die Ermittlungen zu Tage fördern. Offenbar besteht keine Mitschrift oder Audioaufnahme von der Predigt, die auf arabisch gehalten wurde. «Ich hätte gerne gewusst, was er gesagt hat», sagt Alimi, der dabei auch auf die Herausforderung der Übersetzungen von arabisch und deutsch einging. Bei der IGL seien keine Meldungen zur Predigt eingegangen.

In welchem Verhältnis steht der Imam zum Dar Assalam Verein und zur IGL?

Der Prediger war offenbar vor seiner Freistellung in einem Teilzeitverhältnis beim DAV angestellt. Dort wusste man laut Aussagen von Petrit Alimi auch von dessen Vorgeschichte, den Ermittlungen 2015 im Umfeld einer IS-nahen Gruppe. Der Iraker wurde damals freigesprochen. Dem IGL-Präsidenten wurde diese Vorgeschichte laut eigenen Aussagen erst durch die Medienberichterstattung bekannt.

Wieso arbeitete der Imam in Kriens, wo man doch von seiner dubiosen Vergangenheit wusste?

Die einfache Antwort: Der Imam wurde damals von den Vorwüfen der Unterstützung einer kriminellen Organisation freigesprochen. Der ebenfalls an der Medienkonferenz anwesende Religionsforscher Andreas Tunger-Zanetti von der Universität Luzern wies weiter darauf hin, dass es für die Moscheevereine oft schwierig sei, überhaupt einen Imam zu finden. Während albanische und bosnische Muslime meist gut vernetzt seien und auch Kontakte zur Heimat pflegten, sei dies für arabische Vereine noch schwieriger. Es fehle zudem innerhalb des Vorstands oft an den nötigen Kompetenzen, ein profundes Auswahlverfahren durchführen zu können. Da sei Kriens kein Einzelfall.

Wo sehen die Vertreter der Luzerner Muslime Handlungsbedarf?

Petrit Alimi wünscht sich konkret eine Ausbildungsstätte für Imame und Weiterbildungen für das Personal. Die IGL leiste ausschliesslich Freiwilligenarbeit. Die Herausforderung bestehe in der Professionalisierung. Man möchte «einige Stellenprozente» bezahlen können, um die Mitgliederorganisation aufbauen zu können. «Es ist uns bewusst, dass wir aktiver kommunizieren müssten, um die Akzeptanz zu erhöhen.» Für die Vorstandsmitglieder sei dies aufgrund der Arbeitstätigkeit und Familie eine Herausforderung. «Wir stossen an unsere Grenzen mit der Freiwilligenarbeit», resümiert er. Die Vielfalt zu managen, welche die rund 20’000 Luzerner Muslime und Musliminen abbilden, sei eine zusätzliche Herausforderung. «Der innermuslimische Dialog braucht viel Fingerspitzengefühl und unsere gemeinsame Sprache ist Deutsch – die wiederum nicht von allen gleich gut gesprochen wird », sagt er. Den DAV wollte er aber nicht als «Sorgenkind» bezeichnen.

Löst der Fall intern etwas aus?

Folgt man den Ausführungen Alimis, kann davon ausgegangen werden, dass auch der Dar Assalam Verein Handlungsbedarf erkannt hat. Es gelte zwar immer noch die Unschuldsvermutung. Bis zur Klärung des Falls könne man sich aber eine Zusammenarbeit mit dem Imam nicht mehr vorstellen. Man hat sich auch Gedanken zur besseren Kontrolle gemacht: So schlägt die IGL vor, künftig alle Predigten aufzuzeichnen. «Der Dar Assalam Verein hat zugesagt, dass er diese Massnahme per sofort umsetzen wolle», so Alimi. Weiter ist angedacht, dass künftig – nicht nur in Kriens – jeder Predigt bis zu vier ausgebildete Aufsichtspersonen beiwohnen, die auf allfällige problematische Äusserungen reagieren können. Alimi: «Auch hier ist die Aus- und Weiterbildung entscheidend.»

Was wusste die Polizei?

Fakt ist, dass der Imam erst nach der Medienberichterstattung verhaftet und einvernommen wurde. Laut Aussagen des Krienser Stadtpräsidenten Cyril Wiget wusste die Polizei aber schon davor, dass es möglicherweise zu einem Gewaltaufruf in einer Predigt gekommen ist. Weshalb erst nach dem Artikel in der «Sonntagszeitung» reagiert wurde, da gibt es zurzeit keine Antworten. Die Polizei steht wohl schon länger mit dem Verein DAV in Kontakt. Sie greift dabei auf sogenannte Brückenbauer zurück, die zwischen den Behörden und den muslimischen Vereinen vermitteln.

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